Graz 5.5.4.

Lieber freund, Heute lese ich die ernennung von Kraus. Hoffentlich wird er Ihnen ein guter kollege, wenn Sie auch einen andern wollten, dem ich es auch zuerst, sachlich und persönlich, gewünscht hätte, Ihr kollege zu werden. Ich weiss an Schönbach zu schätzen, was ein angenehmer kollege ist. So gut werden Sie es nicht leicht bekommen. Für Ihren brief mit seinen wichtigen nachrichten dank ich sehr. Vor allem freu ich mich für Sie, dass Sie freiheit von allerlei sklavendienst – Sie selbst nannten wenigstens eine verpflichtung so – gewonnen haben. Glückauf fürs fernere! Besonders auch für die Amerikafahrt, die ganz ausserhalb meiner lebens-, ich könnte sagen begriffssphäre liegt. Sie alle stehen mehr in der welt als ich und tun gut daran. Ihr blick wird weiter, meiner enger. Um eines möchte ich eigens bitten: dass die wiedergewonnene freundschaft mit Minor nicht auf Ihr verhältnis zu mir drückt, das mir so lieb und wertvoll ist.
Ans Schillerheft will ich denken, ohne jetzt etwas zu haben. Hätte ich die unendliche Glockenlitteratur zur verfügung, so würd ich nachsehen, ob das was ich über die komposition mir zurechtgelegt habe neu sein sollte. Das kann ich aber nicht. Im voraus dank ich für die angekündigten bogen des doppelheftes. Ich werde es lesen, sobald dann ich luft habe. Allerdings: Wieland, kolleg, im seminar Novellistik von Tieck bis Ompteda, Goethekorrektur machen meine zeit knapp. U. nochmals hab ich Ihnen zu danken: für die nachsichtige art, wie Sie meinen juvenilen M. Müller im Kürschnerkatalog wiederholt genannt haben. Was wäre das erschliessen dieses schatzes vor 10 jahren noch für mich gewesen. Jetzt stehe ich den funden fast entfremdet gegenüber, ganz von Wieland hingenommen, wünsche aber doch, dass sie in deutsche hände kommen, die sie verständig edieren u. verarbeiten. Ihr notschrei macht mir allerdings wahrscheinlich, dass der verlust des ganzen für Deutschland so gut wie sicher ist. Leider!
Im hause geht es erheblich besser als voriges jahr um diese zeit. Freilich nur wenn sich meine frau ununterbrochen schont und auf tätigkeit verzichtet, die ihr lieb ist. Die augen sind sehr geschwächt geblieben u. die nerven fordern ruhe.
Wukadinović Kleist ist mir lieb u. erfreulich. Ein schönes u. sehr gutes buch. Dass Sie ihm einen verleger schafften, ist mir sehr vergnüglich zu vernehmen gewesen; so hat der scheue, dem Sie oder andere den blick nach Czernowitz richteten, doch stütze an Ihnen.
Die vorlesung ist stark besucht, die fakultät wuchs wieder an zahl.
Gutes semester wünscht Ihr
treulich ergebener
BSeuffert

Zahllos oft unterbrochen, daher auch der flecken, der wind rollte die feder aufs papier.

Graz 5.5.4.

Lieber freund, Heute lese ich die ernennung von Kraus. Hoffentlich wird er Ihnen ein guter kollege, wenn Sie auch einen andern wollten, dem ich es auch zuerst, sachlich und persönlich, gewünscht hätte, Ihr kollege zu werden. Ich weiss an Schönbach zu schätzen, was ein angenehmer kollege ist. So gut werden Sie es nicht leicht bekommen. Für Ihren brief mit seinen wichtigen nachrichten dank ich sehr. Vor allem freu ich mich für Sie, dass Sie freiheit von allerlei sklavendienst – Sie selbst nannten wenigstens eine verpflichtung so – gewonnen haben. Glückauf fürs fernere! Besonders auch für die Amerikafahrt, die ganz ausserhalb meiner lebens-, ich könnte sagen begriffssphäre liegt. Sie alle stehen mehr in der welt als ich und tun gut daran. Ihr blick wird weiter, meiner enger. Um eines möchte ich eigens bitten: dass die wiedergewonnene freundschaft mit Minor nicht auf Ihr verhältnis zu mir drückt, das mir so lieb und wertvoll ist.
Ans Schillerheft will ich denken, ohne jetzt etwas zu haben. Hätte ich die unendliche Glockenlitteratur zur verfügung, so würd ich nachsehen, ob das was ich über die komposition mir zurechtgelegt habe neu sein sollte. Das kann ich aber nicht. Im voraus dank ich für die angekündigten bogen des doppelheftes. Ich werde es lesen, sobald dann ich luft habe. Allerdings: Wieland, kolleg, im seminar Novellistik von Tieck bis Ompteda, Goethekorrektur machen meine zeit knapp. U. nochmals hab ich Ihnen zu danken: für die nachsichtige art, wie Sie meinen juvenilen M. Müller im Kürschnerkatalog wiederholt genannt haben. Was wäre das erschliessen dieses schatzes vor 10 jahren noch für mich gewesen. Jetzt stehe ich den funden fast entfremdet gegenüber, ganz von Wieland hingenommen, wünsche aber doch, dass sie in deutsche hände kommen, die sie verständig edieren u. verarbeiten. Ihr notschrei macht mir allerdings wahrscheinlich, dass der verlust des ganzen für Deutschland so gut wie sicher ist. Leider!
Im hause geht es erheblich besser als voriges jahr um diese zeit. Freilich nur wenn sich meine frau ununterbrochen schont und auf tätigkeit verzichtet, die ihr lieb ist. Die augen sind sehr geschwächt geblieben u. die nerven fordern ruhe.
Wukadinović Kleist ist mir lieb u. erfreulich. Ein schönes u. sehr gutes buch. Dass Sie ihm einen verleger schafften, ist mir sehr vergnüglich zu vernehmen gewesen; so hat der scheue, dem Sie oder andere den blick nach Czernowitz richteten, doch stütze an Ihnen.
Die vorlesung ist stark besucht, die fakultät wuchs wieder an zahl.
Gutes semester wünscht Ihr
treulich ergebener
BSeuffert

Zahllos oft unterbrochen, daher auch der flecken, der wind rollte die feder aufs papier.

Briefdaten

Schreibort: Graz
Empfangsort: Prag
Archiv: Staatsarchiv Würzburg
Zustand: archivarisch einwandfreier Zustand
Umfang: 4 Seite(n)

Status

Transkription mehrfach geprüft, Text teilweise getaggt

Zitiervorschlag

Brief ID-9108 [Druckausgabe Nr. 218]. In: Der Briefwechsel zwischen August Sauer und Bernhard Seuffert 1880 bis 1926. Digitale Edition. Hrsg. von Bernhard Fetz, Hans-Harald Müller, Marcel Illetschko, Mirko Nottscheid und Desiree Hebenstreit. Wien: Österreichische Nationalbibliothek, Version 2.0, 2.7.2020. URL: https://edition.onb.ac.at/sauer-seuffert/o:bss.9108/methods/sdef:TEI/get

Lizenzhinweis

Die Transkriptionen der Tagebücher sind unter CC BY-SA 4.0 verfügbar. Weitere Informationen entnehmen Sie den Lizenzangaben.

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