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T1949

T1950

Tagebuch:

vom ..... Montag, 19. Dezember 1949

bis ..... Mittwoch, 4. Jänner 1950

Montag, 19. Dezember 1949:

Die offiziellen Weihnachtsferien beginnen.


Später aufgestanden.

Mein Artikel ist überraschenderweise in der "Welt am Montag", mit einem treffenden Nachsatz von "Octavian" und Rückenstütze von Manfred Z.

Auch sonst die Zeitung interessant. Meine Idee vom 25.10. ist in Frankreich tatsächlich ausgeführt. Es scheint, als ob manche Gedanken in der Luft lägen und da wie dort aufgenommen würden.

Sehr angenehme Stimmung. Holz gemacht. Linzerstraße zweimal (Schlüssel vergessen), einen Christbaum gekauft von einem zungenfertigen Händler.

Ordnungen. Laufmappe zu behandeln versucht.

Nm. Tante Fini da, unterhaltsamer (besonders für sie) Nachmittag. ↘, ↗.

Abends noch im Bett geschrieben: Neue Übersicht über die partnerschaftlichen Fragen. Freilich ist die Tätigkeit wegen der Kürze nur von beschränktem Wert.


Dienstag, 20. Dezember:

Riesige Totogewinne standen in der Zeitung; eine Tatsache, über die wir wie verständlich sehr viel den Tag über sprachen.

Holz. Ordnungen.

Mauerspaziergang.

Reinschriften.

Nm. viel geplaudert. Ebert zu Ende gelernt. Weihnachtsbrief an Papa geschrieben.

Angenehme Radiosendungen.

Wechselnde produktive Stimmung. Lyrik eines ADLER-Schülers im Radio. ↗. Viel noch geplaudert


Mittwoch, 21. Dezember:

730 auf. Sehr gemütlich früh. Prachtvoller Sonnenaufgang.

T. Über fremde Literaturen gelesen.

Eine Fahrt voll traditioneller Stimmung in Zehner und Stadtbahn: in Tantes Büro. Frl. Huber war netter als das letzte Mal, wo ich sie das erste Mal gesehen.

Tante erzählt, mein WaM-Artikel habe Sensation im Büro gemacht. Sie sagt, ich dürfe nicht mehr diesen "elenden" Schal anhaben, ich müsse elegantere Sachen mit der Zeit bekommen, wo ich nun "in der Stadt bekannt" werde (!) So ist Tante .

Ich hatte Weihnachtssachen abzuholen. Morgen muß ich nochmals kommen.

RAVAG hat mir eine Karte gesandt.

Fini war da, schenkte uns eine Gans!

Ein Haneckerpackerl kam an.

Radio schöne Sendungen. Tagebuch

Alles in allem ein Tag voll Weihnachtsstimmung.


Donnerstag, 22. Dezember:

Früh gleich zwei Artikel zum Jugendproblem die Tasten herunter polemisiert. Ich halte es allerdings für unzweckmäßig, sie hier in die Debatte zu werfen. Ob das Gewerkschaftsblatt meine Stellungnahme von III. 48 endlich veröffentlicht hat oder veröffentlichen wird?

Arbeiten im Haus.

Tagebuch sehr viel nachgeholt.

Weihnachtserwartung.


Freitag, 23. Dezember:

Wieder später aufgestanden. Vm. kein Weg. Schönes Radio. Viel Tagebuch. Gali aus eigener Lust gelernt.

Büro wieder sehr angenehm. Karlsplatz. Nochmals geschleppt. Und Tante selbst wird morgen noch etwas bringen.

Fini war da.

Radio.  Tagebuch.

17h Konsum, auch dort sehr nett.

Das Wetter ist nicht zeitgerecht: Keine Minusgrade, kein Schnee. Dennoch eigentümlich. Die Kiefern rauschen in einem näßlichen Frost, dämmrig ist es schon so zeitig, der Mond so dünn.

Weihnachtsgedicht vergebens zu "machen" versucht.

Stimmung weihnachtlich.


Samstag, 24. Dezember, HEILIGER ABEND.

Blauer Himmel, 0°, aber schön.

SV.

Viele Überschreibungen, die PLauf-Mappe zum Teil liquidiert.

Weihnachtserwartung!

Tante kam um 15h. Sie kam festlich und bepackt.  Postweg.

Frl. Huber fand meine Augen so "ausdrucksvoll", wie sie noch nie, u.s.w., und ähnlich Schandhaftes tratschte mir Tante. Frl. Huber "könnte mich in einem fort anschauen".

Pfui, so etwas zu notieren.

Phil. Laufmappe - Ordnungen.

Zeitige Bescherung. Weihnachtsbaum schön aufgeputzt. Tante schenkte mir: Shakespeares Werke aus ihrem Bücherkasten,noch nagelneu! Lyrik der Weltliteratur und einen deutschen weniger bed. Lyrikband .

Briefpapier,

100.- S, die sie für mich im Sparverein gesammelt hatte

100.- S Anzahlung auf einen künftigen neuen Anzug, nachdem ich seit diesem Jahr keinen mehr habe.

Ferner die alle Familienmitglieder angehenden Fressalien, eine Unmenge voll (Tantes Weihnachtsgeld ist nun aber wirklich 'tschü! Sie tut es aber für sich wie für uns gern).

Auch Mama bekam 100.- S außertourlich.

Essen: Filet (Kabeljau) 2 Stunden später: Finis Gans.

Tante ging nach der Bescherung und unserem Dank. Finis halbe Gans machte ihr aber auch Freude, und wir können selbst mit der halben nicht fertigwerden. Trotz unserer theoretischen Not die bisher üppigsten Weihnachten.

Ich genoß die Lyrik der Weltliteratur.

Norbert, pardon: Kapellmeister und Direktorssohn, brachte naserümpfend ein blödes Buch über Statistik.


Sonntag, 25. Dezember, CHRISTFEST:

Blauer Himmel.

Zeitiger auf.

Kirche; Tagebuch weiter geführt, den Tag über die hinreißende Lyrik gelesen:

Die Franzosen bezaubern mit ihrem Talent fürs Unwägbare, Milieu, Schwüle,

die Engländer mit ihrem Sinn fürs Energische und wo es um Tieferes geht: Verhaltene,

die Amerikaner des Ländlichen mit ihrer Naturhaftigkeit,

die Russen mit ihrem befreiend revolutionären oder sonnigen Realismus.

Alles in mir drängt nach einer Synthese der Stärken und Schönheiten ohne Konzession an die Schwächen.

Im Einzelnen: Rossetti mit seiner Revoluzzer-Braut, Villon der Mörder, die Browning, Kiplings "Mandalay" (langgestreckte Verse und wiederkehrende klangvolle Reime, wie auch im Dschungelbuch und "Licht erlosch", vor allem dessen Mottos). Hingegen gefallen mir Poes Übersetzungen gar nicht, wenn ich sie den mir bekannten gegenüberstelle (Anstaltsbibliothek). Es handelt sich um "Rabe" und "Ulalume".

Tante und Onkel kamen. Schweinsbraten. 3 Flaschen Wein. Gar nicht beschwipst. So recht und schlecht unterhalten.

Dem Klassizismus der Nur-Form kann ich nichts abgewinnen, vor allem neben fluidischen Gedichten kann er nicht bestehen. Auch die reine Reflexion, soweit sie papieren ist, brauchte wegen meiner nicht zu bestehen.

Abends nochmals Schweinsbraten mit Literatur genossen.


Montag, 26. Dezember: STEPHANITAG.

Strahlend blauer Himmel, wie im Vorfrühling. Früh herrlicher Reif, -4°, tags wärmt sehr die Sonne.

Gegen Nachmittags kam Sturm auf, der Wolken mitführte und Wärme bringen soll.

Abends regnet es zart, der bekannte Lichtstreif am Horizont, ein Wind raunt aufrührerisch, als ob es schon Frühling wäre.

Früh ein Gedichtchen intermediären Stils strömen lassen.

Vorbereitung und Vollzug der heiligen Beichte und Kommunion. Spät Frühstück.  Überschreibg.

Sonst noch Tagebuch nachgeholt.

Schöne Radiosendungen.

Es war sehr gemütlich, wie die ganzen Weihnachten überhaupt. Ein schönes Fluidum liegt über allem.

Tagebuch vollständig nachgeholt.

Es ist das Parlament der Radiohörer eingeführt worden.

Ab. über die Schwierigkeiten der Übersetzung einige Worte notiert.

Es war ein sehr schönes Weihnachtsfest dieses Jahr!


Dienstag, 27. Dezember: DAS "TRÜBMONTÄGLEIN"

Sehr windig. Regnerisch.

Es ist wie ein Vorfrühlingstag, aufrührerisch.

"Welt am Montag" wieder sehr nett. Die Jugenddiskussion ist jetzt abgeschlossen.

Konsum. Auf die Linzerstraße Spaz. (M.). Sehr angenehmer Tag, wenn auch die Weihnachten aus sind. Bücherordnung. Frau Direktor Pawlicki besuchte uns, freundlich wie früher!!

Nm. umsonst Bibliothek. Viel zur "Logik der Diskussion" zusammen- und neugeschrieben. Tante Fini kam, lud uns wieder zu Silvester ein (wenn es auch dies Jahr fader sein wird).

Wir zündeten nochmals unseren Christbaum an. Lustig.

P-Einordnung

Ich habe die letzten Wochen über - was sage ich; immer und immer! - solch ein heftiges Verlangen nach dem einen Mädchen, die meine sein wird und - - -

Wozu das aufschreiben.


Mittwoch, 28. Dezember:

Herrlich blauer Himmel über einer sturmzerzausten klaren Landschaft. +5.5° früh. Frühling schon zu Silvester?

Später auf.

Totozeitung gelesen und frisch .

Spaziergang Steinhofer Mauer (M.). Ein Wetter!

Tagebuch. Honorar (10.-) für den Prolog Weihnachtsfest von NW. bekommen.

Nm. Lyrik gelesen. Wieder umsonst versucht, zur Bibliothek zu gehen. Friseur, Konsumweg. Ein reizhaftes Wetter!

Lyrik weitergelesen. WB kam. Eine Weihnachtsfeier war von der Klasse, nur er und wie ich nicht uninteressiert feststellen konnte auch ich sind von Niki nicht geladen worden.

Susi hat sich nicht gerührt bei ihm.  WB hat seine Braut wieder stehenlassen, es gibt für ihn nichts anderes als Susi. Würde man es ihm sagen, täte er einen erschlagen.

Daheim las ich Mama die trübselige Geschichte "Die Nacht Giorgiones" vor.

Eine Feststellung: Ich habe wohl die Fähigkeit, etwas liter. zu schaffen, die bestimmende Grundhaltung, Eindrücke, die mich anregen und die stilist. Nebenfertigkeiten vielleicht auch noch dazu, aber - der konkrete Inhalt, den ich gestalten soll fehlt offenbar. Seele ohne Gehirn.


Donnerstag, 29. Dezember:

Wegen der Klarheit der Nacht etwas kühler; wenn keine Eisblumen, so doch Dunst am Fenster niedergeschlagen. Strahlend schöner Morgen.

Früher auf.

Konsum. Tagebuch.

Wie die Skepsis, die mich in früheren Jahren gelegentlich heimsuchte, bis sie durch Frankls Buch endgültig in mir ausstarb, so hindert mich 1949 die "geistige Krise" nicht unerheblich, die auch im Mangel eines Einsatzes meiner Ideen mitbegründet liegt. Es sind durchwegs Fragen der Diskussionstechnik:

Logik d. Diskussion (Querfrage) Ausdrucksproblem (auch i. d. Kunst) u. Auswirkungen der Querung wie etwa die Frage d. Erotik, die vom ethischen Ende angepackt sonnenklar liegt, vom erot. Gesichtspunkt selbst aus furchtbar komplex ist. Ich muß viel mehr vom eth. Ende wieder anzupacken beginnen, das ist ein erheblich einfacherer und schonenderer Weg, und die Wahrheit ist ja vom Weg unabhängig.

Vm. zur Querfrage weitergearbeitet. Dann überhaupt die Phil.-Laufmappe liquidiert.

Nm. damit zu meiner Erleichterung fertiggeworden.

Ab. zwei Gedichte gegen den Krieg im speziellen und im besonderen aus mir stürmen lassen.


Freitag, 30. Dezember:

Vm. Linzerstraße (M.) "Julia"-Auszug gemacht.

Viel Lyrik gelesen. Indische Liebesgedichte heute noch aktuell. (zum Teil leider)

Bibl. wieder umsonst.

Ab. Konsum (Fleisch geholt). Unterwegs Rückseite Pav. 2 fiel mir ein Chemiegedicht ein, das ich daheim gleich ausführte.


Samstag, 31. Dezember, SILVESTER 1949:

Ziemlich zeitig auf. Samstagverrichtungen Gedicht.

Vm. Bernklau Bier. Das literar-kritische Gedicht vom 4.8. ausgeführt als "Liter. Brief an meinen Freund im Mond 1."

Nm. neue Sprüche für meinen Schreibtisch angefertigt.

Tante kam, brachte einige Fressalien und Wein noch mit.

Nach Tantes Abgang erschien "Tante" Fini. Überm Bunsenbrenner Blei gegossen. Ein

kam heraus, daneben viele.

Gemütlicher Abend. Gut gegessen, Rohscheiben, schönes Radio.

Christbaum ausbrennen lassen. Tagebuch. Noch eine Zeichnung angefertigt von unserm Zimmer.

Die Kabarettsendungen im Radio brachten nichts Besonderes. Auch meine Sachen nicht.

Es ist 15 Minuten vor 1950. Eine Jahrhunderthälfte ist bald - in wenigen Minuten - zu Ende. Ich wage es nicht zu sagen: Trete ich über diese Schwelle in die Welt - ?


"Das Volk erwacht aus seinem Schlaf".

Dezember 1949 in Wien
Dezember 1949 in der Weltgeschichte

Was brachte 1950 (das war ein Punsch-Druckfehler!)

Was brachte 1949?

Österreichs Wahlen. Abbau der Bewirtschaftung. Hebung des möglichen, Senkung des finanziellen Standards.

Toto.

Strauß Jahr, Goethe Jahr.

Uns persönlich: Ging es durch Tantes Hilfe besser. Wir sehen viel besser aus als früher, haben gut zu essen.

Mir: Verdienst 400.- S Wiener Messe. Geistige Krisen: Schatten der Chemie,

Jetzt war es 24 Uhr. Die alten Kalender entfernt, das Schweindl auf den Totoplatz beim Radio gelegt, den fern weilenden Papa vor allem lassen. 1. Jänner 1950 zum erstenmal hingeschrieben.

Ausdruckssuche, Anschaulichkeit, im Theater versagt, "Neue Positivität", Personalrealismus (~).

Mir äußerlich: bei Galinowsky durchgefallen, rein theoretisches 5. Semester.

Schriftstellerei: "N2O" bis Nr. 7; Problemschuster fertig, Amantia und Katy ruhen, Julia und Goldringels-Au neu.

"Neue Wege" bringen meine Arbeiten. Edm. Philipp, Kesselwart, polit. Gedichte; umfangreiche phil. Untersuchungen.

"Welt am Montag" kennt mich bereits als Verfechter der Idee in den Diskussionen. RAVAG - läuft noch.

Mädel hab' ich immer noch keins.

Alles ist im Werden. Ich habe den zweiten Schritt getan, es heißt nun, auch im zweiten neuen Gelände heimlich zu werden.

Ich schließe (um eine Viertelstunde verspätet) das

TAGEBUCH 1949.

AOk

1950
Sonntag, 1. Jänner 1950:

Temperatursturz auf -7°, (früh) Tags -3, -4°. Klar bis leicht bedeckt. Erster echter Wintertag.

Kirche.

Jahresordnungen.

Ich habe nichts nachzuholen mehr, Chemie kann beginnen.

Nur gesammelt innerlich. Radio gehört, noch etwas Lyrik gelesen, dann das Buch aufgegeben.

Tante kam nm.

Den Tag gemütlich und "unbeschrieben" zu Ende geführt.


GUTER JAHRESANFANG!
Montag, 2. Jänner:

Klirrender Frost. -9°. Eisblumen. Und doch, als ob der Winter nur eine Komödie wäre, die man sich ein paar Tage anschaut und nicht ernst nimmt.

Wir haben gestern im Toto nichts gewonnen.

Neue Diskussion in der "Welt am Montag" zu meinem Lieblingsthema der Jugendfrage: dem Schund und Schmutz-Problem.

Solche Diskussionsartikel, kleinere philosophische Arbeiten und Gedichte werde ich neben der Chemie gelegentlich noch weiter schreiben.

Konsum. Einige Produktionen der vergangenen Wochen habe ich an die "Neuen Wege" eingesandt. Den "Julia"- Auszug werde ich persönlich einreichen.

Tagebuch.


Spaziergang Waidhausenstr. (Mama Stoff).


Die "Neuen Wege" schrieben mir sehr freundlich. Die "3 Hüte" und den Thirring haben sie behalten, die "Ethik und ihr Nährgehalt" sandten sie begreiflicherweise zurück. Wie immer große Absichten. Ich stellte allerlei zusammen.

Nm. lernte ich Gali, 81/2 von den 48 Seiten. Sehr angenehm. Gespräche über Lyrik und ihr Verständnis. ↗.

Ab. über religiöse und naturwissenschaftliche Unvorstellbarkeiten geplaudert. Zus.Stellung über Häußlers Lieblings-Idee: Kunst und Moderne.


Dienstag, 3. Jänner:

Glatteis bzw. Tauwetter. ~Nullpunkt. Ein komödienhafter Märztag. Nachts Sturm.

Gleich früh Totoschein (nur 1 Einzahlung) abgegeben. Ich bin diesmal recht sicher.

Spaziergang (M.) bis ein Stück Wientalstraße. Sehr windig. Wienfluß schon schön märzig.

Ich kokettiere mit meinem Lustspiel (um die Filmstadt Goldringels-Au) die letzten Tage. Freilich muß man die Sache anders angehen als ich es tat: Man muß aus dem Leben schreiben, jede Konstruktion verdammen, intuitiv das fertige Gehirnkonzept aus dem Unbewußten, worin es sich gebildet haben soll, abschreiben. Aus dem Vollen schöpfen, nicht mit kargen Situationskomiken krampfhaft zur rechten Zeit zu kommen versuchen.

Tagebuch.


Nm. weitere 8 S. für die Zwischenprüfung gelernt.

Fini da. Gemütlich.

Weitergeführt die Zus.stellg. meiner frühesten Lyrik, was davon aufhebenswert od. aufschlußreich ist.

Im Radio Dichterlesung der Danneberg Erika u. einer anderen. Danneberg schreibt kristallklar, das ist das Schöne.

Über die Autorentagung palavert.


Mittwoch, 4. Jänner:

Früh die Illusion eines Schneegestöbers, eine halbe Stunde später Frühling. Äußerst wechselnde Bewölkung.

Später auf. Wir gingen auf die Linzerstraße um Grünzeug. Portier Brandstätter ist rührend um alles besorgt, Gesundheit und Lebensweisheit.

Tagebuch.

Mein Wunsch nach einem lieben Mädel ist unausdrückbar gewaltig. Er würde aber kraft dieser Gewalt jeder vermeintlichen |Lösung in Ersatzmitteln| eisern entgegentreten.

Die lyrische Zusammenstellung rasch zu einem Ende geführt.

Nm. weitere 8 Seiten gelernt.

Bibliothek: "Pippa", Franz Resl, .. geholt. Gelesen, abends traditionell die "Pippa" vorgelesen. Man versteht sie von Jahr zu Jahr besser, wenn es hier überhaupt etwas zu "verstehen" gibt.

Anschließend noch allein "Gabriel Schillings Flucht" gelesen.


T1949

T1950

Tagebuch:

vom ..... Montag, 19. Dezember 1949

bis ..... Mittwoch, 4. Jänner 1950

Montag, 19. Dezember 1949:

Die offiziellen Weihnachtsferien beginnen.


Später aufgestanden.

Mein Artikel ist überraschenderweise
in der "Welt am Montag", mit einem
treffenden Nachsatz von "Octavian" und
Rückenstütze von Manfred Z.

Auch sonst die Zeitung interessant.
Meine Idee vom 25.10. ist in
Frankreich tatsächlich ausgeführt.
Es scheint, als ob manche Gedanken
in der Luft lägen und da wie
dort aufgenommen würden.

Sehr angenehme Stimmung.
Holz gemacht. Linzerstraße
zweimal (Schlüssel vergessen),
einen Christbaum gekauft von
einem zungenfertigen Händler.

Ordnungen. Laufmappe zu behandeln versucht.

Nm. Tante Fini da, unterhaltsamer
(besonders für sie) Nachmittag. ↘, ↗.

Abends noch im Bett geschrieben:
Neue Übersicht über die partnerschaft-
lichen Fragen. Freilich ist die
Tätigkeit wegen der Kürze nur von
beschränktem Wert.


Dienstag, 20. Dezember:

Riesige Totogewinne standen in der
Zeitung; eine Tatsache, über die wir
wie verständlich sehr viel den Tag
über sprachen.

Holz.   Ordnungen.

Mauerspaziergang.

Reinschriften.

Nm. viel geplaudert. Ebert
zu Ende gelernt. Weihnachtsbrief
an Papa geschrieben.

Angenehme Radiosendungen.

Wechselnde produktive Stimmung.
Lyrik eines ADLER-Schülers im
Radio. ↗.   Viel noch geplaudert


Mittwoch, 21. Dezember:

730 auf. Sehr gemütlich früh.
Prachtvoller Sonnenaufgang.

T:. Über fremde Literaturen
gelesen.

Eine Fahrt voll traditioneller
Stimmung in Zehner und Stadtbahn:
in Tantes Büro. Frl. Huber war
netter als das letzte Mal, wo ich sie
das erste Mal gesehen.

Tante erzählt, mein WaM-Artikel
habe Sensation im Büro gemacht.
Sie sagt, ich dürfe nicht mehr
diesen "elenden" Schal anhaben,
ich müsse elegantere Sachen
mit der Zeit bekommen, wo ich
nun "in der Stadt bekannt"
werde (!) So ist Tante .

Ich hatte Weihnachtssachen abzuholen.
Morgen muß ich nochmals kommen.

RAVAG hat mir eine Karte
gesandt.

Fini war da, schenkte uns eine
Gans!

Ein Haneckerpackerl kam an.

Radio schöne Sendungen. Tagebuch

Alles in allem ein Tag voll
Weihnachtsstimmung.


Donnerstag, 22. Dezember:

Früh gleich zwei Artikel zum
Jugendproblem die Tasten herunter
polemisiert. Ich halte es allerdings
für unzweckmäßig, sie hier in die
Debatte zu werfen. Ob das
Gewerkschaftsblatt meine
Stellungnahme von III. 48 endlich
veröffentlicht hat oder veröffentlichen
wird?

Arbeiten im Haus.

Tagebuch sehr viel nachgeholt.

Weihnachtserwartung.


Freitag, 23. Dezember:

Wieder später aufgestanden.
Vm. kein Weg. Schönes Radio.
Viel Tagebuch. Gali aus eigener Lust
gelernt.

Büro wieder sehr angenehm.
Karlsplatz. Nochmals geschleppt.
Und Tante selbst wird morgen
noch etwas bringen.

Fini war da.

Radio.    Tagebuch.

17h Konsum, auch dort sehr
nett.

Das Wetter ist nicht zeitgerecht:
Keine Minusgrade, kein Schnee.
Dennoch eigentümlich. Die Kiefern
rauschen in einem näßlichen
Frost, dämmrig ist es schon so
zeitig, der Mond so dünn.

Weihnachtsgedicht vergebens zu
"machen" versucht.

Stimmung weihnachtlich.


Samstag, 24. Dezember,
HEILIGER ABEND.

Blauer Himmel, 0°, aber schön.

SV.

Viele Überschreibungen, die PLauf-Mappe
zum Teil liquidiert.

Weihnachtserwartung!

Tante kam um 15h. Sie kam festlich
und bepackt.    Postweg.

Frl. Huber fand meine Augen so
"ausdrucksvoll", wie sie noch nie, u.s.w.,
und ähnlich Schandhaftes tratschte
mir Tante. Frl. Huber "könnte mich in
einem fort anschauen".

Pfui, so etwas zu notieren.

Phil. Laufmappe - Ordnungen.

Zeitige Bescherung. Weihnachtsbaum
schön aufgeputzt. Tante schenkte mir:
Shakespeares Werke aus ihrem Bücherkasten,noch nagelneu!
Lyrik der Weltliteratur und einen
deutschen weniger bed.
Lyrikband .

Briefpapier,

100.- S, die sie für mich im Sparverein
gesammelt hatte

100.- S Anzahlung auf einen künftigen
neuen Anzug, nachdem ich
seit diesem Jahr keinen mehr habe.

Ferner die alle Familienmitglieder
angehenden Fressalien, eine Unmenge
voll (Tantes Weihnachtsgeld ist nun
aber wirklich 'tschü! Sie tut es
aber für sich wie für uns gern).

Auch Mama bekam 100.- S außertourlich.

Essen: Filet (Kabeljau)
2 Stunden später: Finis Gans.

Tante ging nach der Bescherung und
unserem Dank. Finis halbe Gans
machte ihr aber auch Freude, und
wir können selbst mit der halben
nicht fertigwerden. Trotz unserer
theoretischen Not die bisher üppigsten
Weihnachten.

Ich genoß die Lyrik der Welt-
literatur
.

Norbert, pardon: Kapellmeister und
Direktorssohn, brachte naserümpfend
ein blödes Buch über Statistik.


Sonntag, 25. Dezember, CHRISTFEST:

Blauer Himmel.

Zeitiger auf.

Kirche; Tagebuch weiter geführt,
den Tag über die hinreißende Lyrik
gelesen:

Die Franzosen bezaubern mit ihrem
Talent fürs Unwägbare, Milieu, Schwüle,

die Engländer mit ihrem Sinn
fürs Energische und wo es um Tieferes
geht: Verhaltene,

die Amerikaner des Ländlichen
mit ihrer Naturhaftigkeit,

die Russen mit ihrem befreiend
revolutionären oder sonnigen Realismus.

Alles in mir drängt nach einer
Synthese der Stärken und Schönheiten
ohne Konzession an die Schwächen.

Im Einzelnen: Rossetti mit seiner
Revoluzzer-Braut, Villon der Mörder,
die Browning, Kiplings "Mandalay"
(langgestreckte Verse und wiederkehrende klangvolle Reime, wie auch im
Dschungelbuch und "Licht erlosch",
vor allem dessen Mottos). Hingegen
gefallen mir Poes Übersetzungen
gar nicht, wenn ich sie den mir
bekannten gegenüberstelle (Anstalts-
bibliothek
). Es handelt sich um
"Rabe" und "Ulalume".

Tante und Onkel kamen.
Schweinsbraten. 3 Flaschen Wein.
Gar nicht beschwipst. So recht
und schlecht unterhalten.

Dem Klassizismus der Nur-Form
kann ich nichts abgewinnen, vor allem
neben fluidischen Gedichten kann er
nicht bestehen. Auch die reine Reflexion,
soweit sie papieren ist, brauchte
wegen meiner nicht zu bestehen.

Abends nochmals Schweinsbraten
mit Literatur genossen.


Montag, 26. Dezember: STEPHANITAG.

Strahlend blauer Himmel, wie im
Vorfrühling. Früh herrlicher Reif,
-4°, tags wärmt sehr die Sonne.

Gegen Nachmittags kam Sturm auf,
der Wolken mitführte und Wärme
bringen soll.

Abends regnet es zart, der bekannte
Lichtstreif am Horizont, ein Wind raunt
aufrührerisch, als ob es schon Frühling
wäre.

Früh ein Gedichtchen intermediären
Stils strömen lassen.

Vorbereitung und Vollzug der
heiligen Beichte und Kommunion.
Spät Frühstück.    Überschreibg.

Sonst noch Tagebuch nachgeholt.

Schöne Radiosendungen.

Es war sehr gemütlich, wie
die ganzen Weihnachten überhaupt.
Ein schönes Fluidum liegt über allem.

Tagebuch vollständig nachgeholt.

Es ist das Parlament der Radiohörer
eingeführt worden.

Ab. über die Schwierigkeiten der
Übersetzung einige Worte notiert.

Es war ein sehr schönes
Weihnachtsfest dieses Jahr!


Dienstag, 27. Dezember: DAS "TRÜBMONTÄGLEIN"

Sehr windig. Regnerisch.

Es ist wie ein Vorfrühlingstag,
aufrührerisch.

"Welt am Montag" wieder sehr nett.
Die Jugenddiskussion ist jetzt abgeschlossen.

Konsum. Auf die Linzerstraße
Spaz. (M.). Sehr angenehmer Tag,
wenn auch die Weihnachten aus sind.
Bücherordnung. Frau Direktor
Pawlicki besuchte uns, freundlich
wie früher!!

Nm. umsonst Bibliothek.
Viel zur "Logik der Diskussion"
zusammen- und neugeschrieben.
Tante Fini kam, lud uns wieder
zu Silvester ein (wenn es auch
dies Jahr fader sein wird).

Wir zündeten nochmals unseren
Christbaum an. Lustig.

P-Einordnung

Ich habe die letzten Wochen über
- was sage ich; immer und immer! -
solch ein heftiges Verlangen nach
dem einen Mädchen, die meine
sein wird und - - -

Wozu das aufschreiben.


Mittwoch, 28. Dezember:

Herrlich blauer Himmel über einer
sturmzerzausten klaren Landschaft.
+5.5° früh. Frühling schon zu
Silvester?

Später auf.

Totozeitung gelesen und frisch .

Spaziergang Steinhofer Mauer (M.).
Ein Wetter!

Tagebuch.    Honorar (10.-) für den
Prolog Weihnachtsfest von NW. bekommen.

Nm. Lyrik gelesen. Wieder
umsonst versucht, zur Bibliothek
zu gehen.     Friseur, Konsumweg.
Ein reizhaftes Wetter!

Lyrik weitergelesen.
WB kam. Eine Weihnachtsfeier war
von der Klasse, nur er und wie ich nicht uninteressiert feststellen
konnte auch ich sind von Niki
nicht geladen worden.

Susi hat sich nicht gerührt
bei ihm.    WB hat seine
Braut wieder stehenlassen, es
gibt für ihn nichts anderes als
Susi. Würde man es ihm sagen,
täte er einen erschlagen.

Daheim las ich Mama die
trübselige Geschichte "Die Nacht
Giorgiones
" vor.

Eine Feststellung: Ich habe wohl
die Fähigkeit, etwas liter. zu schaffen,
die bestimmende Grundhaltung,
Eindrücke, die mich anregen und die
stilist. Nebenfertigkeiten vielleicht
auch noch dazu, aber - der
konkrete Inhalt, den ich gestalten
soll fehlt offenbar. Seele ohne Gehirn.


Donnerstag, 29. Dezember:

Wegen der Klarheit der Nacht etwas
kühler; wenn keine Eisblumen, so doch
Dunst am Fenster niedergeschlagen.
Strahlend schöner Morgen.

Früher auf.

Konsum. Tagebuch.

Wie die Skepsis, die mich in früheren
Jahren gelegentlich heimsuchte, bis sie
durch Frankls Buch endgültig in mir
ausstarb, so hindert mich 1949
die "geistige Krise" nicht unerheblich,
die auch im Mangel eines Einsatzes
meiner Ideen mitbegründet liegt.
Es sind durchwegs Fragen der Diskussions-
technik:

Logik d. Diskussion (Querfrage) Ausdrucksproblem (auch i. d. Kunst) u. Auswirkungen der Querung
wie etwa die Frage d. Erotik, die vom ethischen Ende angepackt
sonnenklar liegt, vom erot.
Gesichtspunkt selbst aus furchtbar
komplex ist. Ich muß viel
mehr vom eth. Ende wieder
anzupacken beginnen, das ist
ein erheblich einfacherer und
schonenderer Weg, und die
Wahrheit ist ja vom Weg
unabhängig.

Vm. zur Querfrage weitergearbeitet.
Dann überhaupt die Phil.-Laufmappe
liquidiert.

Nm. damit zu meiner Erleichterung
fertiggeworden.

Ab. zwei Gedichte gegen den Krieg
im speziellen und im besonderen
aus mir stürmen lassen.


Freitag, 30. Dezember:

Vm. Linzerstraße (M.)  "Julia"-Auszug gemacht.

Viel Lyrik gelesen. Indische
Liebesgedichte heute noch aktuell.
(zum Teil leider)

Bibl. wieder umsonst.

Ab. Konsum (Fleisch geholt).
Unterwegs Rückseite Pav. 2 fiel
mir ein Chemiegedicht ein,
das ich daheim gleich ausführte.


Samstag, 31. Dezember,
SILVESTER 1949:

Ziemlich zeitig auf. Samstagverrichtungen
Gedicht.

Vm. Bernklau Bier. Das literar-
kritische Gedicht vom 4.8. ausgeführt
als "Liter. Brief an meinen Freund
im Mond 1.
"

Nm. neue Sprüche für meinen
Schreibtisch angefertigt.

Tante kam, brachte einige Fressalien
und Wein noch mit.

Nach Tantes Abgang erschien "Tante" Fini.
Überm Bunsenbrenner Blei gegossen.
Ein

kam heraus, daneben
viele.

Gemütlicher Abend. Gut gegessen,
Rohscheiben, schönes Radio.

Christbaum ausbrennen lassen.
Tagebuch. Noch eine Zeichnung angefertigt
von unserm Zimmer.

Die Kabarettsendungen im Radio
brachten nichts Besonderes. Auch meine
Sachen nicht.

Es ist 15 Minuten vor 1950.
Eine Jahrhunderthälfte ist bald -
in wenigen Minuten - zu Ende.
Ich wage es nicht zu sagen: Trete ich
über diese Schwelle in die Welt - ?


"Das Volk erwacht aus seinem Schlaf".

Dezember 1949
in Wien
Dezember 1949
in der
Weltgeschichte

Was brachte 1950 (das war ein
Punsch-Druckfehler!)

Was brachte 1949?

Österreichs Wahlen. Abbau der Bewirtschaftung.
Hebung des möglichen, Senkung des
finanziellen Standards.

Toto.

Strauß Jahr, Goethe Jahr.

Uns persönlich: Ging es durch Tantes Hilfe
besser. Wir sehen viel besser aus als
früher, haben gut zu essen.

Mir: Verdienst 400.- S Wiener Messe.
Geistige Krisen: Schatten der Chemie,

Jetzt war es 24 Uhr.
Die alten Kalender entfernt, das Schweindl
auf den Totoplatz beim Radio gelegt,
den fern weilenden Papa vor allem
lassen. 1. Jänner 1950
zum erstenmal hingeschrieben.

Ausdruckssuche, Anschaulichkeit, im Theater versagt, "Neue Positivität",
Personalrealismus (~).

Mir äußerlich: bei Galinowsky durchgefallen,
rein theoretisches 65. Semester.

Schriftstellerei: "N2O" bis Nr. 7;
Problemschuster fertig, Amantia und Katy
ruhen, Julia und Goldringels-Au neu.

"Neue Wege" bringen meine Arbeiten.
Edm. Philipp, Kesselwart, polit. Gedichte;
umfangreiche phil. Untersuchungen.

"Welt am Montag" kennt mich bereits
als Verfechter der Idee in den
Diskussionen. RAVAG - läuft noch.

Mädel hab' ich immer noch keins.

Alles ist im Werden. Ich habe den
zweiten Schritt getan, es heißt nun,
auch im zweiten neuen Gelände heimlich zu werden.

Ich schließe (um eine Viertelstunde
verspätet) das

TAGEBUCH 1949.

AOk

1950
Sonntag, 1. Jänner 1950:

Temperatursturz auf -7°, (früh)
Tags -3, -4°. Klar bis leicht bedeckt.
Erster echter Wintertag.

Kirche.

Jahresordnungen.

Ich habe nichts nachzuholen mehr,
Chemie kann beginnen.

Nur gesammelt innerlich.
Radio gehört, noch etwas Lyrik gelesen,
dann das Buch aufgegeben.

Tante kam nm.

Den Tag gemütlich und "unbeschrieben"
zu Ende geführt.


GUTER JAHRESANFANG!
Montag, 2. Jänner:

Klirrender Frost. -9°. Eisblumen.
Und doch, als ob der Winter nur eine
Komödie wäre, die man sich ein paar
Tage anschaut und nicht ernst nimmt.

Wir haben gestern im Toto nichts
gewonnen.

Neue Diskussion in der "Welt am
Montag
" zu meinem Lieblingsthema
der Jugendfrage: dem Schund und
Schmutz-Problem.

Solche Diskussionsartikel, kleinere
philosophische Arbeiten und Gedichte
werde ich neben der Chemie gelegentlich
noch weiter schreiben.

Konsum. Einige Produktionen der
vergangenen Wochen habe ich an die "Neuen Wege" eingesandt. Den "Julia"-
Auszug werde ich persönlich einreichen.

Tagebuch.


Spaziergang Waidhausenstr. (Mama Stoff).


Die "Neuen Wege" schrieben mir sehr
freundlich. Die "3 Hüte" und den
Thirring haben sie behalten, die
"Ethik und ihr Nährgehalt" sandten
sie begreiflicherweise zurück.
Wie immer große Absichten.
Ich stellte allerlei zusammen.

Nm. lernte ich Gali, 81/2 von den
48 Seiten. Sehr angenehm.
Gespräche über Lyrik und ihr Verständnis. ↗.

Ab. über religiöse und natur-
wissenschaftliche Unvorstellbarkeiten
geplaudert. Zus.Stellung über
Häußlers Lieblings-Idee: Kunst und
Moderne.


Dienstag, 3. Jänner:

Glatteis bzw. Tauwetter. ~Nullpunkt.
Ein komödienhafter Märztag. Nachts Sturm.

Gleich früh Totoschein (nur 1
Einzahlung) abgegeben. Ich bin
diesmal recht sicher.

Spaziergang (M.) bis ein Stück
Wientalstraße. Sehr windig.
Wienfluß schon schön märzig.

Ich kokettiere mit meinem
Lustspiel (um die Filmstadt
Goldringels-Au
) die letzten Tage.
Freilich muß man die Sache
anders angehen als ich es tat:
Man muß aus dem Leben
schreiben, jede Konstruktion
verdammen, intuitiv das
fertige Gehirnkonzept aus dem Unbewußten, worin es sich
gebildet haben soll, abschreiben.
Aus dem Vollen schöpfen, nicht
mit kargen Situationskomiken
krampfhaft zur rechten Zeit zu
kommen versuchen.

Tagebuch.


Nm. weitere 8 S. für die
Zwischenprüfung gelernt.

Fini da. Gemütlich.

Weitergeführt die Zus.stellg. meiner
frühesten Lyrik, was davon
aufhebenswert od. aufschlußreich ist.

Im Radio Dichterlesung
der Danneberg Erika u. einer
anderen. Danneberg schreibt
kristallklar, das ist das Schöne.

Über die Autorentagung palavert.


Mittwoch, 4. Jänner:

Früh die Illusion eines Schneegestöbers,
eine halbe Stunde später Frühling.
Äußerst wechselnde Bewölkung.

Später auf. Wir gingen auf die
Linzerstraße um Grünzeug.
Portier Brandstätter ist rührend
um alles besorgt, Gesundheit und
Lebensweisheit.

Tagebuch.

Mein Wunsch nach einem
lieben Mädel ist unausdrückbar
gewaltig. Er würde aber
kraft dieser Gewalt jeder vermeintlichen
|Lösung in Ersatzmitteln| eisern
entgegentreten.

Die lyrische Zusammenstellung rasch
zu einem Ende geführt.

Nm. weitere 8 Seiten gelernt.

Bibliothek: "Pippa", Franz Resl, ..
geholt. Gelesen, abends traditionell
die "Pippa" vorgelesen. Man versteht
sie von Jahr zu Jahr besser, wenn
es hier überhaupt etwas zu
"verstehen" gibt.

Anschließend noch allein
"Gabriel Schillings Flucht" gelesen.


Laden...

T1949

T1950

Tagebuch:

vom ..... Montag, 19. Dezember 1949

bis ..... Mittwoch, 4. Jänner 1950

Montag, 19. Dezember 1949:

Die offiziellen Weihnachtsferien beginnen.


Später aufgestanden.

Mein Artikel ist überraschenderweise in der "Welt am Montag", mit einem treffenden Nachsatz von "Octavian" und Rückenstütze von Manfred Z.

Auch sonst die Zeitung interessant. Meine Idee vom 25.10. ist in Frankreich tatsächlich ausgeführt. Es scheint, als ob manche Gedanken in der Luft lägen und da wie dort aufgenommen würden.

Sehr angenehme Stimmung. Holz gemacht. Linzerstraße zweimal (Schlüssel vergessen), einen Christbaum gekauft von einem zungenfertigen Händler.

Ordnungen. Laufmappe zu behandeln versucht.

Nm. Tante Fini da, unterhaltsamer (besonders für sie) Nachmittag. ↘, ↗.

Abends noch im Bett geschrieben: Neue Übersicht über die partnerschaftlichen Fragen. Freilich ist die Tätigkeit wegen der Kürze nur von beschränktem Wert.


Dienstag, 20. Dezember:

Riesige Totogewinne standen in der Zeitung; eine Tatsache, über die wir wie verständlich sehr viel den Tag über sprachen.

Holz. Ordnungen.

Mauerspaziergang.

Reinschriften.

Nm. viel geplaudert. Ebert zu Ende gelernt. Weihnachtsbrief an Papa geschrieben.

Angenehme Radiosendungen.

Wechselnde produktive Stimmung. Lyrik eines ADLER-Schülers im Radio. ↗. Viel noch geplaudert


Mittwoch, 21. Dezember:

730 auf. Sehr gemütlich früh. Prachtvoller Sonnenaufgang.

T. Über fremde Literaturen gelesen.

Eine Fahrt voll traditioneller Stimmung in Zehner und Stadtbahn: in Tantes Büro. Frl. Huber war netter als das letzte Mal, wo ich sie das erste Mal gesehen.

Tante erzählt, mein WaM-Artikel habe Sensation im Büro gemacht. Sie sagt, ich dürfe nicht mehr diesen "elenden" Schal anhaben, ich müsse elegantere Sachen mit der Zeit bekommen, wo ich nun "in der Stadt bekannt" werde (!) So ist Tante .

Ich hatte Weihnachtssachen abzuholen. Morgen muß ich nochmals kommen.

RAVAG hat mir eine Karte gesandt.

Fini war da, schenkte uns eine Gans!

Ein Haneckerpackerl kam an.

Radio schöne Sendungen. Tagebuch

Alles in allem ein Tag voll Weihnachtsstimmung.


Donnerstag, 22. Dezember:

Früh gleich zwei Artikel zum Jugendproblem die Tasten herunter polemisiert. Ich halte es allerdings für unzweckmäßig, sie hier in die Debatte zu werfen. Ob das Gewerkschaftsblatt meine Stellungnahme von III. 48 endlich veröffentlicht hat oder veröffentlichen wird?

Arbeiten im Haus.

Tagebuch sehr viel nachgeholt.

Weihnachtserwartung.


Freitag, 23. Dezember:

Wieder später aufgestanden. Vm. kein Weg. Schönes Radio. Viel Tagebuch. Gali aus eigener Lust gelernt.

Büro wieder sehr angenehm. Karlsplatz. Nochmals geschleppt. Und Tante selbst wird morgen noch etwas bringen.

Fini war da.

Radio.  Tagebuch.

17h Konsum, auch dort sehr nett.

Das Wetter ist nicht zeitgerecht: Keine Minusgrade, kein Schnee. Dennoch eigentümlich. Die Kiefern rauschen in einem näßlichen Frost, dämmrig ist es schon so zeitig, der Mond so dünn.

Weihnachtsgedicht vergebens zu "machen" versucht.

Stimmung weihnachtlich.


Samstag, 24. Dezember, HEILIGER ABEND.

Blauer Himmel, 0°, aber schön.

SV.

Viele Überschreibungen, die PLauf-Mappe zum Teil liquidiert.

Weihnachtserwartung!

Tante kam um 15h. Sie kam festlich und bepackt.  Postweg.

Frl. Huber fand meine Augen so "ausdrucksvoll", wie sie noch nie, u.s.w., und ähnlich Schandhaftes tratschte mir Tante. Frl. Huber "könnte mich in einem fort anschauen".

Pfui, so etwas zu notieren.

Phil. Laufmappe - Ordnungen.

Zeitige Bescherung. Weihnachtsbaum schön aufgeputzt. Tante schenkte mir: Shakespeares Werke aus ihrem Bücherkasten,noch nagelneu! Lyrik der Weltliteratur und einen deutschen weniger bed. Lyrikband .

Briefpapier,

100.- S, die sie für mich im Sparverein gesammelt hatte

100.- S Anzahlung auf einen künftigen neuen Anzug, nachdem ich seit diesem Jahr keinen mehr habe.

Ferner die alle Familienmitglieder angehenden Fressalien, eine Unmenge voll (Tantes Weihnachtsgeld ist nun aber wirklich 'tschü! Sie tut es aber für sich wie für uns gern).

Auch Mama bekam 100.- S außertourlich.

Essen: Filet (Kabeljau) 2 Stunden später: Finis Gans.

Tante ging nach der Bescherung und unserem Dank. Finis halbe Gans machte ihr aber auch Freude, und wir können selbst mit der halben nicht fertigwerden. Trotz unserer theoretischen Not die bisher üppigsten Weihnachten.

Ich genoß die Lyrik der Weltliteratur.

Norbert, pardon: Kapellmeister und Direktorssohn, brachte naserümpfend ein blödes Buch über Statistik.


Sonntag, 25. Dezember, CHRISTFEST:

Blauer Himmel.

Zeitiger auf.

Kirche; Tagebuch weiter geführt, den Tag über die hinreißende Lyrik gelesen:

Die Franzosen bezaubern mit ihrem Talent fürs Unwägbare, Milieu, Schwüle,

die Engländer mit ihrem Sinn fürs Energische und wo es um Tieferes geht: Verhaltene,

die Amerikaner des Ländlichen mit ihrer Naturhaftigkeit,

die Russen mit ihrem befreiend revolutionären oder sonnigen Realismus.

Alles in mir drängt nach einer Synthese der Stärken und Schönheiten ohne Konzession an die Schwächen.

Im Einzelnen: Rossetti mit seiner Revoluzzer-Braut, Villon der Mörder, die Browning, Kiplings "Mandalay" (langgestreckte Verse und wiederkehrende klangvolle Reime, wie auch im Dschungelbuch und "Licht erlosch", vor allem dessen Mottos). Hingegen gefallen mir Poes Übersetzungen gar nicht, wenn ich sie den mir bekannten gegenüberstelle (Anstaltsbibliothek). Es handelt sich um "Rabe" und "Ulalume".

Tante und Onkel kamen. Schweinsbraten. 3 Flaschen Wein. Gar nicht beschwipst. So recht und schlecht unterhalten.

Dem Klassizismus der Nur-Form kann ich nichts abgewinnen, vor allem neben fluidischen Gedichten kann er nicht bestehen. Auch die reine Reflexion, soweit sie papieren ist, brauchte wegen meiner nicht zu bestehen.

Abends nochmals Schweinsbraten mit Literatur genossen.


Montag, 26. Dezember: STEPHANITAG.

Strahlend blauer Himmel, wie im Vorfrühling. Früh herrlicher Reif, -4°, tags wärmt sehr die Sonne.

Gegen Nachmittags kam Sturm auf, der Wolken mitführte und Wärme bringen soll.

Abends regnet es zart, der bekannte Lichtstreif am Horizont, ein Wind raunt aufrührerisch, als ob es schon Frühling wäre.

Früh ein Gedichtchen intermediären Stils strömen lassen.

Vorbereitung und Vollzug der heiligen Beichte und Kommunion. Spät Frühstück.  Überschreibg.

Sonst noch Tagebuch nachgeholt.

Schöne Radiosendungen.

Es war sehr gemütlich, wie die ganzen Weihnachten überhaupt. Ein schönes Fluidum liegt über allem.

Tagebuch vollständig nachgeholt.

Es ist das Parlament der Radiohörer eingeführt worden.

Ab. über die Schwierigkeiten der Übersetzung einige Worte notiert.

Es war ein sehr schönes Weihnachtsfest dieses Jahr!


Dienstag, 27. Dezember: DAS "TRÜBMONTÄGLEIN"

Sehr windig. Regnerisch.

Es ist wie ein Vorfrühlingstag, aufrührerisch.

"Welt am Montag" wieder sehr nett. Die Jugenddiskussion ist jetzt abgeschlossen.

Konsum. Auf die Linzerstraße Spaz. (M.). Sehr angenehmer Tag, wenn auch die Weihnachten aus sind. Bücherordnung. Frau Direktor Pawlicki besuchte uns, freundlich wie früher!!

Nm. umsonst Bibliothek. Viel zur "Logik der Diskussion" zusammen- und neugeschrieben. Tante Fini kam, lud uns wieder zu Silvester ein (wenn es auch dies Jahr fader sein wird).

Wir zündeten nochmals unseren Christbaum an. Lustig.

P-Einordnung

Ich habe die letzten Wochen über - was sage ich; immer und immer! - solch ein heftiges Verlangen nach dem einen Mädchen, die meine sein wird und - - -

Wozu das aufschreiben.


Mittwoch, 28. Dezember:

Herrlich blauer Himmel über einer sturmzerzausten klaren Landschaft. +5.5° früh. Frühling schon zu Silvester?

Später auf.

Totozeitung gelesen und frisch .

Spaziergang Steinhofer Mauer (M.). Ein Wetter!

Tagebuch. Honorar (10.-) für den Prolog Weihnachtsfest von NW. bekommen.

Nm. Lyrik gelesen. Wieder umsonst versucht, zur Bibliothek zu gehen. Friseur, Konsumweg. Ein reizhaftes Wetter!

Lyrik weitergelesen. WB kam. Eine Weihnachtsfeier war von der Klasse, nur er und wie ich nicht uninteressiert feststellen konnte auch ich sind von Niki nicht geladen worden.

Susi hat sich nicht gerührt bei ihm.  WB hat seine Braut wieder stehenlassen, es gibt für ihn nichts anderes als Susi. Würde man es ihm sagen, täte er einen erschlagen.

Daheim las ich Mama die trübselige Geschichte "Die Nacht Giorgiones" vor.

Eine Feststellung: Ich habe wohl die Fähigkeit, etwas liter. zu schaffen, die bestimmende Grundhaltung, Eindrücke, die mich anregen und die stilist. Nebenfertigkeiten vielleicht auch noch dazu, aber - der konkrete Inhalt, den ich gestalten soll fehlt offenbar. Seele ohne Gehirn.


Donnerstag, 29. Dezember:

Wegen der Klarheit der Nacht etwas kühler; wenn keine Eisblumen, so doch Dunst am Fenster niedergeschlagen. Strahlend schöner Morgen.

Früher auf.

Konsum. Tagebuch.

Wie die Skepsis, die mich in früheren Jahren gelegentlich heimsuchte, bis sie durch Frankls Buch endgültig in mir ausstarb, so hindert mich 1949 die "geistige Krise" nicht unerheblich, die auch im Mangel eines Einsatzes meiner Ideen mitbegründet liegt. Es sind durchwegs Fragen der Diskussionstechnik:

Logik d. Diskussion (Querfrage) Ausdrucksproblem (auch i. d. Kunst) u. Auswirkungen der Querung wie etwa die Frage d. Erotik, die vom ethischen Ende angepackt sonnenklar liegt, vom erot. Gesichtspunkt selbst aus furchtbar komplex ist. Ich muß viel mehr vom eth. Ende wieder anzupacken beginnen, das ist ein erheblich einfacherer und schonenderer Weg, und die Wahrheit ist ja vom Weg unabhängig.

Vm. zur Querfrage weitergearbeitet. Dann überhaupt die Phil.-Laufmappe liquidiert.

Nm. damit zu meiner Erleichterung fertiggeworden.

Ab. zwei Gedichte gegen den Krieg im speziellen und im besonderen aus mir stürmen lassen.


Freitag, 30. Dezember:

Vm. Linzerstraße (M.) "Julia"-Auszug gemacht.

Viel Lyrik gelesen. Indische Liebesgedichte heute noch aktuell. (zum Teil leider)

Bibl. wieder umsonst.

Ab. Konsum (Fleisch geholt). Unterwegs Rückseite Pav. 2 fiel mir ein Chemiegedicht ein, das ich daheim gleich ausführte.


Samstag, 31. Dezember, SILVESTER 1949:

Ziemlich zeitig auf. Samstagverrichtungen Gedicht.

Vm. Bernklau Bier. Das literar-kritische Gedicht vom 4.8. ausgeführt als "Liter. Brief an meinen Freund im Mond 1."

Nm. neue Sprüche für meinen Schreibtisch angefertigt.

Tante kam, brachte einige Fressalien und Wein noch mit.

Nach Tantes Abgang erschien "Tante" Fini. Überm Bunsenbrenner Blei gegossen. Ein

kam heraus, daneben viele.

Gemütlicher Abend. Gut gegessen, Rohscheiben, schönes Radio.

Christbaum ausbrennen lassen. Tagebuch. Noch eine Zeichnung angefertigt von unserm Zimmer.

Die Kabarettsendungen im Radio brachten nichts Besonderes. Auch meine Sachen nicht.

Es ist 15 Minuten vor 1950. Eine Jahrhunderthälfte ist bald - in wenigen Minuten - zu Ende. Ich wage es nicht zu sagen: Trete ich über diese Schwelle in die Welt - ?


"Das Volk erwacht aus seinem Schlaf".

Dezember 1949 in Wien
Dezember 1949 in der Weltgeschichte

Was brachte 1950 (das war ein Punsch-Druckfehler!)

Was brachte 1949?

Österreichs Wahlen. Abbau der Bewirtschaftung. Hebung des möglichen, Senkung des finanziellen Standards.

Toto.

Strauß Jahr, Goethe Jahr.

Uns persönlich: Ging es durch Tantes Hilfe besser. Wir sehen viel besser aus als früher, haben gut zu essen.

Mir: Verdienst 400.- S Wiener Messe. Geistige Krisen: Schatten der Chemie,

Jetzt war es 24 Uhr. Die alten Kalender entfernt, das Schweindl auf den Totoplatz beim Radio gelegt, den fern weilenden Papa vor allem lassen. 1. Jänner 1950 zum erstenmal hingeschrieben.

Ausdruckssuche, Anschaulichkeit, im Theater versagt, "Neue Positivität", Personalrealismus (~).

Mir äußerlich: bei Galinowsky durchgefallen, rein theoretisches 5. Semester.

Schriftstellerei: "N2O" bis Nr. 7; Problemschuster fertig, Amantia und Katy ruhen, Julia und Goldringels-Au neu.

"Neue Wege" bringen meine Arbeiten. Edm. Philipp, Kesselwart, polit. Gedichte; umfangreiche phil. Untersuchungen.

"Welt am Montag" kennt mich bereits als Verfechter der Idee in den Diskussionen. RAVAG - läuft noch.

Mädel hab' ich immer noch keins.

Alles ist im Werden. Ich habe den zweiten Schritt getan, es heißt nun, auch im zweiten neuen Gelände heimlich zu werden.

Ich schließe (um eine Viertelstunde verspätet) das

TAGEBUCH 1949.

AOk

1950
Sonntag, 1. Jänner 1950:

Temperatursturz auf -7°, (früh) Tags -3, -4°. Klar bis leicht bedeckt. Erster echter Wintertag.

Kirche.

Jahresordnungen.

Ich habe nichts nachzuholen mehr, Chemie kann beginnen.

Nur gesammelt innerlich. Radio gehört, noch etwas Lyrik gelesen, dann das Buch aufgegeben.

Tante kam nm.

Den Tag gemütlich und "unbeschrieben" zu Ende geführt.


GUTER JAHRESANFANG!
Montag, 2. Jänner:

Klirrender Frost. -9°. Eisblumen. Und doch, als ob der Winter nur eine Komödie wäre, die man sich ein paar Tage anschaut und nicht ernst nimmt.

Wir haben gestern im Toto nichts gewonnen.

Neue Diskussion in der "Welt am Montag" zu meinem Lieblingsthema der Jugendfrage: dem Schund und Schmutz-Problem.

Solche Diskussionsartikel, kleinere philosophische Arbeiten und Gedichte werde ich neben der Chemie gelegentlich noch weiter schreiben.

Konsum. Einige Produktionen der vergangenen Wochen habe ich an die "Neuen Wege" eingesandt. Den "Julia"- Auszug werde ich persönlich einreichen.

Tagebuch.


Spaziergang Waidhausenstr. (Mama Stoff).


Die "Neuen Wege" schrieben mir sehr freundlich. Die "3 Hüte" und den Thirring haben sie behalten, die "Ethik und ihr Nährgehalt" sandten sie begreiflicherweise zurück. Wie immer große Absichten. Ich stellte allerlei zusammen.

Nm. lernte ich Gali, 81/2 von den 48 Seiten. Sehr angenehm. Gespräche über Lyrik und ihr Verständnis. ↗.

Ab. über religiöse und naturwissenschaftliche Unvorstellbarkeiten geplaudert. Zus.Stellung über Häußlers Lieblings-Idee: Kunst und Moderne.


Dienstag, 3. Jänner:

Glatteis bzw. Tauwetter. ~Nullpunkt. Ein komödienhafter Märztag. Nachts Sturm.

Gleich früh Totoschein (nur 1 Einzahlung) abgegeben. Ich bin diesmal recht sicher.

Spaziergang (M.) bis ein Stück Wientalstraße. Sehr windig. Wienfluß schon schön märzig.

Ich kokettiere mit meinem Lustspiel (um die Filmstadt Goldringels-Au) die letzten Tage. Freilich muß man die Sache anders angehen als ich es tat: Man muß aus dem Leben schreiben, jede Konstruktion verdammen, intuitiv das fertige Gehirnkonzept aus dem Unbewußten, worin es sich gebildet haben soll, abschreiben. Aus dem Vollen schöpfen, nicht mit kargen Situationskomiken krampfhaft zur rechten Zeit zu kommen versuchen.

Tagebuch.


Nm. weitere 8 S. für die Zwischenprüfung gelernt.

Fini da. Gemütlich.

Weitergeführt die Zus.stellg. meiner frühesten Lyrik, was davon aufhebenswert od. aufschlußreich ist.

Im Radio Dichterlesung der Danneberg Erika u. einer anderen. Danneberg schreibt kristallklar, das ist das Schöne.

Über die Autorentagung palavert.


Mittwoch, 4. Jänner:

Früh die Illusion eines Schneegestöbers, eine halbe Stunde später Frühling. Äußerst wechselnde Bewölkung.

Später auf. Wir gingen auf die Linzerstraße um Grünzeug. Portier Brandstätter ist rührend um alles besorgt, Gesundheit und Lebensweisheit.

Tagebuch.

Mein Wunsch nach einem lieben Mädel ist unausdrückbar gewaltig. Er würde aber kraft dieser Gewalt jeder vermeintlichen |Lösung in Ersatzmitteln| eisern entgegentreten.

Die lyrische Zusammenstellung rasch zu einem Ende geführt.

Nm. weitere 8 Seiten gelernt.

Bibliothek: "Pippa", Franz Resl, .. geholt. Gelesen, abends traditionell die "Pippa" vorgelesen. Man versteht sie von Jahr zu Jahr besser, wenn es hier überhaupt etwas zu "verstehen" gibt.

Anschließend noch allein "Gabriel Schillings Flucht" gelesen.


T1949

T1950

Tagebuch:

vom ..... Montag, 19. Dezember 1949

bis ..... Mittwoch, 4. Jänner 1950

Montag, 19. Dezember 1949:

Die offiziellen Weihnachtsferien beginnen.


Später aufgestanden.

Mein Artikel ist überraschenderweise
in der "Welt am Montag", mit einem
treffenden Nachsatz von "Octavian" und
Rückenstütze von Manfred Z.

Auch sonst die Zeitung interessant.
Meine Idee vom 25.10. ist in
Frankreich tatsächlich ausgeführt.
Es scheint, als ob manche Gedanken
in der Luft lägen und da wie
dort aufgenommen würden.

Sehr angenehme Stimmung.
Holz gemacht. Linzerstraße
zweimal (Schlüssel vergessen),
einen Christbaum gekauft von
einem zungenfertigen Händler.

Ordnungen. Laufmappe zu behandeln versucht.

Nm. Tante Fini da, unterhaltsamer
(besonders für sie) Nachmittag. ↘, ↗.

Abends noch im Bett geschrieben:
Neue Übersicht über die partnerschaft-
lichen Fragen. Freilich ist die
Tätigkeit wegen der Kürze nur von
beschränktem Wert.


Dienstag, 20. Dezember:

Riesige Totogewinne standen in der
Zeitung; eine Tatsache, über die wir
wie verständlich sehr viel den Tag
über sprachen.

Holz.   Ordnungen.

Mauerspaziergang.

Reinschriften.

Nm. viel geplaudert. Ebert
zu Ende gelernt. Weihnachtsbrief
an Papa geschrieben.

Angenehme Radiosendungen.

Wechselnde produktive Stimmung.
Lyrik eines ADLER-Schülers im
Radio. ↗.   Viel noch geplaudert


Mittwoch, 21. Dezember:

730 auf. Sehr gemütlich früh.
Prachtvoller Sonnenaufgang.

T:. Über fremde Literaturen
gelesen.

Eine Fahrt voll traditioneller
Stimmung in Zehner und Stadtbahn:
in Tantes Büro. Frl. Huber war
netter als das letzte Mal, wo ich sie
das erste Mal gesehen.

Tante erzählt, mein WaM-Artikel
habe Sensation im Büro gemacht.
Sie sagt, ich dürfe nicht mehr
diesen "elenden" Schal anhaben,
ich müsse elegantere Sachen
mit der Zeit bekommen, wo ich
nun "in der Stadt bekannt"
werde (!) So ist Tante .

Ich hatte Weihnachtssachen abzuholen.
Morgen muß ich nochmals kommen.

RAVAG hat mir eine Karte
gesandt.

Fini war da, schenkte uns eine
Gans!

Ein Haneckerpackerl kam an.

Radio schöne Sendungen. Tagebuch

Alles in allem ein Tag voll
Weihnachtsstimmung.


Donnerstag, 22. Dezember:

Früh gleich zwei Artikel zum
Jugendproblem die Tasten herunter
polemisiert. Ich halte es allerdings
für unzweckmäßig, sie hier in die
Debatte zu werfen. Ob das
Gewerkschaftsblatt meine
Stellungnahme von III. 48 endlich
veröffentlicht hat oder veröffentlichen
wird?

Arbeiten im Haus.

Tagebuch sehr viel nachgeholt.

Weihnachtserwartung.


Freitag, 23. Dezember:

Wieder später aufgestanden.
Vm. kein Weg. Schönes Radio.
Viel Tagebuch. Gali aus eigener Lust
gelernt.

Büro wieder sehr angenehm.
Karlsplatz. Nochmals geschleppt.
Und Tante selbst wird morgen
noch etwas bringen.

Fini war da.

Radio.    Tagebuch.

17h Konsum, auch dort sehr
nett.

Das Wetter ist nicht zeitgerecht:
Keine Minusgrade, kein Schnee.
Dennoch eigentümlich. Die Kiefern
rauschen in einem näßlichen
Frost, dämmrig ist es schon so
zeitig, der Mond so dünn.

Weihnachtsgedicht vergebens zu
"machen" versucht.

Stimmung weihnachtlich.


Samstag, 24. Dezember,
HEILIGER ABEND.

Blauer Himmel, 0°, aber schön.

SV.

Viele Überschreibungen, die PLauf-Mappe
zum Teil liquidiert.

Weihnachtserwartung!

Tante kam um 15h. Sie kam festlich
und bepackt.    Postweg.

Frl. Huber fand meine Augen so
"ausdrucksvoll", wie sie noch nie, u.s.w.,
und ähnlich Schandhaftes tratschte
mir Tante. Frl. Huber "könnte mich in
einem fort anschauen".

Pfui, so etwas zu notieren.

Phil. Laufmappe - Ordnungen.

Zeitige Bescherung. Weihnachtsbaum
schön aufgeputzt. Tante schenkte mir:
Shakespeares Werke aus ihrem Bücherkasten,noch nagelneu!
Lyrik der Weltliteratur und einen
deutschen weniger bed.
Lyrikband .

Briefpapier,

100.- S, die sie für mich im Sparverein
gesammelt hatte

100.- S Anzahlung auf einen künftigen
neuen Anzug, nachdem ich
seit diesem Jahr keinen mehr habe.

Ferner die alle Familienmitglieder
angehenden Fressalien, eine Unmenge
voll (Tantes Weihnachtsgeld ist nun
aber wirklich 'tschü! Sie tut es
aber für sich wie für uns gern).

Auch Mama bekam 100.- S außertourlich.

Essen: Filet (Kabeljau)
2 Stunden später: Finis Gans.

Tante ging nach der Bescherung und
unserem Dank. Finis halbe Gans
machte ihr aber auch Freude, und
wir können selbst mit der halben
nicht fertigwerden. Trotz unserer
theoretischen Not die bisher üppigsten
Weihnachten.

Ich genoß die Lyrik der Welt-
literatur
.

Norbert, pardon: Kapellmeister und
Direktorssohn, brachte naserümpfend
ein blödes Buch über Statistik.


Sonntag, 25. Dezember, CHRISTFEST:

Blauer Himmel.

Zeitiger auf.

Kirche; Tagebuch weiter geführt,
den Tag über die hinreißende Lyrik
gelesen:

Die Franzosen bezaubern mit ihrem
Talent fürs Unwägbare, Milieu, Schwüle,

die Engländer mit ihrem Sinn
fürs Energische und wo es um Tieferes
geht: Verhaltene,

die Amerikaner des Ländlichen
mit ihrer Naturhaftigkeit,

die Russen mit ihrem befreiend
revolutionären oder sonnigen Realismus.

Alles in mir drängt nach einer
Synthese der Stärken und Schönheiten
ohne Konzession an die Schwächen.

Im Einzelnen: Rossetti mit seiner
Revoluzzer-Braut, Villon der Mörder,
die Browning, Kiplings "Mandalay"
(langgestreckte Verse und wiederkehrende klangvolle Reime, wie auch im
Dschungelbuch und "Licht erlosch",
vor allem dessen Mottos). Hingegen
gefallen mir Poes Übersetzungen
gar nicht, wenn ich sie den mir
bekannten gegenüberstelle (Anstalts-
bibliothek
). Es handelt sich um
"Rabe" und "Ulalume".

Tante und Onkel kamen.
Schweinsbraten. 3 Flaschen Wein.
Gar nicht beschwipst. So recht
und schlecht unterhalten.

Dem Klassizismus der Nur-Form
kann ich nichts abgewinnen, vor allem
neben fluidischen Gedichten kann er
nicht bestehen. Auch die reine Reflexion,
soweit sie papieren ist, brauchte
wegen meiner nicht zu bestehen.

Abends nochmals Schweinsbraten
mit Literatur genossen.


Montag, 26. Dezember: STEPHANITAG.

Strahlend blauer Himmel, wie im
Vorfrühling. Früh herrlicher Reif,
-4°, tags wärmt sehr die Sonne.

Gegen Nachmittags kam Sturm auf,
der Wolken mitführte und Wärme
bringen soll.

Abends regnet es zart, der bekannte
Lichtstreif am Horizont, ein Wind raunt
aufrührerisch, als ob es schon Frühling
wäre.

Früh ein Gedichtchen intermediären
Stils strömen lassen.

Vorbereitung und Vollzug der
heiligen Beichte und Kommunion.
Spät Frühstück.    Überschreibg.

Sonst noch Tagebuch nachgeholt.

Schöne Radiosendungen.

Es war sehr gemütlich, wie
die ganzen Weihnachten überhaupt.
Ein schönes Fluidum liegt über allem.

Tagebuch vollständig nachgeholt.

Es ist das Parlament der Radiohörer
eingeführt worden.

Ab. über die Schwierigkeiten der
Übersetzung einige Worte notiert.

Es war ein sehr schönes
Weihnachtsfest dieses Jahr!


Dienstag, 27. Dezember: DAS "TRÜBMONTÄGLEIN"

Sehr windig. Regnerisch.

Es ist wie ein Vorfrühlingstag,
aufrührerisch.

"Welt am Montag" wieder sehr nett.
Die Jugenddiskussion ist jetzt abgeschlossen.

Konsum. Auf die Linzerstraße
Spaz. (M.). Sehr angenehmer Tag,
wenn auch die Weihnachten aus sind.
Bücherordnung. Frau Direktor
Pawlicki besuchte uns, freundlich
wie früher!!

Nm. umsonst Bibliothek.
Viel zur "Logik der Diskussion"
zusammen- und neugeschrieben.
Tante Fini kam, lud uns wieder
zu Silvester ein (wenn es auch
dies Jahr fader sein wird).

Wir zündeten nochmals unseren
Christbaum an. Lustig.

P-Einordnung

Ich habe die letzten Wochen über
- was sage ich; immer und immer! -
solch ein heftiges Verlangen nach
dem einen Mädchen, die meine
sein wird und - - -

Wozu das aufschreiben.


Mittwoch, 28. Dezember:

Herrlich blauer Himmel über einer
sturmzerzausten klaren Landschaft.
+5.5° früh. Frühling schon zu
Silvester?

Später auf.

Totozeitung gelesen und frisch .

Spaziergang Steinhofer Mauer (M.).
Ein Wetter!

Tagebuch.    Honorar (10.-) für den
Prolog Weihnachtsfest von NW. bekommen.

Nm. Lyrik gelesen. Wieder
umsonst versucht, zur Bibliothek
zu gehen.     Friseur, Konsumweg.
Ein reizhaftes Wetter!

Lyrik weitergelesen.
WB kam. Eine Weihnachtsfeier war
von der Klasse, nur er und wie ich nicht uninteressiert feststellen
konnte auch ich sind von Niki
nicht geladen worden.

Susi hat sich nicht gerührt
bei ihm.    WB hat seine
Braut wieder stehenlassen, es
gibt für ihn nichts anderes als
Susi. Würde man es ihm sagen,
täte er einen erschlagen.

Daheim las ich Mama die
trübselige Geschichte "Die Nacht
Giorgiones
" vor.

Eine Feststellung: Ich habe wohl
die Fähigkeit, etwas liter. zu schaffen,
die bestimmende Grundhaltung,
Eindrücke, die mich anregen und die
stilist. Nebenfertigkeiten vielleicht
auch noch dazu, aber - der
konkrete Inhalt, den ich gestalten
soll fehlt offenbar. Seele ohne Gehirn.


Donnerstag, 29. Dezember:

Wegen der Klarheit der Nacht etwas
kühler; wenn keine Eisblumen, so doch
Dunst am Fenster niedergeschlagen.
Strahlend schöner Morgen.

Früher auf.

Konsum. Tagebuch.

Wie die Skepsis, die mich in früheren
Jahren gelegentlich heimsuchte, bis sie
durch Frankls Buch endgültig in mir
ausstarb, so hindert mich 1949
die "geistige Krise" nicht unerheblich,
die auch im Mangel eines Einsatzes
meiner Ideen mitbegründet liegt.
Es sind durchwegs Fragen der Diskussions-
technik:

Logik d. Diskussion (Querfrage) Ausdrucksproblem (auch i. d. Kunst) u. Auswirkungen der Querung
wie etwa die Frage d. Erotik, die vom ethischen Ende angepackt
sonnenklar liegt, vom erot.
Gesichtspunkt selbst aus furchtbar
komplex ist. Ich muß viel
mehr vom eth. Ende wieder
anzupacken beginnen, das ist
ein erheblich einfacherer und
schonenderer Weg, und die
Wahrheit ist ja vom Weg
unabhängig.

Vm. zur Querfrage weitergearbeitet.
Dann überhaupt die Phil.-Laufmappe
liquidiert.

Nm. damit zu meiner Erleichterung
fertiggeworden.

Ab. zwei Gedichte gegen den Krieg
im speziellen und im besonderen
aus mir stürmen lassen.


Freitag, 30. Dezember:

Vm. Linzerstraße (M.)  "Julia"-Auszug gemacht.

Viel Lyrik gelesen. Indische
Liebesgedichte heute noch aktuell.
(zum Teil leider)

Bibl. wieder umsonst.

Ab. Konsum (Fleisch geholt).
Unterwegs Rückseite Pav. 2 fiel
mir ein Chemiegedicht ein,
das ich daheim gleich ausführte.


Samstag, 31. Dezember,
SILVESTER 1949:

Ziemlich zeitig auf. Samstagverrichtungen
Gedicht.

Vm. Bernklau Bier. Das literar-
kritische Gedicht vom 4.8. ausgeführt
als "Liter. Brief an meinen Freund
im Mond 1.
"

Nm. neue Sprüche für meinen
Schreibtisch angefertigt.

Tante kam, brachte einige Fressalien
und Wein noch mit.

Nach Tantes Abgang erschien "Tante" Fini.
Überm Bunsenbrenner Blei gegossen.
Ein

kam heraus, daneben
viele.

Gemütlicher Abend. Gut gegessen,
Rohscheiben, schönes Radio.

Christbaum ausbrennen lassen.
Tagebuch. Noch eine Zeichnung angefertigt
von unserm Zimmer.

Die Kabarettsendungen im Radio
brachten nichts Besonderes. Auch meine
Sachen nicht.

Es ist 15 Minuten vor 1950.
Eine Jahrhunderthälfte ist bald -
in wenigen Minuten - zu Ende.
Ich wage es nicht zu sagen: Trete ich
über diese Schwelle in die Welt - ?


"Das Volk erwacht aus seinem Schlaf".

Dezember 1949
in Wien
Dezember 1949
in der
Weltgeschichte

Was brachte 1950 (das war ein
Punsch-Druckfehler!)

Was brachte 1949?

Österreichs Wahlen. Abbau der Bewirtschaftung.
Hebung des möglichen, Senkung des
finanziellen Standards.

Toto.

Strauß Jahr, Goethe Jahr.

Uns persönlich: Ging es durch Tantes Hilfe
besser. Wir sehen viel besser aus als
früher, haben gut zu essen.

Mir: Verdienst 400.- S Wiener Messe.
Geistige Krisen: Schatten der Chemie,

Jetzt war es 24 Uhr.
Die alten Kalender entfernt, das Schweindl
auf den Totoplatz beim Radio gelegt,
den fern weilenden Papa vor allem
lassen. 1. Jänner 1950
zum erstenmal hingeschrieben.

Ausdruckssuche, Anschaulichkeit, im Theater versagt, "Neue Positivität",
Personalrealismus (~).

Mir äußerlich: bei Galinowsky durchgefallen,
rein theoretisches 65. Semester.

Schriftstellerei: "N2O" bis Nr. 7;
Problemschuster fertig, Amantia und Katy
ruhen, Julia und Goldringels-Au neu.

"Neue Wege" bringen meine Arbeiten.
Edm. Philipp, Kesselwart, polit. Gedichte;
umfangreiche phil. Untersuchungen.

"Welt am Montag" kennt mich bereits
als Verfechter der Idee in den
Diskussionen. RAVAG - läuft noch.

Mädel hab' ich immer noch keins.

Alles ist im Werden. Ich habe den
zweiten Schritt getan, es heißt nun,
auch im zweiten neuen Gelände heimlich zu werden.

Ich schließe (um eine Viertelstunde
verspätet) das

TAGEBUCH 1949.

AOk

1950
Sonntag, 1. Jänner 1950:

Temperatursturz auf -7°, (früh)
Tags -3, -4°. Klar bis leicht bedeckt.
Erster echter Wintertag.

Kirche.

Jahresordnungen.

Ich habe nichts nachzuholen mehr,
Chemie kann beginnen.

Nur gesammelt innerlich.
Radio gehört, noch etwas Lyrik gelesen,
dann das Buch aufgegeben.

Tante kam nm.

Den Tag gemütlich und "unbeschrieben"
zu Ende geführt.


GUTER JAHRESANFANG!
Montag, 2. Jänner:

Klirrender Frost. -9°. Eisblumen.
Und doch, als ob der Winter nur eine
Komödie wäre, die man sich ein paar
Tage anschaut und nicht ernst nimmt.

Wir haben gestern im Toto nichts
gewonnen.

Neue Diskussion in der "Welt am
Montag
" zu meinem Lieblingsthema
der Jugendfrage: dem Schund und
Schmutz-Problem.

Solche Diskussionsartikel, kleinere
philosophische Arbeiten und Gedichte
werde ich neben der Chemie gelegentlich
noch weiter schreiben.

Konsum. Einige Produktionen der
vergangenen Wochen habe ich an die "Neuen Wege" eingesandt. Den "Julia"-
Auszug werde ich persönlich einreichen.

Tagebuch.


Spaziergang Waidhausenstr. (Mama Stoff).


Die "Neuen Wege" schrieben mir sehr
freundlich. Die "3 Hüte" und den
Thirring haben sie behalten, die
"Ethik und ihr Nährgehalt" sandten
sie begreiflicherweise zurück.
Wie immer große Absichten.
Ich stellte allerlei zusammen.

Nm. lernte ich Gali, 81/2 von den
48 Seiten. Sehr angenehm.
Gespräche über Lyrik und ihr Verständnis. ↗.

Ab. über religiöse und natur-
wissenschaftliche Unvorstellbarkeiten
geplaudert. Zus.Stellung über
Häußlers Lieblings-Idee: Kunst und
Moderne.


Dienstag, 3. Jänner:

Glatteis bzw. Tauwetter. ~Nullpunkt.
Ein komödienhafter Märztag. Nachts Sturm.

Gleich früh Totoschein (nur 1
Einzahlung) abgegeben. Ich bin
diesmal recht sicher.

Spaziergang (M.) bis ein Stück
Wientalstraße. Sehr windig.
Wienfluß schon schön märzig.

Ich kokettiere mit meinem
Lustspiel (um die Filmstadt
Goldringels-Au
) die letzten Tage.
Freilich muß man die Sache
anders angehen als ich es tat:
Man muß aus dem Leben
schreiben, jede Konstruktion
verdammen, intuitiv das
fertige Gehirnkonzept aus dem Unbewußten, worin es sich
gebildet haben soll, abschreiben.
Aus dem Vollen schöpfen, nicht
mit kargen Situationskomiken
krampfhaft zur rechten Zeit zu
kommen versuchen.

Tagebuch.


Nm. weitere 8 S. für die
Zwischenprüfung gelernt.

Fini da. Gemütlich.

Weitergeführt die Zus.stellg. meiner
frühesten Lyrik, was davon
aufhebenswert od. aufschlußreich ist.

Im Radio Dichterlesung
der Danneberg Erika u. einer
anderen. Danneberg schreibt
kristallklar, das ist das Schöne.

Über die Autorentagung palavert.


Mittwoch, 4. Jänner:

Früh die Illusion eines Schneegestöbers,
eine halbe Stunde später Frühling.
Äußerst wechselnde Bewölkung.

Später auf. Wir gingen auf die
Linzerstraße um Grünzeug.
Portier Brandstätter ist rührend
um alles besorgt, Gesundheit und
Lebensweisheit.

Tagebuch.

Mein Wunsch nach einem
lieben Mädel ist unausdrückbar
gewaltig. Er würde aber
kraft dieser Gewalt jeder vermeintlichen
|Lösung in Ersatzmitteln| eisern
entgegentreten.

Die lyrische Zusammenstellung rasch
zu einem Ende geführt.

Nm. weitere 8 Seiten gelernt.

Bibliothek: "Pippa", Franz Resl, ..
geholt. Gelesen, abends traditionell
die "Pippa" vorgelesen. Man versteht
sie von Jahr zu Jahr besser, wenn
es hier überhaupt etwas zu
"verstehen" gibt.

Anschließend noch allein
"Gabriel Schillings Flucht" gelesen.


Zitiervorschlag

Okopenko, Andreas: Tagebuch 19.12.1949–04.01.1950. Digitale Edition, hrsg. von Roland Innerhofer, Bernhard Fetz, Christian Zolles, Laura Tezarek, Arno Herberth, Desiree Hebenstreit, Holger Englerth, Österreichische Nationalbibliothek und Universität Wien. Wien: Version 1.1, 15.1.2019. URL: https://edition.onb.ac.at/okopenko/o:oko.tb-19491219-19500104/methods/sdef:TEI/get?mode=p_5

Lizenzhinweis

Die Transkriptionen der Tagebücher sind unter CC BY-SA 4.0 verfügbar. Weitere Informationen entnehmen Sie den Lizenzangaben.

LinksInformation

Jegliche Nutzung der Digitalisate muss mit dem Rechtsnachfolger von Andreas Okopenko, August Bisinger, individuell abgeklärt werden.