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Tagebuch:

vom ..... Donnerstag, 5. Jänner

bis .... Sonntag, 12. Feber

1950

Donnerstag, 5. Jänner 1950:

Prachtvoller Sonnenaufgang.

Eine dünne Schichte festen Schnees liegt auf glattem Boden, schwache Nachahmung eines Winters. -3°.

Heute stand ich etwas später auf. Las die weitere Fortsetzung des Sauter Romans, der deutlich moderne psychologische Farbe trägt! Es macht sich aber ausgezeichnet.

Weg auf die Linzerstraße (M.). Zeitig wieder daheim.

Ich schone mich überraschend, bemerkte ich spaßhaft: denn das ganze neue Jahr noch nichts gedichtet. Einzig die Chemie gelernt. Im ganz geheimen schiele ich zum Lustspiel hin, das aber ganz anders gemacht werden muß als bisher, d.h. überhaupt nicht "gemacht"! So werde ich warten, und wenn es noch Jahre dauert, denn diesen Trumpf gebe ich diesmal nicht aus der Hand. Der "Dichter" in meinem Innern liefert sich nicht - wie es gelegentlich sonst seine Art ist - an den Stümper in meinen Exekutivorganen aus.

Tagebuch>.

Einige Reparaturen.

Nm. Weitere acht Seiten gelernt.

Den Christbaum abgeräumt und zerlegt. Nette Lieder im Radio. Konsum.

Schneefall! Lyrik gelesen. Gedichtet.


Freitag, 6. Jänner:

Anerkannter Feiertag zum ersten Mal. (Dreikönigstag).

Früh zerrann der über Nacht gefallene Schneezauber. +3°! Wechselnd wolkig. Ein zum Teil stierer Märztag.

Kirche. Reinschriften.

Interessante literarische Rundschau im Radio.

Sch. Fl.

Nm. Lyrik und über ausländische Literaturen gelesen. Tagebuch.

Es sind diese Tage eigentlich nur die Vortage der großen Chemieprüfung. Trotzdem - ob sie es sollen oder nicht - haben sie einen gewissen auch eigenen Sinn.

Das weiß ich: wenn ich einmal schon meine konkrete Pflicht im chemischen Beruf ausübe, wird es ein Paradies für mein Inneres sein, das jetzt zumindest das Fegefeuer mitmachen muß in der haarspaltenden Theorie. Freilich erkenne ich die Wichtigkeit der theoretischen Kenntnisse an, aber die reine Theorie als Lebensgewässer werde ich niemals akzeptieren können. Vielleicht muß man um Chemiker zu sein ein Evangelium des Massenwirkungsgesetzes (u.s.f.) in sich tragen, aber ich kann das nicht. Ich werde solange ich in einer Aufgabe stehe voll meine Aufmerksamkeit ihr schenken, nicht aber mein Leben einem Prinzip der Materie und Ratio.

8 S. gelernt (viel gerechnet). Anschließend gemütlichen Abend verbracht.


Samstag, 7. Jänner:

Wetter wie gestern.

S. Verr.

Lang im Konsum angestellt ums Fleisch.

Vm. die neue "N2O" geschrieben, diesmal nichts Gedichtetes drin. Faschingsnummer (8) im Zeichen des Vogels.

Noch ein Konsumweg.

Nm. Tagebuch. Noch gelesen.

Sechs Seiten Chemie gelernt.

Wieder ein gemütlicher Abend.


Sonntag, 8. Jänner:

Ziemlich warm.

Kirche.

Radiosendungen äußerst geistlos (ich meine die Kabaretts).

Resl-Vortragsbuch und Psychologie gelesen, Radio Literarische Rundschau gehört.

Nm. das Gali-Material zu Ende gelernt, noch gerechnet.

Tante kam, geplaudert, psych. Tricks ausprobiert. Recht gemütlich.

"Fideles Brettl" (wie geistlos!) gehört, Statistik über die dortigen Witzlosigkeiten geführt. An 1. Stelle steht der "Weiberhaß" mit 5 Nennungen, an 2. Stelle (3 N.) Suff, Jodler, Leck mich im Arsch; an 3. Stelle endlich Staatsvertrag, Fensterln.

Im Toto nichts gewonnen. (5/4). Obwohl ich sehr sicher diesmal war.

Lyrik gelesen. Ziemlich zeitig niedergelegt.

Morgen beginnt die Uni wieder. Nun, soll's sein. Moloch, sollst mich haben.

Es ist vor allem eine gute Bereitschaft in mir: es kann d'r nix g'schehn -


Montag, 9. Jänner:

Wieder warm. Lauer windiger Morgen, die Krähen schreien, als ob's ein Föhntag im März wäre.

1. Uni-Tag.

Wohl ausgeglichen aufgestanden. Nach den Frühverrichtungen und dem Lesen der stets interessanten "Welt am Montag" fand ich noch Zeit fürs Tagebuch.

Ich will mich bei Gali anmelden, Mama weiß noch nichts davon!

Schwungvoll ging ich den ersten Tag im Institut an. Die zwei langen Vorlesungen, in die Rahlgasse um die Streckenkarte (Marke drauf) gefahren, Ehrenhaft auf der Asiatenstiege erwartet, umsonst, er liest erst Mittwoch wieder. Sch. Schm.-Konzept.

Hutterer die Galiskripten zurückgegeben, sie brachte meinen Ebert zurück.  N2O VII der Zuber, N2O VIII dem Saal übergeben. Zuber ließ die Arbeit stehen und lief sofort zu den Quantitativen, um die neue Nummer zu sehen.

Beim überaus freundlichen Gali zur Prüfung wieder angemeldet. Nächste Woche. Ich bin sorglos.

Ebert, heimgefahren.

Nm. gemütlich. Bald wieder in die Nowotnývorlesung gefahren. Der Himmel war blau, die Sonne schien warm herunter, hinten der Kahlenberg in der Ferne -

Fühle mich zu Haus,
Lache ,

Dienstag, 10. Jänner:

Eine Frühvorlesung,

heimgekommen über das Schund- und Schmutzgesetz zu schreiben versucht.

Mittagsvorlesung, auch nur eine. (Ebert).

Nm. verschob ich die Stellungnahme zum Sch./Schm. auf die nächste Woche.

Abendvorlesung (Nowotný), die fast lustig geriet.

Die Stimmung war immer noch genug erfreulich.


Mittwoch, 11. Jänner:

Über Nacht liegt hoher Schnee. Zum ersten Mal in diesem Winter ein "echtes" Landschaftsbild.

Nur die zwei Mittagsvorlesungen. Bei Gali fällt alles durch!

Nm. versuchte ich, die "Himbeerrote", die mir immer vor Augen schwebt, auf Papier zu bringen. Weiters zeichnerische Experimente surrealer Art.

Ab. "Das Geheimnis der roten Katze", einen deutschen Lustspielfilm angesehen. Die Pinguinszene reizend, Rühmann und Hauff routiniert und wenig aufregend, die Pülcher belustigten mich in ihren Szenen. Die Idee in deutscher Brettlmanier (freilich schwacher Abglanz der tatsächlichen Möglichkeiten).

Ich wünschte so sehr, das Lustspiel um "Goldringels au" so gestalten zu können, wie es seine innere Ahnung in mir erwarten läßt.


Donnerstag, 12. Jänner:

Schnee wie gestern, auch neuer.

Früh und auf der Straßenbahn viele Ideen, auch wieder eine E-Analyse.

Zu Tante ins Büro. Papa-Briefe!

Später heimgekommen. Nur wenig Zeit zu eigener Verfügung.

Rohracher Vorlesung. Gab Pallas das BM. zum lesen, er lobte Frankl.

Lange Straßenbahnstörung wegen des Schneefalls.

Es ist eine Klarheit - draußen und in mir.


Abschrift der auf der Asiatenstiege gemachten Notizen:
Do 11,00 Gali Prüfung

Fr 13 1 50 erfuhr ich das. Wenn ich nicht bestehe, wird die Prüfung sofort bei Wessely fortgesetzt. Ich sehe mich schon jetzt auf diesem schweren Gang. Man kann kaum mehr glauben, dass man bei Gali durchkommen kann, vor allem, wo erst gestern wieder eine ganze Reihe geflogen sind. Den Lebensmut habe ich nicht verloren, gibt es doch noch andere Möglichkeiten zu leben denn als Chemiker. Nur der Uebergang sollte schon vollzogen sein. Und mir die Möglichkeit gegeben, in einen Beruf einzutreten, wo man redlich vorwärtskommen kann, zu einem Verdienst, mit dem ich meine Eltern und später eine Familie erhalten kann. Einen höheren Sinn hätte ich ja dann noch immer in der Schriftstellerei. Ich denke an Villon und all die unzähligen anderen Vagabunden unter den Dichtern, die trotzdem gelebt und geschaffen haben.

Was gäbe ich um eine Chance, irgendwo als Journalist angenommen zu werden! Das soll nicht heissen, ich gäbe die chemische Forscherlust verloren, aber bis man dorthin gelangt, wird soviel Nebensächliches von mir verlangt, dass ich sogar bereit wäre, nur einer meiner Berufungen einstweilen nachzukommen: der kulturellen. Vielleicht dass ich später einmal irgendwie doch zu meiner wissenschaftlichen Betätigung finden könnte? Oder dass ich derart viel zu tun bekäme kulturell, dass mir die Chemie später gar nicht mehr abginge. Aber bis dahin! Was gäbe ich um eine gesicherte noch so kleine Position, die aber mir noch Möglichkeiten böte! - - -

Ich werde alles daransetzen, dass ich diese Prüfung bestehe. Vor der nächstfolgenden /Kuffner-/ Prüfung hätte ich dann nicht die geringste Angst. Organische Chemie ist mir noch immer gelegen. - - - - - - - -


Freitag, 13. Jänner:

Das Wetter hält sich.

Frühvorlesungen.

Anschließend bei Gali endgültig zur Prüfung gemeldet. Er war immer noch - nicht unfreundlich.

Gewartet und die Zeit bei den Kollegen verbracht. Springer.

Mittagsvorlesung (Ebert). Heimgefahren.

Daheim lag die Einladung zur Tagung vor.

Rohrachervorlesung leb mac gik kaul riz mip nupf raf tex lik. (Die "sinnlosen Silben" Ebbinghaus'). Wieder Störung. Rohscheiben. 


Samstag, 14. Jänner:

Kalt. Gegen abends Erwärmung.

Rad. Praktikum. Es beglückt mich, ins Räderwerk der äußersten Forschung zu sehen. Wenn ich doch - sprechen wir von etwas anderem; ich bin ja mit allem zufrieden, und die gelegentlichen Sorgen sind rein kurzfristiger Natur. Nie daß ich lebensunlustig oder auch nur persönlich hoffnungslos wäre.

Nm. versuchte uns Tante traurig zu stimmen. Ich erklärte ihr primitivste Absätze der Chemie. Sie findet selbst diese an der Grenze des Verständlichen.

Fl.-Kino "Wie ein Dieb in der Nacht" ein recht netter Durchschnittslachfilm aus einer besseren Filmzeit.

.

Drei von vier Tototips in beiden Kolonnen erraten. Ob's so weitergeht? Vielleicht doch mal ein Gewinn?


Sonntag, 15. Jänner:

Tauwetter, trüb, +3° früh.

Später auf. SVerr.

Kirche 9h.

Ordnungen. Viel, auch mit Kohle, gezeichnet.

Nette, wenn auch uns unbetreffende, Radiosendungen.

Nm. Unterhalten. Tagebuch.

Film und Radio sind zu sehr technisiert. Inhalt, Ausdrucksmethode (= Form). Letztere verlockend freilich. Dennoch darf sich die nicht vom Inhalt selbständig machen. Genugtuung für die Hollywooder ratio-stupid-Kunst: Publikum sagt meist "so a Bleedsinn". Ganzer Erfolg. Ein Stab von Gleichgesinnten müßte sich des Films bemächtigen. Das Publikum frißt, freilich!, auch Stroh, aber weil nichts besseres da ist - nein: da ist es, aber es wird nicht vorgelassen.

Wann kommt die Möglichkeit? Erst im Sowjetstaat?

Tagebuch. Toto erwartet. Die saudumme Sendung vom "Kabinett der kleinen Dinge" angehört.

Lyrik der Weltliteratur selbst und vorgelesen mit diesmal beträchtlichem Gefallen. - Toto: nichts. (7 u. 8).


Montag, 16. Jänner:
BEGINN d. AUTORENTAGUNG

Vm. auf der Uni.

Mittag schon heim. Ich werde heute und morgen nicht zu Nowotný gehen.

Schriften für die Tagung hergerichtet. Um 17h in die Redaktion gekommen. Dort war noch niemand. Im beleuchteten Vorraum gewartet. Dann kam ein Mädchen: ruhig, sonnig, lustig - und in ihrer Art fest, etwas fraulich wie manche jungen Mädchen aus der Provinz. (Sieglinde Kaipr, eine relativ neue Mitarbeiterin der "Neuen Wege"). Ihr hat mein "Prolog" sehr gefallen.

Dann kamen weitere Autoren: ein Mädchen, klein, weich und ruhig (weiß nicht, welche das ist). Ein hochgewachsener ernster Mann mit geistigen Zügen und unerhörter Energie, ein Rebell (Fr. Polakovics). Toman, die Müller, Danneberg kamen nicht. Ich war einer der wenigen die auf Polakovics' Liste standen.

Nun gingen wir ins Redaktionszimmer. Dr. Häußler war zu uns sehr liebenswürdig. Geheizt war es auch.

Dr. Häußler eröffnete die Tagung.

Die selbst war höchst anregend.

Polakovics schlug auf den morschen Tisch, daß sich die Holzwürmer verkrochen und die Geister der Hofräte erbleichten.

Briggi erschien auch, in ihrem abendlichen Make up.

Altmann erhob sich und forderte die Gleichberechtigung der surrealistischen Kunst.

Kaipr und Weißenborn riefen, als Altmann von der "führenden Kunstrichtung des Surrealismus" sprach, im Chor "Ho ...! Ho ...!"

Ein kerniger kleingewachsener Bursch (Ernstbrunner) forderte die Einbeziehung des ländlichen sowie des Arbeiter-Kreises!

Jeder soll bis morgen fünf Gedichte nennen, die ihm am meisten zugesagt haben (Jänner- bis Dez.-Heft 1949). Ferner Themen.

Ich werde Genaueres über diese Tagung später aufschreiben. Auch werden die "Neuen Wege" umfangreiche Berichte bringen.


Dienstag, 17. Jänner:
2. TAG d. AUTORENTAGG.

Tauwetter.

Vm. auf der Uni. angenehme Stimmung, ganz zuversichtlich der Prüfung übermorgen entgegensehend. Prof. Ehrenhaft, der Unübertreffliche, hält eine Fest"vorlesung" zum 100-jähr. Bestand des phys. Inst.

Nm. mich auf den zweiten Tag der Autorentagung vorbereitet.

17h bis 21h wie gestern die Tagung. Neue gestern nicht Dagewesene kamen heute dazu. Eine Stimmung ganz vom Aufgehen in unsere Aufgaben bestimmt. Dr. Häußler, unersetzlich für unser Gedeihen, hält uns zusammen.

Ich wurde ins Komitee gewählt, mein "Prolog" u.a. waren unter den Meistgenannten.

Lernte interessante Menschen kennen. Wimmer, Stenzl ...

Das lustigste Erlebnis dieser Tage war Briggis Äußerung, ich gehe zu sehr dem Düsteren aus dem Wege und damit den Problemen. Ich stehe gleichsam am anderen Ufer, und mir fehle das Zusammenerleben mit denen, die innerlich gefährdet zu ringen haben. (Vergleich mit Merinskys Kritik vom vorigen Sommer, die mir Arges aufzulösen gab: ich müsse das Düstere überwinden, aus dem Schlamm der Zeit herausfinden und das zweifellos immer noch bestehende Schöne beschreiben).

Der Witz ist fertig, diesmal ohne mein Zutun.


Mittwoch, 18. Jänner:
ABSCHLUSZ d. AUTORENTAGUNG

Wegen der fehlenden Frühvorlesungen konnte ich später aufstehen. Konsum, Ordnungen, Z.

Mittags Ehrenhaft und Ebert.

Nm. vorbereitet auf die Generaldebatte. 17 Uhr Vorbesprechung im Redaktionszimmer. Ich schlug vor, den Untertitel der "Neuen Wege" zu ändern: Statt "Kulturzeitschrift für junge Menschen" "Kulturzeitschrift junger Menschen". Der Vorschlag wurde begeistert angenommen.

Auch von der (um 18 Uhr beginnenden) Vollversammlung.

Heute lernte ich die enttäuschende Hülle inniger Inhalte kennen: Gertrud Sokol, Angela Müller - innen Dichter außen Stars, als ob Kunst eine Art Luderei wäre und keine Stimme des Gemüts als die aus parfumierten verdrehten Gesichtern. Sokol nahm neben mir Platz, ich trat den Platz aber bald an ihre Freundin ab, die mit ihr plauderte, und setzte mich lieber neben Sieglinde Kaipr.

Alle Vorschläge, darunter auch der von mir gleich zu Beginn vorgetragene, wurden einstimmig angenommen.

Donnerstag, 26. d., halten Polakovics und ich eine Vorbesprechung für die Arbeit unseres Komitees ab.

Die Tagung war sehr fruchtbar. Weiteres wo anders und in den kommenden Heften der Zeitschrift.


Donnerstag, 19. Jänner:
GALI PRÜFUNG!

Die Prüfung bei Galinowski bestanden! Moralpredigt seinerseits, rührende Schlußrede meinerseits und ein Händedruck beendeten das quantitative Martyrium, das - gestehen wir's offen - eine schöne Zeit war.

Freilich nach all dem und der Gratulation anteilnehmender ebenso hysterischer Jungfrauen (Milan) war ich etwas lädiert. Gott sei Dank, daß es vorüber ist. Diesmal trat ich regelrecht sicher an. Jetzt kann ich's ja sagen.

Morgen melde ich mich gleich bei Doz. Kuffner (Organische) an.

Gedanken über den miserablen Formalismus gemacht.

"Ach, ich grüße den Sack ..."


Freitag, 20. Jänner:

.

Vm. für Kuffner angemeldet.

.

Nm. las ich verschiedene meiner Gedichte vor.

Letzte Rohrachervorlesung.

Alles mögliche zusammengeschrieben im Kampf gegen den Formalismus.

Vm.: Entgegnung 1., 2.

Ab.: Sack fertig. "Einem Wortschleifer". u.a.

Ein Wiederaufstieg meines Ausdrucks ist nach der Krise des letzten Halbjahres glaube ich angebrochen.


Samstag, 21. Jänner:

Vm. Radioaktives Praktikum.

Nm. für organ. Chemie gelernt, ziemlich diffus. Tante kam, wir freuten uns alle miteinander, nicht zuletzt über Gali.

Als ich aufhörte zu lernen und "Lyrik d. WL" auspackte wurde es sogar richtig gemütlich.

Im Volksblatt ein bürgerlicher Artikel, der nach einer weniger bürgerlichen Entgegnung schreit.


Sonntag, 22. Jänner:
blau, schöne Winterlandschaft. -5°.

Später aufgestanden.

Sonntagsverrichtungen, Kirche.

Ordnungen.

Aus einer Kontrast-Stimmung heraus schrieb ich ein mir notwendiges Sommergedicht. Es darf nicht stören, daß Linden vorkommen, bei uns gibt's im Sommer wirklich welche.

(Das heißt, im Winter sicherlich auch, aber riechen tun sie erst im Sommer. Das ein Realist den Realisten.)

Beim Winterspaziergang sah ich unter vielen Schifahrern um die Steinhofer Mauer die wasserstoffblonde "Edith", wie ich sie im phant. nenne. Gleich zweimal. Freilich ihre "Gosche" ist rot bemalt, daß der Wintertag nicht gar zu natürlich wird.

Gelernt, dabei die Kindersendung im Radio angehört. 'S gibt Interessanteres auf der Welt. Auch als das anschließende "Fidele Brettl", dessen Struktur hier gegeben sei:

"Weiberhaß" 3 + Serie
2 + Serie
1 + Serie
"Männerhaß" 2 + Serie
Weinseligkeit 2 + Serie
1 + Serie
Staatsvertrag 2

Götzzitat wie immer 1 mal

Jodel, Fensterln und "Stier" fielen heute aus.

Sonst ganz schönes Radio.

Toto wieder nichts.


Montag, 23. Jänner:

-13°.

Sehr angenehmer Tag.

Morgen Kuffner. Letzte volle Uni-Woche.


Dienstag, 24. Jänner:

Zur Kuffnerprüfung früh gefahren. Kuffner hat keine Komplexe und ist ruhig, nett und freundlich. Ohne weiters bestanden!

Viel im Organischen geschnüffelt. Nächste Prüfung ist dann Ebert.

Nm. begeistert alles Lernmaterial fortgeräumt.


Mittwoch, 25. Jänner:

Später aufgestanden.

Konsum.

Zwei Artikel zum Jugendproblem geschrieben: endlich den Schund u. Schmutz-Artikel sowie den gegen das Volksblatt. Gleich nm. aufgegeben.

Nur die Mittagsvorlesungen.

Abends die gefangene u. getötete Maus aus unserm Backrohr in einem verrückten Gedicht verewigt ("Zehn Sekunden Unterbewußtsein"). Der Traum vom Fabrikshof mit der eisenschmelze-führenden Röhre unter einem Hügel, auf dem nicht gut zu sitzen ist, stammt aus dem Jahre 1944 (Kämmchen, KLV-Lager), als ich Masern hatte und allein in einem kleinen Zimmer lag.


26 1 50 abends: Im Dunkeln notiert: 1) Erinnerungen 2) Fluida im engsten Sinn: Schönbrunner Einsatz, Luftlagetabelle, Raketenversuche, Park Sommer 1945 . Engeland Retorte u. Kolben. 3)

Assoziationen:

"Beim Kegelspiel, Kekomika, dann möchte ..."

4) Feststellung: Im Bett vor dem Einschlafen gut fremde Redeweisen nachbildbar; sie kommen einem leicht, Hemmungen der Vorstellung zum größten Teil weggehoben. Günstiges Gebiet für echte Schriftstellerei und psychologische Beobachtungen Wiedergabe (Heraufholung) von Erinnerungen, Gesichtern ...

Donnerstag, 26. Jänner:

Vm. von der Uni weg direkt in die Komiteesitzung auf Zimmer 13 der "NW" gefahren. Siehe Bericht. Eisenreich meint, uns fehlen Essayisten. Ich wurde als Lektor für Kulturpolitik im Komitee eingesetzt.

Kein Rohracher mehr.

Ich begann die N2O IX. zu machen.Sie soll wie geplant den Titel "Entartete Kunst" führen.


Freitag, 27. Jänner:

Im Phys. Institut, wo ich meine Freizeit verbrachte, hielt ich scharfe Abrechnung mit der formalist. Kunst und der bürgerlichen Moral.

Nach Ebert in die PHG.

Nm. fleißig die Juxzeitung weitergemacht.


Samstag, 28. Jänner:

Wie immer eisiges Wetter.

Letztes Rad.-Praktikum.

Konsumweg.

Nm., während Tante da war, stellte ich die N2O IX. fertig.

Las Tante neben dieser noch andere meiner Sachen vor.


Sonntag, 29. Jänner:

Unter -10°.

Sonntagsverrichtungen

Es ist angenehm. Ich fühle mich so frei!

Kirche.

Radio interessant wie um die Zeit immer.

Nichts Wesentliches geleistet.

Ab. Lyrik gelesen.


Montag, 30. Jänner:

Ein angenehmer Tag!

Abends letzter Nowotný.

Spät kam noch ein Rohrpostbrief aus dem Büro von Tante. Mein W. a. M.-Artikel fand wieder Anklang (Dr. Machwitz ...)


Dienstag, 31. Jänner:

In der Wohnung ist es naßkalt.

Letzte Uni.

Auch die Kälte macht mir nix. Wie immer reizend gelaunt.

Ich schrieb zwei Aphorismen.

Nm. gleich wieder in die Stadt. Im Deuticke-Verlag brachte ich doch einiges um 26.- an. Dann in die Red. NW.: Die neue Nummer der "Neuen Wege" geholt, Abonnement gezahlt, Altes herausgenommen, Neues eingereicht.  Höhepunkt

.

Gattermann Wieland: "Org. Chem." besorgt. Gott sei Dank, daß der im Haus ist.

Den Rest des Abends gelesen.


Fohnsdorfer Katastrophe 4.1.50!
Jänner 1950
Mittwoch, 1. Feber:

Frost, Schnee. Naßkalt i. d. Wohnung.

Zeitig in die Adamsgasse gefahren.

Ein Gedicht "Zeitkrankheit" (Eidechse) geschrieben.

Nm. die Beiträge des Jännerheftes kritisiert.


Donnerstag, 2. Feber:

Draußen wärmer, Schnee.

Spät auf. Totoschein gemacht.

Mit Mama auf die Linzerstraße gegangen.

Daheim war eine Nummer des "Jugendlichen Arbeiters". Mein Artikel "Aktuelles (!!) zum Sch. Schm. Gesetz", den ich vor zwei Jahren schrieb, ist in diesem Feberheft endlich drin.

Ich schrieb einen Brief dorthin und sandte mein Proletengedicht ein.

Nm. Ordnungen.


Freitag, 3. Feber:

Herrliche Schneelandschaft!

Ich dichtete meinem Wunsch folgend eine Erwiderung an Gertrud Sokol in der gleichen Form wie ihr Gedicht "Bitte" im Jännerheft. Nannte es "Seine Antwort", am Schluß aber: "ausgesprochen durch Andreas Okopenko" - zuerst wollte ich schon schreiben "mittels".

Vm. Spaziergang (M.) Steinhofer Mauer.

15h Komitee. Dort ärgerte ich mich über Erika Danneberg, die lieber Goethe als Eluard auf den Weltliteraturseiten der "Neuen Wege" stehen hätte, weil "jeder von uns an ihm ersehen solle, wie man formschön schreibe". Weiters zählt sie sich dank ihrer Verheiratung mit einem gewissen Schriftsteller Hakel nicht zu uns Jungen und findet es wichtiger, uns unter erfahrener Leitung zusammenzustecken, als eine fruchtbare Wechselwirkung durch freien Gedankenaustausch junger Kräfte zu erstreben. Sie ist auch im Übrigen akademisch und irgend lieblos. Selbst ihre kosmet. Präparation wirkt kalt nicht einmal schwül. Jene gräßliche Mischung.

Wir gingen fuchswild auseinander.


Samstag, 4. Feber:

Kalt wie immer!

Ein Nachspiel zur Uni.:

Radiuminstitut besichtigt unter Doz. Broda.

Draußen frostet es barbarisch.

Nach den gestrigen bösen Eindrücken schrieb ich das Wolfslied, das in das Bekenntnis gegen die Formalisten auslief:

Ich will mich wie ein Wolf mit euch zerwerfen!

Tante war da.

Im Toto wieder nichts gewonnen ...


Sonntag, 5. Feber:

Wegen des Schlechtwetters bin ich verschnupft wie eine Schnecke.

Sonntagsverrichtungen Keine Kirche.

Es ließ mir keine Ruhe: ich mußte noch ein zweites Wolfslied niederschreiben. ("Gib deinen Lorbeer für die Hasenbeize").

Nm. Lyrik gelesen.

Nachts aus einer ganz seltsamen Stimmung heraus zwei innere Impressionen geschrieben.

Wie ich es sah, und auf die intensivste Weise niedergeschrieben. Der Raum aus dem Gedicht "Mädchen" hat aus mir herausmüssen.


Montag, 6. Feber:

Draußen etwas wärmer.

Auch Erwärmung angekündigt.

Zeitiger auf.

Interessante W. a. M.

Wendl angerufen. Liesl war sehr freundlich.

Gut gelaunt. Linzerstraße (M.)

Nm. in der Lyrik d. WLit. und eigenen Sachen gelesen.


Dienstag, 7. Feber:

0°!

Früh ein anspruchsloses, nur warm empfundenes Gedichtchen unter dem rein innerlich bedingten Titel "Motala Melodie" geschrieben.

Konsum. Überschreibungen. Spaziergang (M.) Mauer.

Ein rememoriertes Protokoll der Autorentagung geschrieben.

Nm. Friseur.

Tante Fini kam.

Weitere Arbeiten f. d. "Neuen Wege".

Lyrik gelesen.

Es wird immer wärmer. +5°. Die Straße schon schneefrei!


Mittwoch, 8. Feber:

Sonniger Morgen.

Früh gedichtet. Die "Maja Nueva" fiel mir ein auf Grund meiner recht skeptischen Betrachtung (Reproduktionen der) Goyaschen Majabilder. Ich übertrug diese kalte Schönheit in die heutige Zeit.

Spät aufgestanden.

Frühlingsnachmittag! Ich fuhr zum Zahnarzt. Unterwegs eine Begegnung auf der Plattform: ein Paar, tragikomisch in seiner halb gepflogenheitlichen Liebenswürdigkeit od. Zärtlichkeit (?), halb Nüchternheit. Dieser Eindruck hämmerte in drei Versen - - - - -

Bei Wendl wurde ich gleich erledigt. Äußerst angenehme Stimmung. Heimgefahren.

Aber gleich wieder in die Redaktion gefahren. Dort war die Sitzung abgesagt worden. Aber dennoch wurde es ein angeregter Abend im Vorraum. Jeder las seine Gedichte, verschiedene, vor. Ich hörte erstmals surrealistische. Von mir las ich den "Chem. Abend" und die Wolfslieder vor. Er fand, der Kreis und Polakovics, daß dies viel besser sei als was bisher von mir vorliege. Sokol gab das Zeichen zum Abbrechen.

Höhepunkt

Sokol übernahm mein Gedicht an sie und versprach eine Antwort, (die ich nicht forderte).


Donnerstag, 9. Feber:
Mamas Geburtstag.

Frühling, doch etwas trüber; vor allem nm.

Spaziergang (M.) Linzerstraße.

Ein wenig Ordnungen angestellt.

Nm. Bücherordnungen.

Zu Wendl zahlen gefahren.

Weniger schöner Tag als gestern.

Ich fuhr an der Sezession vorüber. Eine geschminkte Chemikerin sprach zu ihrer einfachen Kollegin von Siliciumoxyd. Die war aber abwesend an solch einem Tag. Die dachte woran wohl?

Ich machte über diesen Eindruck, der mir so nahe verständlich ist, | über das Thema (:) derer, die "in der Sache sind", | ein Gedicht.

Noch über Surrealismus geplaudert, Lyrik vorgelesen.


Freitag, 10. Februar:

Schneefall, -2°, aber ganz schön.

Noch im Bett kam es nach dem vorgestrigen Eindruck zum erwarteten Gedicht. Ich nannte es das "Frühlingslied für Infinita Vera", wie Eliot von einem "Liebeslied J. Alfred Prufrocks" sprach, dessen Anfangszeilen ich seinerzeit in der "Neuen Auslese" las. Eliot dürfte ähnliche Anliegen gehabt haben wie ich damit.

Konsum.

Rauchfangkehrer kam zu uns. Ich schrieb meine Gedichte rein.

Spaziergang (M.) Mauer.

Nm. weitere Ordnungen, Überschreibungen.

Die "Lyrik" weggeräumt. Vielleicht wurde es etwas fader.

Ich las noch im lustigen Vortragsbuch

.

Jedenfalls habe ich brennenden Wunsch nach einem geliebten Mädchen immer.


Samstag, 11. Feber:

+4° früh. Der Ofen raucht furchtbar. Trüb, aber warm.

Mittag +11°!! Aber trüb, feucht.

Heute wieder zeitiger auf.

P-Überschreibungen und -Ordnung.

Tante ist krank, Onkel kam, brachte einen Dauerbrandofen und einen Schreibtischstuhl. Den alten im Anschluß zusammengehaut.

Psychiatrisches Buch gelesen.

Radio-Kabarett - so dumm - angehört.

Erst spät Licht gemacht, wie jetzt meist ...

Auch noch Zeichenversuche. Sonst aber nichts. - - -


Sonntag, 12. Feber:

Etwas kälter als gestern.

Nachmittag kam Schönwetter auf, später aber wieder finster, regnerisch. Im allgemeinen wärmer.

Zeitiger auf.

Schon an Ebert gedacht.

Sonntagsverrichtungen Kirche.

Tagebuch, wenig.

Ältere Nummern der "NW" gelesen.

WB kam.

Im Toto nichts gewonnen.

Im Bett abends schrieb ich mehrere Gedichte, Vierzeiler bissigster Art aus dem Stegreif. "Aus des Teufels biederem Wörterbuch (meinen "Freunden", den Bürgern, gewidmet)".


Tagebuch:

vom ..... Donnerstag, 5. Jänner

bis .... Sonntag, 12. Feber

1950

Donnerstag, 5. Jänner 1950:

Prachtvoller Sonnenaufgang.

Eine dünne Schichte festen Schnees
liegt auf glattem Boden, schwache
Nachahmung eines Winters. -3°.

Heute stand ich etwas später auf.
Las die weitere Fortsetzung des Sauter-
Romans, der deutlich moderne psycho-
logische Farbe trägt! Es macht sich
aber ausgezeichnet.

Weg auf die Linzerstraße (M.).
Zeitig wieder daheim.

Ich schone mich überraschend,
bemerkte ich spaßhaft: denn das
ganze neue Jahr noch nichts
gedichtet. Einzig die Chemie gelernt.
Im ganz geheimen schiele ich zum
Lustspiel hin, das aber ganz anders
gemacht werden muß als bisher,
d.h. überhaupt nicht "gemacht"!
So werde ich warten, und wenn
es noch Jahre dauert, denn diesen
Trumpf gebe ich diesmal nicht
aus der Hand. Der "Dichter" in
meinem Innern liefert sich nicht
- wie es gelegentlich sonst seine Art ist -
an den Stümper in meinen
Exekutivorganen aus.

Tagebuch>.

Einige Reparaturen.

Nm. Weitere acht Seiten gelernt.

Den Christbaum abgeräumt und zerlegt.
Nette Lieder im Radio. Konsum.

Schneefall! Lyrik gelesen. Gedichtet.


Freitag, 6. Jänner:

Anerkannter Feiertag zum ersten Mal.
(Dreikönigstag).

Früh zerrann der über Nacht gefallene
Schneezauber. +3°! Wechselnd wolkig.
Ein zum Teil stierer Märztag.

Kirche. Reinschriften.

Interessante literarische Rundschau
im Radio.

Sch. Fl.

Nm. Lyrik und über ausländische
Literaturen gelesen. Tagebuch.

Es sind diese Tage eigentlich nur
die Vortage der großen Chemieprüfung.
Trotzdem - ob sie es sollen oder nicht -
haben sie einen gewissen auch eigenen
Sinn.

Das weiß ich: wenn ich einmal
schon meine konkrete Pflicht im chemischen Beruf ausübe, wird es ein Paradies
für mein Inneres sein, das jetzt
zumindest das Fegefeuer mitmachen
muß in der haarspaltenden
Theorie. Freilich erkenne ich die
Wichtigkeit der theoretischen Kenntnisse
an, aber die reine Theorie als
Lebensgewässer werde ich niemals
akzeptieren können. Vielleicht muß
man um Chemiker zu sein ein
Evangelium des Massenwirkungs-
gesetzes (u.s.f.) in sich tragen,
aber ich kann das nicht. Ich werde
solange ich in einer Aufgabe stehe
voll meine Aufmerksamkeit ihr
schenken, nicht aber mein Leben
einem Prinzip der Materie und
Ratio.

8 S. gelernt (viel gerechnet). Anschließend
gemütlichen Abend verbracht.


Samstag, 7. Jänner:

Wetter wie gestern.

S. Verr.

Lang im Konsum angestellt ums Fleisch.

Vm. die neue "N2O" geschrieben, diesmal
nichts Gedichtetes drin. Faschingsnummer
(8)
im Zeichen des Vogels.

Noch ein Konsumweg.

Nm. Tagebuch.    Noch gelesen.

Sechs Seiten Chemie gelernt.

Wieder ein gemütlicher Abend.


Sonntag, 8. Jänner:

Ziemlich warm.

Kirche.

Radiosendungen äußerst geistlos (ich meine
die Kabaretts).

Resl-Vortragsbuch und Psychologie gelesen,
Radio Literarische Rundschau gehört.

Nm. das Gali-Material zu Ende gelernt,
noch gerechnet.

Tante kam, geplaudert, psych. Tricks
ausprobiert. Recht gemütlich.

"Fideles Brettl" (wie geistlos!) gehört,
Statistik über die dortigen Witzlosigkeiten
geführt. An 1. Stelle steht der
"Weiberhaß" mit 5 Nennungen, an 2. Stelle (3 N.)
Suff, Jodler, Leck mich im Arsch; an 3. Stelle
endlich Staatsvertrag, Fensterln.

Im Toto nichts gewonnen. (5/4).
Obwohl ich sehr sicher diesmal war.

Lyrik gelesen. Ziemlich zeitig
niedergelegt.

Morgen beginnt die Uni wieder.
Nun, soll's sein. Moloch, sollst
mich haben.

Es ist vor allem eine
gute Bereitschaft in mir: es kann
d'r nix g'schehn -


Montag, 9. Jänner:

Wieder warm. Lauer windiger
Morgen, die Krähen schreien,
als ob's ein Föhntag im März
wäre.

1. Uni-Tag.

Wohl ausgeglichen aufgestanden. Nach den
Frühverrichtungen und dem Lesen der
stets interessanten "Welt am Montag" fand
ich noch Zeit fürs Tagebuch.

Ich will mich bei Gali anmelden,
Mama weiß noch nichts davon!

Schwungvoll ging ich den ersten Tag
im Institut an. Die zwei langen
Vorlesungen, in die Rahlgasse
um die Streckenkarte (Marke drauf)
gefahren, Ehrenhaft auf der Asiatenstiege erwartet, umsonst, er liest
erst Mittwoch wieder. Sch. Schm.-Konzept.

Hutterer die Galiskripten
zurückgegeben, sie brachte meinen
Ebert zurück.     N2O VII der Zuber,
N2O VIII dem Saal übergeben.
Zuber ließ die Arbeit stehen und
lief sofort zu den Quantitativen,
um die neue Nummer zu sehen.

Beim überaus freundlichen
Gali zur Prüfung wieder angemeldet.
Nächste Woche. Ich bin sorglos.

Ebert, heimgefahren.

Nm. gemütlich. Bald wieder
in die Nowotnývorlesung gefahren.
Der Himmel war blau, die Sonne
schien warm herunter, hinten der
Kahlenberg in der Ferne -

Fühle mich zu Haus,
Lache ,

Dienstag, 10. Jänner:

Eine Frühvorlesung,

heimgekommen über das Schund- und
Schmutzgesetz
zu schreiben versucht.

Mittagsvorlesung, auch nur eine.
(Ebert).

Nm. verschob ich die Stellung-
nahme zum Sch./Schm.
auf die
nächste Woche.

Abendvorlesung (Nowotný), die fast
lustig geriet.

Die Stimmung war immer noch
genug erfreulich.


Mittwoch, 11. Jänner:

Über Nacht liegt hoher Schnee.
Zum ersten Mal in diesem Winter
ein "echtes" Landschaftsbild.

Nur die zwei Mittagsvorlesungen.
Bei Gali fällt alles durch!

Nm. versuchte ich, die
"Himbeerrote", die mir immer vor Augen
schwebt, auf Papier zu bringen.
Weiters zeichnerische Experimente
surrealer Art.

Ab. "Das Geheimnis der roten
Katze
", einen deutschen Lustspielfilm
angesehen. Die Pinguinszene reizend,
Rühmann und Hauff routiniert
und wenig aufregend, die Pülcher belustigten mich in ihren Szenen.
Die Idee in deutscher Brettlmanier
(freilich schwacher Abglanz der
tatsächlichen Möglichkeiten).

Ich wünschte so sehr, das
Lustspiel um "Goldringels au"
so gestalten zu können, wie es
seine innere Ahnung in mir
erwarten läßt.


Donnerstag, 12. Jänner:

Schnee wie gestern, auch neuer.

Früh und auf der Straßenbahn
viele Ideen, auch wieder eine
E-Analyse.

Zu Tante ins Büro. Papa-Briefe!

Später heimgekommen. Nur
wenig Zeit zu eigener Verfügung.

Rohracher Vorlesung. Gab Pallas
das BM. zum lesen, er lobte
Frankl.

Lange Straßenbahnstörung wegen
des Schneefalls.

Es ist eine Klarheit - draußen
und in mir.


Abschrift der auf der Asiatenstiege gemachten
Notizen:
Do 11,00
Gali Prüfung

Fr 13 1 50 erfuhr ich das. Wenn ich nicht bestehe,
wird die Prüfung sofort bei Wessely fortgesetzt.
Ich sehe mich schon jetzt auf diesem schweren
Gang. Man kann kaum mehr glauben, dass man bei
Gali durchkommen kann, vor allem, wo erst gestern
wieder eine ganze Reihe geflogen sind. Den Lebens-
mut habe ich nicht verloren, gibt es doch noch
andere Möglichkeiten zu leben denn als Chemiker.
Nur der Uebergang sollte schon vollzogen sein.
Und mir die Möglichkeit gegeben, in einen Beruf
einzutreten, wo man redlich vorwärtskommen kann,
zu einem Verdiesnst, mit dem ich meine Eltern und
später eine Familie erhalten kann. Einen höheren
Sinn hätte ich ja dann noch immer in der Schrift-
stellerei. Ich denke an Villon und all die
unzähligen anderen Vagabunden unter den Dichtern, die
trotzdem gelebt und geschaffen haben.

Was gäbe ich um eine Chance, irgendwo als
Journalist angenommen zu werden! Das soll nicht
heissen, ich gäbe die chemische Forscherlust
verloren, aber bis man dorthin gelangt, wird soviel
Nebensächliches von mir verlangt, dass ich sogar
bereit wäre, nur einer meiner Berufungen einstweilen
nachzukommen: der kulturellen. Vielleicht dass ich
später einmal irgendwie doch zu meiner wissen-
schaftlichen Betätigung finden könnte? Oder dass
ich derart viel zu tun bekäme kulturell, dass mir
die Chemie später gar nicht mehr abginge. Aber bis
dahin! Was gäbe ich um eine gesicherte noch so
kleine Position, die aber mir noch mMöglichkeiten
böte! - - -

Ich werde alles daransetzen, dass ich diese Prüfung
bestehe. Vor der nächstfolgenden /Kuffner-/ Prüfung
hätte ich dann nicht die geringste Angst. Organische
Chemie ist mir noch immer gelegen. - - - - - - - -


Freitag, 13. Jänner:

Das Wetter hält sich.

Frühvorlesungen.

Anschließend bei Gali endgültig
zur Prüfung gemeldet. Er war immer
noch - nicht unfreundlich.

Gewartet und die Zeit bei den
Kollegen verbracht. Springer.

Mittagsvorlesung (Ebert).
Heimgefahren.

Daheim lag die Einladung zur
Tagung vor.

Rohrachervorlesung leb mac
gik kaul riz mip nupf raf
tex lik. (Die "sinnlosen Silben"
Ebbinghaus'). Wieder Störung.
Rohscheiben.        


Samstag, 14. Jänner:

Kalt. Gegen abends Erwärmung.

Rad. Praktikum. Es beglückt
mich, ins Räderwerk der äußersten
Forschung zu sehen. Wenn ich
doch - sprechen wir von
etwas anderem; ich bin ja
mit allem zufrieden, und die
gelegentlichen Sorgen sind rein
kurzfristiger Natur. Nie daß
ich lebensunlustig oder auch
nur persönlich hoffnungslos
wäre.

Nm. versuchte uns Tante traurig
zu stimmen. Ich erklärte ihr
primitivste Absätze der Chemie.
Sie findet selbst diese an der Grenze des Verständlichen.

Fl.-Kino "Wie ein Dieb in der Nacht"
ein recht netter Durchschnittsflachfilm
aus einer besseren Filmzeit.

.

Drei von vier Tototips in beiden
Kolonnen erraten. Ob's so weiter-
geht? Vielleicht doch mal ein
Gewinn?


Sonntag, 15. Jänner:

Tauwetter, trüb, +3° früh.

Später auf.    SVerr.

Kirche 9h.

Ordnungen. Viel, auch mit
Kohle, gezeichnet.

Nette, wenn auch uns
unbetreffende, Radiosendungen.

Nm. Unterhalten. Tagebuch.

Film und Radio sind zu sehr
technisiert. Inhalt, Ausdrucksmethode
(= Form). Letztere verlockend freilich.
Dennoch darf sich die nicht
vom Inhalt selbständig machen.
Genugtuung für die Hollywooder ratio-stupid-Kunst: Publikum
sagt meist "so a Bleedsinn".
Ganzer Erfolg. Ein Stab von
Gleichgesinnten müßte sich des
Films bemächtigen. Das Publikum
frißt, freilich!, auch Stroh, aber
weil nichts besseres da ist -
nein: da ist es, aber es wird
nicht vorgelassen.

Wann kommt die Möglichkeit?
Erst im Sowjetstaat?

Tagebuch.    Toto erwartet. Die saudumme
Sendung vom "Kabinett der kleinen
Dinge
" angehört.

Lyrik der Weltliteratur selbst
und vorgelesen mit diesmal
beträchtlichem Gefallen. - Toto: nichts.
(7 u. 8).


Montag, 16. Jänner:
BEGINN d. AUTORENTAGUNG

Vm. auf der Uni.

Mittag schon heim. Ich werde heute und
morgen nicht zu Nowotný gehen.

Schriften für die Tagung hergerichtet.
Um 17h in die Redaktion gekommen.
Dort war noch niemand. Im beleuchteten
Vorraum gewartet. Dann kam ein
Mädchen: ruhig, sonnig, lustig - und
in ihrer Art fest, etwas fraulich wie
manche jungen Mädchen aus der Provinz.
(Sieglinde Kaipr, eine relativ neue Mit-
arbeiterin der "Neuen Wege"). Ihr hat
mein "Prolog" sehr gefallen.

Dann kamen weitere Autoren: ein
Mädchen, klein, weich und ruhig (weiß
nicht, welche das ist). Ein hochgewachsener
ernster Mann mit geistigen Zügen und
unerhörter Energie, ein Rebell
(Fr. Polakovics). Toman, die Müller, Danneberg
kamen nicht. Ich war einer der wenigen
die auf Polakovics' Liste standen.

Nun gingen wir ins Redaktionszimmer.
Dr. Häußler war zu uns sehr liebenswürdig.
Geheizt war es auch.

Dr. Häußler eröffnete die Tagung.

Die selbst war höchst anregend.

Polakovics schlug auf den morschen Tisch, daß sich die Holzwürmer verkrochen
und die Geister der Hofräte erbleichten.

Briggi erschien auch, in ihrem
abendlichen Make up.

Altmann erhob sich und forderte
die Gleichberechtigung der surrealistischen
Kunst.

Kaipr und Weißenborn riefen, als
Altmann von der "führenden Kunst-
richtung des Surrealismus" sprach,
im Chor "Ho ...! Ho ...!"

Ein kerniger kleingewachsener Bursch
(O. ScherzErnstbrunner) forderte die Einbeziehung
des ländlichen sowie des Arbeiter-
Kreises!

Jeder soll bis morgen fünf Gedichte
nennen, die ihm am meisten
zugesagt haben (Jänner- bis Dez.-Heft 1949).
Ferner Themen.

Ich werde Genaueres über diese Tagung
später aufschreiben. Auch werden die
"Neuen Wege" umfangreiche Berichte
bringen.


Dienstag, 17. Jänner:
2. TAG d. AUTORENTAGG.

Tauwetter.

Vm. auf der Uni. angenehme Stimmung,
ganz zuversichtlich der Prüfung übermorgen
entgegensehend. Prof. Ehrenhaft, der
Unübertreffliche, hält eine Fest"vorlesung"
zum 100-jähr. Bestand des phys. Inst.

Nm. mich auf den zweiten Tag der
Autorentagung vorzubereitet.

17h bis 21h wie gestern die Tagung.
Neue gestern nicht Dagewesene kamen
heute dazu. Eine Stimmung ganz
vom Aufgehen in unsere Aufgaben
bestimmt. Dr. Häußler, unersetzlich
für unser Gedeihen, hält uns zusammen.

Ich wurde ins Komitee gewählt,
mein "Prolog" u.a. waren unter den Meistgenannten.

Lernte interessante Menschen kennen.
Wimmer, Stenzl ...

Das lustigste Erlebnis dieser Tage
war Briggis Äußerung, ich gehe zu
sehr dem Düsteren aus dem Wege
und damit den Problemen. Ich
stehe gleichsam am anderen Ufer,
und mir fehle das Zusammenerleben
mit denen, die innerlich gefährdet
zu ringen haben. (Vergleich mit
Merinskys Kritik vom vorigen Sommer,
die mir Arges aufzulösen gab: ich
müsse das Düstere überwinden,
aus dem Schlamm der Zeit herausfinden
und das zweifellos immer noch bestehen-
de Schöne beschreiben).

Der Witz ist fertig, diesmal ohne
mein Zutun.


Mittwoch, 18. Jänner:
ABSCHLUSZ d. AUTORENTAGUNG

Wegen der fehlenden Frühvorlesungen
konnte ich später aufstehen.
Konsum, Ordnungen, Z.

Mittags Ehrenhaft und Ebert.

Nm. vorbereitet auf die Generaldebatte.
17 Uhr Vorbesprechung im Redaktionszimmer.
Ich schlug vor, den Untertitel der
"Neuen Wege" zu ändern: Statt
"Kulturzeitschrift für junge Menschen"
"Kulturzeitschrift junger Menschen".
Der Vorschlag wurde begeistert angenommen.

Auch von der (um 18 Uhr beginnenden)
Vollversammlung.

Heute lernte ich die enttäuschende
Hülle inniger Inhalte kennen:
Gertrud Sokol, Angela Müller -
innen Dichter außen Stars, als ob
Kunst eine Art Luderei wäre und keine Stimme des Gemüts als die aus
parfumierten verdrehten Gesichtern.
Sokol nahm neben mir Platz, ich trat
den Platz aber bald an ihre Freundin
ab, die mit ihr plauderte, und
setzte mich lieber neben Sieglinde Kaipr.

Alle Vorschläge, darunter auch der von
mir gleich zu Beginn vorgetragene,
wurden einstimmig angenommen.

Donnerstag, 26. d., halten Polakovics
und ich eine Vorbesprechung für die
Arbeit unseres Komitees ab.

Die Tagung war sehr fruchtbar. Weiteres
wo anders und in den kommenden Heften
der Zeitschrift.


Donnerstag, 19. Jänner:
GALI PRÜFUNG!

Die Prüfung bei Galinowski
bestanden! Moralpredigt seinerseits,
rührende Schlußrede meinerseits und
ein Händedruck beendeten das
quantitative Martyrium, das
- gestehen wir's offen - eine schöne
Zeit war.

Freilich nach all dem und
der Gratulation anteilnehmender
ebenso hysterischer Jungfrauen
(Milan) war ich etwas lädiert.
Gott sei Dank, daß es vorüber
ist. Diesmal trat ich regelrecht
sicher an. Jetzt kann ich's ja
sagen.

Morgen melde ich mich gleich
bei Doz. Kuffner (Organische) an.

Gedanken über den miserablen
Formalismus gemacht.

"Ach, ich grüße den Sack ..."


Freitag, 20. Jänner:

.

Vm. für Kuffner angemeldet.

.

Nm. las ich verschiedene meiner
Gedichte vor.

Letzte Rohrachervorlesung.

Alles mögliche zusammengeschrieben
im Kampf gegen den Formalismus.

Vm.: Entgegnung 1., 2.

Ab.: Sack fertig. "Einem Wortschleifer".
u.a.

Ein Wiederaufstieg meines Ausdrucks
ist nach der Krise des letzten Halbjahres
glaube ich angebrochen.


Samstag, 21. Jänner:

Vm. Radioaktives Praktikum.

Nm. für organ. Chemie gelernt,
ziemlich diffus. Tante kam, wir
freuten uns alle miteinander,
nicht zuletzt über Gali.

Als ich aufhörte zu lernen
und "Lyrik d. WL" auspackte
wurde es sogar richtig gemütlich.

Im Volksblatt ein bürgerlicher
Artikel, der nach einer weniger
bürgerlichen Entgegnung schreit.


Sonntag, 22. Jänner:
blau, schöne Winter-
landschaft.    -5°.

Später aufgestanden.

Sonntagsverrichtungen, Kirche.

Ordnungen.

Aus einer Kontrast-Stimmung heraus
schrieb ich ein mir notwendiges Sommer-
gedicht
. Es darf nicht stören, daß
Linden vorkommen, bei uns gibt's
im Sommer wirklich welche.

(Das heißt, im Winter sicherlich auch,
aber riechen tun sie erst im Sommer.
Das ein Realist den Realisten.)

Beim Winterspaziergang sah ich
unter vielen Schifahrern um die
Steinhofer Mauer die wasserstoffblonde
"Edith", wie ich sie im phant. nenne.
Gleich zweimal. Freilich ihre "Gosche"
ist rot bemalt, daß der Wintertag
nicht gar zu natürlich wird.

Gelernt, dabei die Kindersendung
im Radio angehört. 'S gibt Inter-
essanteres auf der Welt. Auch
als das anschließende "Fidele Brettl",
dessen Struktur hier gegeben sei:

"Weiberhaß" 3 + Serie
2 + Serie
1 + Serie
"Männerhaß" 2 + Serie
Weinseligkeit 2 + Serie
1 + Serie
Staatsvertrag 2

Götzzitat wie immer 1 mal

Jodel, Fensterln und "Stier" fielen heute
aus.

Sonst ganz schönes Radio.

Toto wieder nichts.


Montag, 23. Jänner:

-13°.

Sehr angenehmer Tag.

Morgen Kuffner. Letzte volle Uni-Woche.


Dienstag, 24. Jänner:

Zur Kuffnerprüfung früh gefahren.
Kuffner hat keine Komplexe und ist
ruhig, nett und freundlich.
Ohne weiters bestanden!

Viel im Organischen geschnüffelt.
Nächste Prüfung ist dann Ebert.

Nm. begeistert alles Lernmaterial
fortgeräumt.


Mittwoch, 25. Jänner:

Später aufgestanden.

Konsum.

Zwei Artikel zum Jugendproblem
geschrieben: endlich den Schund u.
Schmutz-Artikel
sowie den
gegen das Volksblatt. Gleich
nm. aufgegeben.

Nur die Mittagsvorlesungen.

Abends die gefangene u.
getötete Maus aus unserm Backrohr
in einem verrückten Gedicht
verewigt ("Zehn Sekunden
Unterbewußtsein
"). Der Traum
vom Fabrikshof mit der eisen-
schmelze-führenden Röhre unter
einem Hügel, auf dem nicht gut
zu sitzen ist, stammt aus dem Jahre 1944 (Kämmchen, KLV-Lager),
als ich Masern hatte und allein
in einem kleinen Zimmer lag.


26 1 50 abends: Im Dunkeln notiert: 1) Erinnerungen 2) Fluida im engsten Sinn:
Schönbrunner Einsatz,
Luftlagetabelle, Raketenver-
suche, Park Sommer 1945 .
Engeland Retorte u. Kolben. 3)

Assoziationen:

"Beim Kegelspiel, Kekomika,
dann möchte ..."

4) Feststellung: Im Bett
vor dem Einschlafen, gut
fremde Redeweisen
nachbildbar; sie kommen
einem leicht, Hemmungen
der Vorstellung zum
größten Teil weggehoben.
Günstiges Gebiet für
echte Schriftstellerei und
psychologische Beobachtungen
Wiedergabe (Heraufholung)
von Erinnerungen,
Gesichtern ...

Donnerstag, 26. Jänner:

Vm. von der Uni weg direkt in
die Komiteesitzung auf Zimmer 13
der "NW" gefahren. Siehe Bericht.
Eisenreich meint, uns fehlen
Essayisten. Ich wurde als Lektor
für Kulturpolitik im Komitee
eingesetzt.

Kein Rohracher mehr.

Ich begann die N2O IX.
zu machen.
Sie soll wie geplant den Titel
"Entartete Kunst" führen.


Freitag, 27. Jänner:

Im Phys. Institut, wo ich meine
Freizeit verbrachte, hielt ich scharfe
Abrechnung mit der formalist. Kunst
und der bürgerlichen Moral.

Nach Ebert in die PHG.

Nm. fleißig die Juxzeitung
weitergemacht.


Samstag, 28. Jänner:

Wie immer eisiges Wetter.

Letztes Rad.-Praktikum.

Konsumweg.

Nm., während Tante da war,
stellte ich die N2O IX. f  ertig.

Las Tante neben dieser noch
andere meiner Sachen vor.


Sonntag, 29. Jänner:

Unter -10°.

Sonntagsverrichtungen

Es ist angenehm. Ich fühle mich
so frei!

Kirche.

Radio interessant wie um die Zeit
immer.

Nichts Wesentliches geleistet.

Ab. Lyrik gelesen.


Montag, 30. Jänner:

Ein angenehmer Tag!

Abends letzter Nowotný.

Spät kam noch ein Rohrpostbrief
aus dem Büro von Tante. Mein
W. a. M.-Artikel fand wieder Anklang
(Dr. Machwitz ...)


Dienstag, 31. Jänner:

In der Wohnung ist es naßkalt.

Letzte Uni.

Auch die Kälte macht mir nix.
Wie immer reizend gelaunt.

Ich schrieb zwei Aphorismen.

Nm. gleich wieder in die Stadt.
Im Deuticke-Verlag brachte ich doch
einiges um 26.- an. Dann in
die Red. NW.: Die neue Nummer
der "Neuen Wege" geholt, Abonnement
gezahlt, Altes herausgenommen,
Neues eingereicht.        Höhepunkt

.

Gattermann Wieland: "Org. Chem."
besorgt. Gott sei Dank, daß der
im Haus ist.

Den Rest des Abends gelesen.


Fohnsdorfer
Katastrophe
4.1.50!
Jänner 1950
Mittwoch, 1. Feber:

Frost, Schnee. Naßkalt i. d. Wohnung.

Zeitig in die Adamsgasse gefahren.

Ein Gedicht "Zeitkrankheit"
(Eidechse) geschrieben.

Nm. die Beiträge des Jännerheftes
kritisiert.


Donnerstag, 2. Feber:

Draußen wärmer, Schnee.

Spät auf. Totoschein gemacht.

Mit Mama auf die Linzerstraße
gegangen.

Daheim war eine Nummer
des "Jugendlichen Arbeiters". Mein
Artikel "Aktuelles (!!) zum Sch. Schm. Gesetz",
den ich vor zwei Jahren schrieb,
ist in diesem Feberheft endlich
drin.

Ich schrieb einen Brief dorthin
und sandte mein Proletengedicht
ein.

Nm. Ordnungen.


Freitag, 3. Feber:

Herrliche Schneelandschaft!

Ich dichtete meinem Wunsch
folgend eine Erwiderung an Gertrud
Sokol
in der gleichen Form wie ihr
Gedicht "Bitte" im Jännerheft.
Nannte es "Seine Antwort", am
Schluß aber: "ausgesprochen durch
Andreas Okopenko" - zuerst wollte
ich schon schreiben "mittels".

Vm. Spaziergang (M.) Steinhofer
Mauer
.

15h Komitee. Dort ärgerte ich
mich o über Erika Danneberg, die
lieber Goethe als Eluard auf den
Weltliteraturseiten der "Neuen Wege"
stehen hätte, weil "jeder von uns
an ihm ersehen solle, wie man
formschön schreibe". Weiters zählt sie sich dank ihrer Verheiratung
mit einem gewissen Schriftsteller
Hakel nicht zu uns Jungen
und findet es wichtiger, uns
unter erfahrener Leitung zusammen-
zustecken, als eine fruchtbare
Wechselwirkung durch freien
Gedankenaustausch junger Kräfte
zu erstreben. Sie ist auch im
Übrigen akademisch und
irgend lieblos. Selbst ihre
kosmet. Präparation wirkt kalt
nicht einmal schwül. Jene
gräßliche Mischung.

Wir gingen fuchswild
auseinander.


Samstag, 4. Feber:

Kalt wie immer!

Ein Nachspiel zur Uni.:

Radiuminstitut besichtigt
unter Doz. Broda.

Draußen frostet es barbarisch.

Nach einer den gestrigen
bösen Eindrücken schrieb ich
das Wolfslied, das in deas
Bekenntnis gegen die Formalisten
auslief:

Ich will mich wie ein Wolf
mit euch zerwerfen!

Tante war da.

Im Toto wieder nichts gewonnen ...


Sonntag, 5. Feber:

Wegen des Schlechtwetters bin ich
verschnupft wie eine Schnecke.

Sonntagsverrichtungen Keine Kirche.

Es ließ mir keine Ruhe: ich mußte
noch ein zweites Wolfslied
niederschreiben. ("Gib deinen Lorbeer
für die Hasenbeize"). gib

Nm. Lyrik gelesen.

Nachts aus einer ganz seltsamen
Stimmung heraus zwei innere
Impressionen geschrieben.

Wie ich es sah, Wo und auf die
intensivste Weise niedergeschrieben.
Der Raum aus dem Gedicht
"Mädchen" hat aus mir
herausmüssen.


Montag, 6. Feber:

Draußen etwas wärmer.

Auch Erwärmung angekündigt.

Zeitiger auf.

Interessante W. a. M.

Wendl angerufen. Liesl war sehr freundlich.

Gut gelaunt. Linzerstraße (M.)

Nm. in der Lyrik d. WLit. und
eigenen Sachen gelesen.


Dienstag, 7. Feber:

0°!

Früh ein anspruchsloses, nur warm
empfundenes Gedichtchen unter
dem rein innerlich bedingten
Titel "Motala Melodie" geschrieben.

Konsum. Überschreibungen.
Spaziergang (M.) Mauer.

Ein rememoriertes Protokoll der
Autorentagung
geschrieben.

Nm. Friseur.

Tante Fini kam.

Weitere Arbeiten f. d. "Neuen Wege".

Lyrik gelesen.

Es wird immer wärmer. +5°.
Die Straße schon schneefrei!


Mittwoch, 8. Feber:

Sonniger Morgen.

Früh gedichtet. Die "Maja Nueva"
fiel mir ein auf Grund meiner
recht skeptischen Betrachtung der von
(Reproduktionen der) Goyaschen
Majabilder. Ich übertrug diese
kalte Schönheit in die heutige Zeit.

Spät aufgestanden.

Frühlingsnachmittag! Ich fuhr
zum Zahnarzt. Unterwegs eine
Begegnung auf der Plattform:
ein Paar, tragikomisch in seiner
halb gepflogenheitlichen Liebens-
würdigkeit od. Zärtlichkeit (?),
halb Nüchternheit. Dieser Eindruck
hämmerte in vierdrei Versen - - - - -

Bei Wendl wurde ich gleich
erledigt. Äußerst angenehme
Stimmung. Heimgefahren.

Aber gleich wieder in die Redaktion
gefahren. Dort war die Sitzung
abgesagt worden. Aber dennoch
wurde es ein angeregter Abend
im Vorraum. Jeder las seine
Gedichte, verschiedene, vor.
Ich hörte erstmals surrealistische.
Von mir las ich den "Chem. Abend"
und die Wolfslieder vor. Er fand,
der Kreis und Polakovics, daß
dies viel besser sei als was bisher
von mir vorliege. Sokol gab
das Zeichen zum Abbrechen.

Höhepunkt

Sokol übernahm mein Gedicht an sie
und versprach eine Antwort, (die
ich nicht forderte).


Donnerstag, 9. Feber:
Mamas Geburtstag.

Frühling, doch etwas trüber; vor allem nm.

Spaziergang (M.) Linzerstraße.

Ein wenig Ordnungen angestellt.

Nm. Bücherordnungen.

Zu Wendl zahlen gefahren.

Weniger Sschöner Tag als gestern.

Ich fuhr an der Sezession vorüber.
Eine geschminkte Chemikerin sprach
zu ihrer einfachen Kollegin von
Siliciumoxyd. Die war aber
abwesend an solch einem Tag.
Die dachte woran   wohl?

Ich machte über diesen Eindruck,
der mir so nahe verständlich
ist, | über das Thema (:) derer, die
"in der Sache sind", | ein
Gedicht.

Noch über Surrealismus geplaudert,
Lyrik vorgelesen.


Freitag, 10. Februar:

Schneefall, -2°, aber ganz schön.

Noch im Bett kam es nach dem
vorgestrigen Eindruck zum erwarteten
Gedicht. Ich nannte es das
"Frühlingslied für Infinita Vera",
wie Eliot von einem "Liebeslied
J. Alfred Prufrocks
" sprach, dessen
Anfangszeilen ich seinerzeit in
der "Neuen Auslese" las. Eliot
dürfte ähnliche Anliegen gehabt
haben wie ich damit.

Konsum.

Rauchfangkehrer kam zu uns.
Ich schrieb meine Gedichte rein.

Spaziergang (M.) Mauer.

Nm. weitere Ordnungen,
Überschreibungen.

Die "Lyrik" weggeräumt. Vielleicht
wurde es etwas fader.

Ich las noch im lustigen Vortragsbuch

.

Jedenfalls habe ich brennenden Wunsch
nach einem geliebten Mädchen
immer.


Samstag, 11. Feber:

+4° früh. Der Ofen raucht furchtbar.
Trüb, aber warm.

Mittag +11°!! Aber trüb, feucht.

Heute wieder zeitiger auf.

P-Überschreibungen und -Ordnung.

Tante ist krank, Onkel kam,
brachte einen Dauerbrandofen
und einen Schreibtischstuhl.
Den alten im Anschluß zusammen-
gehaut.

Psychiatrisches Buch gelesen.

Radio-Kabarett - so dumm -
angehört.

Erst spät Licht gemacht, wie
jetzt meist ...

Auch noch Zeichenversuche.
Sonst aber nichts. - - -


Sonntag, 12. Feber:

Etwas kälter als gestern.

Nachmittag kam Schönwetter auf, später
aber wieder finster, regnerisch. Im
allgemeinen wärmer.

Zeitiger auf.

Schon an Ebert gedacht.

Sonntagsverrichtungen Kirche.

Tagebuch, wenig.

Ältere Nummern der "NW" gelesen.

WB kam.

Im Toto nichts gewonnen.

Im Bett abends schrieb ich
mehrere Gedichte, Vierzeiler
bissigster Art aus dem Stegreif.
"Aus des Teufels biederem
Wörterbuch
(meinen "Freunden",
den Bürgern, gewidmet)".


Laden...
Tagebuch:

vom ..... Donnerstag, 5. Jänner

bis .... Sonntag, 12. Feber

1950

Donnerstag, 5. Jänner 1950:

Prachtvoller Sonnenaufgang.

Eine dünne Schichte festen Schnees liegt auf glattem Boden, schwache Nachahmung eines Winters. -3°.

Heute stand ich etwas später auf. Las die weitere Fortsetzung des Sauter Romans, der deutlich moderne psychologische Farbe trägt! Es macht sich aber ausgezeichnet.

Weg auf die Linzerstraße (M.). Zeitig wieder daheim.

Ich schone mich überraschend, bemerkte ich spaßhaft: denn das ganze neue Jahr noch nichts gedichtet. Einzig die Chemie gelernt. Im ganz geheimen schiele ich zum Lustspiel hin, das aber ganz anders gemacht werden muß als bisher, d.h. überhaupt nicht "gemacht"! So werde ich warten, und wenn es noch Jahre dauert, denn diesen Trumpf gebe ich diesmal nicht aus der Hand. Der "Dichter" in meinem Innern liefert sich nicht - wie es gelegentlich sonst seine Art ist - an den Stümper in meinen Exekutivorganen aus.

Tagebuch>.

Einige Reparaturen.

Nm. Weitere acht Seiten gelernt.

Den Christbaum abgeräumt und zerlegt. Nette Lieder im Radio. Konsum.

Schneefall! Lyrik gelesen. Gedichtet.


Freitag, 6. Jänner:

Anerkannter Feiertag zum ersten Mal. (Dreikönigstag).

Früh zerrann der über Nacht gefallene Schneezauber. +3°! Wechselnd wolkig. Ein zum Teil stierer Märztag.

Kirche. Reinschriften.

Interessante literarische Rundschau im Radio.

Sch. Fl.

Nm. Lyrik und über ausländische Literaturen gelesen. Tagebuch.

Es sind diese Tage eigentlich nur die Vortage der großen Chemieprüfung. Trotzdem - ob sie es sollen oder nicht - haben sie einen gewissen auch eigenen Sinn.

Das weiß ich: wenn ich einmal schon meine konkrete Pflicht im chemischen Beruf ausübe, wird es ein Paradies für mein Inneres sein, das jetzt zumindest das Fegefeuer mitmachen muß in der haarspaltenden Theorie. Freilich erkenne ich die Wichtigkeit der theoretischen Kenntnisse an, aber die reine Theorie als Lebensgewässer werde ich niemals akzeptieren können. Vielleicht muß man um Chemiker zu sein ein Evangelium des Massenwirkungsgesetzes (u.s.f.) in sich tragen, aber ich kann das nicht. Ich werde solange ich in einer Aufgabe stehe voll meine Aufmerksamkeit ihr schenken, nicht aber mein Leben einem Prinzip der Materie und Ratio.

8 S. gelernt (viel gerechnet). Anschließend gemütlichen Abend verbracht.


Samstag, 7. Jänner:

Wetter wie gestern.

S. Verr.

Lang im Konsum angestellt ums Fleisch.

Vm. die neue "N2O" geschrieben, diesmal nichts Gedichtetes drin. Faschingsnummer (8) im Zeichen des Vogels.

Noch ein Konsumweg.

Nm. Tagebuch. Noch gelesen.

Sechs Seiten Chemie gelernt.

Wieder ein gemütlicher Abend.


Sonntag, 8. Jänner:

Ziemlich warm.

Kirche.

Radiosendungen äußerst geistlos (ich meine die Kabaretts).

Resl-Vortragsbuch und Psychologie gelesen, Radio Literarische Rundschau gehört.

Nm. das Gali-Material zu Ende gelernt, noch gerechnet.

Tante kam, geplaudert, psych. Tricks ausprobiert. Recht gemütlich.

"Fideles Brettl" (wie geistlos!) gehört, Statistik über die dortigen Witzlosigkeiten geführt. An 1. Stelle steht der "Weiberhaß" mit 5 Nennungen, an 2. Stelle (3 N.) Suff, Jodler, Leck mich im Arsch; an 3. Stelle endlich Staatsvertrag, Fensterln.

Im Toto nichts gewonnen. (5/4). Obwohl ich sehr sicher diesmal war.

Lyrik gelesen. Ziemlich zeitig niedergelegt.

Morgen beginnt die Uni wieder. Nun, soll's sein. Moloch, sollst mich haben.

Es ist vor allem eine gute Bereitschaft in mir: es kann d'r nix g'schehn -


Montag, 9. Jänner:

Wieder warm. Lauer windiger Morgen, die Krähen schreien, als ob's ein Föhntag im März wäre.

1. Uni-Tag.

Wohl ausgeglichen aufgestanden. Nach den Frühverrichtungen und dem Lesen der stets interessanten "Welt am Montag" fand ich noch Zeit fürs Tagebuch.

Ich will mich bei Gali anmelden, Mama weiß noch nichts davon!

Schwungvoll ging ich den ersten Tag im Institut an. Die zwei langen Vorlesungen, in die Rahlgasse um die Streckenkarte (Marke drauf) gefahren, Ehrenhaft auf der Asiatenstiege erwartet, umsonst, er liest erst Mittwoch wieder. Sch. Schm.-Konzept.

Hutterer die Galiskripten zurückgegeben, sie brachte meinen Ebert zurück.  N2O VII der Zuber, N2O VIII dem Saal übergeben. Zuber ließ die Arbeit stehen und lief sofort zu den Quantitativen, um die neue Nummer zu sehen.

Beim überaus freundlichen Gali zur Prüfung wieder angemeldet. Nächste Woche. Ich bin sorglos.

Ebert, heimgefahren.

Nm. gemütlich. Bald wieder in die Nowotnývorlesung gefahren. Der Himmel war blau, die Sonne schien warm herunter, hinten der Kahlenberg in der Ferne -

Fühle mich zu Haus,
Lache ,

Dienstag, 10. Jänner:

Eine Frühvorlesung,

heimgekommen über das Schund- und Schmutzgesetz zu schreiben versucht.

Mittagsvorlesung, auch nur eine. (Ebert).

Nm. verschob ich die Stellungnahme zum Sch./Schm. auf die nächste Woche.

Abendvorlesung (Nowotný), die fast lustig geriet.

Die Stimmung war immer noch genug erfreulich.


Mittwoch, 11. Jänner:

Über Nacht liegt hoher Schnee. Zum ersten Mal in diesem Winter ein "echtes" Landschaftsbild.

Nur die zwei Mittagsvorlesungen. Bei Gali fällt alles durch!

Nm. versuchte ich, die "Himbeerrote", die mir immer vor Augen schwebt, auf Papier zu bringen. Weiters zeichnerische Experimente surrealer Art.

Ab. "Das Geheimnis der roten Katze", einen deutschen Lustspielfilm angesehen. Die Pinguinszene reizend, Rühmann und Hauff routiniert und wenig aufregend, die Pülcher belustigten mich in ihren Szenen. Die Idee in deutscher Brettlmanier (freilich schwacher Abglanz der tatsächlichen Möglichkeiten).

Ich wünschte so sehr, das Lustspiel um "Goldringels au" so gestalten zu können, wie es seine innere Ahnung in mir erwarten läßt.


Donnerstag, 12. Jänner:

Schnee wie gestern, auch neuer.

Früh und auf der Straßenbahn viele Ideen, auch wieder eine E-Analyse.

Zu Tante ins Büro. Papa-Briefe!

Später heimgekommen. Nur wenig Zeit zu eigener Verfügung.

Rohracher Vorlesung. Gab Pallas das BM. zum lesen, er lobte Frankl.

Lange Straßenbahnstörung wegen des Schneefalls.

Es ist eine Klarheit - draußen und in mir.


Abschrift der auf der Asiatenstiege gemachten Notizen:
Do 11,00 Gali Prüfung

Fr 13 1 50 erfuhr ich das. Wenn ich nicht bestehe, wird die Prüfung sofort bei Wessely fortgesetzt. Ich sehe mich schon jetzt auf diesem schweren Gang. Man kann kaum mehr glauben, dass man bei Gali durchkommen kann, vor allem, wo erst gestern wieder eine ganze Reihe geflogen sind. Den Lebensmut habe ich nicht verloren, gibt es doch noch andere Möglichkeiten zu leben denn als Chemiker. Nur der Uebergang sollte schon vollzogen sein. Und mir die Möglichkeit gegeben, in einen Beruf einzutreten, wo man redlich vorwärtskommen kann, zu einem Verdienst, mit dem ich meine Eltern und später eine Familie erhalten kann. Einen höheren Sinn hätte ich ja dann noch immer in der Schriftstellerei. Ich denke an Villon und all die unzähligen anderen Vagabunden unter den Dichtern, die trotzdem gelebt und geschaffen haben.

Was gäbe ich um eine Chance, irgendwo als Journalist angenommen zu werden! Das soll nicht heissen, ich gäbe die chemische Forscherlust verloren, aber bis man dorthin gelangt, wird soviel Nebensächliches von mir verlangt, dass ich sogar bereit wäre, nur einer meiner Berufungen einstweilen nachzukommen: der kulturellen. Vielleicht dass ich später einmal irgendwie doch zu meiner wissenschaftlichen Betätigung finden könnte? Oder dass ich derart viel zu tun bekäme kulturell, dass mir die Chemie später gar nicht mehr abginge. Aber bis dahin! Was gäbe ich um eine gesicherte noch so kleine Position, die aber mir noch Möglichkeiten böte! - - -

Ich werde alles daransetzen, dass ich diese Prüfung bestehe. Vor der nächstfolgenden /Kuffner-/ Prüfung hätte ich dann nicht die geringste Angst. Organische Chemie ist mir noch immer gelegen. - - - - - - - -


Freitag, 13. Jänner:

Das Wetter hält sich.

Frühvorlesungen.

Anschließend bei Gali endgültig zur Prüfung gemeldet. Er war immer noch - nicht unfreundlich.

Gewartet und die Zeit bei den Kollegen verbracht. Springer.

Mittagsvorlesung (Ebert). Heimgefahren.

Daheim lag die Einladung zur Tagung vor.

Rohrachervorlesung leb mac gik kaul riz mip nupf raf tex lik. (Die "sinnlosen Silben" Ebbinghaus'). Wieder Störung. Rohscheiben. 


Samstag, 14. Jänner:

Kalt. Gegen abends Erwärmung.

Rad. Praktikum. Es beglückt mich, ins Räderwerk der äußersten Forschung zu sehen. Wenn ich doch - sprechen wir von etwas anderem; ich bin ja mit allem zufrieden, und die gelegentlichen Sorgen sind rein kurzfristiger Natur. Nie daß ich lebensunlustig oder auch nur persönlich hoffnungslos wäre.

Nm. versuchte uns Tante traurig zu stimmen. Ich erklärte ihr primitivste Absätze der Chemie. Sie findet selbst diese an der Grenze des Verständlichen.

Fl.-Kino "Wie ein Dieb in der Nacht" ein recht netter Durchschnittslachfilm aus einer besseren Filmzeit.

.

Drei von vier Tototips in beiden Kolonnen erraten. Ob's so weitergeht? Vielleicht doch mal ein Gewinn?


Sonntag, 15. Jänner:

Tauwetter, trüb, +3° früh.

Später auf. SVerr.

Kirche 9h.

Ordnungen. Viel, auch mit Kohle, gezeichnet.

Nette, wenn auch uns unbetreffende, Radiosendungen.

Nm. Unterhalten. Tagebuch.

Film und Radio sind zu sehr technisiert. Inhalt, Ausdrucksmethode (= Form). Letztere verlockend freilich. Dennoch darf sich die nicht vom Inhalt selbständig machen. Genugtuung für die Hollywooder ratio-stupid-Kunst: Publikum sagt meist "so a Bleedsinn". Ganzer Erfolg. Ein Stab von Gleichgesinnten müßte sich des Films bemächtigen. Das Publikum frißt, freilich!, auch Stroh, aber weil nichts besseres da ist - nein: da ist es, aber es wird nicht vorgelassen.

Wann kommt die Möglichkeit? Erst im Sowjetstaat?

Tagebuch. Toto erwartet. Die saudumme Sendung vom "Kabinett der kleinen Dinge" angehört.

Lyrik der Weltliteratur selbst und vorgelesen mit diesmal beträchtlichem Gefallen. - Toto: nichts. (7 u. 8).


Montag, 16. Jänner:
BEGINN d. AUTORENTAGUNG

Vm. auf der Uni.

Mittag schon heim. Ich werde heute und morgen nicht zu Nowotný gehen.

Schriften für die Tagung hergerichtet. Um 17h in die Redaktion gekommen. Dort war noch niemand. Im beleuchteten Vorraum gewartet. Dann kam ein Mädchen: ruhig, sonnig, lustig - und in ihrer Art fest, etwas fraulich wie manche jungen Mädchen aus der Provinz. (Sieglinde Kaipr, eine relativ neue Mitarbeiterin der "Neuen Wege"). Ihr hat mein "Prolog" sehr gefallen.

Dann kamen weitere Autoren: ein Mädchen, klein, weich und ruhig (weiß nicht, welche das ist). Ein hochgewachsener ernster Mann mit geistigen Zügen und unerhörter Energie, ein Rebell (Fr. Polakovics). Toman, die Müller, Danneberg kamen nicht. Ich war einer der wenigen die auf Polakovics' Liste standen.

Nun gingen wir ins Redaktionszimmer. Dr. Häußler war zu uns sehr liebenswürdig. Geheizt war es auch.

Dr. Häußler eröffnete die Tagung.

Die selbst war höchst anregend.

Polakovics schlug auf den morschen Tisch, daß sich die Holzwürmer verkrochen und die Geister der Hofräte erbleichten.

Briggi erschien auch, in ihrem abendlichen Make up.

Altmann erhob sich und forderte die Gleichberechtigung der surrealistischen Kunst.

Kaipr und Weißenborn riefen, als Altmann von der "führenden Kunstrichtung des Surrealismus" sprach, im Chor "Ho ...! Ho ...!"

Ein kerniger kleingewachsener Bursch (Ernstbrunner) forderte die Einbeziehung des ländlichen sowie des Arbeiter-Kreises!

Jeder soll bis morgen fünf Gedichte nennen, die ihm am meisten zugesagt haben (Jänner- bis Dez.-Heft 1949). Ferner Themen.

Ich werde Genaueres über diese Tagung später aufschreiben. Auch werden die "Neuen Wege" umfangreiche Berichte bringen.


Dienstag, 17. Jänner:
2. TAG d. AUTORENTAGG.

Tauwetter.

Vm. auf der Uni. angenehme Stimmung, ganz zuversichtlich der Prüfung übermorgen entgegensehend. Prof. Ehrenhaft, der Unübertreffliche, hält eine Fest"vorlesung" zum 100-jähr. Bestand des phys. Inst.

Nm. mich auf den zweiten Tag der Autorentagung vorbereitet.

17h bis 21h wie gestern die Tagung. Neue gestern nicht Dagewesene kamen heute dazu. Eine Stimmung ganz vom Aufgehen in unsere Aufgaben bestimmt. Dr. Häußler, unersetzlich für unser Gedeihen, hält uns zusammen.

Ich wurde ins Komitee gewählt, mein "Prolog" u.a. waren unter den Meistgenannten.

Lernte interessante Menschen kennen. Wimmer, Stenzl ...

Das lustigste Erlebnis dieser Tage war Briggis Äußerung, ich gehe zu sehr dem Düsteren aus dem Wege und damit den Problemen. Ich stehe gleichsam am anderen Ufer, und mir fehle das Zusammenerleben mit denen, die innerlich gefährdet zu ringen haben. (Vergleich mit Merinskys Kritik vom vorigen Sommer, die mir Arges aufzulösen gab: ich müsse das Düstere überwinden, aus dem Schlamm der Zeit herausfinden und das zweifellos immer noch bestehende Schöne beschreiben).

Der Witz ist fertig, diesmal ohne mein Zutun.


Mittwoch, 18. Jänner:
ABSCHLUSZ d. AUTORENTAGUNG

Wegen der fehlenden Frühvorlesungen konnte ich später aufstehen. Konsum, Ordnungen, Z.

Mittags Ehrenhaft und Ebert.

Nm. vorbereitet auf die Generaldebatte. 17 Uhr Vorbesprechung im Redaktionszimmer. Ich schlug vor, den Untertitel der "Neuen Wege" zu ändern: Statt "Kulturzeitschrift für junge Menschen" "Kulturzeitschrift junger Menschen". Der Vorschlag wurde begeistert angenommen.

Auch von der (um 18 Uhr beginnenden) Vollversammlung.

Heute lernte ich die enttäuschende Hülle inniger Inhalte kennen: Gertrud Sokol, Angela Müller - innen Dichter außen Stars, als ob Kunst eine Art Luderei wäre und keine Stimme des Gemüts als die aus parfumierten verdrehten Gesichtern. Sokol nahm neben mir Platz, ich trat den Platz aber bald an ihre Freundin ab, die mit ihr plauderte, und setzte mich lieber neben Sieglinde Kaipr.

Alle Vorschläge, darunter auch der von mir gleich zu Beginn vorgetragene, wurden einstimmig angenommen.

Donnerstag, 26. d., halten Polakovics und ich eine Vorbesprechung für die Arbeit unseres Komitees ab.

Die Tagung war sehr fruchtbar. Weiteres wo anders und in den kommenden Heften der Zeitschrift.


Donnerstag, 19. Jänner:
GALI PRÜFUNG!

Die Prüfung bei Galinowski bestanden! Moralpredigt seinerseits, rührende Schlußrede meinerseits und ein Händedruck beendeten das quantitative Martyrium, das - gestehen wir's offen - eine schöne Zeit war.

Freilich nach all dem und der Gratulation anteilnehmender ebenso hysterischer Jungfrauen (Milan) war ich etwas lädiert. Gott sei Dank, daß es vorüber ist. Diesmal trat ich regelrecht sicher an. Jetzt kann ich's ja sagen.

Morgen melde ich mich gleich bei Doz. Kuffner (Organische) an.

Gedanken über den miserablen Formalismus gemacht.

"Ach, ich grüße den Sack ..."


Freitag, 20. Jänner:

.

Vm. für Kuffner angemeldet.

.

Nm. las ich verschiedene meiner Gedichte vor.

Letzte Rohrachervorlesung.

Alles mögliche zusammengeschrieben im Kampf gegen den Formalismus.

Vm.: Entgegnung 1., 2.

Ab.: Sack fertig. "Einem Wortschleifer". u.a.

Ein Wiederaufstieg meines Ausdrucks ist nach der Krise des letzten Halbjahres glaube ich angebrochen.


Samstag, 21. Jänner:

Vm. Radioaktives Praktikum.

Nm. für organ. Chemie gelernt, ziemlich diffus. Tante kam, wir freuten uns alle miteinander, nicht zuletzt über Gali.

Als ich aufhörte zu lernen und "Lyrik d. WL" auspackte wurde es sogar richtig gemütlich.

Im Volksblatt ein bürgerlicher Artikel, der nach einer weniger bürgerlichen Entgegnung schreit.


Sonntag, 22. Jänner:
blau, schöne Winterlandschaft. -5°.

Später aufgestanden.

Sonntagsverrichtungen, Kirche.

Ordnungen.

Aus einer Kontrast-Stimmung heraus schrieb ich ein mir notwendiges Sommergedicht. Es darf nicht stören, daß Linden vorkommen, bei uns gibt's im Sommer wirklich welche.

(Das heißt, im Winter sicherlich auch, aber riechen tun sie erst im Sommer. Das ein Realist den Realisten.)

Beim Winterspaziergang sah ich unter vielen Schifahrern um die Steinhofer Mauer die wasserstoffblonde "Edith", wie ich sie im phant. nenne. Gleich zweimal. Freilich ihre "Gosche" ist rot bemalt, daß der Wintertag nicht gar zu natürlich wird.

Gelernt, dabei die Kindersendung im Radio angehört. 'S gibt Interessanteres auf der Welt. Auch als das anschließende "Fidele Brettl", dessen Struktur hier gegeben sei:

"Weiberhaß" 3 + Serie
2 + Serie
1 + Serie
"Männerhaß" 2 + Serie
Weinseligkeit 2 + Serie
1 + Serie
Staatsvertrag 2

Götzzitat wie immer 1 mal

Jodel, Fensterln und "Stier" fielen heute aus.

Sonst ganz schönes Radio.

Toto wieder nichts.


Montag, 23. Jänner:

-13°.

Sehr angenehmer Tag.

Morgen Kuffner. Letzte volle Uni-Woche.


Dienstag, 24. Jänner:

Zur Kuffnerprüfung früh gefahren. Kuffner hat keine Komplexe und ist ruhig, nett und freundlich. Ohne weiters bestanden!

Viel im Organischen geschnüffelt. Nächste Prüfung ist dann Ebert.

Nm. begeistert alles Lernmaterial fortgeräumt.


Mittwoch, 25. Jänner:

Später aufgestanden.

Konsum.

Zwei Artikel zum Jugendproblem geschrieben: endlich den Schund u. Schmutz-Artikel sowie den gegen das Volksblatt. Gleich nm. aufgegeben.

Nur die Mittagsvorlesungen.

Abends die gefangene u. getötete Maus aus unserm Backrohr in einem verrückten Gedicht verewigt ("Zehn Sekunden Unterbewußtsein"). Der Traum vom Fabrikshof mit der eisenschmelze-führenden Röhre unter einem Hügel, auf dem nicht gut zu sitzen ist, stammt aus dem Jahre 1944 (Kämmchen, KLV-Lager), als ich Masern hatte und allein in einem kleinen Zimmer lag.


26 1 50 abends: Im Dunkeln notiert: 1) Erinnerungen 2) Fluida im engsten Sinn: Schönbrunner Einsatz, Luftlagetabelle, Raketenversuche, Park Sommer 1945 . Engeland Retorte u. Kolben. 3)

Assoziationen:

"Beim Kegelspiel, Kekomika, dann möchte ..."

4) Feststellung: Im Bett vor dem Einschlafen gut fremde Redeweisen nachbildbar; sie kommen einem leicht, Hemmungen der Vorstellung zum größten Teil weggehoben. Günstiges Gebiet für echte Schriftstellerei und psychologische Beobachtungen Wiedergabe (Heraufholung) von Erinnerungen, Gesichtern ...

Donnerstag, 26. Jänner:

Vm. von der Uni weg direkt in die Komiteesitzung auf Zimmer 13 der "NW" gefahren. Siehe Bericht. Eisenreich meint, uns fehlen Essayisten. Ich wurde als Lektor für Kulturpolitik im Komitee eingesetzt.

Kein Rohracher mehr.

Ich begann die N2O IX. zu machen.Sie soll wie geplant den Titel "Entartete Kunst" führen.


Freitag, 27. Jänner:

Im Phys. Institut, wo ich meine Freizeit verbrachte, hielt ich scharfe Abrechnung mit der formalist. Kunst und der bürgerlichen Moral.

Nach Ebert in die PHG.

Nm. fleißig die Juxzeitung weitergemacht.


Samstag, 28. Jänner:

Wie immer eisiges Wetter.

Letztes Rad.-Praktikum.

Konsumweg.

Nm., während Tante da war, stellte ich die N2O IX. fertig.

Las Tante neben dieser noch andere meiner Sachen vor.


Sonntag, 29. Jänner:

Unter -10°.

Sonntagsverrichtungen

Es ist angenehm. Ich fühle mich so frei!

Kirche.

Radio interessant wie um die Zeit immer.

Nichts Wesentliches geleistet.

Ab. Lyrik gelesen.


Montag, 30. Jänner:

Ein angenehmer Tag!

Abends letzter Nowotný.

Spät kam noch ein Rohrpostbrief aus dem Büro von Tante. Mein W. a. M.-Artikel fand wieder Anklang (Dr. Machwitz ...)


Dienstag, 31. Jänner:

In der Wohnung ist es naßkalt.

Letzte Uni.

Auch die Kälte macht mir nix. Wie immer reizend gelaunt.

Ich schrieb zwei Aphorismen.

Nm. gleich wieder in die Stadt. Im Deuticke-Verlag brachte ich doch einiges um 26.- an. Dann in die Red. NW.: Die neue Nummer der "Neuen Wege" geholt, Abonnement gezahlt, Altes herausgenommen, Neues eingereicht.  Höhepunkt

.

Gattermann Wieland: "Org. Chem." besorgt. Gott sei Dank, daß der im Haus ist.

Den Rest des Abends gelesen.


Fohnsdorfer Katastrophe 4.1.50!
Jänner 1950
Mittwoch, 1. Feber:

Frost, Schnee. Naßkalt i. d. Wohnung.

Zeitig in die Adamsgasse gefahren.

Ein Gedicht "Zeitkrankheit" (Eidechse) geschrieben.

Nm. die Beiträge des Jännerheftes kritisiert.


Donnerstag, 2. Feber:

Draußen wärmer, Schnee.

Spät auf. Totoschein gemacht.

Mit Mama auf die Linzerstraße gegangen.

Daheim war eine Nummer des "Jugendlichen Arbeiters". Mein Artikel "Aktuelles (!!) zum Sch. Schm. Gesetz", den ich vor zwei Jahren schrieb, ist in diesem Feberheft endlich drin.

Ich schrieb einen Brief dorthin und sandte mein Proletengedicht ein.

Nm. Ordnungen.


Freitag, 3. Feber:

Herrliche Schneelandschaft!

Ich dichtete meinem Wunsch folgend eine Erwiderung an Gertrud Sokol in der gleichen Form wie ihr Gedicht "Bitte" im Jännerheft. Nannte es "Seine Antwort", am Schluß aber: "ausgesprochen durch Andreas Okopenko" - zuerst wollte ich schon schreiben "mittels".

Vm. Spaziergang (M.) Steinhofer Mauer.

15h Komitee. Dort ärgerte ich mich über Erika Danneberg, die lieber Goethe als Eluard auf den Weltliteraturseiten der "Neuen Wege" stehen hätte, weil "jeder von uns an ihm ersehen solle, wie man formschön schreibe". Weiters zählt sie sich dank ihrer Verheiratung mit einem gewissen Schriftsteller Hakel nicht zu uns Jungen und findet es wichtiger, uns unter erfahrener Leitung zusammenzustecken, als eine fruchtbare Wechselwirkung durch freien Gedankenaustausch junger Kräfte zu erstreben. Sie ist auch im Übrigen akademisch und irgend lieblos. Selbst ihre kosmet. Präparation wirkt kalt nicht einmal schwül. Jene gräßliche Mischung.

Wir gingen fuchswild auseinander.


Samstag, 4. Feber:

Kalt wie immer!

Ein Nachspiel zur Uni.:

Radiuminstitut besichtigt unter Doz. Broda.

Draußen frostet es barbarisch.

Nach den gestrigen bösen Eindrücken schrieb ich das Wolfslied, das in das Bekenntnis gegen die Formalisten auslief:

Ich will mich wie ein Wolf mit euch zerwerfen!

Tante war da.

Im Toto wieder nichts gewonnen ...


Sonntag, 5. Feber:

Wegen des Schlechtwetters bin ich verschnupft wie eine Schnecke.

Sonntagsverrichtungen Keine Kirche.

Es ließ mir keine Ruhe: ich mußte noch ein zweites Wolfslied niederschreiben. ("Gib deinen Lorbeer für die Hasenbeize").

Nm. Lyrik gelesen.

Nachts aus einer ganz seltsamen Stimmung heraus zwei innere Impressionen geschrieben.

Wie ich es sah, und auf die intensivste Weise niedergeschrieben. Der Raum aus dem Gedicht "Mädchen" hat aus mir herausmüssen.


Montag, 6. Feber:

Draußen etwas wärmer.

Auch Erwärmung angekündigt.

Zeitiger auf.

Interessante W. a. M.

Wendl angerufen. Liesl war sehr freundlich.

Gut gelaunt. Linzerstraße (M.)

Nm. in der Lyrik d. WLit. und eigenen Sachen gelesen.


Dienstag, 7. Feber:

0°!

Früh ein anspruchsloses, nur warm empfundenes Gedichtchen unter dem rein innerlich bedingten Titel "Motala Melodie" geschrieben.

Konsum. Überschreibungen. Spaziergang (M.) Mauer.

Ein rememoriertes Protokoll der Autorentagung geschrieben.

Nm. Friseur.

Tante Fini kam.

Weitere Arbeiten f. d. "Neuen Wege".

Lyrik gelesen.

Es wird immer wärmer. +5°. Die Straße schon schneefrei!


Mittwoch, 8. Feber:

Sonniger Morgen.

Früh gedichtet. Die "Maja Nueva" fiel mir ein auf Grund meiner recht skeptischen Betrachtung (Reproduktionen der) Goyaschen Majabilder. Ich übertrug diese kalte Schönheit in die heutige Zeit.

Spät aufgestanden.

Frühlingsnachmittag! Ich fuhr zum Zahnarzt. Unterwegs eine Begegnung auf der Plattform: ein Paar, tragikomisch in seiner halb gepflogenheitlichen Liebenswürdigkeit od. Zärtlichkeit (?), halb Nüchternheit. Dieser Eindruck hämmerte in drei Versen - - - - -

Bei Wendl wurde ich gleich erledigt. Äußerst angenehme Stimmung. Heimgefahren.

Aber gleich wieder in die Redaktion gefahren. Dort war die Sitzung abgesagt worden. Aber dennoch wurde es ein angeregter Abend im Vorraum. Jeder las seine Gedichte, verschiedene, vor. Ich hörte erstmals surrealistische. Von mir las ich den "Chem. Abend" und die Wolfslieder vor. Er fand, der Kreis und Polakovics, daß dies viel besser sei als was bisher von mir vorliege. Sokol gab das Zeichen zum Abbrechen.

Höhepunkt

Sokol übernahm mein Gedicht an sie und versprach eine Antwort, (die ich nicht forderte).


Donnerstag, 9. Feber:
Mamas Geburtstag.

Frühling, doch etwas trüber; vor allem nm.

Spaziergang (M.) Linzerstraße.

Ein wenig Ordnungen angestellt.

Nm. Bücherordnungen.

Zu Wendl zahlen gefahren.

Weniger schöner Tag als gestern.

Ich fuhr an der Sezession vorüber. Eine geschminkte Chemikerin sprach zu ihrer einfachen Kollegin von Siliciumoxyd. Die war aber abwesend an solch einem Tag. Die dachte woran wohl?

Ich machte über diesen Eindruck, der mir so nahe verständlich ist, | über das Thema (:) derer, die "in der Sache sind", | ein Gedicht.

Noch über Surrealismus geplaudert, Lyrik vorgelesen.


Freitag, 10. Februar:

Schneefall, -2°, aber ganz schön.

Noch im Bett kam es nach dem vorgestrigen Eindruck zum erwarteten Gedicht. Ich nannte es das "Frühlingslied für Infinita Vera", wie Eliot von einem "Liebeslied J. Alfred Prufrocks" sprach, dessen Anfangszeilen ich seinerzeit in der "Neuen Auslese" las. Eliot dürfte ähnliche Anliegen gehabt haben wie ich damit.

Konsum.

Rauchfangkehrer kam zu uns. Ich schrieb meine Gedichte rein.

Spaziergang (M.) Mauer.

Nm. weitere Ordnungen, Überschreibungen.

Die "Lyrik" weggeräumt. Vielleicht wurde es etwas fader.

Ich las noch im lustigen Vortragsbuch

.

Jedenfalls habe ich brennenden Wunsch nach einem geliebten Mädchen immer.


Samstag, 11. Feber:

+4° früh. Der Ofen raucht furchtbar. Trüb, aber warm.

Mittag +11°!! Aber trüb, feucht.

Heute wieder zeitiger auf.

P-Überschreibungen und -Ordnung.

Tante ist krank, Onkel kam, brachte einen Dauerbrandofen und einen Schreibtischstuhl. Den alten im Anschluß zusammengehaut.

Psychiatrisches Buch gelesen.

Radio-Kabarett - so dumm - angehört.

Erst spät Licht gemacht, wie jetzt meist ...

Auch noch Zeichenversuche. Sonst aber nichts. - - -


Sonntag, 12. Feber:

Etwas kälter als gestern.

Nachmittag kam Schönwetter auf, später aber wieder finster, regnerisch. Im allgemeinen wärmer.

Zeitiger auf.

Schon an Ebert gedacht.

Sonntagsverrichtungen Kirche.

Tagebuch, wenig.

Ältere Nummern der "NW" gelesen.

WB kam.

Im Toto nichts gewonnen.

Im Bett abends schrieb ich mehrere Gedichte, Vierzeiler bissigster Art aus dem Stegreif. "Aus des Teufels biederem Wörterbuch (meinen "Freunden", den Bürgern, gewidmet)".


Tagebuch:

vom ..... Donnerstag, 5. Jänner

bis .... Sonntag, 12. Feber

1950

Donnerstag, 5. Jänner 1950:

Prachtvoller Sonnenaufgang.

Eine dünne Schichte festen Schnees
liegt auf glattem Boden, schwache
Nachahmung eines Winters. -3°.

Heute stand ich etwas später auf.
Las die weitere Fortsetzung des Sauter-
Romans, der deutlich moderne psycho-
logische Farbe trägt! Es macht sich
aber ausgezeichnet.

Weg auf die Linzerstraße (M.).
Zeitig wieder daheim.

Ich schone mich überraschend,
bemerkte ich spaßhaft: denn das
ganze neue Jahr noch nichts
gedichtet. Einzig die Chemie gelernt.
Im ganz geheimen schiele ich zum
Lustspiel hin, das aber ganz anders
gemacht werden muß als bisher,
d.h. überhaupt nicht "gemacht"!
So werde ich warten, und wenn
es noch Jahre dauert, denn diesen
Trumpf gebe ich diesmal nicht
aus der Hand. Der "Dichter" in
meinem Innern liefert sich nicht
- wie es gelegentlich sonst seine Art ist -
an den Stümper in meinen
Exekutivorganen aus.

Tagebuch>.

Einige Reparaturen.

Nm. Weitere acht Seiten gelernt.

Den Christbaum abgeräumt und zerlegt.
Nette Lieder im Radio. Konsum.

Schneefall! Lyrik gelesen. Gedichtet.


Freitag, 6. Jänner:

Anerkannter Feiertag zum ersten Mal.
(Dreikönigstag).

Früh zerrann der über Nacht gefallene
Schneezauber. +3°! Wechselnd wolkig.
Ein zum Teil stierer Märztag.

Kirche. Reinschriften.

Interessante literarische Rundschau
im Radio.

Sch. Fl.

Nm. Lyrik und über ausländische
Literaturen gelesen. Tagebuch.

Es sind diese Tage eigentlich nur
die Vortage der großen Chemieprüfung.
Trotzdem - ob sie es sollen oder nicht -
haben sie einen gewissen auch eigenen
Sinn.

Das weiß ich: wenn ich einmal
schon meine konkrete Pflicht im chemischen Beruf ausübe, wird es ein Paradies
für mein Inneres sein, das jetzt
zumindest das Fegefeuer mitmachen
muß in der haarspaltenden
Theorie. Freilich erkenne ich die
Wichtigkeit der theoretischen Kenntnisse
an, aber die reine Theorie als
Lebensgewässer werde ich niemals
akzeptieren können. Vielleicht muß
man um Chemiker zu sein ein
Evangelium des Massenwirkungs-
gesetzes (u.s.f.) in sich tragen,
aber ich kann das nicht. Ich werde
solange ich in einer Aufgabe stehe
voll meine Aufmerksamkeit ihr
schenken, nicht aber mein Leben
einem Prinzip der Materie und
Ratio.

8 S. gelernt (viel gerechnet). Anschließend
gemütlichen Abend verbracht.


Samstag, 7. Jänner:

Wetter wie gestern.

S. Verr.

Lang im Konsum angestellt ums Fleisch.

Vm. die neue "N2O" geschrieben, diesmal
nichts Gedichtetes drin. Faschingsnummer
(8)
im Zeichen des Vogels.

Noch ein Konsumweg.

Nm. Tagebuch.    Noch gelesen.

Sechs Seiten Chemie gelernt.

Wieder ein gemütlicher Abend.


Sonntag, 8. Jänner:

Ziemlich warm.

Kirche.

Radiosendungen äußerst geistlos (ich meine
die Kabaretts).

Resl-Vortragsbuch und Psychologie gelesen,
Radio Literarische Rundschau gehört.

Nm. das Gali-Material zu Ende gelernt,
noch gerechnet.

Tante kam, geplaudert, psych. Tricks
ausprobiert. Recht gemütlich.

"Fideles Brettl" (wie geistlos!) gehört,
Statistik über die dortigen Witzlosigkeiten
geführt. An 1. Stelle steht der
"Weiberhaß" mit 5 Nennungen, an 2. Stelle (3 N.)
Suff, Jodler, Leck mich im Arsch; an 3. Stelle
endlich Staatsvertrag, Fensterln.

Im Toto nichts gewonnen. (5/4).
Obwohl ich sehr sicher diesmal war.

Lyrik gelesen. Ziemlich zeitig
niedergelegt.

Morgen beginnt die Uni wieder.
Nun, soll's sein. Moloch, sollst
mich haben.

Es ist vor allem eine
gute Bereitschaft in mir: es kann
d'r nix g'schehn -


Montag, 9. Jänner:

Wieder warm. Lauer windiger
Morgen, die Krähen schreien,
als ob's ein Föhntag im März
wäre.

1. Uni-Tag.

Wohl ausgeglichen aufgestanden. Nach den
Frühverrichtungen und dem Lesen der
stets interessanten "Welt am Montag" fand
ich noch Zeit fürs Tagebuch.

Ich will mich bei Gali anmelden,
Mama weiß noch nichts davon!

Schwungvoll ging ich den ersten Tag
im Institut an. Die zwei langen
Vorlesungen, in die Rahlgasse
um die Streckenkarte (Marke drauf)
gefahren, Ehrenhaft auf der Asiatenstiege erwartet, umsonst, er liest
erst Mittwoch wieder. Sch. Schm.-Konzept.

Hutterer die Galiskripten
zurückgegeben, sie brachte meinen
Ebert zurück.     N2O VII der Zuber,
N2O VIII dem Saal übergeben.
Zuber ließ die Arbeit stehen und
lief sofort zu den Quantitativen,
um die neue Nummer zu sehen.

Beim überaus freundlichen
Gali zur Prüfung wieder angemeldet.
Nächste Woche. Ich bin sorglos.

Ebert, heimgefahren.

Nm. gemütlich. Bald wieder
in die Nowotnývorlesung gefahren.
Der Himmel war blau, die Sonne
schien warm herunter, hinten der
Kahlenberg in der Ferne -

Fühle mich zu Haus,
Lache ,

Dienstag, 10. Jänner:

Eine Frühvorlesung,

heimgekommen über das Schund- und
Schmutzgesetz
zu schreiben versucht.

Mittagsvorlesung, auch nur eine.
(Ebert).

Nm. verschob ich die Stellung-
nahme zum Sch./Schm.
auf die
nächste Woche.

Abendvorlesung (Nowotný), die fast
lustig geriet.

Die Stimmung war immer noch
genug erfreulich.


Mittwoch, 11. Jänner:

Über Nacht liegt hoher Schnee.
Zum ersten Mal in diesem Winter
ein "echtes" Landschaftsbild.

Nur die zwei Mittagsvorlesungen.
Bei Gali fällt alles durch!

Nm. versuchte ich, die
"Himbeerrote", die mir immer vor Augen
schwebt, auf Papier zu bringen.
Weiters zeichnerische Experimente
surrealer Art.

Ab. "Das Geheimnis der roten
Katze
", einen deutschen Lustspielfilm
angesehen. Die Pinguinszene reizend,
Rühmann und Hauff routiniert
und wenig aufregend, die Pülcher belustigten mich in ihren Szenen.
Die Idee in deutscher Brettlmanier
(freilich schwacher Abglanz der
tatsächlichen Möglichkeiten).

Ich wünschte so sehr, das
Lustspiel um "Goldringels au"
so gestalten zu können, wie es
seine innere Ahnung in mir
erwarten läßt.


Donnerstag, 12. Jänner:

Schnee wie gestern, auch neuer.

Früh und auf der Straßenbahn
viele Ideen, auch wieder eine
E-Analyse.

Zu Tante ins Büro. Papa-Briefe!

Später heimgekommen. Nur
wenig Zeit zu eigener Verfügung.

Rohracher Vorlesung. Gab Pallas
das BM. zum lesen, er lobte
Frankl.

Lange Straßenbahnstörung wegen
des Schneefalls.

Es ist eine Klarheit - draußen
und in mir.


Abschrift der auf der Asiatenstiege gemachten
Notizen:
Do 11,00
Gali Prüfung

Fr 13 1 50 erfuhr ich das. Wenn ich nicht bestehe,
wird die Prüfung sofort bei Wessely fortgesetzt.
Ich sehe mich schon jetzt auf diesem schweren
Gang. Man kann kaum mehr glauben, dass man bei
Gali durchkommen kann, vor allem, wo erst gestern
wieder eine ganze Reihe geflogen sind. Den Lebens-
mut habe ich nicht verloren, gibt es doch noch
andere Möglichkeiten zu leben denn als Chemiker.
Nur der Uebergang sollte schon vollzogen sein.
Und mir die Möglichkeit gegeben, in einen Beruf
einzutreten, wo man redlich vorwärtskommen kann,
zu einem Verdiesnst, mit dem ich meine Eltern und
später eine Familie erhalten kann. Einen höheren
Sinn hätte ich ja dann noch immer in der Schrift-
stellerei. Ich denke an Villon und all die
unzähligen anderen Vagabunden unter den Dichtern, die
trotzdem gelebt und geschaffen haben.

Was gäbe ich um eine Chance, irgendwo als
Journalist angenommen zu werden! Das soll nicht
heissen, ich gäbe die chemische Forscherlust
verloren, aber bis man dorthin gelangt, wird soviel
Nebensächliches von mir verlangt, dass ich sogar
bereit wäre, nur einer meiner Berufungen einstweilen
nachzukommen: der kulturellen. Vielleicht dass ich
später einmal irgendwie doch zu meiner wissen-
schaftlichen Betätigung finden könnte? Oder dass
ich derart viel zu tun bekäme kulturell, dass mir
die Chemie später gar nicht mehr abginge. Aber bis
dahin! Was gäbe ich um eine gesicherte noch so
kleine Position, die aber mir noch mMöglichkeiten
böte! - - -

Ich werde alles daransetzen, dass ich diese Prüfung
bestehe. Vor der nächstfolgenden /Kuffner-/ Prüfung
hätte ich dann nicht die geringste Angst. Organische
Chemie ist mir noch immer gelegen. - - - - - - - -


Freitag, 13. Jänner:

Das Wetter hält sich.

Frühvorlesungen.

Anschließend bei Gali endgültig
zur Prüfung gemeldet. Er war immer
noch - nicht unfreundlich.

Gewartet und die Zeit bei den
Kollegen verbracht. Springer.

Mittagsvorlesung (Ebert).
Heimgefahren.

Daheim lag die Einladung zur
Tagung vor.

Rohrachervorlesung leb mac
gik kaul riz mip nupf raf
tex lik. (Die "sinnlosen Silben"
Ebbinghaus'). Wieder Störung.
Rohscheiben.        


Samstag, 14. Jänner:

Kalt. Gegen abends Erwärmung.

Rad. Praktikum. Es beglückt
mich, ins Räderwerk der äußersten
Forschung zu sehen. Wenn ich
doch - sprechen wir von
etwas anderem; ich bin ja
mit allem zufrieden, und die
gelegentlichen Sorgen sind rein
kurzfristiger Natur. Nie daß
ich lebensunlustig oder auch
nur persönlich hoffnungslos
wäre.

Nm. versuchte uns Tante traurig
zu stimmen. Ich erklärte ihr
primitivste Absätze der Chemie.
Sie findet selbst diese an der Grenze des Verständlichen.

Fl.-Kino "Wie ein Dieb in der Nacht"
ein recht netter Durchschnittsflachfilm
aus einer besseren Filmzeit.

.

Drei von vier Tototips in beiden
Kolonnen erraten. Ob's so weiter-
geht? Vielleicht doch mal ein
Gewinn?


Sonntag, 15. Jänner:

Tauwetter, trüb, +3° früh.

Später auf.    SVerr.

Kirche 9h.

Ordnungen. Viel, auch mit
Kohle, gezeichnet.

Nette, wenn auch uns
unbetreffende, Radiosendungen.

Nm. Unterhalten. Tagebuch.

Film und Radio sind zu sehr
technisiert. Inhalt, Ausdrucksmethode
(= Form). Letztere verlockend freilich.
Dennoch darf sich die nicht
vom Inhalt selbständig machen.
Genugtuung für die Hollywooder ratio-stupid-Kunst: Publikum
sagt meist "so a Bleedsinn".
Ganzer Erfolg. Ein Stab von
Gleichgesinnten müßte sich des
Films bemächtigen. Das Publikum
frißt, freilich!, auch Stroh, aber
weil nichts besseres da ist -
nein: da ist es, aber es wird
nicht vorgelassen.

Wann kommt die Möglichkeit?
Erst im Sowjetstaat?

Tagebuch.    Toto erwartet. Die saudumme
Sendung vom "Kabinett der kleinen
Dinge
" angehört.

Lyrik der Weltliteratur selbst
und vorgelesen mit diesmal
beträchtlichem Gefallen. - Toto: nichts.
(7 u. 8).


Montag, 16. Jänner:
BEGINN d. AUTORENTAGUNG

Vm. auf der Uni.

Mittag schon heim. Ich werde heute und
morgen nicht zu Nowotný gehen.

Schriften für die Tagung hergerichtet.
Um 17h in die Redaktion gekommen.
Dort war noch niemand. Im beleuchteten
Vorraum gewartet. Dann kam ein
Mädchen: ruhig, sonnig, lustig - und
in ihrer Art fest, etwas fraulich wie
manche jungen Mädchen aus der Provinz.
(Sieglinde Kaipr, eine relativ neue Mit-
arbeiterin der "Neuen Wege"). Ihr hat
mein "Prolog" sehr gefallen.

Dann kamen weitere Autoren: ein
Mädchen, klein, weich und ruhig (weiß
nicht, welche das ist). Ein hochgewachsener
ernster Mann mit geistigen Zügen und
unerhörter Energie, ein Rebell
(Fr. Polakovics). Toman, die Müller, Danneberg
kamen nicht. Ich war einer der wenigen
die auf Polakovics' Liste standen.

Nun gingen wir ins Redaktionszimmer.
Dr. Häußler war zu uns sehr liebenswürdig.
Geheizt war es auch.

Dr. Häußler eröffnete die Tagung.

Die selbst war höchst anregend.

Polakovics schlug auf den morschen Tisch, daß sich die Holzwürmer verkrochen
und die Geister der Hofräte erbleichten.

Briggi erschien auch, in ihrem
abendlichen Make up.

Altmann erhob sich und forderte
die Gleichberechtigung der surrealistischen
Kunst.

Kaipr und Weißenborn riefen, als
Altmann von der "führenden Kunst-
richtung des Surrealismus" sprach,
im Chor "Ho ...! Ho ...!"

Ein kerniger kleingewachsener Bursch
(O. ScherzErnstbrunner) forderte die Einbeziehung
des ländlichen sowie des Arbeiter-
Kreises!

Jeder soll bis morgen fünf Gedichte
nennen, die ihm am meisten
zugesagt haben (Jänner- bis Dez.-Heft 1949).
Ferner Themen.

Ich werde Genaueres über diese Tagung
später aufschreiben. Auch werden die
"Neuen Wege" umfangreiche Berichte
bringen.


Dienstag, 17. Jänner:
2. TAG d. AUTORENTAGG.

Tauwetter.

Vm. auf der Uni. angenehme Stimmung,
ganz zuversichtlich der Prüfung übermorgen
entgegensehend. Prof. Ehrenhaft, der
Unübertreffliche, hält eine Fest"vorlesung"
zum 100-jähr. Bestand des phys. Inst.

Nm. mich auf den zweiten Tag der
Autorentagung vorzubereitet.

17h bis 21h wie gestern die Tagung.
Neue gestern nicht Dagewesene kamen
heute dazu. Eine Stimmung ganz
vom Aufgehen in unsere Aufgaben
bestimmt. Dr. Häußler, unersetzlich
für unser Gedeihen, hält uns zusammen.

Ich wurde ins Komitee gewählt,
mein "Prolog" u.a. waren unter den Meistgenannten.

Lernte interessante Menschen kennen.
Wimmer, Stenzl ...

Das lustigste Erlebnis dieser Tage
war Briggis Äußerung, ich gehe zu
sehr dem Düsteren aus dem Wege
und damit den Problemen. Ich
stehe gleichsam am anderen Ufer,
und mir fehle das Zusammenerleben
mit denen, die innerlich gefährdet
zu ringen haben. (Vergleich mit
Merinskys Kritik vom vorigen Sommer,
die mir Arges aufzulösen gab: ich
müsse das Düstere überwinden,
aus dem Schlamm der Zeit herausfinden
und das zweifellos immer noch bestehen-
de Schöne beschreiben).

Der Witz ist fertig, diesmal ohne
mein Zutun.


Mittwoch, 18. Jänner:
ABSCHLUSZ d. AUTORENTAGUNG

Wegen der fehlenden Frühvorlesungen
konnte ich später aufstehen.
Konsum, Ordnungen, Z.

Mittags Ehrenhaft und Ebert.

Nm. vorbereitet auf die Generaldebatte.
17 Uhr Vorbesprechung im Redaktionszimmer.
Ich schlug vor, den Untertitel der
"Neuen Wege" zu ändern: Statt
"Kulturzeitschrift für junge Menschen"
"Kulturzeitschrift junger Menschen".
Der Vorschlag wurde begeistert angenommen.

Auch von der (um 18 Uhr beginnenden)
Vollversammlung.

Heute lernte ich die enttäuschende
Hülle inniger Inhalte kennen:
Gertrud Sokol, Angela Müller -
innen Dichter außen Stars, als ob
Kunst eine Art Luderei wäre und keine Stimme des Gemüts als die aus
parfumierten verdrehten Gesichtern.
Sokol nahm neben mir Platz, ich trat
den Platz aber bald an ihre Freundin
ab, die mit ihr plauderte, und
setzte mich lieber neben Sieglinde Kaipr.

Alle Vorschläge, darunter auch der von
mir gleich zu Beginn vorgetragene,
wurden einstimmig angenommen.

Donnerstag, 26. d., halten Polakovics
und ich eine Vorbesprechung für die
Arbeit unseres Komitees ab.

Die Tagung war sehr fruchtbar. Weiteres
wo anders und in den kommenden Heften
der Zeitschrift.


Donnerstag, 19. Jänner:
GALI PRÜFUNG!

Die Prüfung bei Galinowski
bestanden! Moralpredigt seinerseits,
rührende Schlußrede meinerseits und
ein Händedruck beendeten das
quantitative Martyrium, das
- gestehen wir's offen - eine schöne
Zeit war.

Freilich nach all dem und
der Gratulation anteilnehmender
ebenso hysterischer Jungfrauen
(Milan) war ich etwas lädiert.
Gott sei Dank, daß es vorüber
ist. Diesmal trat ich regelrecht
sicher an. Jetzt kann ich's ja
sagen.

Morgen melde ich mich gleich
bei Doz. Kuffner (Organische) an.

Gedanken über den miserablen
Formalismus gemacht.

"Ach, ich grüße den Sack ..."


Freitag, 20. Jänner:

.

Vm. für Kuffner angemeldet.

.

Nm. las ich verschiedene meiner
Gedichte vor.

Letzte Rohrachervorlesung.

Alles mögliche zusammengeschrieben
im Kampf gegen den Formalismus.

Vm.: Entgegnung 1., 2.

Ab.: Sack fertig. "Einem Wortschleifer".
u.a.

Ein Wiederaufstieg meines Ausdrucks
ist nach der Krise des letzten Halbjahres
glaube ich angebrochen.


Samstag, 21. Jänner:

Vm. Radioaktives Praktikum.

Nm. für organ. Chemie gelernt,
ziemlich diffus. Tante kam, wir
freuten uns alle miteinander,
nicht zuletzt über Gali.

Als ich aufhörte zu lernen
und "Lyrik d. WL" auspackte
wurde es sogar richtig gemütlich.

Im Volksblatt ein bürgerlicher
Artikel, der nach einer weniger
bürgerlichen Entgegnung schreit.


Sonntag, 22. Jänner:
blau, schöne Winter-
landschaft.    -5°.

Später aufgestanden.

Sonntagsverrichtungen, Kirche.

Ordnungen.

Aus einer Kontrast-Stimmung heraus
schrieb ich ein mir notwendiges Sommer-
gedicht
. Es darf nicht stören, daß
Linden vorkommen, bei uns gibt's
im Sommer wirklich welche.

(Das heißt, im Winter sicherlich auch,
aber riechen tun sie erst im Sommer.
Das ein Realist den Realisten.)

Beim Winterspaziergang sah ich
unter vielen Schifahrern um die
Steinhofer Mauer die wasserstoffblonde
"Edith", wie ich sie im phant. nenne.
Gleich zweimal. Freilich ihre "Gosche"
ist rot bemalt, daß der Wintertag
nicht gar zu natürlich wird.

Gelernt, dabei die Kindersendung
im Radio angehört. 'S gibt Inter-
essanteres auf der Welt. Auch
als das anschließende "Fidele Brettl",
dessen Struktur hier gegeben sei:

"Weiberhaß" 3 + Serie
2 + Serie
1 + Serie
"Männerhaß" 2 + Serie
Weinseligkeit 2 + Serie
1 + Serie
Staatsvertrag 2

Götzzitat wie immer 1 mal

Jodel, Fensterln und "Stier" fielen heute
aus.

Sonst ganz schönes Radio.

Toto wieder nichts.


Montag, 23. Jänner:

-13°.

Sehr angenehmer Tag.

Morgen Kuffner. Letzte volle Uni-Woche.


Dienstag, 24. Jänner:

Zur Kuffnerprüfung früh gefahren.
Kuffner hat keine Komplexe und ist
ruhig, nett und freundlich.
Ohne weiters bestanden!

Viel im Organischen geschnüffelt.
Nächste Prüfung ist dann Ebert.

Nm. begeistert alles Lernmaterial
fortgeräumt.


Mittwoch, 25. Jänner:

Später aufgestanden.

Konsum.

Zwei Artikel zum Jugendproblem
geschrieben: endlich den Schund u.
Schmutz-Artikel
sowie den
gegen das Volksblatt. Gleich
nm. aufgegeben.

Nur die Mittagsvorlesungen.

Abends die gefangene u.
getötete Maus aus unserm Backrohr
in einem verrückten Gedicht
verewigt ("Zehn Sekunden
Unterbewußtsein
"). Der Traum
vom Fabrikshof mit der eisen-
schmelze-führenden Röhre unter
einem Hügel, auf dem nicht gut
zu sitzen ist, stammt aus dem Jahre 1944 (Kämmchen, KLV-Lager),
als ich Masern hatte und allein
in einem kleinen Zimmer lag.


26 1 50 abends: Im Dunkeln notiert: 1) Erinnerungen 2) Fluida im engsten Sinn:
Schönbrunner Einsatz,
Luftlagetabelle, Raketenver-
suche, Park Sommer 1945 .
Engeland Retorte u. Kolben. 3)

Assoziationen:

"Beim Kegelspiel, Kekomika,
dann möchte ..."

4) Feststellung: Im Bett
vor dem Einschlafen, gut
fremde Redeweisen
nachbildbar; sie kommen
einem leicht, Hemmungen
der Vorstellung zum
größten Teil weggehoben.
Günstiges Gebiet für
echte Schriftstellerei und
psychologische Beobachtungen
Wiedergabe (Heraufholung)
von Erinnerungen,
Gesichtern ...

Donnerstag, 26. Jänner:

Vm. von der Uni weg direkt in
die Komiteesitzung auf Zimmer 13
der "NW" gefahren. Siehe Bericht.
Eisenreich meint, uns fehlen
Essayisten. Ich wurde als Lektor
für Kulturpolitik im Komitee
eingesetzt.

Kein Rohracher mehr.

Ich begann die N2O IX.
zu machen.
Sie soll wie geplant den Titel
"Entartete Kunst" führen.


Freitag, 27. Jänner:

Im Phys. Institut, wo ich meine
Freizeit verbrachte, hielt ich scharfe
Abrechnung mit der formalist. Kunst
und der bürgerlichen Moral.

Nach Ebert in die PHG.

Nm. fleißig die Juxzeitung
weitergemacht.


Samstag, 28. Jänner:

Wie immer eisiges Wetter.

Letztes Rad.-Praktikum.

Konsumweg.

Nm., während Tante da war,
stellte ich die N2O IX. f  ertig.

Las Tante neben dieser noch
andere meiner Sachen vor.


Sonntag, 29. Jänner:

Unter -10°.

Sonntagsverrichtungen

Es ist angenehm. Ich fühle mich
so frei!

Kirche.

Radio interessant wie um die Zeit
immer.

Nichts Wesentliches geleistet.

Ab. Lyrik gelesen.


Montag, 30. Jänner:

Ein angenehmer Tag!

Abends letzter Nowotný.

Spät kam noch ein Rohrpostbrief
aus dem Büro von Tante. Mein
W. a. M.-Artikel fand wieder Anklang
(Dr. Machwitz ...)


Dienstag, 31. Jänner:

In der Wohnung ist es naßkalt.

Letzte Uni.

Auch die Kälte macht mir nix.
Wie immer reizend gelaunt.

Ich schrieb zwei Aphorismen.

Nm. gleich wieder in die Stadt.
Im Deuticke-Verlag brachte ich doch
einiges um 26.- an. Dann in
die Red. NW.: Die neue Nummer
der "Neuen Wege" geholt, Abonnement
gezahlt, Altes herausgenommen,
Neues eingereicht.        Höhepunkt

.

Gattermann Wieland: "Org. Chem."
besorgt. Gott sei Dank, daß der
im Haus ist.

Den Rest des Abends gelesen.


Fohnsdorfer
Katastrophe
4.1.50!
Jänner 1950
Mittwoch, 1. Feber:

Frost, Schnee. Naßkalt i. d. Wohnung.

Zeitig in die Adamsgasse gefahren.

Ein Gedicht "Zeitkrankheit"
(Eidechse) geschrieben.

Nm. die Beiträge des Jännerheftes
kritisiert.


Donnerstag, 2. Feber:

Draußen wärmer, Schnee.

Spät auf. Totoschein gemacht.

Mit Mama auf die Linzerstraße
gegangen.

Daheim war eine Nummer
des "Jugendlichen Arbeiters". Mein
Artikel "Aktuelles (!!) zum Sch. Schm. Gesetz",
den ich vor zwei Jahren schrieb,
ist in diesem Feberheft endlich
drin.

Ich schrieb einen Brief dorthin
und sandte mein Proletengedicht
ein.

Nm. Ordnungen.


Freitag, 3. Feber:

Herrliche Schneelandschaft!

Ich dichtete meinem Wunsch
folgend eine Erwiderung an Gertrud
Sokol
in der gleichen Form wie ihr
Gedicht "Bitte" im Jännerheft.
Nannte es "Seine Antwort", am
Schluß aber: "ausgesprochen durch
Andreas Okopenko" - zuerst wollte
ich schon schreiben "mittels".

Vm. Spaziergang (M.) Steinhofer
Mauer
.

15h Komitee. Dort ärgerte ich
mich o über Erika Danneberg, die
lieber Goethe als Eluard auf den
Weltliteraturseiten der "Neuen Wege"
stehen hätte, weil "jeder von uns
an ihm ersehen solle, wie man
formschön schreibe". Weiters zählt sie sich dank ihrer Verheiratung
mit einem gewissen Schriftsteller
Hakel nicht zu uns Jungen
und findet es wichtiger, uns
unter erfahrener Leitung zusammen-
zustecken, als eine fruchtbare
Wechselwirkung durch freien
Gedankenaustausch junger Kräfte
zu erstreben. Sie ist auch im
Übrigen akademisch und
irgend lieblos. Selbst ihre
kosmet. Präparation wirkt kalt
nicht einmal schwül. Jene
gräßliche Mischung.

Wir gingen fuchswild
auseinander.


Samstag, 4. Feber:

Kalt wie immer!

Ein Nachspiel zur Uni.:

Radiuminstitut besichtigt
unter Doz. Broda.

Draußen frostet es barbarisch.

Nach einer den gestrigen
bösen Eindrücken schrieb ich
das Wolfslied, das in deas
Bekenntnis gegen die Formalisten
auslief:

Ich will mich wie ein Wolf
mit euch zerwerfen!

Tante war da.

Im Toto wieder nichts gewonnen ...


Sonntag, 5. Feber:

Wegen des Schlechtwetters bin ich
verschnupft wie eine Schnecke.

Sonntagsverrichtungen Keine Kirche.

Es ließ mir keine Ruhe: ich mußte
noch ein zweites Wolfslied
niederschreiben. ("Gib deinen Lorbeer
für die Hasenbeize"). gib

Nm. Lyrik gelesen.

Nachts aus einer ganz seltsamen
Stimmung heraus zwei innere
Impressionen geschrieben.

Wie ich es sah, Wo und auf die
intensivste Weise niedergeschrieben.
Der Raum aus dem Gedicht
"Mädchen" hat aus mir
herausmüssen.


Montag, 6. Feber:

Draußen etwas wärmer.

Auch Erwärmung angekündigt.

Zeitiger auf.

Interessante W. a. M.

Wendl angerufen. Liesl war sehr freundlich.

Gut gelaunt. Linzerstraße (M.)

Nm. in der Lyrik d. WLit. und
eigenen Sachen gelesen.


Dienstag, 7. Feber:

0°!

Früh ein anspruchsloses, nur warm
empfundenes Gedichtchen unter
dem rein innerlich bedingten
Titel "Motala Melodie" geschrieben.

Konsum. Überschreibungen.
Spaziergang (M.) Mauer.

Ein rememoriertes Protokoll der
Autorentagung
geschrieben.

Nm. Friseur.

Tante Fini kam.

Weitere Arbeiten f. d. "Neuen Wege".

Lyrik gelesen.

Es wird immer wärmer. +5°.
Die Straße schon schneefrei!


Mittwoch, 8. Feber:

Sonniger Morgen.

Früh gedichtet. Die "Maja Nueva"
fiel mir ein auf Grund meiner
recht skeptischen Betrachtung der von
(Reproduktionen der) Goyaschen
Majabilder. Ich übertrug diese
kalte Schönheit in die heutige Zeit.

Spät aufgestanden.

Frühlingsnachmittag! Ich fuhr
zum Zahnarzt. Unterwegs eine
Begegnung auf der Plattform:
ein Paar, tragikomisch in seiner
halb gepflogenheitlichen Liebens-
würdigkeit od. Zärtlichkeit (?),
halb Nüchternheit. Dieser Eindruck
hämmerte in vierdrei Versen - - - - -

Bei Wendl wurde ich gleich
erledigt. Äußerst angenehme
Stimmung. Heimgefahren.

Aber gleich wieder in die Redaktion
gefahren. Dort war die Sitzung
abgesagt worden. Aber dennoch
wurde es ein angeregter Abend
im Vorraum. Jeder las seine
Gedichte, verschiedene, vor.
Ich hörte erstmals surrealistische.
Von mir las ich den "Chem. Abend"
und die Wolfslieder vor. Er fand,
der Kreis und Polakovics, daß
dies viel besser sei als was bisher
von mir vorliege. Sokol gab
das Zeichen zum Abbrechen.

Höhepunkt

Sokol übernahm mein Gedicht an sie
und versprach eine Antwort, (die
ich nicht forderte).


Donnerstag, 9. Feber:
Mamas Geburtstag.

Frühling, doch etwas trüber; vor allem nm.

Spaziergang (M.) Linzerstraße.

Ein wenig Ordnungen angestellt.

Nm. Bücherordnungen.

Zu Wendl zahlen gefahren.

Weniger Sschöner Tag als gestern.

Ich fuhr an der Sezession vorüber.
Eine geschminkte Chemikerin sprach
zu ihrer einfachen Kollegin von
Siliciumoxyd. Die war aber
abwesend an solch einem Tag.
Die dachte woran   wohl?

Ich machte über diesen Eindruck,
der mir so nahe verständlich
ist, | über das Thema (:) derer, die
"in der Sache sind", | ein
Gedicht.

Noch über Surrealismus geplaudert,
Lyrik vorgelesen.


Freitag, 10. Februar:

Schneefall, -2°, aber ganz schön.

Noch im Bett kam es nach dem
vorgestrigen Eindruck zum erwarteten
Gedicht. Ich nannte es das
"Frühlingslied für Infinita Vera",
wie Eliot von einem "Liebeslied
J. Alfred Prufrocks
" sprach, dessen
Anfangszeilen ich seinerzeit in
der "Neuen Auslese" las. Eliot
dürfte ähnliche Anliegen gehabt
haben wie ich damit.

Konsum.

Rauchfangkehrer kam zu uns.
Ich schrieb meine Gedichte rein.

Spaziergang (M.) Mauer.

Nm. weitere Ordnungen,
Überschreibungen.

Die "Lyrik" weggeräumt. Vielleicht
wurde es etwas fader.

Ich las noch im lustigen Vortragsbuch

.

Jedenfalls habe ich brennenden Wunsch
nach einem geliebten Mädchen
immer.


Samstag, 11. Feber:

+4° früh. Der Ofen raucht furchtbar.
Trüb, aber warm.

Mittag +11°!! Aber trüb, feucht.

Heute wieder zeitiger auf.

P-Überschreibungen und -Ordnung.

Tante ist krank, Onkel kam,
brachte einen Dauerbrandofen
und einen Schreibtischstuhl.
Den alten im Anschluß zusammen-
gehaut.

Psychiatrisches Buch gelesen.

Radio-Kabarett - so dumm -
angehört.

Erst spät Licht gemacht, wie
jetzt meist ...

Auch noch Zeichenversuche.
Sonst aber nichts. - - -


Sonntag, 12. Feber:

Etwas kälter als gestern.

Nachmittag kam Schönwetter auf, später
aber wieder finster, regnerisch. Im
allgemeinen wärmer.

Zeitiger auf.

Schon an Ebert gedacht.

Sonntagsverrichtungen Kirche.

Tagebuch, wenig.

Ältere Nummern der "NW" gelesen.

WB kam.

Im Toto nichts gewonnen.

Im Bett abends schrieb ich
mehrere Gedichte, Vierzeiler
bissigster Art aus dem Stegreif.
"Aus des Teufels biederem
Wörterbuch
(meinen "Freunden",
den Bürgern, gewidmet)".


Zitiervorschlag

Okopenko, Andreas: Tagebuch 05.01.1950–12.02.1950. Digitale Edition, hrsg. von Roland Innerhofer, Bernhard Fetz, Christian Zolles, Laura Tezarek, Arno Herberth, Desiree Hebenstreit, Holger Englerth, Österreichische Nationalbibliothek und Universität Wien. Wien: Version 1.1, 15.1.2019. URL: https://edition.onb.ac.at/okopenko/o:oko.tb-19500105-19500212/methods/sdef:TEI/get?mode=p_77

Lizenzhinweis

Die Transkriptionen der Tagebücher sind unter CC BY-SA 4.0 verfügbar. Weitere Informationen entnehmen Sie den Lizenzangaben.

LinksInformation

Jegliche Nutzung der Digitalisate muss mit dem Rechtsnachfolger von Andreas Okopenko, August Bisinger, individuell abgeklärt werden.