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tagebuch

neu

1950

AOk

Tagebuch:

von: Montag, 13. Feber

bis: Sonntag, 31. Dezember

1950


Andreas Okopenko

Dieses "Tagebuchstück" besteht hauptsächlich aus dem Protokoll über den Tagesverlauf, viel später vom Kalender heruntergeschrieben . Nur zum Teil sind an Ort und Stelle entstandene "Tagebuchblätter" mitverwendet oder eingelegt.

tagebuch

neu

Feber 1950

Montag, 13. Feber 1950:

Zeitig auf, wenig interessante "Welt am Montag", Konsum-Einkauf, Ordnungen bei mir angestellt.

Um 10 Uhr auf die Uni gefahren.

Das Wetter war lind, wechselnd wolkig.

Zur Ebertprüfung angemeldet /meine letzte grosse Prüfung für lange Zeit jetzt!/, Platz angemeldet und aufs Dekanat um die üblichen Formalitäten. Nm. mich gesammelt, die ersten seh cs Seiten Ebert gelernt, die ich zum Glück schon durchs Ueberschreiben mir geläufiger gemacht hatte. Heuer ist die physikalische Chemie mir schon heimlicher. Einst war sie mein Alp.

Fini, Mamas Freundin, kam.

Abends ausgeruht.

Tante Luise ist krank.


Dienstag, 14. Februar:

Trübes Wetter, tags fünf Grad.

Vormittag war kein Weg zu verrichten, daher begann ich bald nach geringen Ordnungen in meinen Sachen Ebert zu lernen weitere sechs Seiten.

Mittags damit fertig geworden.

Um drei Uhr Antiquariate aufgesucht, um weitere unnütze Bücher zu Geld zu machen, doch umsonst. Zeitig kam ich anschliessend ins Komitee der "Neuen Wege". Um 17 begann die Sitzung. Wir sechs /Altmann, Kein, Nahlik, ich, Polakovics und Frl. Sokol/ bekamen Gedichte, die sich während drei Jahren in der Redaktion bei Dr. Häussler angehäuft hatten, zu rezensieren bzw. zum Ablehnen. Es ist eine Arbeit, auf die ich mich freue. Man bekommt erstmals Kontakt mit anderen Einsendern und lernt sehen, wie die schreiben.

Ich bekam zunächst die Einsendungen von K-N. Weiteres besprochen. Unser Arbeitskreis soll weitere Vollmachten erhalten.

Nach der Sitzung ging Dr. Häussler mit Pol., Kein und mir fort. Wir führten ein lebhaftes Gespräch über das Kriegsverhängnis. Dr. Hä. sagt, er habe sich so über den allbelobten Film "Wiener Mädeln" geärgert, weil das Publikum wieder Gelegenheit hatte da, das Militärische von der zuckersüssen Seite her zu bewundern. Er sehe sich überhaupt seit dem deutschen Film "Der Apfel ist ab" keinen anderen mehr an, da dieser derart gut war. Ich habe ihn nicht gesehen und ich bedaure es. Nachdem Dr. Hä. sich verabschiedet hatte, sprachen wir noch längere Zeit über das Anliegen des Verstehens u.a. Das erste solche Gespräch mit Polakovics, glaube ich, war heute.

Wir wurden gleich wieder für Donnerstag hinbestellt.


Mittwoch, l5. Februar:

Zeitig auf. Wir fuhren heute zu Tante Luise, die krank ist. Ebert entfällt heute naturgemäss. Ich nahm K-N mit, die Rezensionen, die ich dort gleich anging. Ich fand nicht allzuviel Gutes, ich brauche mich nicht zu schämen mit meinen Einsendungen. Gernot Ludwig ist einer der besten Lyriker, die ich gelesen.

Neun Wärmegrade draussen in der Stadt. Warmer, wenn auch meist trüber Vorfrühlingstag /oder besser Nachwinter, weil das unruhige Frühlingsweben momentan nicht in der Luft liegt/.

Heimgefahren, recht angenehm.

Das "Trudscherl" gesehen, sie war sehr verlegen, ausserdem nett.

Den Rest des Abends die K-N-Lyrik zum Vergnügen durchgelesen.


Donnerstag, 16. Februar:

Ziemlich zeitig auf. Konsum-Einkauf usw., Ordnungen, anschliessend den halben heutigen Ebertstoff gebüffelt. Es ist eigenartig das Gefühl, halb redaktionell, halb chemisch verpflichtet zu sein. Manchmal - ich weiss nicht, ob ich das gerade zu diesem Anlass zu Recht notiere - möchte man fast chemisch pausieren. /Ich weiss allerdings nicht, wie ich gerade sagte, ob ich an dieser Stelle solche Gedanken hatte. Denn oft befasste ich mich beinah begeistert mit Chemischem./

Um dreiviertel zwölf tauschte ich im Red.-Vorraum der "Neuen Wege" mit Kein die zu behandelnde Lyrik aus. Auch Polakovics erschien. Seitdem auch der zweite Surrealist Artmann hinzugezogen worden ist, sind wir sieben. Artmann ist zu unterscheiden von Altmann, interessanterweise sind beide Surrealisten. Kein findet meine "Wolfslieder" schwach, von der Infinita Vera wünscht er die drei Schlusszeilen weg /die sind aber der wichtigste Punkt in meinem Gedicht!/, einige findet er gut.

Kein und Polakovics sprachen noch eine Weile über die Verdienste Morgensterns und Whitmans um die Erneuerung der Literatur, dann gingen wir auseinander. Samstag tausche ich den heute erhaltenen Stoss Gedichte O-R wieder mit Polakovics aus.

Nm. zunächst O-R etwas rezensiert, dann den Ebert zu Ende gelernt. Abends wieder einmal ins Flötzersteig-Kino, mein einziges seltsamerweise, zum Nachkriegsfilm

"Martina" /Das Mädchen ohne Halt/ gegangen. In der bekannten ps.-anal. Art gefasst. Ganz gut gefallen. Jedenfalls positiv und in der deutschen Anständigkeit gehalten.

Im ganzen war der Tag, angenehm, das Wetter trüber, aber doch genug warm.


Freitag, 17. Februar:

Ziemlich zeitig auf. Kein Weg. Vormittagswetter: Vorfrühling, warm, Fenster offen, blau, linder Wind.

Rezensionen O-R zu Ende. Altmann ist gut! Ein Gedicht, satirisch, unter dem Titel "Dichterlesung" geschrieben. /Innerhalb einiger Minuten/.

Ich lernte Ebert, dazwischen zog ich mich auf "frühlingsleicht" um, holte einige alte Eintragungen nach, brachte aber immerhin auch Ebert zu einem aufmerksamen Abschluss.

Frühlingsstimmung! Ich kramte wieder die Auslese "Lyrik der Weltliteratur" aus, und abends gab es Schweinsschnitzel. Ich nehme den Surrealismus als einen Realismus und sehe keine zwingenden Bezüge von Surrealismus und Dekadenz. Einiges zu dieser Frage notiert.


Samstag, 18. Februar: FASCHINGSAMSTAG

Weit blauer Himmel, sonnig warmes Frühlingswetter. Zeitiger auf. Konsum. Ich dichtete eine Art Galgenlied /im Zusammenhang mit der angekündigten Wasserstoffatombombe, die die Erde zu einer Sonne machen würde in wenigen Minuten/: "Der Pudding sprach ..." Nochmals ein Konsumweg. Ein Spruch fiel mir ein /auch ein linker Gerader trifft!/. Um halb zwölf erwartete mich Polakovics bei der Cabos-Fabrik. Leider war, wie ich mir auch schon gedacht hatte, die Geschichte umsonst: Es war keine neue Tausch-Kombination möglich, so ging ich leer heim. Ich hörte indessen manche Kritik über mich, meist begeisterte Stimmen über Maja Nueva, Inf. Vera, "Ach ich grüsse den Sack" und so weiter. Artmann fand verblüffenderweise einen Eliotschen Einfluss in diesen Gedichten. Also ist Eliot nicht nur in meinen Augen mit mir verwandt! Es bereitet mir eine gewisse Freude das. Die "Dichterlesung" und die "Zeitkrankheit" gefielen Polakovics so, dass er sie gleich mitnahm.

Es ist jetzt eine bewegte Zeit für mich, ein Aufbruch.

Gutes Mittagessen, wie es sich für einen solchen Faschingstag "gehört". Ordnungen. Ich verfasste die Satire "Sonnengesang" /siehe H-Atombombe!/.

Ebert, zu dem ich keine Lust hatte, gar nicht gelernt.

Ziemlich langweilige "Neue Auslese" durchgeblättert, mehrere Nummern.

Aber ich stiess wieder auf Eliot. /Im Maiheft: von dort meine Liebe zu diesem Dichter; ein Essay über ihn mit wenigen übersetzten Proben seiner Gedichte/...

Rindsschnitzel. Ganz unterhaltsames Faschingsradio.


Sonntag, 19. Februar: FASCHINGSONNTAG

Zeitig auf, Sonntagsbad, zwei weitere /diesmal unpolitische/ "Galgenlieder" gedichtet: Eine Messerspitze Salz und Eine Tube Himmelsblau.

Kirche. Vormittag beim Radio, sonst nichts. Auch nachmittags zunächst fad. Ebert gelernt. Danach ganz nett unterhalten. Vom Radio stand ich auf und sah zum Fenster: Trudscherl ging dort den Flötzersteig-Weg hinunter, mit einem Burschen. Ich bekam anschliessend Worte zu einem Gedicht.

Der Abend war neblig.

Kein Frühlingseindruck: früh Minusgrade, auch sonst grau, trüb, kühler ...


FASCHINGSMONTAG, 20. Februar:

Neblig, wie gestern abends auch; -3 Grad, -2 Grad später. So stand ich auf, zeitig, die Montagszeitung war wieder nur mässig interessant.

Gleich in aller Frühe dichtete ich den "Abend im Vorfrühling". Er enthält sehr viel dieses unbestimmbaren Fluidums.

"Es müsste nicht so ein Nebel sein,
und dass freilich Marie ... Aber lassen wir das
- Der Abend ist schön und wir wollen uns freun."

/ Marie heisst das "Trudscherl"/.

Ein Spaziergang in seltsam dürrer Landschaft folgte um die Steinhofer Mauer, mit Mama. Nachher erst recht zu dichten Lust gehabt. Ich schrieb das Gedicht zu Ende.

Reinschriften. Es war mir nachmittags sehr recht, dass Kein und Polakovics kamen. Sie brachten mir A-H zum Rezensieren. Ich lernte freilich zuerst mein Ebert-Pensum. /Oder ist das nicht gar so freilich?/ Nachher jeden- falls rezensierte ich alle Einsendungen, die mir gebracht worden waren, durch.

Gegen Abend,so um 21 Uhr, noch zwei Gedichte: Ein leeres Boot ... und "Du willst mit mir fliehen".


FASCHINGSDIENSTAG, 21. Februar:

Früh viereinhalb Wärmegrade.

Zeitig aufgestanden, Konsum, der Frühling wird merklich.

Der Frühling: Stürmisch, zausig, blauer Himmel mit Wolken rasch wechselnd, oft ist die Luft schneidend, die Sicht ist klar; aber alles in der jungen Erwartung kommender Blüte.

Trotz allem keine "kalte" Jahreszeit. Meine Jahreszeit.

Verschiedene Ideen.

Schon vormittags Ebert gelernt.

Fini holte Mama ab, ich blieb allein und beschäftigte mich literarisch. Schon gestern kam mir der Einfall, vertane Gedichte auf den Grund ihrer Pleite zu untersuchen. Ich versuchte mich daran jetzt. Die Sommerimpression "Endlos duftet" ist in ihrer ersten halben Zeile echt, in den zwei Zeilen der dritten Strophe auch, die vierte ist überflüssig, die Reflexionsmomente sind unnötig; es sollte eine reine Impression daraus werden.

Nach einigem Plaudern daheim fuhr ich wieder in die Sitzung. Dort erschienen abermals die Sieben. Sokol! In der Redaktion nichts Neues, die Rezension wird weitergeführt, ich bekam diesmal nichts . Unsere Zusammenkünfte wurden endgültig auf den Dienstag festgelegt, zunächst auf jeden.

Anregender Heimweg zu Fuss, morgen kommen die Burschen zu mir in die Wohnung.

Angenehmer Tag.


ASCHERMITTWOCH, 22. Februar:

Vormittag, nach dem zeitigen Aufstehen, gab es keinen Weg. Es fiel Regenschnee, Temperatur dementsprechend um den Nullpunkt.

Ich fing gleich wieder zu lernen an. Später als ich fertig war, und Mama auf die Linzerstrasse einkaufen ging, beschäftigte ich mich mit Ordnungen /Z/ und Reinschriften.

Nachmittag kamen sie zu mir: Pol, Kein und Artmann. Wir rezensierten H-J und unterhielten uns dabei angeregt. Diese Arbeit ist uns sehr nützlich. Ausserdem lernt man einander gut kennen. Pol's Lieblingsdichter ist Rilke, von dem er mir viel erzählte.

Allein noch die Rezensionen Sch-T durchgeführt, Toman ist grossartig!

Tante hat, wie ich beim Telephon erfuhr, Herpes bekommen. Frl. Huber von Tantes Büro erkrankte an Blutvergiftung.


Donnerstag, 23. Februar:

Blauer Himmel, aber kalt. /Früh -4 Grad!/ Ganz zeitig auf. Sehr rasch Ebert gelernt. Auf die Uni gefahren, Formalitäten durchgeführt, Idee - aber nicht mehr - für neue "Galgenlieder" /Dr. Grinse usw./ Ich erwartete dann die Kollegen.

Um ein Uhr kamen sie wieder zu mir, die drei von gestern. W-Z fertig gemacht. Schon um halb vier waren wir fertig. Wir sprachen dann über seltsame Sachen wie die Greguerías, mit denen mich Art. bekanntmachte, über Eliot, den zu übersetzen ich der Berufene wäre, wie sie sagen, Art wird ihn mir ausleihen; Flämische Dichtung zusammen mit dem Originaltext liess er mir zum Lesen hier.

Spazieren gegangen mit ihnen noch. Unbeschreiblich schöne Landschaftsstimmungen draussen. Ein Flecken brauner Erde zum Beispiel mit Mistgeruch; abgelegen wie aus anderen Ländern her. Kühler direkt schon Frühlingstag.

Gegen meinen Plan nichts mehr gedichtet. Nur in den Flamen gelesen.


Freitag, 24. Februar:

Ich hatte gestern "Verse, als Maxi geistreich bleiben sollte" gedichtet, da mir Pol unter meinen "Dezemberfrost", den er gänzlich ablehnte, schrieb:

"Und die Moral von der Geschicht: Bleib geistreich, werde sinnig nicht!"

Die spasshafte Geschichte hat einen ernsten Hintergrund; man möge mich nicht als Alyriker ansehen. Meine Gedichte kommen aus anderen Tiefen als blosser Geistreichelei.

Später aufgestanden. Ausser zwei Konsumwegen nichts getan vormittags. In der flämischen Lyrik geblättert. Etwas unwirsches Wetter. Die Sonne ging weg. Ich besuchte nachmittags die Gschnasausstellung im Künstlerhaus. Tiefpunkt: Oede, wenn auch keine greifbare schlechte Stimmung.

Mama war nicht daheim; ich machte Ordnungen /Z/ und Reinschriften. Abends noch flämische Lyrik gelesen.


Samstag, 25. Februar:

Spät aufgestanden, Reinschriften fertig, den Vormittag über andere Ordnungen. Herrlich blaues Sonnenwetter, frühlingshaft, nachmittags zehn Wärmegrade.

Tante kam, es wurde der Nachmittag zunächst öde wie gestern. Ich übersetzte aus dem Ukrainischen.

Der Abend ist mit einem Schlag so eigen. Ich stand vor der Haltestelle, um mich den beginnenden Frühling, den lauen Abend in den Kastanien.

Die Strassenbahn kam, ich fuhr in die Stadt, alles ist so warm. In der Stadt das rote Licht der Reklameröhren, ein Mädchen fuhr im 46-er.

Im Schreyvogelsaal angekommen, wo die DICHTERLESUNG stattfand, wurde der Abend öder. Das Publikum aus sog. gebildeten Kreisen /Lehrer und versch. Verwandte, keine Presse anwesend, auch keine literarisch interessierte Jugend, mit solchen Leuten kann man keine Revolution machen, haha./. Bildungselefanten, oft recht kostbar geziert. Ich war entsetzt, auch wie gelesen wurde. Eine gesellschaftliche Veranstaltung, aber keine "Neuen Wege". Artmann spricht davon, dass der Surrealismus die Decadence überwunden hat. Altmanns heute gelesene Gedichte seien kein Surrealismus übrigens. Von mir wurde der "Prolog zum Weihnachtsfest" gelesen, der Applaus erntete. Pol indes hält nicht sehr viel davon. Meine neueren und neuesten Gedichte seien ein grosser Sprung gewesen, sagen sie in den NW. Ich fuhr heim und nahm meinen Aerger nicht sehr ernst, meinen Aerger über die - nun, sagen wir: "Dichterlesung" ...


Sonntag, 26. Februar:

Kirche. Ein zerzaustes Wetter war. "Will das ein Frühling sein?" sagte ich darüber in dem Gedicht, das ich daheim schrieb. /"Sonntagmorgen Steinhofer Kirche"/. Ich bin nicht sonderlich befriedigt davon, es liegt ausserhalb meiner Linie. Absinkende und wieder ansteigende Stimmung in mir. Nachmittag Ordnungen angestellt, Pol kam! Heute nachmittag findet übrigens noch eine Schreyvogellesung statt, zu der wir aber nicht gehen. Pol hatte befürchtet, dass ich die NW auf meinen gestrigen Aerger hinauf verlassen würde. Er ist übrigens auch in Wut über die Verhunzung unserer Gedichte und hat sich Punkte zusammengeschrieben, die er Dr. Häussler vorbringen wird.

Mit Pol gut verständigt. Er sagt auch, dass Frl. Sokol meinem Wesen gänzlich fremd sein dürfte. Nichtsdestoweniger habe er entnommen, dass sie mein Gedicht von unlängst /darauf sie mir eine Antwort versprochen oder besser gesagt: angekündigt/ persönlich aufgefasst habe. Nun, in der Tat habe ich nicht die Absicht, mit Frl. Sokol "Planeten zu ballen", wie ich schrieb. Ich schrieb als der Imaginäre, den sie in ihrem Gedicht "Bitte" angesprochen hatte. Nur ausgesprochen wurde "Seine Antwort" durch mich.

Ich bin, welche Feststellung zwar durchaus nicht hierher gehört, sehr sehnsüchtig nach einem geliebten Mädchen!


Montag, 27. Februar:

Der Tag wurde öder. Nicht zu zeitig stand ich auf. Konsumweg. Ordnungen, Reinschriften angestellt. Sonst die Zeit vertrödelt. Auch Mittag, als Mama mit Tante Fini fortging. Nur, dass ich da chemische Versuche, zu meiner Anregung, vornahm. Ich trug auch das lang versäumte Tagebuch, oder wie man's bei mir nennen will, etwas nach.

Fini kam noch zurück; ich las im fläm. Buch. Erfolglos versuchte ich zu schreiben. Ich notierte gerade die Binsenweisheit, dass Gefühlskälte und Nervenreiz die abstossendste Kombination eingehen.

Die Gespräche hatten irgendwie den Anlass dazu gegeben.

Es gab Schneeregen und Minusgrade ...


Dienstag, 28. Februar:

Früh begann es mit Kälte. Wieder ein trüber Tag. Ziemlich zeitig stand ich auf. Auf den morgigen Semesterbeginn bin ich nun gefasst.

Mit Mama ging ich auf die Linzerstrasse um Ofenrohre. Nächsten Winter werden wir endlich anständig heizen können. /Sonst hatten wir nur einen Petroleumofen!/ Es schneite sogar. Ebert fertiggelernt. Ich denke absurderweise nicht, dass ich diesmal durchfalle. Daheim trieb es mich zum Zugreifen, ich brachte mit Mama deshalb die Rumpelkammer in Ordnung. Das soll die Kompensation der kommenden geistigen Anstrengungen wohl sein.

17 Uhr Redaktion. Sokol kam, sie ärgert sich über Keins "Damenbildnis" und noch mehr über unsere Zustimmung zu diesem und ähnlichen Gedichten. Auch über Herta

Mrazek mit ihrem "Teich - Leben" und dem Nervengedicht, dessen Titel ich vergessen habe.

Neue Lyrik eingereicht. Die Rezensionsarbeit ist bis auf Sokols Anteil fertig. Häussler selbst kritisierte die Lesung von Samstag.

An Ort und Stelle Kritik der neueingereich- ten Lyrik. Cap war heute anwesend, ein sympathischer Mensch.


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AOk

Tagebuch:

von: Montag, 13. Feber

bis: Montag, 17. JuliSonntag, 31. Dezember

1950





Andreas Okopenko

MeinDieses "Tagebuchstück" besteht hauptsächlich aus dem
Protokoll über den Tagesverlauf, viel später vom
Kalender heruntergeschrieben , meist
viel später
. Nur zum Teil sind
wirkliche an Ort und Stelle ent-
standene "Tagebuchblätter" mit-
verwemndet oder eingelegt.

tagebuch

neu

Feber
1950

Montag, 13. Feber 1950:

Zeitig auf, wenig interessante "Welt am
Montag
", Konsum-Einkauf, Ordnungen bei
mir angestellt.

Um 10 Uhr auf die Uni gefahren.

Das Wetter war lind, wechselnd wolkig.

Zur Ebertprüfung angemeldet /meine
letzte grosse Prüfung für lange Zeit
jetzt!/, Platz angemeldet und aufs
Dekanat um die üblichen Formalitäten.
Nm. mich gesammelt, die ersten seh cs
Seiten Ebert gelernt, die ich zum Glück
schon durchs Ueberschreiben mir geläu-
figer gemacht hatte. Heuer ist die
physikalische Chemie mir schon heimlicher.
Einst war sie mein Alp.

Fini, Mamas Freundin, kam.

Abends ausgeruht.

Tante Luise ist krank.


Dienstag, 14. Februar:

Trübes Wetter, tags fünf Grad.

Vormittag war kein Weg zu verrichten,
daher begann ich bald nach geringen
Ordnungen in meinen Sachen Ebert
zu lernen weitere sechs Seiten.

Mittags damit fertig geworden.

Um drei Uhr Antiquariate aufgesucht,
um weitere unnütze Bücher zu Geld
zu machen, doch umsonst. Zeitig kam ich
anschliessend ins Komitee der "Neuen Wege".
Um 17 begann die Sitzung. Wir sechs
/Altmann, Kein, Nahlik, ich, Polakovics und
Frl. Sokol/ bekamen Gedichte, die sich
während drei Jahren in der Redaktion
bei Dr. Häussler angehäuft hatten, zu
rezensieren bzw. zum Ablehnen. Es ist
eine Arbeit, auf die ich mich freue.
Man bekommt erstmals Kontakt mit
anderen Einsendern und lernt sehen,
wie die schreiben.

Ich bekam zunächst die Einsendungen
von K-N. Weiteres besprochen. Unser
Arbeitskreis soll weitere Vollmachten
erhalten.

Nach der Sitzung ging Dr. Häussler mit
Pol., Kein und mir fort. Wir führten ein
lebhaftes Gespräch über das Kriegs-
verhängnis. Dr. Hä. sagt, er habe sich so
über den allbelobten Film "Wiener Mädeln"
geärgert, weil das Publikum wieder
Gelegenheit hatte da, das Militärische
von der zuckersüssen Seite her zu
bewundern. Er sehe sich überhaupt
seit dem deutschen Film "Der Apfel ist ab"
keinen anderen mehr an, da dieser derart
gut war. Ich habe ihn nicht gesehen und
ich bedaure es. Nachdem Dr. Hä. sich
verabschiedet hatte, sprachen wir noch
längere Zeit über dieas Anliegen des
Verstehens u.a. Das erste
solche Gespräch mit Polakovics, glaube ich,
war heute.

Wir wurden gleich wieder für den
Donnerstag hinbestellt.


Mittwoch, l5. Februar:

Zeitig auf. Wir fuhren heute zu Tante
Luise, die krank ist. Ebert etntfällt heute
naturgemäss. Ich nahm K-N mit, die
Rezensionen, die ich dort gleich anging.
Ich fand nicht allzuviel Gutes, ich
brauche mich nicht zu schämen mit meinen
Einsendungen. Gernot Ludwig ist einer
der besten Lyriker, die ich gelesen.

Neun Wärmegrade draussen in der Stadt.
Warmer, wenn auch meist trüber FVorfrühlings-
tag /oder besser Nachwinter, weil das
unruihige Frühlingsweben momentan nicht
in der Luft liegt/.

Heimgefahren, recht angenehm.

Das "Trudscherl" gesehen, sie war sehr
verlegen, ausserdem nett.

Den Rest des Abends die K-N-Lyrik zum
für mein eigenes Vergnügen durchgelesen.


Donnerstag, 16. Februar:

Ziemlich zeitig auf. Konsum-Einkauf usw.,
Ordnungen, anschliessend den halben
heutigen Ebertstoff gebüffelt. Es ist
eigenartig das Gefühl, halb redaktionell,
halb chemisch verpflichtet zu sein.
Manchmal - ich weiss nicht, ob ich das
gerade zu diesem Anlass zu Recht
notiere - möchte man fast chemisch
pausieren. /Ich weiss allerdings nicht,
wie ich gerade sagte, ob ich an dieser
Stelle solche Gedanken hatte. Denn oft
befasste ich mich beinah begeistert
mit Chemischem./

Um dreiviertel zwölf tauschte ich im
Red.-Vorraum der "Neuen Wege" mit Kein
die zu behandelnde Lyrik aus. Auch
Polakovics erschien. Seitdem auch der
zweite Surrealist Alrtmann hinzu-
gezogen worden ist, sind wir sieben.
Artmann ist zu unterscheiden von Altmann,
interessanterweise sind beide Surrealisten.
Kein findet meine "Wolfslieder" schwach,
von der Infinita Vera wünscht er die
drei Schlusszeilen weg /die sind aber
der wichtigste Punkt in meinem Gedicht!/,
einige findet er gut.

Kein und Polakovics sprachen noch eine
Weile über die Verdienste Morgensterns
und Whitmans um die Erneuerung der
Literatur, dann gingen wir auseinander.
Samstag tausche ich den heute erhaltenen
Stoss Gedichte O-R wieder mit Polakovics
aus.

Nm. zunächst O-R etwas rezensiert, dann
den Ebert zu Ende gelernt. Abends wieder
einmal ins Flötzersteig-Kino, mein ein-
ziges seltsamerweise, zum Nachkriegsfilm

"Martina" /Das Mädchen ohne Halt/
gegangen. In der bekannten ps.-anal. Art
gefasst. Ganz gut gefallen. Jedenfalls
positiv und in der deutschen Anständigkeit
gehalten.

Im ganzen war der Tag, angenemhm, das
Wetter trüber, aber doch genug warm.


Freitag, 17. Februar:

Ziemlich zeitig auf. Kein Weg.
Vormittagswetter: Vorfrühling, warm,
Fenster offen, blau, linder Wind.

Rezensionen O-R zu Ende. Altmann ist gut!
Ein Gedicht, satirisch, unter dem Titel
"Dichterlesung" geschrieben. /Innerhalb
einiger Minuten/.

Ich lernte Ebert, dazwischen zog ich
mich auf "frühlingsleicht" um, holte
einige alte Eintragungen nach, brachte
aber immerhin auch Ebert zu einem
aufmerksamen Abschluss.

Frühlingsstimmung! Ich kramte wieder
die Auslese "Lyrik der Weltliteratur"
aus, und abends gab es Schweinsschnitzel.
Ich nehme den Surrealismus als einen
Realismus und sehe keine zwingenden
Bezüge von Surrealismus und Dekadenz.
Einiges zu dieser Frage notiert.


Samstag, 18. Februar:
FASCHINGSAMSTAG

Weit blauer Himmel, sonnig warmes
Frühlingswetter. Zeitiger auf. Konsum.
Ich dichtete eine Art Galgenlied
/im Zusammenhang mit der angekündigten
Wasserstoffatombombe, die die Erde zu
einer Sonne machen würde in wenigen
Minuten/: "Der Pudding sprach ..."
Nochmals ein Konsumweg. Ein Spruch fiel
mir ein /auch ein linker Gerader
trifft!/. Um halb zwölf erwartete mich Polakovics bei der Cabos-Fabrik. Leider
war, wie ich mir auch schon gedacht hatte,
die Geschichte umsonst: Es war keine
neue Tausch-Kombination möglich, so
ging ich leer heim. Ich hörte indessen
manche Kritik über mich, meist begei-
sterte Stimmen über Maja Nueva, Inf. Vera,
"Ach ich grüsse den Sack" und so weiter.
Artmann fand verblüffenderweise einen
Eliotschen Einfluss in diesen Gedichten.
Also ist Eliot nicht nur in meinen
Augen mit mir verwandt! Es bereitet mir
eine gewisse Freude da.s. Die
"Dichterlesung" und die "Zeitkrankheit"
gefielen Polakovics so, dass er sie
gleich mitnahm.

Es ist jetzt eine bewegte Zeit für
mich, ein Aufbruch.

Gutes Mittagessen, wie es sich für einen
solchen Faschingstag "gehört". Ordnungen.
Ich verfasste die Satire "Sonnengesang"
/siehe H-Atombombe!/.

Ebert, zu dem ich keine Lust hatte, gar
nicht gelernt.

Ziemlich langweilige "Neue Auslese"
durchgeblättert, mehrere Nummrern.

Aber ich stiess wieder auf Eliot.
/Im Maiheft: von dort meine Liebe zu
diesem Dichter; ein Essay über ihn mit
wenigen übersetzten Proben seiner
Gedichte/...

Rindsschnitzel. Ganz unterhaltsames
Faschingsradio.


Sonntag, 19. Februar:
FaASCHINGSONNTAG

Zeitig auf, Sonntagsbad,
zwei weitere /diesmal unpolitische/
"Galgenlieder" gedichtet: Eiene
Messerspitze Salz
und Eine Tube
Himmelsblau
.

Kirche. Vormittag beim Radio, sonst
nichts. Auch nachmittags zunächst fad. Ebert gelernt. Danach ganz nett unterhalten.
Vom Radio stand ich auf und sah zum Fenster:
Trudscherl ging dort den Flötzersteig-Weg
hinunter, mit einem Burschen. Ich bekam
anschliessend Worte zu einem Gedicht.

Der Abend war neblig.

Kein Frühlingseindruck: früh Minusgrade,
auch sonst grau, trüb, kühler ...


FASCHINGSMONTAG, 20. Februar:

Neblig, wie gestern abends auch; -3 Grad,
-2 Grad später. So stand ich auf, zeitig,
die Montagszeitung war wieder nur mässig
interessant.

Gleich in aller Frühe dichtete ich
den "Abend im Vorfrühling". Er enthält sehr
viel dieses unbestimmbaren Fluidums.

"Es müsste nicht so ein Nebel sein,
und dass freilich Marie ... Aber lassemn wir das
- Der Abend ist schön und wir wollen unds freun."

/ Marie heisst das "Trudscherl"/.

Ein Spaziergang in seltsam dürrer Landschaft
folgte um die Steinhofer Mauer, mit Mama.
Nachher erst recht zu dichten Lust gehabt.
Ich schrieb das Gedicht zu Ende.

Reinschriften. Es war mir nachmittags sehr
recht, dass Kein und Polakovics kamen. Sie
berachten mir A-H zum Rezensieren. Ich lernte
freilich zuerst mein Ebert-Pensum. /Oder ist
das nicht gar so freilich?/ Nachher jeden-f
falls rezensierte ich alle Einsendungen, die
mir gebracht worden waren, durch.

Gegen Abend,so um e21 Uhr, noch zwei Gedichte:
Ein leeres Boot ... und "Du willst mit mir
fliehen
".


FASCHINGSDIENSTAG, 21. Februar:

Früh viereinhalb Wärmegrade.

Zeitig aufgestanden, Konsum, der Frühling
wird merklich.

Der Frühling: Stürmisch, zausig, blauer
Himmel mit Wolken rasch wechselnd, oft ist
die Luft schneidend, die Sicht ist klar;
aber alles in der jungen Erwartung
kommender Blüte.

Trotz allem keine "kalte" Jahreszeit.
Meine Jahreszeit.

Verschiedene Ideen.

Schon vormittags Ebert gelernt.

Fini holte Mama ab, ich blieb allein und
beschäftigte mich literarisch. Schon
gestern kam mir der Einfall, vertane
Gedichte auf den Grund ihrer Pleite zu
untersuchen. Ich versuchte mich daran
jetzt. Die Sommerimpression "Endlos duftet"
ist in ihrer ersten halben Zeile echt,
in den zwei TZeilen der dritten Strophe
auch, die vierte ist überflüssig, die
Reflexionsmomente sind unnötig; es sollte
eine reine Impression daraus werden.

Nach einigem Plaudern daheim fuhr ich
wieder in die Sitzung. Dort erschienen
abermals die Sieben. Sokol!
In der Redaktion nichts Neues, die Rezension
wird weitergeführt, ich bekam diesmal
nichts Neues. Unsere Zusammenkünfte wurden
endgültig auf den Dienstag festgelegt, zunächst
auf jeden.

Anregender Heimweg zu Fuss, morgen kommen
die Burschen zu mir in die Wohnung.

Angenehmer Tag.


ASCHERMITTWOCH, 22. Februar:

Vormittag, nach dem zeitigen Aufstehen,
gab es keinen Weg. Es fiel Regenschnee,
Temperatur dementsprechend um den Null-
punkt.

Ich fing gleich wieder zu lernen an.
Später als ivch fertig war, und Mama auf
die Linzerstrasse einkaufen ging,
beschäftigte ich mich mit Ordnungen /Z/
und Reinschriften.

Nachmittag kamen sie zu mir: Pol, KXein
und Artmann. Wir rezensierten H-J und
unterhielten uns dabei angeregt. Diese
Arbeit ist uns sehr nützlich. Ausserdem
lernt man einander gut kennen. Pol's
Lieblingsdichter ist Rilke, von dem er
mir viel erzählte.

Allein noch die Rezensionen Sch-T
durchgeführt, Toman ist grossartig!

Tante hat, wie ich beim Telephon erfuhr,
Herpes bekommen. Frl. Huber von Tantes Büro
erkrankte an Blutvergiftung.


Donnerstag, 23. Februar:

Blauer Himmel, aber kalt. /Früh -4 Grad!/
Ganz zeitig auf. Sehr rasch Ebert gelernt.
Auf die Uni gefahren, Formalitäten durch-
geführt, Idee - aber nicht mehr - für
neue "Galgenlieder" /Dr. Grinse usw./
Ich erwartete dann die Kollegen.

Um ein Uhr kamen sie wieder zu mir, die
drei von gestern. W-Z fertig gemacht.
Schon um halb vier waren wir fertig.
Wir sprachen dann über seltsame Sachen
wie die Greguerías, mit denen mich Art.
bekanntmachte, über Eliot, den zu übersetzen
ich der Berufene wäre, wie sie sagen, Art wird ihn mir ausleihen; Flämische
Dichtung zusammen mit dem Originaltext
liess er mir zum Lesen hier.

Spazieren gegangen mit ihnen noch.
Unbeschreiblich schöne Landschafts-
stimmungen draussen. Ein Flecken brauner
Erde zum Beispiel mit Mistgeruch;
abgelegen wie aus anderen Ländern her.
Kühler direkt schon Frühlingstag.

Gegen meinen Plan nichts mehr gedichtet.
Nur in den Flamen gelesen.


Freitag, 24. Februar:

Ich hatte gestern "Verse, als Maxi
geistreich bleiben sollte
" gedichtet,
da mir Pol unter meinen "Dezemberfrost",
den er gänzlich ablehnte, schrieb:

"Und die Moral von der Geschicht:
Bleib geistreich, werde sinnig nicht!"

Die spasshafte Geschichte hat einen
ernsten Hintergrund; man möge mich nicht
als Alyriker ansehen. Meine Gedichte
kommen aus anderen Tiefen als blosser
Geistreichelei.

Später aufgestanden. Ausser zwei
Konsumwegen nichts getan vormittags.
In der flämischen Lyrik geblättert.
Etwas unwirsches Wetter. Die Sonne
ging weg. Ich besuchte nachmittags
die Gschnasausstellung im Künstlerhaus.
Tiefpunkt: Oede, wenn auch keine greifbare
schlechte Stimmung.

Mama war nicht daheim; ich machte
Ordnungen /Z/ und Reinschriften.
Abends noch flämische Lyrik gelesen.


Samstag, 25. Februar:

Spät aufgestanden, Reinschriften fertig,
den Vormittag über andere Ordnungen.
Herrlich blaues Sonnenwetter,
frühlingshaft, namchmittags zehn Wärme-
grade.

Tante kam, es wurde der Nachmittag
zunächst öde wie gestern. Ich über-
setzte aus dem Ukrainischen.

Der Abend ist mit einem Schlag so
eigen. Ich stand vor der Halte-
stelle, um mich den beginnenden Frühling,
den lauen Abend in den Kastanien.

Die Strassenbahn kam, ich fuhr in die
Stadt, alles ist so warm. In der Stadt
das rote Licht der Reklameröhren,
ein Mädchen fuhr im 46-er.

Im Schreyvogelsaal angekommen, wo
die DICHTERLESUNG stattfand, waurde
der Abend öder. Das Publikum aus sog.
gebildeten Kreisen /Lehrer und versch.
Verwandte, keine Presse anwesend, auch
keine literarisch interessierte Jugend,
mit solchen Leuten kann man keine
Revolution machen, haha./. Bildungs-
elefanten, oft recht kostbar geziert.
Ich war entsetzt, auch wie gelesen wurde.
Eine gesellschaftliche Veranstaltung,
aber keine "Neuen Wege". Artmann spricht
davon, dass der Surrealismus die Decadence
überwunden hat. Altmanns heute gelesene
Gedichte seien kein Surrealismus übrigens.
Von mir wurde der "Prolog zum Weihnachts-
fest
" gelesen, der Applaus erntete. Pol
indes hält nicht sehr viel davon. Meine
neueren und neuesten Gedichte seien ein
grosser Sprung gewesen, sagen sie in den
NW. Ich fuhr heim und nahm meinen Aerger
nicht sehr ernst, meinen Aerger über die
- nun, sagen wir: "Dichterlesung" ...


Sonntag, 26. Februar:

Kirche. Ein zerzaustes Wetter war.
"Will das ein Frühling sein?" sagte
ich darüber in dem Gedicht, das ich
daheim schrieb. /"Sonntagmorgen
Steinhofer Kirche
"/. Ich bin nicht
sonderlich befriedigt davon, es liegt
ausserhalb meiner Linie. Absinkende
und wieder ansteigende Stimmung in mir.
Nachmittag Ordnungen angestellt,
Pol kam! Heute nachmittag findet
übrigens noch eine Schreyvogellesung
statt, zu der wir aber nicht gehen.
Pol hatte befürchtet, dass ich die NW
auf meinen gestrigen Aerger hinauf
verlassen würde. Er ist übrigens auch
in Wut über die Verhunzung unserer
Gedichte und hat sich Punkte zusammen-
geschrieben, die er Dr. Häussler vorbringen
wird.

Mit Pol gut verständigt. Er sagt
auch, dass Frl. Sokol meinem Wesen gänzlich
fremd sein dürfte. Nichtsdestoweniger
habe er entnommen, dass sie mein Gedicht
von unlängst /darauf sie mir eine
Antwort versprochen oder besser gesagt:
angekündigt/ persönlich aufgefasst habe.
Nun, in der Tat habe ich nicht die
Absicht, mit Frl. Sokol "Planeten zu
ballen", wie ich schrieb. Ich schrieb
nur als der Imaginäre, den sie in ihrem
Gedicht "Bitte" angesprochen hatte.
Nur ausgesprochen wurde "Seine Antwort"
durch mich.

Ich bin, welche Feststellung zwar durch-
aus nicht hierher geöhört, sehr sehnsüchtig
nach einem geliebten Mädchen!


Montag, 27. Februar:

Der Tag wurde öder. Nicht zu zeitig stand
ich auf. Konsumweg. Ordnungen, Reinschriften
angestellt. Sonst die Zeit vertrödelt.
Auch Mittag, als Mama mit Tante Fini
fortging. Nur, dass ich da chemische
Versuche, zu meiner Anregung, vornahm.
Ich trug auch das lang versäumte Tagebuch,
oder wie man's bei mir nennen will, etwas
nach.

Fini kam noch zurück; ich las im fläm.
Buch. Erfolglos versuchte ich zu schreiben.
Ich notierte gerade die Binsenweisheit,
dass Gefühlskälte und Nervenreiz die
abstossendste Kombination eingehen.

Die Gespräche hatten irgendwie den Anlass
dazu gegeben.

Es gab Schneeregen und Minusgrade ...


Dienstag, 28. Februar:

Früh begann es mit Kälte. Wieder ein
trüber Tag. Ziemlich zeitig stand ich
auf. Auf den morgigen Semesterbeginn
bin ich nun gefasst.

Mit Mama ging ich auf die Linzerstrasse
um Ofenrohre. Nächsten Winter werden wir
endlich anständig heizen können. /Sonst
hatten wir nur einen Petroleumofen!/
Es schneite sogar. Ebert fertiggelernt.
Ich denke absurderweise nicht, dass ich
diesmal durchfalle. Daheim trieb es mich
zum Zugreifen, ich brachte mit Mama deshalb
die Rumpelkammer in Ordnung. Das soll
die Kompensation der kommenden geistigen
Anstrengungen woghl sein.

17 Uhr Redaktion. Sokol kam, sie ärgert
sich über Keins "Damenbildnis" und noch
mehr über unsere Zustimmung zu diesem
und ähnlichen Gedichten. Auch über Herta

Mrazek mit ihrem "Teich - Leben" und
dem Nervengedicht, dessen Titel ich vergessen
habe.

Neue Lyrik eingereicht. Die Rezensions-
arbeit ist bis auf Sokols Anteil fertig.
Häussler selbst kritisiterte die Lesung .von
Samstag.

An Ort und Stelle oKritik der neueingereicht-
ten Lyrik. Cap war heute anwesend, ein
sympathischer Mensch.


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tagebuch

neu

1950

AOk

Tagebuch:

von: Montag, 13. Feber

bis: Sonntag, 31. Dezember

1950


Andreas Okopenko

Dieses "Tagebuchstück" besteht hauptsächlich aus dem Protokoll über den Tagesverlauf, viel später vom Kalender heruntergeschrieben . Nur zum Teil sind an Ort und Stelle entstandene "Tagebuchblätter" mitverwendet oder eingelegt.

tagebuch

neu

Feber 1950

Montag, 13. Feber 1950:

Zeitig auf, wenig interessante "Welt am Montag", Konsum-Einkauf, Ordnungen bei mir angestellt.

Um 10 Uhr auf die Uni gefahren.

Das Wetter war lind, wechselnd wolkig.

Zur Ebertprüfung angemeldet /meine letzte grosse Prüfung für lange Zeit jetzt!/, Platz angemeldet und aufs Dekanat um die üblichen Formalitäten. Nm. mich gesammelt, die ersten seh cs Seiten Ebert gelernt, die ich zum Glück schon durchs Ueberschreiben mir geläufiger gemacht hatte. Heuer ist die physikalische Chemie mir schon heimlicher. Einst war sie mein Alp.

Fini, Mamas Freundin, kam.

Abends ausgeruht.

Tante Luise ist krank.


Dienstag, 14. Februar:

Trübes Wetter, tags fünf Grad.

Vormittag war kein Weg zu verrichten, daher begann ich bald nach geringen Ordnungen in meinen Sachen Ebert zu lernen weitere sechs Seiten.

Mittags damit fertig geworden.

Um drei Uhr Antiquariate aufgesucht, um weitere unnütze Bücher zu Geld zu machen, doch umsonst. Zeitig kam ich anschliessend ins Komitee der "Neuen Wege". Um 17 begann die Sitzung. Wir sechs /Altmann, Kein, Nahlik, ich, Polakovics und Frl. Sokol/ bekamen Gedichte, die sich während drei Jahren in der Redaktion bei Dr. Häussler angehäuft hatten, zu rezensieren bzw. zum Ablehnen. Es ist eine Arbeit, auf die ich mich freue. Man bekommt erstmals Kontakt mit anderen Einsendern und lernt sehen, wie die schreiben.

Ich bekam zunächst die Einsendungen von K-N. Weiteres besprochen. Unser Arbeitskreis soll weitere Vollmachten erhalten.

Nach der Sitzung ging Dr. Häussler mit Pol., Kein und mir fort. Wir führten ein lebhaftes Gespräch über das Kriegsverhängnis. Dr. Hä. sagt, er habe sich so über den allbelobten Film "Wiener Mädeln" geärgert, weil das Publikum wieder Gelegenheit hatte da, das Militärische von der zuckersüssen Seite her zu bewundern. Er sehe sich überhaupt seit dem deutschen Film "Der Apfel ist ab" keinen anderen mehr an, da dieser derart gut war. Ich habe ihn nicht gesehen und ich bedaure es. Nachdem Dr. Hä. sich verabschiedet hatte, sprachen wir noch längere Zeit über das Anliegen des Verstehens u.a. Das erste solche Gespräch mit Polakovics, glaube ich, war heute.

Wir wurden gleich wieder für Donnerstag hinbestellt.


Mittwoch, l5. Februar:

Zeitig auf. Wir fuhren heute zu Tante Luise, die krank ist. Ebert entfällt heute naturgemäss. Ich nahm K-N mit, die Rezensionen, die ich dort gleich anging. Ich fand nicht allzuviel Gutes, ich brauche mich nicht zu schämen mit meinen Einsendungen. Gernot Ludwig ist einer der besten Lyriker, die ich gelesen.

Neun Wärmegrade draussen in der Stadt. Warmer, wenn auch meist trüber Vorfrühlingstag /oder besser Nachwinter, weil das unruhige Frühlingsweben momentan nicht in der Luft liegt/.

Heimgefahren, recht angenehm.

Das "Trudscherl" gesehen, sie war sehr verlegen, ausserdem nett.

Den Rest des Abends die K-N-Lyrik zum Vergnügen durchgelesen.


Donnerstag, 16. Februar:

Ziemlich zeitig auf. Konsum-Einkauf usw., Ordnungen, anschliessend den halben heutigen Ebertstoff gebüffelt. Es ist eigenartig das Gefühl, halb redaktionell, halb chemisch verpflichtet zu sein. Manchmal - ich weiss nicht, ob ich das gerade zu diesem Anlass zu Recht notiere - möchte man fast chemisch pausieren. /Ich weiss allerdings nicht, wie ich gerade sagte, ob ich an dieser Stelle solche Gedanken hatte. Denn oft befasste ich mich beinah begeistert mit Chemischem./

Um dreiviertel zwölf tauschte ich im Red.-Vorraum der "Neuen Wege" mit Kein die zu behandelnde Lyrik aus. Auch Polakovics erschien. Seitdem auch der zweite Surrealist Artmann hinzugezogen worden ist, sind wir sieben. Artmann ist zu unterscheiden von Altmann, interessanterweise sind beide Surrealisten. Kein findet meine "Wolfslieder" schwach, von der Infinita Vera wünscht er die drei Schlusszeilen weg /die sind aber der wichtigste Punkt in meinem Gedicht!/, einige findet er gut.

Kein und Polakovics sprachen noch eine Weile über die Verdienste Morgensterns und Whitmans um die Erneuerung der Literatur, dann gingen wir auseinander. Samstag tausche ich den heute erhaltenen Stoss Gedichte O-R wieder mit Polakovics aus.

Nm. zunächst O-R etwas rezensiert, dann den Ebert zu Ende gelernt. Abends wieder einmal ins Flötzersteig-Kino, mein einziges seltsamerweise, zum Nachkriegsfilm

"Martina" /Das Mädchen ohne Halt/ gegangen. In der bekannten ps.-anal. Art gefasst. Ganz gut gefallen. Jedenfalls positiv und in der deutschen Anständigkeit gehalten.

Im ganzen war der Tag, angenehm, das Wetter trüber, aber doch genug warm.


Freitag, 17. Februar:

Ziemlich zeitig auf. Kein Weg. Vormittagswetter: Vorfrühling, warm, Fenster offen, blau, linder Wind.

Rezensionen O-R zu Ende. Altmann ist gut! Ein Gedicht, satirisch, unter dem Titel "Dichterlesung" geschrieben. /Innerhalb einiger Minuten/.

Ich lernte Ebert, dazwischen zog ich mich auf "frühlingsleicht" um, holte einige alte Eintragungen nach, brachte aber immerhin auch Ebert zu einem aufmerksamen Abschluss.

Frühlingsstimmung! Ich kramte wieder die Auslese "Lyrik der Weltliteratur" aus, und abends gab es Schweinsschnitzel. Ich nehme den Surrealismus als einen Realismus und sehe keine zwingenden Bezüge von Surrealismus und Dekadenz. Einiges zu dieser Frage notiert.


Samstag, 18. Februar: FASCHINGSAMSTAG

Weit blauer Himmel, sonnig warmes Frühlingswetter. Zeitiger auf. Konsum. Ich dichtete eine Art Galgenlied /im Zusammenhang mit der angekündigten Wasserstoffatombombe, die die Erde zu einer Sonne machen würde in wenigen Minuten/: "Der Pudding sprach ..." Nochmals ein Konsumweg. Ein Spruch fiel mir ein /auch ein linker Gerader trifft!/. Um halb zwölf erwartete mich Polakovics bei der Cabos-Fabrik. Leider war, wie ich mir auch schon gedacht hatte, die Geschichte umsonst: Es war keine neue Tausch-Kombination möglich, so ging ich leer heim. Ich hörte indessen manche Kritik über mich, meist begeisterte Stimmen über Maja Nueva, Inf. Vera, "Ach ich grüsse den Sack" und so weiter. Artmann fand verblüffenderweise einen Eliotschen Einfluss in diesen Gedichten. Also ist Eliot nicht nur in meinen Augen mit mir verwandt! Es bereitet mir eine gewisse Freude das. Die "Dichterlesung" und die "Zeitkrankheit" gefielen Polakovics so, dass er sie gleich mitnahm.

Es ist jetzt eine bewegte Zeit für mich, ein Aufbruch.

Gutes Mittagessen, wie es sich für einen solchen Faschingstag "gehört". Ordnungen. Ich verfasste die Satire "Sonnengesang" /siehe H-Atombombe!/.

Ebert, zu dem ich keine Lust hatte, gar nicht gelernt.

Ziemlich langweilige "Neue Auslese" durchgeblättert, mehrere Nummern.

Aber ich stiess wieder auf Eliot. /Im Maiheft: von dort meine Liebe zu diesem Dichter; ein Essay über ihn mit wenigen übersetzten Proben seiner Gedichte/...

Rindsschnitzel. Ganz unterhaltsames Faschingsradio.


Sonntag, 19. Februar: FASCHINGSONNTAG

Zeitig auf, Sonntagsbad, zwei weitere /diesmal unpolitische/ "Galgenlieder" gedichtet: Eine Messerspitze Salz und Eine Tube Himmelsblau.

Kirche. Vormittag beim Radio, sonst nichts. Auch nachmittags zunächst fad. Ebert gelernt. Danach ganz nett unterhalten. Vom Radio stand ich auf und sah zum Fenster: Trudscherl ging dort den Flötzersteig-Weg hinunter, mit einem Burschen. Ich bekam anschliessend Worte zu einem Gedicht.

Der Abend war neblig.

Kein Frühlingseindruck: früh Minusgrade, auch sonst grau, trüb, kühler ...


FASCHINGSMONTAG, 20. Februar:

Neblig, wie gestern abends auch; -3 Grad, -2 Grad später. So stand ich auf, zeitig, die Montagszeitung war wieder nur mässig interessant.

Gleich in aller Frühe dichtete ich den "Abend im Vorfrühling". Er enthält sehr viel dieses unbestimmbaren Fluidums.

"Es müsste nicht so ein Nebel sein,
und dass freilich Marie ... Aber lassen wir das
- Der Abend ist schön und wir wollen uns freun."

/ Marie heisst das "Trudscherl"/.

Ein Spaziergang in seltsam dürrer Landschaft folgte um die Steinhofer Mauer, mit Mama. Nachher erst recht zu dichten Lust gehabt. Ich schrieb das Gedicht zu Ende.

Reinschriften. Es war mir nachmittags sehr recht, dass Kein und Polakovics kamen. Sie brachten mir A-H zum Rezensieren. Ich lernte freilich zuerst mein Ebert-Pensum. /Oder ist das nicht gar so freilich?/ Nachher jeden- falls rezensierte ich alle Einsendungen, die mir gebracht worden waren, durch.

Gegen Abend,so um 21 Uhr, noch zwei Gedichte: Ein leeres Boot ... und "Du willst mit mir fliehen".


FASCHINGSDIENSTAG, 21. Februar:

Früh viereinhalb Wärmegrade.

Zeitig aufgestanden, Konsum, der Frühling wird merklich.

Der Frühling: Stürmisch, zausig, blauer Himmel mit Wolken rasch wechselnd, oft ist die Luft schneidend, die Sicht ist klar; aber alles in der jungen Erwartung kommender Blüte.

Trotz allem keine "kalte" Jahreszeit. Meine Jahreszeit.

Verschiedene Ideen.

Schon vormittags Ebert gelernt.

Fini holte Mama ab, ich blieb allein und beschäftigte mich literarisch. Schon gestern kam mir der Einfall, vertane Gedichte auf den Grund ihrer Pleite zu untersuchen. Ich versuchte mich daran jetzt. Die Sommerimpression "Endlos duftet" ist in ihrer ersten halben Zeile echt, in den zwei Zeilen der dritten Strophe auch, die vierte ist überflüssig, die Reflexionsmomente sind unnötig; es sollte eine reine Impression daraus werden.

Nach einigem Plaudern daheim fuhr ich wieder in die Sitzung. Dort erschienen abermals die Sieben. Sokol! In der Redaktion nichts Neues, die Rezension wird weitergeführt, ich bekam diesmal nichts . Unsere Zusammenkünfte wurden endgültig auf den Dienstag festgelegt, zunächst auf jeden.

Anregender Heimweg zu Fuss, morgen kommen die Burschen zu mir in die Wohnung.

Angenehmer Tag.


ASCHERMITTWOCH, 22. Februar:

Vormittag, nach dem zeitigen Aufstehen, gab es keinen Weg. Es fiel Regenschnee, Temperatur dementsprechend um den Nullpunkt.

Ich fing gleich wieder zu lernen an. Später als ich fertig war, und Mama auf die Linzerstrasse einkaufen ging, beschäftigte ich mich mit Ordnungen /Z/ und Reinschriften.

Nachmittag kamen sie zu mir: Pol, Kein und Artmann. Wir rezensierten H-J und unterhielten uns dabei angeregt. Diese Arbeit ist uns sehr nützlich. Ausserdem lernt man einander gut kennen. Pol's Lieblingsdichter ist Rilke, von dem er mir viel erzählte.

Allein noch die Rezensionen Sch-T durchgeführt, Toman ist grossartig!

Tante hat, wie ich beim Telephon erfuhr, Herpes bekommen. Frl. Huber von Tantes Büro erkrankte an Blutvergiftung.


Donnerstag, 23. Februar:

Blauer Himmel, aber kalt. /Früh -4 Grad!/ Ganz zeitig auf. Sehr rasch Ebert gelernt. Auf die Uni gefahren, Formalitäten durchgeführt, Idee - aber nicht mehr - für neue "Galgenlieder" /Dr. Grinse usw./ Ich erwartete dann die Kollegen.

Um ein Uhr kamen sie wieder zu mir, die drei von gestern. W-Z fertig gemacht. Schon um halb vier waren wir fertig. Wir sprachen dann über seltsame Sachen wie die Greguerías, mit denen mich Art. bekanntmachte, über Eliot, den zu übersetzen ich der Berufene wäre, wie sie sagen, Art wird ihn mir ausleihen; Flämische Dichtung zusammen mit dem Originaltext liess er mir zum Lesen hier.

Spazieren gegangen mit ihnen noch. Unbeschreiblich schöne Landschaftsstimmungen draussen. Ein Flecken brauner Erde zum Beispiel mit Mistgeruch; abgelegen wie aus anderen Ländern her. Kühler direkt schon Frühlingstag.

Gegen meinen Plan nichts mehr gedichtet. Nur in den Flamen gelesen.


Freitag, 24. Februar:

Ich hatte gestern "Verse, als Maxi geistreich bleiben sollte" gedichtet, da mir Pol unter meinen "Dezemberfrost", den er gänzlich ablehnte, schrieb:

"Und die Moral von der Geschicht: Bleib geistreich, werde sinnig nicht!"

Die spasshafte Geschichte hat einen ernsten Hintergrund; man möge mich nicht als Alyriker ansehen. Meine Gedichte kommen aus anderen Tiefen als blosser Geistreichelei.

Später aufgestanden. Ausser zwei Konsumwegen nichts getan vormittags. In der flämischen Lyrik geblättert. Etwas unwirsches Wetter. Die Sonne ging weg. Ich besuchte nachmittags die Gschnasausstellung im Künstlerhaus. Tiefpunkt: Oede, wenn auch keine greifbare schlechte Stimmung.

Mama war nicht daheim; ich machte Ordnungen /Z/ und Reinschriften. Abends noch flämische Lyrik gelesen.


Samstag, 25. Februar:

Spät aufgestanden, Reinschriften fertig, den Vormittag über andere Ordnungen. Herrlich blaues Sonnenwetter, frühlingshaft, nachmittags zehn Wärmegrade.

Tante kam, es wurde der Nachmittag zunächst öde wie gestern. Ich übersetzte aus dem Ukrainischen.

Der Abend ist mit einem Schlag so eigen. Ich stand vor der Haltestelle, um mich den beginnenden Frühling, den lauen Abend in den Kastanien.

Die Strassenbahn kam, ich fuhr in die Stadt, alles ist so warm. In der Stadt das rote Licht der Reklameröhren, ein Mädchen fuhr im 46-er.

Im Schreyvogelsaal angekommen, wo die DICHTERLESUNG stattfand, wurde der Abend öder. Das Publikum aus sog. gebildeten Kreisen /Lehrer und versch. Verwandte, keine Presse anwesend, auch keine literarisch interessierte Jugend, mit solchen Leuten kann man keine Revolution machen, haha./. Bildungselefanten, oft recht kostbar geziert. Ich war entsetzt, auch wie gelesen wurde. Eine gesellschaftliche Veranstaltung, aber keine "Neuen Wege". Artmann spricht davon, dass der Surrealismus die Decadence überwunden hat. Altmanns heute gelesene Gedichte seien kein Surrealismus übrigens. Von mir wurde der "Prolog zum Weihnachtsfest" gelesen, der Applaus erntete. Pol indes hält nicht sehr viel davon. Meine neueren und neuesten Gedichte seien ein grosser Sprung gewesen, sagen sie in den NW. Ich fuhr heim und nahm meinen Aerger nicht sehr ernst, meinen Aerger über die - nun, sagen wir: "Dichterlesung" ...


Sonntag, 26. Februar:

Kirche. Ein zerzaustes Wetter war. "Will das ein Frühling sein?" sagte ich darüber in dem Gedicht, das ich daheim schrieb. /"Sonntagmorgen Steinhofer Kirche"/. Ich bin nicht sonderlich befriedigt davon, es liegt ausserhalb meiner Linie. Absinkende und wieder ansteigende Stimmung in mir. Nachmittag Ordnungen angestellt, Pol kam! Heute nachmittag findet übrigens noch eine Schreyvogellesung statt, zu der wir aber nicht gehen. Pol hatte befürchtet, dass ich die NW auf meinen gestrigen Aerger hinauf verlassen würde. Er ist übrigens auch in Wut über die Verhunzung unserer Gedichte und hat sich Punkte zusammengeschrieben, die er Dr. Häussler vorbringen wird.

Mit Pol gut verständigt. Er sagt auch, dass Frl. Sokol meinem Wesen gänzlich fremd sein dürfte. Nichtsdestoweniger habe er entnommen, dass sie mein Gedicht von unlängst /darauf sie mir eine Antwort versprochen oder besser gesagt: angekündigt/ persönlich aufgefasst habe. Nun, in der Tat habe ich nicht die Absicht, mit Frl. Sokol "Planeten zu ballen", wie ich schrieb. Ich schrieb als der Imaginäre, den sie in ihrem Gedicht "Bitte" angesprochen hatte. Nur ausgesprochen wurde "Seine Antwort" durch mich.

Ich bin, welche Feststellung zwar durchaus nicht hierher gehört, sehr sehnsüchtig nach einem geliebten Mädchen!


Montag, 27. Februar:

Der Tag wurde öder. Nicht zu zeitig stand ich auf. Konsumweg. Ordnungen, Reinschriften angestellt. Sonst die Zeit vertrödelt. Auch Mittag, als Mama mit Tante Fini fortging. Nur, dass ich da chemische Versuche, zu meiner Anregung, vornahm. Ich trug auch das lang versäumte Tagebuch, oder wie man's bei mir nennen will, etwas nach.

Fini kam noch zurück; ich las im fläm. Buch. Erfolglos versuchte ich zu schreiben. Ich notierte gerade die Binsenweisheit, dass Gefühlskälte und Nervenreiz die abstossendste Kombination eingehen.

Die Gespräche hatten irgendwie den Anlass dazu gegeben.

Es gab Schneeregen und Minusgrade ...


Dienstag, 28. Februar:

Früh begann es mit Kälte. Wieder ein trüber Tag. Ziemlich zeitig stand ich auf. Auf den morgigen Semesterbeginn bin ich nun gefasst.

Mit Mama ging ich auf die Linzerstrasse um Ofenrohre. Nächsten Winter werden wir endlich anständig heizen können. /Sonst hatten wir nur einen Petroleumofen!/ Es schneite sogar. Ebert fertiggelernt. Ich denke absurderweise nicht, dass ich diesmal durchfalle. Daheim trieb es mich zum Zugreifen, ich brachte mit Mama deshalb die Rumpelkammer in Ordnung. Das soll die Kompensation der kommenden geistigen Anstrengungen wohl sein.

17 Uhr Redaktion. Sokol kam, sie ärgert sich über Keins "Damenbildnis" und noch mehr über unsere Zustimmung zu diesem und ähnlichen Gedichten. Auch über Herta

Mrazek mit ihrem "Teich - Leben" und dem Nervengedicht, dessen Titel ich vergessen habe.

Neue Lyrik eingereicht. Die Rezensionsarbeit ist bis auf Sokols Anteil fertig. Häussler selbst kritisierte die Lesung von Samstag.

An Ort und Stelle Kritik der neueingereich- ten Lyrik. Cap war heute anwesend, ein sympathischer Mensch.


tagebuch

neu

1950

AOk

Tagebuch:

von: Montag, 13. Feber

bis: Montag, 17. JuliSonntag, 31. Dezember

1950





Andreas Okopenko

MeinDieses "Tagebuchstück" besteht hauptsächlich aus dem
Protokoll über den Tagesverlauf, viel später vom
Kalender heruntergeschrieben , meist
viel später
. Nur zum Teil sind
wirkliche an Ort und Stelle ent-
standene "Tagebuchblätter" mit-
verwemndet oder eingelegt.

tagebuch

neu

Feber
1950

Montag, 13. Feber 1950:

Zeitig auf, wenig interessante "Welt am
Montag
", Konsum-Einkauf, Ordnungen bei
mir angestellt.

Um 10 Uhr auf die Uni gefahren.

Das Wetter war lind, wechselnd wolkig.

Zur Ebertprüfung angemeldet /meine
letzte grosse Prüfung für lange Zeit
jetzt!/, Platz angemeldet und aufs
Dekanat um die üblichen Formalitäten.
Nm. mich gesammelt, die ersten seh cs
Seiten Ebert gelernt, die ich zum Glück
schon durchs Ueberschreiben mir geläu-
figer gemacht hatte. Heuer ist die
physikalische Chemie mir schon heimlicher.
Einst war sie mein Alp.

Fini, Mamas Freundin, kam.

Abends ausgeruht.

Tante Luise ist krank.


Dienstag, 14. Februar:

Trübes Wetter, tags fünf Grad.

Vormittag war kein Weg zu verrichten,
daher begann ich bald nach geringen
Ordnungen in meinen Sachen Ebert
zu lernen weitere sechs Seiten.

Mittags damit fertig geworden.

Um drei Uhr Antiquariate aufgesucht,
um weitere unnütze Bücher zu Geld
zu machen, doch umsonst. Zeitig kam ich
anschliessend ins Komitee der "Neuen Wege".
Um 17 begann die Sitzung. Wir sechs
/Altmann, Kein, Nahlik, ich, Polakovics und
Frl. Sokol/ bekamen Gedichte, die sich
während drei Jahren in der Redaktion
bei Dr. Häussler angehäuft hatten, zu
rezensieren bzw. zum Ablehnen. Es ist
eine Arbeit, auf die ich mich freue.
Man bekommt erstmals Kontakt mit
anderen Einsendern und lernt sehen,
wie die schreiben.

Ich bekam zunächst die Einsendungen
von K-N. Weiteres besprochen. Unser
Arbeitskreis soll weitere Vollmachten
erhalten.

Nach der Sitzung ging Dr. Häussler mit
Pol., Kein und mir fort. Wir führten ein
lebhaftes Gespräch über das Kriegs-
verhängnis. Dr. Hä. sagt, er habe sich so
über den allbelobten Film "Wiener Mädeln"
geärgert, weil das Publikum wieder
Gelegenheit hatte da, das Militärische
von der zuckersüssen Seite her zu
bewundern. Er sehe sich überhaupt
seit dem deutschen Film "Der Apfel ist ab"
keinen anderen mehr an, da dieser derart
gut war. Ich habe ihn nicht gesehen und
ich bedaure es. Nachdem Dr. Hä. sich
verabschiedet hatte, sprachen wir noch
längere Zeit über dieas Anliegen des
Verstehens u.a. Das erste
solche Gespräch mit Polakovics, glaube ich,
war heute.

Wir wurden gleich wieder für den
Donnerstag hinbestellt.


Mittwoch, l5. Februar:

Zeitig auf. Wir fuhren heute zu Tante
Luise, die krank ist. Ebert etntfällt heute
naturgemäss. Ich nahm K-N mit, die
Rezensionen, die ich dort gleich anging.
Ich fand nicht allzuviel Gutes, ich
brauche mich nicht zu schämen mit meinen
Einsendungen. Gernot Ludwig ist einer
der besten Lyriker, die ich gelesen.

Neun Wärmegrade draussen in der Stadt.
Warmer, wenn auch meist trüber FVorfrühlings-
tag /oder besser Nachwinter, weil das
unruihige Frühlingsweben momentan nicht
in der Luft liegt/.

Heimgefahren, recht angenehm.

Das "Trudscherl" gesehen, sie war sehr
verlegen, ausserdem nett.

Den Rest des Abends die K-N-Lyrik zum
für mein eigenes Vergnügen durchgelesen.


Donnerstag, 16. Februar:

Ziemlich zeitig auf. Konsum-Einkauf usw.,
Ordnungen, anschliessend den halben
heutigen Ebertstoff gebüffelt. Es ist
eigenartig das Gefühl, halb redaktionell,
halb chemisch verpflichtet zu sein.
Manchmal - ich weiss nicht, ob ich das
gerade zu diesem Anlass zu Recht
notiere - möchte man fast chemisch
pausieren. /Ich weiss allerdings nicht,
wie ich gerade sagte, ob ich an dieser
Stelle solche Gedanken hatte. Denn oft
befasste ich mich beinah begeistert
mit Chemischem./

Um dreiviertel zwölf tauschte ich im
Red.-Vorraum der "Neuen Wege" mit Kein
die zu behandelnde Lyrik aus. Auch
Polakovics erschien. Seitdem auch der
zweite Surrealist Alrtmann hinzu-
gezogen worden ist, sind wir sieben.
Artmann ist zu unterscheiden von Altmann,
interessanterweise sind beide Surrealisten.
Kein findet meine "Wolfslieder" schwach,
von der Infinita Vera wünscht er die
drei Schlusszeilen weg /die sind aber
der wichtigste Punkt in meinem Gedicht!/,
einige findet er gut.

Kein und Polakovics sprachen noch eine
Weile über die Verdienste Morgensterns
und Whitmans um die Erneuerung der
Literatur, dann gingen wir auseinander.
Samstag tausche ich den heute erhaltenen
Stoss Gedichte O-R wieder mit Polakovics
aus.

Nm. zunächst O-R etwas rezensiert, dann
den Ebert zu Ende gelernt. Abends wieder
einmal ins Flötzersteig-Kino, mein ein-
ziges seltsamerweise, zum Nachkriegsfilm

"Martina" /Das Mädchen ohne Halt/
gegangen. In der bekannten ps.-anal. Art
gefasst. Ganz gut gefallen. Jedenfalls
positiv und in der deutschen Anständigkeit
gehalten.

Im ganzen war der Tag, angenemhm, das
Wetter trüber, aber doch genug warm.


Freitag, 17. Februar:

Ziemlich zeitig auf. Kein Weg.
Vormittagswetter: Vorfrühling, warm,
Fenster offen, blau, linder Wind.

Rezensionen O-R zu Ende. Altmann ist gut!
Ein Gedicht, satirisch, unter dem Titel
"Dichterlesung" geschrieben. /Innerhalb
einiger Minuten/.

Ich lernte Ebert, dazwischen zog ich
mich auf "frühlingsleicht" um, holte
einige alte Eintragungen nach, brachte
aber immerhin auch Ebert zu einem
aufmerksamen Abschluss.

Frühlingsstimmung! Ich kramte wieder
die Auslese "Lyrik der Weltliteratur"
aus, und abends gab es Schweinsschnitzel.
Ich nehme den Surrealismus als einen
Realismus und sehe keine zwingenden
Bezüge von Surrealismus und Dekadenz.
Einiges zu dieser Frage notiert.


Samstag, 18. Februar:
FASCHINGSAMSTAG

Weit blauer Himmel, sonnig warmes
Frühlingswetter. Zeitiger auf. Konsum.
Ich dichtete eine Art Galgenlied
/im Zusammenhang mit der angekündigten
Wasserstoffatombombe, die die Erde zu
einer Sonne machen würde in wenigen
Minuten/: "Der Pudding sprach ..."
Nochmals ein Konsumweg. Ein Spruch fiel
mir ein /auch ein linker Gerader
trifft!/. Um halb zwölf erwartete mich Polakovics bei der Cabos-Fabrik. Leider
war, wie ich mir auch schon gedacht hatte,
die Geschichte umsonst: Es war keine
neue Tausch-Kombination möglich, so
ging ich leer heim. Ich hörte indessen
manche Kritik über mich, meist begei-
sterte Stimmen über Maja Nueva, Inf. Vera,
"Ach ich grüsse den Sack" und so weiter.
Artmann fand verblüffenderweise einen
Eliotschen Einfluss in diesen Gedichten.
Also ist Eliot nicht nur in meinen
Augen mit mir verwandt! Es bereitet mir
eine gewisse Freude da.s. Die
"Dichterlesung" und die "Zeitkrankheit"
gefielen Polakovics so, dass er sie
gleich mitnahm.

Es ist jetzt eine bewegte Zeit für
mich, ein Aufbruch.

Gutes Mittagessen, wie es sich für einen
solchen Faschingstag "gehört". Ordnungen.
Ich verfasste die Satire "Sonnengesang"
/siehe H-Atombombe!/.

Ebert, zu dem ich keine Lust hatte, gar
nicht gelernt.

Ziemlich langweilige "Neue Auslese"
durchgeblättert, mehrere Nummrern.

Aber ich stiess wieder auf Eliot.
/Im Maiheft: von dort meine Liebe zu
diesem Dichter; ein Essay über ihn mit
wenigen übersetzten Proben seiner
Gedichte/...

Rindsschnitzel. Ganz unterhaltsames
Faschingsradio.


Sonntag, 19. Februar:
FaASCHINGSONNTAG

Zeitig auf, Sonntagsbad,
zwei weitere /diesmal unpolitische/
"Galgenlieder" gedichtet: Eiene
Messerspitze Salz
und Eine Tube
Himmelsblau
.

Kirche. Vormittag beim Radio, sonst
nichts. Auch nachmittags zunächst fad. Ebert gelernt. Danach ganz nett unterhalten.
Vom Radio stand ich auf und sah zum Fenster:
Trudscherl ging dort den Flötzersteig-Weg
hinunter, mit einem Burschen. Ich bekam
anschliessend Worte zu einem Gedicht.

Der Abend war neblig.

Kein Frühlingseindruck: früh Minusgrade,
auch sonst grau, trüb, kühler ...


FASCHINGSMONTAG, 20. Februar:

Neblig, wie gestern abends auch; -3 Grad,
-2 Grad später. So stand ich auf, zeitig,
die Montagszeitung war wieder nur mässig
interessant.

Gleich in aller Frühe dichtete ich
den "Abend im Vorfrühling". Er enthält sehr
viel dieses unbestimmbaren Fluidums.

"Es müsste nicht so ein Nebel sein,
und dass freilich Marie ... Aber lassemn wir das
- Der Abend ist schön und wir wollen unds freun."

/ Marie heisst das "Trudscherl"/.

Ein Spaziergang in seltsam dürrer Landschaft
folgte um die Steinhofer Mauer, mit Mama.
Nachher erst recht zu dichten Lust gehabt.
Ich schrieb das Gedicht zu Ende.

Reinschriften. Es war mir nachmittags sehr
recht, dass Kein und Polakovics kamen. Sie
berachten mir A-H zum Rezensieren. Ich lernte
freilich zuerst mein Ebert-Pensum. /Oder ist
das nicht gar so freilich?/ Nachher jeden-f
falls rezensierte ich alle Einsendungen, die
mir gebracht worden waren, durch.

Gegen Abend,so um e21 Uhr, noch zwei Gedichte:
Ein leeres Boot ... und "Du willst mit mir
fliehen
".


FASCHINGSDIENSTAG, 21. Februar:

Früh viereinhalb Wärmegrade.

Zeitig aufgestanden, Konsum, der Frühling
wird merklich.

Der Frühling: Stürmisch, zausig, blauer
Himmel mit Wolken rasch wechselnd, oft ist
die Luft schneidend, die Sicht ist klar;
aber alles in der jungen Erwartung
kommender Blüte.

Trotz allem keine "kalte" Jahreszeit.
Meine Jahreszeit.

Verschiedene Ideen.

Schon vormittags Ebert gelernt.

Fini holte Mama ab, ich blieb allein und
beschäftigte mich literarisch. Schon
gestern kam mir der Einfall, vertane
Gedichte auf den Grund ihrer Pleite zu
untersuchen. Ich versuchte mich daran
jetzt. Die Sommerimpression "Endlos duftet"
ist in ihrer ersten halben Zeile echt,
in den zwei TZeilen der dritten Strophe
auch, die vierte ist überflüssig, die
Reflexionsmomente sind unnötig; es sollte
eine reine Impression daraus werden.

Nach einigem Plaudern daheim fuhr ich
wieder in die Sitzung. Dort erschienen
abermals die Sieben. Sokol!
In der Redaktion nichts Neues, die Rezension
wird weitergeführt, ich bekam diesmal
nichts Neues. Unsere Zusammenkünfte wurden
endgültig auf den Dienstag festgelegt, zunächst
auf jeden.

Anregender Heimweg zu Fuss, morgen kommen
die Burschen zu mir in die Wohnung.

Angenehmer Tag.


ASCHERMITTWOCH, 22. Februar:

Vormittag, nach dem zeitigen Aufstehen,
gab es keinen Weg. Es fiel Regenschnee,
Temperatur dementsprechend um den Null-
punkt.

Ich fing gleich wieder zu lernen an.
Später als ivch fertig war, und Mama auf
die Linzerstrasse einkaufen ging,
beschäftigte ich mich mit Ordnungen /Z/
und Reinschriften.

Nachmittag kamen sie zu mir: Pol, KXein
und Artmann. Wir rezensierten H-J und
unterhielten uns dabei angeregt. Diese
Arbeit ist uns sehr nützlich. Ausserdem
lernt man einander gut kennen. Pol's
Lieblingsdichter ist Rilke, von dem er
mir viel erzählte.

Allein noch die Rezensionen Sch-T
durchgeführt, Toman ist grossartig!

Tante hat, wie ich beim Telephon erfuhr,
Herpes bekommen. Frl. Huber von Tantes Büro
erkrankte an Blutvergiftung.


Donnerstag, 23. Februar:

Blauer Himmel, aber kalt. /Früh -4 Grad!/
Ganz zeitig auf. Sehr rasch Ebert gelernt.
Auf die Uni gefahren, Formalitäten durch-
geführt, Idee - aber nicht mehr - für
neue "Galgenlieder" /Dr. Grinse usw./
Ich erwartete dann die Kollegen.

Um ein Uhr kamen sie wieder zu mir, die
drei von gestern. W-Z fertig gemacht.
Schon um halb vier waren wir fertig.
Wir sprachen dann über seltsame Sachen
wie die Greguerías, mit denen mich Art.
bekanntmachte, über Eliot, den zu übersetzen
ich der Berufene wäre, wie sie sagen, Art wird ihn mir ausleihen; Flämische
Dichtung zusammen mit dem Originaltext
liess er mir zum Lesen hier.

Spazieren gegangen mit ihnen noch.
Unbeschreiblich schöne Landschafts-
stimmungen draussen. Ein Flecken brauner
Erde zum Beispiel mit Mistgeruch;
abgelegen wie aus anderen Ländern her.
Kühler direkt schon Frühlingstag.

Gegen meinen Plan nichts mehr gedichtet.
Nur in den Flamen gelesen.


Freitag, 24. Februar:

Ich hatte gestern "Verse, als Maxi
geistreich bleiben sollte
" gedichtet,
da mir Pol unter meinen "Dezemberfrost",
den er gänzlich ablehnte, schrieb:

"Und die Moral von der Geschicht:
Bleib geistreich, werde sinnig nicht!"

Die spasshafte Geschichte hat einen
ernsten Hintergrund; man möge mich nicht
als Alyriker ansehen. Meine Gedichte
kommen aus anderen Tiefen als blosser
Geistreichelei.

Später aufgestanden. Ausser zwei
Konsumwegen nichts getan vormittags.
In der flämischen Lyrik geblättert.
Etwas unwirsches Wetter. Die Sonne
ging weg. Ich besuchte nachmittags
die Gschnasausstellung im Künstlerhaus.
Tiefpunkt: Oede, wenn auch keine greifbare
schlechte Stimmung.

Mama war nicht daheim; ich machte
Ordnungen /Z/ und Reinschriften.
Abends noch flämische Lyrik gelesen.


Samstag, 25. Februar:

Spät aufgestanden, Reinschriften fertig,
den Vormittag über andere Ordnungen.
Herrlich blaues Sonnenwetter,
frühlingshaft, namchmittags zehn Wärme-
grade.

Tante kam, es wurde der Nachmittag
zunächst öde wie gestern. Ich über-
setzte aus dem Ukrainischen.

Der Abend ist mit einem Schlag so
eigen. Ich stand vor der Halte-
stelle, um mich den beginnenden Frühling,
den lauen Abend in den Kastanien.

Die Strassenbahn kam, ich fuhr in die
Stadt, alles ist so warm. In der Stadt
das rote Licht der Reklameröhren,
ein Mädchen fuhr im 46-er.

Im Schreyvogelsaal angekommen, wo
die DICHTERLESUNG stattfand, waurde
der Abend öder. Das Publikum aus sog.
gebildeten Kreisen /Lehrer und versch.
Verwandte, keine Presse anwesend, auch
keine literarisch interessierte Jugend,
mit solchen Leuten kann man keine
Revolution machen, haha./. Bildungs-
elefanten, oft recht kostbar geziert.
Ich war entsetzt, auch wie gelesen wurde.
Eine gesellschaftliche Veranstaltung,
aber keine "Neuen Wege". Artmann spricht
davon, dass der Surrealismus die Decadence
überwunden hat. Altmanns heute gelesene
Gedichte seien kein Surrealismus übrigens.
Von mir wurde der "Prolog zum Weihnachts-
fest
" gelesen, der Applaus erntete. Pol
indes hält nicht sehr viel davon. Meine
neueren und neuesten Gedichte seien ein
grosser Sprung gewesen, sagen sie in den
NW. Ich fuhr heim und nahm meinen Aerger
nicht sehr ernst, meinen Aerger über die
- nun, sagen wir: "Dichterlesung" ...


Sonntag, 26. Februar:

Kirche. Ein zerzaustes Wetter war.
"Will das ein Frühling sein?" sagte
ich darüber in dem Gedicht, das ich
daheim schrieb. /"Sonntagmorgen
Steinhofer Kirche
"/. Ich bin nicht
sonderlich befriedigt davon, es liegt
ausserhalb meiner Linie. Absinkende
und wieder ansteigende Stimmung in mir.
Nachmittag Ordnungen angestellt,
Pol kam! Heute nachmittag findet
übrigens noch eine Schreyvogellesung
statt, zu der wir aber nicht gehen.
Pol hatte befürchtet, dass ich die NW
auf meinen gestrigen Aerger hinauf
verlassen würde. Er ist übrigens auch
in Wut über die Verhunzung unserer
Gedichte und hat sich Punkte zusammen-
geschrieben, die er Dr. Häussler vorbringen
wird.

Mit Pol gut verständigt. Er sagt
auch, dass Frl. Sokol meinem Wesen gänzlich
fremd sein dürfte. Nichtsdestoweniger
habe er entnommen, dass sie mein Gedicht
von unlängst /darauf sie mir eine
Antwort versprochen oder besser gesagt:
angekündigt/ persönlich aufgefasst habe.
Nun, in der Tat habe ich nicht die
Absicht, mit Frl. Sokol "Planeten zu
ballen", wie ich schrieb. Ich schrieb
nur als der Imaginäre, den sie in ihrem
Gedicht "Bitte" angesprochen hatte.
Nur ausgesprochen wurde "Seine Antwort"
durch mich.

Ich bin, welche Feststellung zwar durch-
aus nicht hierher geöhört, sehr sehnsüchtig
nach einem geliebten Mädchen!


Montag, 27. Februar:

Der Tag wurde öder. Nicht zu zeitig stand
ich auf. Konsumweg. Ordnungen, Reinschriften
angestellt. Sonst die Zeit vertrödelt.
Auch Mittag, als Mama mit Tante Fini
fortging. Nur, dass ich da chemische
Versuche, zu meiner Anregung, vornahm.
Ich trug auch das lang versäumte Tagebuch,
oder wie man's bei mir nennen will, etwas
nach.

Fini kam noch zurück; ich las im fläm.
Buch. Erfolglos versuchte ich zu schreiben.
Ich notierte gerade die Binsenweisheit,
dass Gefühlskälte und Nervenreiz die
abstossendste Kombination eingehen.

Die Gespräche hatten irgendwie den Anlass
dazu gegeben.

Es gab Schneeregen und Minusgrade ...


Dienstag, 28. Februar:

Früh begann es mit Kälte. Wieder ein
trüber Tag. Ziemlich zeitig stand ich
auf. Auf den morgigen Semesterbeginn
bin ich nun gefasst.

Mit Mama ging ich auf die Linzerstrasse
um Ofenrohre. Nächsten Winter werden wir
endlich anständig heizen können. /Sonst
hatten wir nur einen Petroleumofen!/
Es schneite sogar. Ebert fertiggelernt.
Ich denke absurderweise nicht, dass ich
diesmal durchfalle. Daheim trieb es mich
zum Zugreifen, ich brachte mit Mama deshalb
die Rumpelkammer in Ordnung. Das soll
die Kompensation der kommenden geistigen
Anstrengungen woghl sein.

17 Uhr Redaktion. Sokol kam, sie ärgert
sich über Keins "Damenbildnis" und noch
mehr über unsere Zustimmung zu diesem
und ähnlichen Gedichten. Auch über Herta

Mrazek mit ihrem "Teich - Leben" und
dem Nervengedicht, dessen Titel ich vergessen
habe.

Neue Lyrik eingereicht. Die Rezensions-
arbeit ist bis auf Sokols Anteil fertig.
Häussler selbst kritisiterte die Lesung .von
Samstag.

An Ort und Stelle oKritik der neueingereicht-
ten Lyrik. Cap war heute anwesend, ein
sympathischer Mensch.


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Zitiervorschlag

Okopenko, Andreas: Tagebuch 13.02.1950–28.02.1950. Digitale Edition, hrsg. von Roland Innerhofer, Bernhard Fetz, Christian Zolles, Laura Tezarek, Arno Herberth, Desiree Hebenstreit, Holger Englerth, Österreichische Nationalbibliothek und Universität Wien. Wien: Version 1.1, 15.1.2019. URL: https://edition.onb.ac.at/okopenko/o:oko.tb-19500213-19500228/methods/sdef:TEI/get?mode=p_35

Lizenzhinweis

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