Graz Harrachg. 1.
I V 99

Lieber freund Sie jagen mir in einer woche 2 schrecken ein. Die berufung Schönbachs hatte ich ja erwartet, aber ich glaubte, seiner sicherer zu sein, und war sehr betroffen, ihn nach eintreffen Ihrer briefe in ernster abwägung des für und wider zu finden. So bin ich sehr erleichtert, in dieser stunde von ihm die nachricht seiner absage zu erhalten. Für Sie ist sie ja fatal, aber Sie sind darauf vorbereitet. Ich will nur wünschen, dass Seemüller ein ja antwortet; dann wären Sie auch geborgen. Übrigens würde der dritte namen, den ich natürlich gegen niemand verlaute, wol auch gutes bedeuten.
Möge sich das zweite nun auch gut für Sie u. – mich abwickeln. Denn Sie erlauben mir wol, ein persönliches verhältnis zum Euphorion zu haben. Fromme ist ein kalendermann, aber kein richtiger; die müssen doch spürsinn besitzen und er hat für seine littgesch. keinerlei. Er sollte froh sein, wenn man das ding stumm begräbt. Wer kann es loben, ohne sich zu prostituieren? Schweigen ist da die günstigste besprechung.
Dass Sie den Euph. eingehen liessen, hielte ich für sehr übel. Gewiss ist er jetzt in zug, während die VJS. schon im 5. jahre lahmte. Sie sagen selbst, dass Sie jetzt die redaction noch besser beherrschen als von anfang an. Entziehen Sie uns das nicht. Sollen wir uns der vgl. Zs., die wieder unvergleichlich schlecht ist, und dem Berliner Archiv ausliefern? Sie decken auch nicht den bedarf, selbst wenn wir wollten in sie schreiben. Ich sehe ja völlig ein, dass es ein opfer für sie ist, weiter zu redigieren. Aber: Sie könnens, was nicht jedem nachzurühmen wäre. Stellen Sie Ihre qualität in den dienst der sache. Finden Sie erleichterung durch den wegfall der bibliographie, so muss sie halt abgeschnitten werden, nur damit Sie luft kriegen und lust behalten.
Wer der neue verleger sein soll? ich bin ausser aller fühlung mit verlagsgeschäften. Ich hielte einen österr. oder doch süddtsch. für gut, weil das absatzgebiet mehr da als im Norden liegen dürfte, und die vertrautheit des verlages mit seinem naheliegen- den sortimentshandel vielleicht doch grösser ist. Konegen? Sie haben ja schon erfahrungen mit ihm, jedenfalls ist es eine sehr angesehene firma. Beck in München? er scheint jetzt so fest zu stehen, dass er gewagteres unternimmt. Von anderen, wie Ellwanger, Beer-Bloch weiss ich nur die namen, ohne einen überblick zu haben. Mayer u. Müller wäre mir bedenklich, trotz Schmidt u. Brandl.
Vielleicht gibt Ihnen Fromme auskunft über die orte des absatzes.
Schmidt die zs. für einen neuen verleger u. einen neuen herausgeber anzubieten, halte ich für ganz unmöglich. Dann ist sie eben nicht mehr der Euphorion, selbst wenn sie so heissen sollte. Er steht und fällt mit Ihrer herausgeberschaft. Eine zs. mit einem andern verleger ist kein novum, eine wissenschaftliche zs. mit einem andern herausgeber ist ein novum, es sei denn, dass Sie die veränderung abschwächen wollen durch den titel „unter mitwirkung von Sauer“, was ich Ihnen niemals raten würde. Halten Sie die fahne und suchen Sie ein neues gestell dafür; der boden, den sie beherrscht und Sie beherrschen, ist da.
Was ist mit der Dtsch-österr.litt-gesellschaft? ich verstehe das unternehmen nicht u. habe abgelehnt, mich dafür hier inscenieren zu lassen. Ist sie ein Körnchen wert, so müsste sie auch auf die verhältnisse des Euphorion passen. Ich trau ihr aber nichts gutes zu.
Ich hoffe, Sie überwinden bald den berechtigen verdruss und finden, was Sie brauchen. Sie haben unternehmungsgeist u. beziehungen: mir fehlt beides.
Aufrichtig
Ihr treuer
BSeuffert.

Graz Harrachg. 1.
I V 99

Lieber freund Sie jagen mir in einer woche 2 schrecken ein. Die berufung Schönbachs hatte ich ja erwartet, aber ich glaubte, seiner sicherer zu sein, und war sehr betroffen, ihn nach eintreffen Ihrer briefe in ernster abwägung des für und wider zu finden. So bin ich sehr erleichtert, in dieser stunde von ihm die nachricht seiner absage zu erhalten. Für Sie ist sie ja fatal, aber Sie sind darauf vorbereitet. Ich will nur wünschen, dass Seemüller ein ja antwortet; dann wären Sie auch geborgen. Übrigens würde der dritte namen, den ich natürlich gegen niemand verlaute, wol auch gutes bedeuten.
Möge sich das zweite nun auch gut für Sie u. – mich abwickeln. Denn Sie erlauben mir wol, ein persönliches verhältnis zum Euphorion zu haben. Fromme ist ein kalendermann, aber kein richtiger; die müssen doch spürsinn besitzen und er hat für seine littgesch. keinerlei. Er sollte froh sein, wenn man das ding stumm begräbt. Wer kann es loben, ohne sich zu prostituieren? Schweigen ist da die günstigste besprechung.
Dass Sie den Euph. eingehen liessen, hielte ich für sehr übel. Gewiss ist er jetzt in zug, während die VJS. schon im 5. jahre lahmte. Sie sagen selbst, dass Sie jetzt die redaction noch besser beherrschen als von anfang an. Entziehen Sie uns das nicht. Sollen wir uns der vgl. Zs., die wieder unvergleichlich schlecht ist, und dem Berliner Archiv ausliefern? Sie decken auch nicht den bedarf, selbst wenn wir wollten in sie schreiben. Ich sehe ja völlig ein, dass es ein opfer für sie ist, weiter zu redigieren. Aber: Sie könnens, was nicht jedem nachzurühmen wäre. Stellen Sie Ihre qualität in den dienst der sache. Finden Sie erleichterung durch den wegfall der bibliographie, so muss sie halt abgeschnitten werden, nur damit Sie luft kriegen und lust behalten.
Wer der neue verleger sein soll? ich bin ausser aller fühlung mit verlagsgeschäften. Ich hielte einen österr. oder doch süddtsch. für gut, weil das absatzgebiet mehr da als im Norden liegen dürfte, und die vertrautheit des verlages mit seinem naheliegen- den sortimentshandel vielleicht doch grösser ist. Konegen? Sie haben ja schon erfahrungen mit ihm, jedenfalls ist es eine sehr angesehene firma. Beck in München? er scheint jetzt so fest zu stehen, dass er gewagteres unternimmt. Von anderen, wie Ellwanger, Beer-Bloch weiss ich nur die namen, ohne einen überblick zu haben. Mayer u. Müller wäre mir bedenklich, trotz Schmidt u. Brandl.
Vielleicht gibt Ihnen Fromme auskunft über die orte des absatzes.
Schmidt die zs. für einen neuen verleger u. einen neuen herausgeber anzubieten, halte ich für ganz unmöglich. Dann ist sie eben nicht mehr der Euphorion, selbst wenn sie so heissen sollte. Er steht und fällt mit Ihrer herausgeberschaft. Eine zs. mit einem andern verleger ist kein novum, eine wissenschaftliche zs. mit einem andern herausgeber ist ein novum, es sei denn, dass Sie die veränderung abschwächen wollen durch den titel „unter mitwirkung von Sauer“, was ich Ihnen niemals raten würde. Halten Sie die fahne und suchen Sie ein neues gestell dafür; der boden, den sie beherrscht und Sie beherrschen, ist da.
Was ist mit der Dtsch-österr.litt-gesellschaft? ich verstehe das unternehmen nicht u. habe abgelehnt, mich dafür hier inscenieren zu lassen. Ist sie ein Körnchen wert, so müsste sie auch auf die verhältnisse des Euphorion passen. Ich trau ihr aber nichts gutes zu.
Ich hoffe, Sie überwinden bald den berechtigen verdruss und finden, was Sie brauchen. Sie haben unternehmungsgeist u. beziehungen: mir fehlt beides.
Aufrichtig
Ihr treuer
BSeuffert.

Briefdaten

Schreibort: Graz
Empfangsort: Prag
Archiv: Staatsarchiv Würzburg
Zustand: archivarisch einwandfreier Zustand
Umfang: 4 Seite(n)

Status

Transkription mehrfach geprüft, Text teilweise getaggt

Zitiervorschlag

Brief ID-8914 [Druckausgabe Nr. 177]. In: Der Briefwechsel zwischen August Sauer und Bernhard Seuffert 1880 bis 1926. Digitale Edition. Hrsg. von Bernhard Fetz, Hans-Harald Müller, Marcel Illetschko, Mirko Nottscheid und Desiree Hebenstreit. Wien: Österreichische Nationalbibliothek, Version 2.0, 2.7.2020. URL: https://edition.onb.ac.at/sauer-seuffert/o:bss.8914/methods/sdef:TEI/get

Lizenzhinweis

Die Transkriptionen der Tagebücher sind unter CC BY-SA 4.0 verfügbar. Weitere Informationen entnehmen Sie den Lizenzangaben.

LinksInformation

Das Bildmaterial dieser Webseite sind Reproduktionen aus den Sammlungen der Österreichischen Nationalbibliothek und des Staatsarchivs Würzburg. Für jede weitere Verwendung wenden Sie sich bitte an die jeweilige Institution.