Graz 9 V 99

Lieber freund, Da Sie fragen, ob Zwierz. nach Prag gehe, ob er nicht aus rücksicht auf Kraus ablehnen werde, antworte ich sofort wieder, obgleich die antwort durch Ihre heutige sitzung hinfällig werden kann. Ich glaube die 1. frage so bestimmt bejahen als die zweite verneinen zu dürfen, ohne dass ich natürlich mit Zw. darüber irgend ein wort geredet hätte (es weiss von mir nichts, dass ich seinen namen bei Ihnen genannt habe u. ich habe auch früher keine andeutung gemacht, dass ich ihn für concurrenzfähig halte). Nemlich: 1) hat er ehrgeiz, wenn auch in sehr anständigem masse, u. hat es immer schmerzlich empfunden, dass jüngere leute wie Kraus sich früher als er habilitierten. 2) hat seine junge frau eine verheiratete schwester in Prag in garnison, so viel ich weiss, u. das wäre für sie ein grosser anziehungspunkt. 3) hat ihm die familie (ein sehr hoher offizier) der frau schon ungern diese gegeben, ehe er professor sei u. drängt sehr auf sein avancement, so dass es ihm von der seite sehr angenehm sein müsste. Endlich 4) hab ich ihn nie davon reden hören, dass er Prag für eine unerträgliche univ.-stadt hielte. Ich habe nie bemerkt, dass er aktiv politiker ist, habe auch m. erinnerns nie mit ihm politisiert, glaube mich aber doch seines deutschbekenntnisses als einer selbstverständlichen sache bestimmt zu erinnern.
Hoffentlich hat er Ihnen sein Margarethenbuch geschickt. Es ist hier hier drin noch nichts eigentlich germanistisches, das folgt später, ein 2. bd. soll u. wird texte bringen. Sie werden sich überzeugen, dass diese untersuchung weit ausgreift, tief einschneidet, nicht immer glücklich geordnet ist; aber ich halte Sie für gediegener in der methode als die berühmten Usenerschen, der freilich kühnere combinationskraft und die bewandertheit des alters voraus hat. Das buch muss auch ausserhalb der german. philol. aufsehen erregen. Und den echtesten philologengeist wird man nicht darin vermissen. Jetzt ist er mit einer untersuchung beschäftigt, die seine Heinzelfestschrift über alle epik ausdehnt. Sie muss entweder fertig oder ganz nahe am ende sein u. soll etwa 10-12 bogen stark noch in diesem jahrgange der Zs. erscheinen. Für eine Gregoriusausg.. hat er alles bereit liegen, den contract darüber längst geschlossen. Er arbeitet aus bedürfnis, aus freude am arbeiten. Daher kommt auch rein für sein fortkommen bisher ungünstiges ungeschick, es nicht auf wirksame bücher abzusehen u. diese in einem zuge abzuschliessen: es packt ihn dazwischen irgend ein neues interesse, dem er raum vergönnt.
Ich müsste mich sehr täuschen, wenn Sie mit ihm nicht sehr gut führen. Er gefällt auch als person anderen collegen u. macht auch bei leuten, die nicht philol. sind, den eindruck eines ungewöhnlich gescheiten menschen, so wenig er aus sich heraus geht. Er sieht etwas schwächlich aus, ist am rücken verwachsen, aber hier immer gesund, radelt, rudert, schwimmt, spielt lawn-tennis, kurz scheint zähe geworden durch allerlei leibesübungen. Er hat aber nicht das gebahren eines sportsman u. ist sehr fleissig. Er hat hier unverheiratet sehr einfach gelebt und ist auch jetzt kein geldprotz. Er hat ausser bei Heinzel auch in Berlin u. Lpz. (noch unter Zarncke) studiert.
Seine berufung durch Sie würde vergleichbar sein der des Roethe nach Göttgen, des Michels nach Jena: auch da lag nicht mehr vor, als von ihm vorliegt u. es waren doch keine missgriffe. Ich stelle ihn über Michels.
Herzlich
Ihr
BSeuffert

Graz 9 V 99

Lieber freund, Da Sie fragen, ob Zwierz. nach Prag gehe, ob er nicht aus rücksicht auf Kraus ablehnen werde, antworte ich sofort wieder, obgleich die antwort durch Ihre heutige sitzung hinfällig werden kann. Ich glaube die 1. frage so bestimmt bejahen als die zweite verneinen zu dürfen, ohne dass ich natürlich mit Zw. darüber irgend ein wort geredet hätte (es weiss von mir nichts, dass ich seinen namen bei Ihnen genannt habe u. ich habe auch früher keine andeutung gemacht, dass ich ihn für concurrenzfähig halte). Nemlich: 1) hat er ehrgeiz, wenn auch in sehr anständigem masse, u. hat es immer schmerzlich empfunden, dass jüngere leute wie Kraus sich früher als er habilitierten. 2) hat seine junge frau eine verheiratete schwester in Prag in garnison, so viel ich weiss, u. das wäre für sie ein grosser anziehungspunkt. 3) hat ihm die familie (ein sehr hoher offizier) der frau schon ungern diese gegeben, ehe er professor sei u. drängt sehr auf sein avancement, so dass es ihm von der seite sehr angenehm sein müsste. Endlich 4) hab ich ihn nie davon reden hören, dass er Prag für eine unerträgliche univ.-stadt hielte. Ich habe nie bemerkt, dass er aktiv politiker ist, habe auch m. erinnerns nie mit ihm politisiert, glaube mich aber doch seines deutschbekenntnisses als einer selbstverständlichen sache bestimmt zu erinnern.
Hoffentlich hat er Ihnen sein Margarethenbuch geschickt. Es ist hier hier drin noch nichts eigentlich germanistisches, das folgt später, ein 2. bd. soll u. wird texte bringen. Sie werden sich überzeugen, dass diese untersuchung weit ausgreift, tief einschneidet, nicht immer glücklich geordnet ist; aber ich halte Sie für gediegener in der methode als die berühmten Usenerschen, der freilich kühnere combinationskraft und die bewandertheit des alters voraus hat. Das buch muss auch ausserhalb der german. philol. aufsehen erregen. Und den echtesten philologengeist wird man nicht darin vermissen. Jetzt ist er mit einer untersuchung beschäftigt, die seine Heinzelfestschrift über alle epik ausdehnt. Sie muss entweder fertig oder ganz nahe am ende sein u. soll etwa 10-12 bogen stark noch in diesem jahrgange der Zs. erscheinen. Für eine Gregoriusausg.. hat er alles bereit liegen, den contract darüber längst geschlossen. Er arbeitet aus bedürfnis, aus freude am arbeiten. Daher kommt auch rein für sein fortkommen bisher ungünstiges ungeschick, es nicht auf wirksame bücher abzusehen u. diese in einem zuge abzuschliessen: es packt ihn dazwischen irgend ein neues interesse, dem er raum vergönnt.
Ich müsste mich sehr täuschen, wenn Sie mit ihm nicht sehr gut führen. Er gefällt auch als person anderen collegen u. macht auch bei leuten, die nicht philol. sind, den eindruck eines ungewöhnlich gescheiten menschen, so wenig er aus sich heraus geht. Er sieht etwas schwächlich aus, ist am rücken verwachsen, aber hier immer gesund, radelt, rudert, schwimmt, spielt lawn-tennis, kurz scheint zähe geworden durch allerlei leibesübungen. Er hat aber nicht das gebahren eines sportsman u. ist sehr fleissig. Er hat hier unverheiratet sehr einfach gelebt und ist auch jetzt kein geldprotz. Er hat ausser bei Heinzel auch in Berlin u. Lpz. (noch unter Zarncke) studiert.
Seine berufung durch Sie würde vergleichbar sein der des Roethe nach Göttgen, des Michels nach Jena: auch da lag nicht mehr vor, als von ihm vorliegt u. es waren doch keine missgriffe. Ich stelle ihn über Michels.
Herzlich
Ihr
BSeuffert

Briefdaten

Schreibort: Graz
Empfangsort: Prag
Archiv: Staatsarchiv Würzburg
Zustand: archivarisch einwandfreier Zustand
Umfang: 4 Seite(n)

Status

Transkription mehrfach geprüft, Text teilweise getaggt

Zitiervorschlag

Brief ID-8918 [Druckausgabe Nr. 181]. In: Der Briefwechsel zwischen August Sauer und Bernhard Seuffert 1880 bis 1926. Digitale Edition. Hrsg. von Bernhard Fetz, Hans-Harald Müller, Marcel Illetschko, Mirko Nottscheid und Desiree Hebenstreit. Wien: Österreichische Nationalbibliothek, Version 2.0, 2.7.2020. URL: https://edition.onb.ac.at/sauer-seuffert/o:bss.8918/methods/sdef:TEI/get

Lizenzhinweis

Die Transkriptionen der Tagebücher sind unter CC BY-SA 4.0 verfügbar. Weitere Informationen entnehmen Sie den Lizenzangaben.

LinksInformation

Das Bildmaterial dieser Webseite sind Reproduktionen aus den Sammlungen der Österreichischen Nationalbibliothek und des Staatsarchivs Würzburg. Für jede weitere Verwendung wenden Sie sich bitte an die jeweilige Institution.