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So, 1 10 50:

Kirche. Zu Polakovics gefahren. Dort zunächst die Einsendungen zu Ende gelesen, dann mit Polakovics einen Leistungs-bericht zusammengestellt.

Regen kam. Allerheiligendüster.

Daheim Statistik des engeren Arbeitskreises gemacht.

Dann geplaudert, mir vor Mama Rechenschaft über NW, Chemie usw. abgelegt. Später im Tagebuch von 1949 gelesen (September bis November).


Mo, 2 10 50:

Arbeiter-Zeitung klagt die Jugend an. Ich schrieb einen politischen Hundsartikel. Umsonst auf die Uni. (Labor.) Christl Nagl getroffen. In Tagebüchern 1949/50 weitergelesen.

Nachmittag ging Mama zu Fini. Ich wollte zuerst das neue Tagebuch weiterschreiben, dann schrieb ich aber ein Gedicht.

Recht warmer Tag.

Abend Sitzung des Verbandes demokratischer Schriftsteller im Café Parkring. Niemand von den "NW", nicht einmal von der Jugendsektion des Verbandes anwesend. Felmayers Vortrag, dann Diskussion. Ziemlich "antik".


Di, 3 10 50:

Laborbeginn. Nachdem ich früh einen Bericht über den gestrigen Abend geschrieben hatte, übernahm ich im Chemischen Institut meinen Platz. Heimgefahren.

Frostig.

Regierungsproklamation!

Nachmittag chemische Sachen vorbereitet, dann verschiedenes gelesen. Unter anderem im "Tiger".

In die NW gefahren. Dort nur Altmann. Ich erzählte ihm von den letzten literarischen Vorfällen. Es kamen dann Weißenborn, Artmann, Kein, Hauer, Cap, Stenzl. Häussler und Polakovics sind krank. Gestern soll ein Abend bei der Vera Ferra gewesen sein. Das Altmann-Gespräch mit den anderen fortgesetzt. Cap ist in seinen letzten Gedichten inter-essant. Annäherung fast aller Kollegen an einen gemeinsamen Punkt.

Mit Stenzl diskutierte ich meinen Pessimismus-Artikel. Die Sache mit dem "Keller" wird ernst. Nicht mehr böse auf Artmann. Mit ihm und Kein den Heimweg angetreten.


Mi, 4 10 50:

Früh nur 4,8°. Sehr zeitig auf. Generalstreik ist ausgerufen. Ich hörte die Radiomeldungen, die immerfort durchgegeben wurden. Dann ins Chemische gefahren. Dort Material eingekauft, gewartet. Die Kollegen sind nett. Nachmittag bekam ich die Chemikalien. Heimgefahren, ziemlich öde Stimmung in mir. Ich müßte schon wieder in der Arbeit sein!

Geplaudert, Streikmeldungen angehört, Kleinigkeiten gemacht, nichts von Bedeutung.


Do, 5 10 50:

Kälter als gestern. 2. Streiktag. Sehr zeitig auf, erst Meldungen gehört, dann Konsum. In die Rahlgasse um die Studentenfahrkarte. Dort traf ich Fritz, später Niki. Der übte arge Kritik an den "Neuen Wegen", vor allem an mir. Er ist Germanist und wird seinen Schülern mich als abschreckendes Beispiel lehren, sagt er. Ich drücke alles aufs Umständlichste aus; man müßte mit Worten malen, meint er, wie es in großartiger Weise Ida Thomas tue. Dennoch wünschte er mir viel Glück. - Nach der Rahlgasse ins Institut, Besorgungen. Butylester vorzubereiten begonnen. Klapparat aufgebaut. - Der Streik ist zusammengebrochen.


Immer schon Handfrost. Früh Nebel. Ins Institut gefahren. Butylacetester angepackt. Umgerührt, fadisiert, mit Fiedler viel geredet. Dozent Pailer: "Herr Okopenko, die Katastrophe ist unausbleiblich!"

Ich möchte schon einen Beruf haben. Das Chemielernen bringt mich auf den Hund. Ich bin Schriftsteller. Ein Tag wie im bösen Traum. Partielles Unglücklichsein. Weiter Acetester gerührt, weiter gerührt, weiter gerührt, weiter gerührt, weiter gerührt, weiter gerührt ...

Heimgefahren. Auf dem Hund.


Spät aufgestanden. Radio. Auf dem Hund. Eintragungen.

Ich bin gegenwärtig auf dem Hund, die verhaßte Chemie frißt mich auf, ich müßte Bücher über Bücher lernen, dabei interessiert mich keine Zeile, ich seh nur die Buchstaben vor mir, und täglich wird mich der Dozent prüfen, sagt er. Nun steht mir die seit Jahren erwartete Katastrophe, von der ich nie sprach, bevor.

Schnell und unbemerkt ist der Oktober gekommen.

In Tagebüchern / gelesen.

Tante kam. Ich ruhte von allen Gedanken ans kommende Unheil aus.

Cemie. Dann in guter Stimmung. Ich gab TanteGedichte von Polakovics zum Lesen mit. "Sturm". Gemütlich. Ich bin sehr im Wunsch nach einem Mädchen. Nach langer Zeit des Grübelns und einer Gleichgültigkeit, die dem Grübeln gefolgt ist, wieder in angeregter Stimmung.


Kirche, Ordnungen. Zu Artmann gefahren, der nicht daheim. Polakovics besucht. Der ist schon am Gesundwerden. Er hatte die , die den "Neuen Wegen" verbleiben, in einen Ordner geheftet. Alles andere war zurückgegangen. Wir stellten meinen Bericht vom Verband demokr. Schriftsteller für die NW zurecht, wo er wahrscheinlich im veröffentlicht wird. Ich erzählte ihm von meiner jetzigen Krise. In den Ferien und vorher die Monate bin ich immer am besten beisammen.

Polakovics fand, daß mein letztes Gedicht (Kommende Jahreszeit) etwas Bedrückendes hat; wie er sagt, ist es die Ouverture zu meiner Laboratoriumspraxis. Ich sagte ihm, ich werde nun länger nichts schreiben, denn seit dem Gassen-Gang habe ich nichts mehr wirklich Gutes geschrieben, keine solchen Bekenntnisgedichte mehr, sondern nur (wenn auch vielleicht ganz gute) Beschreibungen. Es ist eine ultraviolette, gespenstische Lyrik. Und allerletztlich will ich jetzt nicht auch noch meine privaten Sorgen - und das letzte Gedicht wäre der Ansatz dazu gewesen - in egoistischer Weise verwigen.

Der Tante gefiel dieses Gedicht nachmittag übrigens ausgezeichnet. Nach der Aussprache vor Polakovics in besserer Laune. Ich möchte nur etwas anderes sein als Chemiker!

Länderspiel 7:2 gegen Jugoslawien. Maulkorb. Herrliche Abendstimmung mit Oktobernebel und grünem Gaslicht (Westermayer).

Nach der Auffrischung bei Polakovics bin ich überzeugt davon, daß es nun bald eine Schwenkung von der Chemie weg daheim energischer anzudeuten gilt. Der erste Schritt heute nachmittag in einem längeren Gespräch mit Mama. Ich gab verschiedenes zu bedenken. Freilich sprach ich noch nichts von einem Ausspringen aus dem Studium. Aber die Gesamtstimmung änderte ich, und ich werde vom neuen Kurs nicht mehr lassen. - Tantes Besuch begünstigte die Dinge ebenfalls sehr:

Ich forcierte alle Gespräche, die auf mein literarisches Weiterkommen sowie auf meine Geschicklichkeit im Büro hinweisen konnten, und setzte ihren Bemerkungen über die "fürchterliche" Chemie nicht so großen Widerstand wie sonst entgegen. Zwar braucht alles seine Vorbereitungs-zeit, selbst was meine eigene Verfassung anbelangt. Aber ich fühle, daß etwas geschieht, um die "Katastrophe", von der Pailer sprach, zu beschleunigen. Wir alle werden aus einem unhaltbar gewordenen Zustand befreit werden.

Wetter sehr anregend, Nebel ..., warm. Ich habe den großen Wunsch nach einem geliebten Mächen, nach der gemeinsamen Hingabe.


Labor. Nach Mittag heim. Mama ging zu Fini, ich trieb chemische Versuche. Großen Wunsch nach dem Mädchen.

Radio gehört. Ich schrieb das "Gedicht aus einem Laboratorium". Meine metallene Serie ...


Zeitig auf, wegen der ersten Galinowsky-Vorlesung.

Im Laboratorium das Keton gemacht. Nachmittag zu Polakovics gefahren. Der war nicht zu Hause. Deshalb zu Artmann. Über den "Keller" (die Sezession von den "Neuen Wegen") gesprochen, über moderne Richtungen, meinen Metallstil; Schnaps getrunken, mit ArtmannPaddy in den Kinder-garten begleitet, dann zu den "Neuen Wegen". Das Oktoberheft erscheint verspätet. Almanach usw., Problematikerkreis trennte sich von uns, wir übersiedelten in den Redaktionsvorraum. Früher als sonst aus.

Ich bin mit der VdS-Sache unversehens in etwas hineingeschlittert. Mit Kein, Polakovics und Artmannheim. Donnerstag halten Artmann und Altmann einen wichtigen Nachmittag ab.


Keine Ausbeute an Keton! Dann im wässerigen Anteil 1,5 g (= theor.) gefunden. Triumph. Abgegeben, bestätigt.

Morgen beginne ich 10 und 11. (16 sind im ganzen.)

Warm, auch Regen.

Ich trieb zuhaus Chemie, wollte dann eine Einladung an Hilde Schinko schreiben, aber dann gab ichs auf und hörte nur Radio. Eintragungen.


Zeitig auf. Gali. Mit Groh zu Pienicka gegangen, NH3 gekauft.

Vor Mittag zu Weißenborn. Der ist gegenwärtig beschäftigungslos, schreibt an einem sehr flüssigen Roman, hat aber auch gute Gedichte geschrieben. Meine Impressionen, vor allem aber der Gassen-Gang, gefallen ihm.

Heim. Nachmittag zu Artmann. Mein Gassen-Gang kommt in den "Keller", mein Vorwort auch usw. Wortsalate aufgenommen, abwechselnd er und ich. Er hat gute Sachen geschrieben. Angenehme Stimmung. Später kam Altmann. Auch er brachte gute Sachen zum Vorschein, ich las sie vor. Sehr angeregt fortgegangen.


In guter Stimmung aufgestanden. Erste Kuffner-Vorlesung über Methodik. "Probe auf Bestellung" von Wittmann bekommen. Sie ist nun Nummer 11. Ich machte die 10-er: o-p-Br-Benzoylbenzoesäure. -

Wird für uns im Frühjahr die Übersiedlung aktuell?


"Die Stimme des Herzens ist kalt geworden". Ein Gedicht. Nm. Ordnungen, Tante kam, Gespräche über die Lage.


Die Birken haben noch grüne Blätter, die Kastanien gelbgrüne, noch kein Baum richtig kahl. Noch nicht kalt.

Nach der Kirche zu Polakovics. Dort Frau Fischer ( Frau Maria in Untermiete wohnt). Mit den alten Polakovics gesprochen. Dann kam er selbst hervor. Gleich zu Frau Maria gegangen. beurteilt. Über die Polemiken geplaudert. Meine letzten Gedichte (Chem und Tintenfisch) gefielen nicht.

Nachmittag sprach ich mit Mama über einen Abbruch meines Studiums und einen Eintritt ins Büro, wo ich innerhalb eines Jahres auf Tantes Posten kommen könnte, wie sie unlängst sagte.

Tante kam, riet mir, nicht aufzugeben, solange ich nicht durchfalle.

Oktobernummer der "Neuen Wege" gelesen. Ein sehr gutes Heft wieder.

Tante photographierte uns, verpatzte aber das Bild. Wir hatten, wie später herauskam, drei Köpfe.

Ganz netter Abend.


Labor. Probe auf Bestellung gut weiter. Probe 10 (o-p-Br-...) ist morgen fertig. Daheim waren noch die Hauslisten auszufüllen.


Früh Ernst Wiechert mit großer Erschütterung gelesen. Gedanken zur Herzlosigkeit des nicht mehr einfachen Lebens. Bin ich auf einer ungünstigen Bahn gewesen?

Gali. Laboratorium. Die bestellte Tetramethylbase gelang. Ich wurde zu einer dummen Zeit fertig, konnte nicht weiter. Zu Weißenborn. Der war nicht zu Hause. Seine Schwester ist wirklich nicht nach meinem Geschmack.

- Zu zeitig in die Redaktion der "Neuen Wege". Dort gingen nur Fremde ein und aus. Endlich kam Altmann. Polakovics arbeitet drinnen, es ist seine Nebenbeschäftigung. Die Diskussionsgruppe tagte wieder abgesondert, im 13-er Zimmer. Wir übten unser Lektorat aus, Artmann, Kein, Fritsch kamen. Der "Keller" wird ein sauteures Buch von wenigen Seiten; Subskribenten müssen dasein. Cap zog seine Sachen zurück, Weißenborn und Hradek wurden ausgeschieden, von mir bleibt nur der Einige-Gassen-Gang.

Mir ist das ganze jetzt unsympathisch. Heimweg mit Kein, Fritsch und

Artmann, mit Kein dann noch lange - bis 22h - debattiert. Üer die beiden Almanache, über unsere "Avantgarde", über die Annäherung an den gemeinsamen Punkt, über die lyrische Schweigezeit, die Polakovics, Kein und ich jetzt haben, über die Eigenart, die gegenseitige Beeinflussung und Vorbilder im Großen, über die Einzelnen aus unserem Kreis, über die Kontrastwirkung und die Stille (Kontrast ist im Leben begründet, und Kunst darf nicht vom Leben abgehen!), über die Belanglosigkeit (wie Kein meint) der Lore Hübel (der "Vertreterin der Poesiealben"), über die Ungunst einer "Rückkehr zu Hübel" als einer vermeintlichen Rückkehr zur Natur, über die Verbildetheit der scheinbar Unverbildeten; daß Kontraste unbeschadet der etwaigen unlyrischen oder nicht-genug-stillen Wörter gerade auf den Unverbildeten ernsthaft und ergreifend wirken werden usw.

Ich sehe, ich tue am besten, auf meinem Platz fest zu stehen. Gewissem Bluff auszuweichen und .... Die Vertiefung im Sinn von heute früh wird vielleicht eintreten, aber auf meinem Weg.

(Auch meine privaten Gedanken um Hübel haben ein energisches Ende genommen.) Gestern war es manchmal wie im Föhn. 22,30 heim. Sehr anregender Tag.

- Mama war bei Frau Dir. Pawlicki gewesen.


Der Assistent erwischte mich, als ich den illegalen Teil der "Probe auf Bestellung" dem Besteller in den Arbeitssaal brachte. Das Präparat wird mir aberkannt, und ich muß das langwierige Luminal herstellen.

Fühlte mich ungerecht behandelt, da das Präparat für den Besteller nur eine Ausgangsstufe war, die er sich ebenso gut hätte kaufen können, und da jeden-falls ich meine Arbeit ohne Schwindel getan hatte. Von heute an benimmt man sich zu mir wie in der Strafkolonie.

Zeitig am Nachmittag heim. Tante war da. Sie half sehr zur Beruhigung. Nun ist alles ausgesprochen. Provisorisch bleibe ich im Institut. - Gute Stimmung. Mama zeigt die gute Stimmung jetzt immer.


Jahrestag Gali. Der Kollege ersetzte mir den absoluten Alkohol. Die Probe 12/l3 energisch weiter. Ich fühle mich wie vogelfrei im Labor, und so leicht ...

Nachmittag die Probe 12/l3 fertiggebracht.

Auf der Heimfahrt Walter Schuster getroffen. Er ist bei der Versicherung. Mama in guter Stimmung. Geschäfte mit Pobisch.


Zu Tante in die PHG gefahren. Daheim diskutierten wir meinen "Beruf". Sehr verstört.

Die Kuffner-Vorlesung versäumt. Die Probe 12/l3 abgegeben. Für das Strafpräparat alles hergerichtet. Der Assistent Swoboda ist zu mir sehr nett (der Kollege des Ertappers).

Zeitig heim. Mama bäckt für Irma Pobisch Keks.

Bemühte mich um ein Gedicht: "Der Nordwind zerrt an Krawattenplakaten ..." Natürlich nichts. Abend gab es gebackene Leber. Die und die Stimmung waren gut.


Später auf. Mama, allein aller Früh auf die Linzerstraße. Ich las in der Kunst-Mappe. Versuchte zu dichten. Vergebens. Ich kam über die erste Strophe nicht hinaus.

Ordnungen. Später las ich in meinen alten Mappen (NatWiss, E...)

Bier geholt, gutes Nachtmahl (Schnitzel). Bald mich niedergelegt.


Kirche. Polakovics. Für die Zeitung etwas gearbeitet. Ich bin überzeugt davon, daß meine surrealistische Periode aus ist. Aber was kommt nach? Lesung für Prof. Witschnik geplant.

Tante und Onkel waren bei Mama traf gerade noch an, als ich heimkam. Onkel Paul ist sehr einsichtsvoll und tröstlich.

Als sie fortgefahren waren, machte ich Ordnungen und las in meinen Gedichten, las auch Mama daraus vor. Radio gehört: Grieg, Sibelius.


Ich beschloß, mich beim Institutsvrstand, dem gefürchteten Prof. Wessely, über meine Behandlung im Institut zu beschweren.

Tat es. Nachmittag reinigte ich Nerolin.

Ich nahm alles das wie einen Alptraum, wo man schon durch die Lider das Tageslicht schimmern sieht. Ich bin auf alles gefaßt, Chemie ist nur mehr eine Farce.

Jetzt immer gutes Essen.


Galivorlesung. Nerolin gereinigt. Hamster im Labor; Frl. Sonja desgleichen. Momentan keine Rausschmeißstimmung. Morgen Beginn der Lieb-Schöniger-Präparate. Mittag heim. Aufschwung. Dann zu Artmann. Er hat wieder .

Mir sagt es immer weniger. Aber es war gute Stimmung. Über und die "Surrealistischen Publikationen" geredet.

Abend "Neue Wege". Vertreter vom "Kreis" waren dort. Polakovics ist sehr stark in der Redaktion beschäftigt. Stoff zum "Lesen" werden sich die einzelnen Lektoren später nach Hause nehmen. Altmann, Artmann, Cap, Stenzl (), Fritsch, Hauer, Hradek, Kein, Polakovics, Weißenborn.

Ins 13-er Zimmer übersiedelt. Mit Kein, Hradek, Artmann in der Kälte abmarschiert. Sehr angenehm. Diesmal nach Hausegefahren.


Ödes Regenwetter, kalt. Am Nerolin gearbeitet. Fühlte mich elend, aber nur als Chemiker, und der bin ich ja in Wirklichkeit nicht. Zwei öde Stunden zuhause verbracht. Dann wieder ins Institut, das Lieb-Schöniger-Praktikum angetreten. Chinaldin angesetzt.

Allerseelenwetter, auch genügend kalt, ist gekommen.

Daheim von allem ausgeruht. Holz gehackt. Schnitzel gefressen.

Viel über meinen kommenden Stil nachgedacht und geredet.

Der Vergleich mit der Zeit vor einem Jahr ist erhebend.

Wie die Symptome der Wendung wiederkehren, und wie erfreulicher sie diesmal sind. -

Meine surrealistische Zeit ist vorbei. Es ist was Neues im Kommen. In letzter Zeit hat die surr. Neuerwerbung mein Eigenes in den Hintergrund gedrängt. Dies wird jetzt wieder ausgeatmet. Freilich werden die surrealen Elemente nicht ausgerottet, nur ihres Selbstzweckcharakters enthoben.

Am nächsten dem Kommenden sind vielleicht meine Feber-Gedichte "An einem Abend im Vorfrühling" u.ä.

Das Meine muß stärker entwickelt werden, das Unnötig-Fremde abgestoßen. Wenn ich nicht viel denke, stellt sich das nützliche Gleichgewicht selbst ein.


Erster Schnee, minus 1° (erster Frost). Naßkalt.

Gali, Chinaldin und geblasen.

Nachmittag höchster Bescheid: Ich muß das Strafpräparat machen. Auf dem Hund. Heimgefahren. Zuhaus wieder erholt.

Es ist wie in einer Symphonie. Die Personen aus allen meinen verflossenen Semestern mischen sich jetzt, arbeiten durcheinander-gewürfelt mitsammen, keine neuen, die wie Sternbilder den Eindruck dieses Semesters bestimmen. Symphonie - aber es ist eine Narrensymphonie; geraffte Wiederholung: Es ist ein Finale.

Lanek, Zuber, die Leute aus dem Qualitativen und Quantitativen, von unten die alten Organiker, alle außerhalb der natürlichen Arbeits-gemeinschaften, als redeten verstorbene Generationen mit gegenwärtigen und ungeborenen.

Stimmung partiell hundul, partiell in steigendem Glück und "es kann dir nichts geschehn".


Kuffner; Labor: geblasen. Acetamid (l. LS-Präparat).

Wieder Sonja im Institut.

Angeneerer Tag. "Percy" von Wiechert gelesen.


Früh -5°. Später auf. Wiechert gelesen. Arbeiten (Holz ). Zu Artmann gefahren, ums Lektorenbündel. Umsonst. Aber mit ihm gesprochen, auch über meine Wendung. Er schreibt momentan am toten Punkt weiter.

- Großer Blätterfall. Schneereste, aber noch nicht frostig. Sonne scheint. - Ich las in alten Gedichten und den Tagebüchern von , , . (Oktober- bis Dezembertage.) Tante war da. Nur nichts vom Chemischen reden! Hubertusmantel. Bernklau. Wein! Besoffen. Panierte Würste.


früh im Halbschlaf

So nehm' ich wieder Abschied von dir, Sonja. Ich will nicht die Laborblume pflücken. Aber ...

Warum muß ich aufstehen?

Ich möchte lieber im Bart eines alten Juden sitzen

- weit weg irgendwo in Polen - - -


Keine Kirche. Verkühlt. Schneeiges Allerseelenwetter. Um 14h bei Polakovics. Zu Frau Maria. Sehr interessant. Auch Gespräch über mich. .


Erdäpfel kamen. Literarischer Gefühls-Höhepunkt. Vormittag und zeitiger Nachmittag Labor. Wollte dann zu Weißenborn, der war aber nicht daheim. Mama besuchte Fini. Ich las in Trakl, fuhr bald wieder fort, zu einem Abend junger Autoren im Konzerthaus. Der Steinhofer Portier Helmer hat einen Zwölfer im Toto gemacht.


Gali, Labor, schon mittag heimgefahren. Eine Ente ist im Haus! Ordnungen gemacht. NW-Mappen.

In den "Neuen Wegen": Fritsch und Hauer nur kurz, Nahlik und Diem wieder einmal. Kellerkreis ohne Artmann, Almanachkreis mit Eisenreich (zum letzten Mal in Wien). Sehr nett mit Eisenreich, Nahlik, Kein. Schon um halb acht zu Haus. Kein schrieb was besonders Gutes. .


Frei, länger geschlafen. Chemiekasten-Ausmusterung. Plusgrade, regenfrei. Trüb.

Ordnungen bei den Liter.-Mappen, F-Mappe liquidiert. Kein brachte die . Er war nur kurz da. Ich schrieb mir sein langes Gedicht von gestern ab. Das Lektorat war bald fertig. Tante kam nicht. Ich setzte die Ordnungen fort. Dann auf den Friedhof gegangen. Feierlich wieder. Abend Ente.

Bernard Shaw im Sterben.


Frei, länger geschlafen. Wetter wie gestern.

Gedichte für die Weißenbornlesung zusammengestellt.

Gegen Mittag wurde es regnerisch. Bernard Shaw ist gestrben.

In meinen alten Gedichten gewühlt, mich an meine vergangenen Jahre erinnert, einiges in Ordnung gebracht. Die Kindheitsgedichte separiert.

In meinen ältesten Aufzeichnungen gelesen.

Nach diesem Feiertag mich endlich niedergelegt.


Fast frei. Allerseelenwetter. In den letzten drei Tagen sind die Bäume meist kahl geworden, auch die, die grün gewesen waren. Mama ging auf die Linzerstraße, ich machte Ordnungen und fuhr dann zur Kuffner-Vorlesung. Danach zu Weißenborn gegangen, er hat ein langes Liebesgedicht geschrieben; ich gab ihm die Sachen für die Lesung. Keller-Einladung. Noch gesprochen. Ins Institut. Bald heimgefahren. Mama war mit Fini fort. Ich ließ das Büchlein D1 auf. Setzte die D-Ordnung fort: ich möchte alle D-Bücher auflassen.


Regenwetter. Nicht zu kalt. Kein Frösteln.

Mama mit Fini auf die Linzerstraße. Glasscheibe. 10 Eier.

D1 weiter aufgearbeitet. D2 ruiniert.

Nachmittag kam Tante. Ich schrieb Fakturen für sie. Eineinhalb Stunden. Bekam S 8.-

Amtsrat Pobisch, zu dem ich etwas hintragen mußte, stieß mich mit der Schnauze wieder auf die öde Chemie.

Zu Bernklau Heißer Wein.

Ende war die Versöhnung von Zivilingenieur Nawratil (Altmann) und seiner Frau (Hauer) mit Rudolf Bürbaum in Zistersdorf.


Hochwasser in Österreich, Überschwemmung in unserm Keller. Schnee, winterlich fast, aber noch grüne Bäume. Kirche. Reinschrift. Zu Polakovics. Dezemberheft mit ihm zusammengestellt. Ich werde doch noch den Bericht über die SJ-Veranstaltung schreiben. Über den "Keller" gesprochen. Ich werde unterschreiben, für einstweilen wenigstens. Hans Weigel will Sachen von mir.

Nachmittag Ordnungen, den Bericht geschrieben.Tante kam, spät. Gemütlich der Tag. Radio interessant.

Morgen ist es wieder stier.


Ganz warm. Labor. Mittag heim. Ich las etwas in Weinheber, schrieb dann Gedichte für Weigel ins reine und machte die Einsendung fertig. Mama zu Fini hinauf.

Abend versuchte ich zu dichten. "Grüner November" (Abrücken vom Surrealen!). Viel über die literarische Entwicklung nachgedacht.


Wieder ganz warm, abend leicht näßlich. Galivorlesung, Labor: Phthalocyanin. Zu Weißenborn. Der nicht daheim. Kugelschriber um S 12.- gekauft. Artmann auch nicht daheim.

Zuhause dann die D-Büchlein zerlegt.

"Neue Wege" aufgesucht. Aber die Burg war von den Russen besetzt. Fritsch ging bald wieder, mit Kein viel herumspaziert, Altmann, Hauer, Weißenborn nur kurz da, Artmann dann bei uns, wenig Bedeutendes los dank den Umständen. Viel mit Polakovics telephoniert, Belegexemplar bekommen, schönes Heft! Ihm den Bericht übergeben. Schon um 20hdaheim. Noch gelesen.


Nicht zu kalt. Wie immer, zum Teil Regen. Mama schon zeitig auf die Linzerstraße. Viel Literarisches geredet. Dann Labor.

Nachmittag nach der Arbeit im Novemberheft gelesen. Fing den Artikel gegen den Anonymus zu schreiben an.


Trocken, nicht zu kalt, freundliches Wetter. Gali, Labor. Zu Weißenborn mittag. Redete ihm zu, sich von der Spaltung des Arbeits-kreises zu distanzieren, lernte Janczyk kennen; den lud ich zu den "Neuen Wegen" ein. Viel über unsere Ziele geredet. Duwort.

Daheim Bescheid von Hanecker. Das Geschäft wird in Raten gehen.

Fini lieferte uns Schnitzel und Auslaßfett, es gab gute Grammeln.

Zu Bernklau um "Sturm". Gesoffen. Ich bin ganz ohne Mädchen.

Etwas aus meinem aufgewühlten Zustand heraus geschrieben. Aber das Lamento muß ein Ende haben!


Früh -2°. Schon zeitig nachmittag Nebel.

Kuffner. (Die Himbeerrote ist wieder zu sehen, aber nichts ...) Labor. Hans Weigel hat geantwortet.

Nachmittag machte ich Ordnungen, fuhr dann zu Tante ins Büro.

Zuhause setzte ich die Ordnungen fort, wir erwarteten, daß Tante mit dem Firmenchauffeur Pieschl ums Service komme, sie kam aber nicht. Um 22h legten wir uns nieder.

Mit der Chemie ist es nichts. Aber zunächst keine Möglichkeit, herauszukommen. Einstweilen stur weiterarbeiten.

Ich habe keine Angst und kein unglückliches Gefühl. Aber mit zunehmender Wartezeit verstärkt sich meine Schuld. Die Farce nimmt mich her.

Trotzdem, vom höheren Standpunkt gesehen und zeitlos, bin ich ausgeglichen und zufrieden. Meines geht weiter, anderes auch ist zu hoffen. Gedichte würde ich wegen meiner kleinen Krise von jetzt niemals schreiben!


Länger geschlafen. Mama auf die Linzerstraße.

Z-Ordnung, Reinschriften.

Nm. die D-Büchlein weiter aufgearbeitet. Viel Radio gehört, gemütlich daheim.


6° Wärme.

Kirche. Zu Polakovics gefahren. Meinen Bericht gekürzt ums Politische, seine gute Stellungnahme gelesen. Witeschnik will mehr als das "Elegische Protokoll" haben, aber ich gab nicht mehr. Lektorat. Übers Novemberheft gesprochen, über den Surrealismus (vorher über die Zeitnähe). Er lobt Altmann.

Zuhause die D-Bücher fertig aufgelöst. Weinheber gelesen.


Früh 6 1/2°. Vormittag Labor. Nachmittag daheim viel über die Nicht-Chemie geredet. Vergeblich zu dichten versucht. Blauer Himmel, warm. Mama bei Fini, ich brachte D weiter in Ordnung. Umsonst auf Tante gewartet. Noch gemütlich geplaudert.


Prachtvoller Sonnenaufgang. Tante kam. Verletzung. Gali, Labor. Zimtsäure, Nitrophenol, es schneit mir die Geräte direkt in die offene Hand.

Weißenborn. Er las mit mir Borchert.

Zuhaus lag eine Karte von Weigel. Er lädt mich zur Lesung in die Staatsoper ein.

Fini kam. Der Himmel war bedeckt. Ich fuhr zu Tante in die PHG, von dort gleich in die "Neuen Wege". Keine Einigung, ja nicht einmal ein Gespräch über den Surrealismus. Mit Kein und Artmann den Heimweg ange-treten.


Leopoldi, frei.

MamaLinzerstraße. "Warmer November" geschrieben. Gut. - Nachmittag u Artmann gefahren. Er ist sehr um die Avantgarde bemüht. Seine "Enthüllungen" gelesen, er las das Wenige, das von mir vorlag.

Er wird die Zeitschrift "Keller" bald herausbringen.

Eliot zu übersetzen versucht.

Zuhause Ideen für Phantasmagorien.


Gali. Labor. Noch zwei Präparate, dann bin ich mit dem Halbmikropraktikum fertig. Dann beginnt das ganz Ekelhafte ...

- Chinolin, mittag heim. Im Lauf des Nachmittags sechs "Trugbilder" geschrieben.


Das Rechenergebnis, dass die Vernichtung der gesamten Erdbevölkerung 400 Milliarden Dollar kostet, wird im Radio durchgegeben, und es folgt einen Augenblick später: "Das schönste Lied der Welt sing ich für dich, Canto d'amore ..."

Auch wird durchgegeben, dass der Verkauf von Knallkapseln und Stinkbomben an Jugendliche ab sofort verboten sei.


Gedicht auf den Tod von Bernard Shaw fortgesetzt.

Kuffner, Pieniczka, Laboratorium. Dort während eines Sturmes ekelhafte Diskussion über den ArtClub. Ich zog mich ganz zurück.

Nachmittag schrieb ich die "Trugbilder" ins reine. Ich bin heute unfähig, etwas zu dichten.

Ordnungen, zu Bernklau um Wein. Warmer Abend: +10°!

19,15 Weigellesung in der Staasoper. Von mir wurde, ziemlich in der Luft hängend, das Wolfslied vorgetragen. Enttäuschend. Durch die Innere Stadt spaziert.


Trüb. Episode Weigel abgeschlossen. Das Shaw-Gedicht weiterzubringen versucht. Aber es ist die entsetzlichste Pubertätslyrik. Ich bin in wenigen Tagen gänzlich heruntergekommen, zusehends verfallen. Nachmittag die D-Ordnung etwas weiter. Einstweilen abgeschlossen.

Tante kam. Tiefpunkt. Wir beschlossen, daß ich nur mehr dieses Semester fertig mache, mich um die Staatsbürgerschaft kümmere und dann einen Posten suche.

Abend bei Schnitzeln etwas bessere Stimmung. Ich las Weinheber, ich möchte ein Mädchen.


Früh recht schroffes Wetter. Trüb, um 0°.

Kirche. Polakovics. Lektorat, Frau Maria kam. Mein hatte unlängst klärend gewirkt.

Nachmittag wieder zu Polakovics. Mit ihm zu Frau Maria gegangen.

Über die "Surrealisten" uns ausgesprochen. Die Ödheit ist überwunden. Polakovics vom Wortsalat begeistert. Ich schrieb einen. Polakovics ist überzeugt von der stilbildenden und anregenden Wirkung des Wortsalates. Abend höchst interessant. Nh 21hheim.


In der "Welt am Montag" junge Dichter.

Labor: Die Halbmikropräparate beendet.

Nachmittag daheim. Mama ging zu Fini. Ich versuchte eine Prosa, dann mich unterhalten. Aufstieg. 17,30 Sender Rot-WeißRot über die jungen Dichter. Ich wurde von Weigel und Mauthe genannt.


Gali, Labor, Weißenborn.

Mittag zu Artmann gefahren. Mit ihm viel über die Zeitschrift "Keller" und auch sonst viel geredet.

NW: Das Elegische Protokoll wird wahrscheinlich nicht veröffentlicht werden. Ärger. Streit mit Häußler. Weißenborn, Artmann, Janczyk gingen gleich. - Endlich ausgesprochen. Altmann auf unserer (der Nicht-Keller-) Seite. Noch Gespräch mit Kein. Bessere Stimmung.


Kälter. Mantel. Aufgewühlt. Der Hilde Schinko geschrieben. Im Labor Einführungsvortrag für die Anfänger, dem wir aber zuhörten. Nachmittag Ordnungen. 17h bei Weißenborn. Korrekturfahnen des "Keller"-Almanachs. Dem Europäischen Verlag abgesagt. Bei strömendem Regen durch die Stadt. Abend nochmals ausgefahren: 20h Lesung aus den "Neuen Wegen" im "Institut für Wissenschaft und Kunst". Sehr gemütlicher Eindruck.


Renntag. Gali, Labor, Institutsbibliothek ( gelesen), fast nichts Praktisches gearbeitet. Nachmittag siehe Bericht.

21,15 daheim.


Um 0°. Trüb, weniger wolkig.

Kuffner versäumt. Universität: Formulare. Umhergeirrt, sechs Schulkameraden getroffen. Spaziert über den Ring. Noch gesessen. Aufs Rathaus um den Staatsbürgerschaftswisch gegangen, dann zu Tante (in die PHG) und heim.


Brief an Eisenreich geschrieben. (Früh.)

Tante kam nicht.

"Der Mehlwurm hat kein garstiges Gesicht." (M)

:"Knirschende Gans".


Nach der Kirche bei Polakovics. Nachmittag war Tante da. Ich schrieb dem Dozenten Kuffner, daß ich etwa 14 Tage lang einer Aushilfsbeschäftigung nachgehen werde, die auch für meine Zukunft vielleicht von Bedeutung sein kann.


Erster Bürotag in der PHG. Schwere Arbeit.

Desurrealisierung macht weitere Fortschritte.

Das bedeutet keine Lossagung von den bisherigen Arbeiten,

aber ein Sinken der Surr.-Kurve, die gegen Sommerende zu angestiegen war.


Morgenstadtbahnfahrten sind mir immer angenehm.

PHG.

17h "Neue Wege". Wenig los. Leute vom Kreis (Wiesflecker, Schmied) da, Lore Hübel, aber sie ist ein Grillparzermädchen. Wiesflecker-Artmann-Diskussion. Über Sartre, die Absurdität.


Brief an Hilde Schinko ging ab. PHG.

Abend Rohscheiben (mein traditionelles Namenstags-Essen, ein ganzer Teller voll) und etwas Schnitzel.

Einladung von Sperlich kam, zu einer Klassenzusammenkunft am Samstag.


Namenstag.

Früh +5°. PHG. Abend die restlichen Rohscheiben zusammengeknabbert.


Idee für Kriegs-Gedicht. PHG. Abend Pariser Schnitzel.


Früh Ideen für eine Dichtung "Marjorie". Regnerisch.

Frau Nevriva ist wahnsinnig geworden.

PHG. Heim, Tante kam mit. Nachmittag Ordnungen.

Um 19h Klassenzusammenkunft im Gasthaus Wimmer. Gemütlich. Hingegen Aburteilung des Surrealismus und der Surrealisten, einschließlich meiner Person. Ich werde mit meinen Schulkollegen nicht mehr zusammenkommen. Spät heim.


Regnerisch. Keine Kirche. Fenster putzen vom Kalk.

Ordnungen. Einen Bericht über gestern für die "Neuen Wege" geschrieben. "Kulturelles Tagebuch 2", Kap. 2 und 3 geschrieben. Zu Polakovics gefahren, mit ihm zu Frau Maria gegangen. Sehr viel gesprochen, über moderne Kunst, Jugenderziehung; ich lernte die nette Steinwendnerprosa kennen.

Es gibt momentan keine Schlager, die man ohne Brechreiz anhören kann, außer "Die Erdkugel, die hat zwei Pole" und das Lied vom Spatz, die beide vom deutschen Kabarett herzukommen scheinen. Im übrigen herrscht die Pikanterie der Stadt Paris, aus der Perspektive eines nässenden Kindes gesehen, Almdudelei wie die um den Pikbuben, der Griff in die Sprichwörter-kiste, und die Frivolität eines nackten Hausmeisters.


PHG. Sehr lebhafter, arbeitsreicher Tag.

Von Hilde Schinko kam Antwort.


Schnee. PHG große Arbeit.

17h"Neue Wege": Jirgal will mich kennenlernen. Arbeit im Autorenkreis. Mit Kein und Artmann den Heimweg gegangen. Maulkorbgruß. Krampusse gesehen. Antwort kam von Eisenreich und Weigel.


Wieder Riesenarbeit in der PHG. Schrieb der Hilde Schinko. Austisberatung im Büro. Ein Schimpfbrief von Mader mitsamt "unkeuschem" kam an.


PHG. Haneckergeld traf ein.


PHG. Gutes Essen jetzt immer.


Vor dem Büro gehe ich meist noch einkaufen.

Nachmittag fuhr ich mit Tante zu uns heim. Tante brachte gute Sachen mit. Von den Buchhändlern kam ein Glückwunschschreiben im Zusammenhang mit der Lesung meines "Wolfsliedes" bei der Buchwoche.

Kurt Klinger schickte mir die Zeitschrift "Von Mensch zu Mensch". Ich antwortete ihm gleich.

Zu Berklau um Wein. Angenehmer Abend.


Nach der Kirche zu Polakovics gefahren. Den gehässigen Bericht über unsern "Klassenabend" bei ihm ins reine geschrieben. Im späten Rilke gelesen.

Notiz: 23 "Ergebnisse und Formulierungen" () für Eisenreich.


PHG.


Früh und abend jetzt immer die Gedanken um das künftige Literarische. Die morgendlichen Stadtbahnfahrten mit ihre Gedanken-streifen. Die Tage laufen ziemlich gleichförmig ab. Eine Periode, keine Einzeltage. Die Gedanken verstreut, noch nicht der große Wurf.

PHG. Regenschnee. Bekam die kleine Schreibmaschine repariert zurück. Abend bei den "Neuen Wegen". Hilde Schinko kam nicht. Nur Toman gelesen. Häußler Zigarre. Weniger gute Stimmung als sonst. Dann mit Kein den Heimweg. Ruf nach der Prosa? Ein Besoffener sprach mit uns am Abend.


PHG. Länger dort geblieben. Dann zum Konzerthaus.

Kaufte die neue Nummer des "Monat", las dort einen Artikel über Garci Lorca. Traf Altmann, sah Eliot's "4 Quartette". Später kam Polakovics, dann Stenzl. Von Weigel angeregte Diskussion "Um die Freiheit der Kunst". Jirgal erschien, ging aber schon während der Diskussion fort. Lernte ihn nicht persönlich kennen.


PHG. Heute soll die Vorständekonferenz über die "Neuen Wege" stattfinden. Ein Brief von Hilde Schinko kam. Abend freute ich mich schon sehr aufs Mädchen.


PHG. Abend schrieb ich dem Dozenten Kuffner, daß sich mein Nebenerwerb verlängert habe. Im Internationalen Haus fand eine Witschnik-Lesung junger Autoren, ich weiß nicht, welcher, statt. Elisabeth Kallina von der Burg las.

Gesoffen (jetzt oft). Versuchte, der Hilde Schinko zu schreiben.


PHG. Wahnsinnige Arbeit. Nachmittag um den Baum gegangen (Lin-zerstraße). Es begann zu schneien. Auf dem Rückweg war bereits Winterlandschaft. Daheim Ordnungen. Hilde Schinko geschrieben. Sachen für Eisenreich zusammen-gesucht.


Nach der Kirche aus "Tür an Tür" einiges herausgeschrieben. Dann zu Polakovics gefahren. Lektorat. Eisenreichbrief an ihn war gekommen. Schönes Mayröcker-Gedicht. Über aktuelle Begebenheiten gesprochen.

Zeitiger heim. Mein Plan einer Zeitschrift statt des Artmannschen "Kellers"! Nachmittag Weiterarbeit für den Eisenreich-Almanach. Tante war da.


PHG. Erster Nachmittag in der Buchhaltung.

Um 19h anonyme Lesung am Konservatorium. Frau Dr. Hofmann kennengelernt. Von mir wurden "Voltmeter" und "Edith" vorgelesen.


Beginn der Weihnachtsferien an der Uni. Das Semester dauert bis zum .

PHG. Letzte Sitzung der Autoren vor den Feiertagen. Hilde Schinko kam! Ich war von ihr enttäuscht, konnte trotz allem meinem guten Zureden nicht warm weren. Sie fühlte sich hilflos unter all dem Fremden. Ich begleitete sie zu ihrer Straßenbahn, fand dann nur durch Instinkt zur Hofburg zurück.

Meine Freunde sagten, ich sehe aus, wie aus dem Donaukanal gezogen. Es schneite. Siehe "Lamentation (2)".

Merkwürdiges Wetterleuchten in mir.


PHG.


PHG.


Früh Gratulation an Hilde Schinko gesandt.

PHG. Schon sehr vorweihnachtliche Stimmung.


PHG. Weihnachtstimmung. S 500.-- heimgebracht. Konsum.


Frei. Am Vormittag langte noch angenehme Post aus Enns ein und die Dietrich-Zeitschrift mit wenig Aufregendem außer Kafka.

Vergangene Woche war ich in der Zeitschriftenschau des Radios wieder genannt worden.

Nachmittag schrieb ich Eisenreich.

Weihnachtsabend.

Ich bekam manches ichtiggewordene an Bekleidung und 100 Schilling. Es wurde sehr gut gegesen.

An einem Sonntag neulich, als ich zu Polakovics gefahren war, hatte ich Susi wieergetroffen.


Tante kam, später Paul. Mit denen den Tag verplaudert.

Große Z-Ordnung am Abend.


Vormittag bei Weißenborn. Besprechung unseres "Kellers".

Nachmittag kam Polakovics zu mir. Er zeigt sich mit dem "Keller" solidarisch. Wir machten redaktionelle Arbeit für die "Neuen Wege" und werteten die Stimmenzählung vom endgültig aus.

Meine Gedichte brachten übrigens ein Stimmenverhältnis von 60% guten zu 15% schlechten.


Korrespondenz. PHG. Abend sandte ich Manuskripte an Klinger.


PHG. Bekam Vervielfältigungspapier.


Schon sehr kalt. Ich fühle mich ausgeglichen.

PHG.

Gestern traf ich auf der Stadtbahn Schöller, der noch ganz in der abendländischen Untergangstimmung lebt, die den Nichtkurierten vom Herrenmenschentum eigen ist. Ich bin diesem Problem derart entfremdet, ich glaube an kein europäisches Einzelschicksal, nur mehr ans Zeitlose. Wir sind hundertfach Optimisten, wenn wir auch dunkelste Bilder malen.

Ich habe schon sehr lange nicht philosophiert oder Philosophisches augeschrieben.

Heute machte ich mir lebhafte Gedanken über all das, was als surreal gilt. Was man in der Kunst darf und nicht, das ist eine Gewissensfrage. Wir wissen darum mehr als alle annehmen.

Abend das Vervielfältigungspapier nach Hause genommen.


PHG. Immer viel Arbeit. Nachmittag kam Tante nicht. Eigentlicher Silvesternachmittag, sehr gemütlich. "Weltpresse" ganz nett. Zu Bernklau. Versuchte zu dichten. Suff.


Renner gestorben. Nach der Kirche zu Polakovics. Katzenjammer der produktiven Periode entlud sich. Tante kam nachmittag nur kurze Zeit. Westermayer Bier. Abend zu dichten versucht (Marjorie). Die Versuche gingen im anderen Teil des Abends auf. Alle Zettel liquidiert.


letzter Tag im alten Jahr:

Ging noch abends Bier holen.

Machte danach viele Ordnungen. Hatte (unerfüllbare) Wünsche.

Bin in keiner Leichenstimmung, verhältnismäßig neutral.

Feiere aber mit einer gewissen Bewußtheit den Silvester. An mir ungewohnt.


Laden...
So, 1 10 50:

Kirche. Zu Polakovics gefahren. Dort zunächst die Einsendungen zu Ende gelesen, dann mit Polakovics einen Leistungs-bericht zusammengestellt.

Regen kam. Allerheiligendüster.

Daheim Statistik des engeren Arbeitskreises gemacht.

Dann geplaudert, mir vor Mama Rechenschaft über NW, Chemie usw. abgelegt. Später im Tagebuch von 1949 gelesen (September bis November).


Mo, 2 10 50:

Arbeiter-Zeitung klagt die Jugend an. Ich schrieb einen politischen Hundsartikel. Umsonst auf die Uni. (Labor.) Christl Nagl getroffen. In Tagebüchern 1949/50 weitergelesen.

Nachmittag ging Mama zu Fini. Ich wollte zuerst das neue Tagebuch weiterschreiben, dann schrieb ich aber ein Gedicht.

Recht warmer Tag.

Abend Sitzung des Verbandes demokratischer Schriftsteller im Café Parkring. Niemand von den "NW", nicht einmal von der Jugendsektion des Verbandes anwesend. Felmayers Vortrag, dann Diskussion. Ziemlich "antik".


Di, 3 10 50:

Laborbeginn. Nachdem ich früh einen Bericht über den gestrigen Abend geschrieben hatte, übernahm ich im Chemischen Institut meinen Platz. Heimgefahren.

Frostig.

Regierungsproklamation!

Nachmittag chemische Sachen vorbereitet, dann verschiedenes gelesen. Unter anderem im "Tiger".

In die NW gefahren. Dort nur Altmann. Ich erzählte ihm von den letzten literarischen Vorfällen. Es kamen dann Weißenborn, Artmann, Kein, Hauer, Cap, Stenzl. Häussler und Polakovics sind krank. Gestern soll ein Abend bei der Vera Ferra gewesen sein. Das Altmann-Gespräch mit den anderen fortgesetzt. Cap ist in seinen letzten Gedichten inter-essant. Annäherung fast aller Kollegen an einen gemeinsamen Punkt.

Mit Stenzl diskutierte ich meinen Pessimismus-Artikel. Die Sache mit dem "Keller" wird ernst. Nicht mehr böse auf Artmann. Mit ihm und Kein den Heimweg angetreten.


Mi, 4 10 50:

Früh nur 4,8°. Sehr zeitig auf. Generalstreik ist ausgerufen. Ich hörte die Radiomeldungen, die immerfort durchgegeben wurden. Dann ins Chemische gefahren. Dort Material eingekauft, gewartet. Die Kollegen sind nett. Nachmittag bekam ich die Chemikalien. Heimgefahren, ziemlich öde Stimmung in mir. Ich müßte schon wieder in der Arbeit sein!

Geplaudert, Streikmeldungen angehört, Kleinigkeiten gemacht, nichts von Bedeutung.


Do, 5 10 50:

Kälter als gestern. 2. Streiktag. Sehr zeitig auf, erst Meldungen gehört, dann Konsum. In die Rahlgasse um die Studentenfahrkarte. Dort traf ich Fritz, später Niki. Der übte arge Kritik an den "Neuen Wegen", vor allem an mir. Er ist Germanist und wird seinen Schülern mich als abschreckendes Beispiel lehren, sagt er. Ich drücke alles aufs Umständlichste aus; man müßte mit Worten malen, meint er, wie es in großartiger Weise Ida Thomas tue. Dennoch wünschte er mir viel Glück. - Nach der Rahlgasse ins Institut, Besorgungen. Butylester vorzubereiten begonnen. Klapparat aufgebaut. - Der Streik ist zusammengebrochen.


Immer schon Handfrost. Früh Nebel. Ins Institut gefahren. Butylacetester angepackt. Umgerührt, fadisiert, mit Fiedler viel geredet. Dozent Pailer: "Herr Okopenko, die Katastrophe ist unausbleiblich!"

Ich möchte schon einen Beruf haben. Das Chemielernen bringt mich auf den Hund. Ich bin Schriftsteller. Ein Tag wie im bösen Traum. Partielles Unglücklichsein. Weiter Acetester gerührt, weiter gerührt, weiter gerührt, weiter gerührt, weiter gerührt, weiter gerührt ...

Heimgefahren. Auf dem Hund.


Spät aufgestanden. Radio. Auf dem Hund. Eintragungen.

Ich bin gegenwärtig auf dem Hund, die verhaßte Chemie frißt mich auf, ich müßte Bücher über Bücher lernen, dabei interessiert mich keine Zeile, ich seh nur die Buchstaben vor mir, und täglich wird mich der Dozent prüfen, sagt er. Nun steht mir die seit Jahren erwartete Katastrophe, von der ich nie sprach, bevor.

Schnell und unbemerkt ist der Oktober gekommen.

In Tagebüchern / gelesen.

Tante kam. Ich ruhte von allen Gedanken ans kommende Unheil aus.

Cemie. Dann in guter Stimmung. Ich gab TanteGedichte von Polakovics zum Lesen mit. "Sturm". Gemütlich. Ich bin sehr im Wunsch nach einem Mädchen. Nach langer Zeit des Grübelns und einer Gleichgültigkeit, die dem Grübeln gefolgt ist, wieder in angeregter Stimmung.


Kirche, Ordnungen. Zu Artmann gefahren, der nicht daheim. Polakovics besucht. Der ist schon am Gesundwerden. Er hatte die , die den "Neuen Wegen" verbleiben, in einen Ordner geheftet. Alles andere war zurückgegangen. Wir stellten meinen Bericht vom Verband demokr. Schriftsteller für die NW zurecht, wo er wahrscheinlich im veröffentlicht wird. Ich erzählte ihm von meiner jetzigen Krise. In den Ferien und vorher die Monate bin ich immer am besten beisammen.

Polakovics fand, daß mein letztes Gedicht (Kommende Jahreszeit) etwas Bedrückendes hat; wie er sagt, ist es die Ouverture zu meiner Laboratoriumspraxis. Ich sagte ihm, ich werde nun länger nichts schreiben, denn seit dem Gassen-Gang habe ich nichts mehr wirklich Gutes geschrieben, keine solchen Bekenntnisgedichte mehr, sondern nur (wenn auch vielleicht ganz gute) Beschreibungen. Es ist eine ultraviolette, gespenstische Lyrik. Und allerletztlich will ich jetzt nicht auch noch meine privaten Sorgen - und das letzte Gedicht wäre der Ansatz dazu gewesen - in egoistischer Weise verwigen.

Der Tante gefiel dieses Gedicht nachmittag übrigens ausgezeichnet. Nach der Aussprache vor Polakovics in besserer Laune. Ich möchte nur etwas anderes sein als Chemiker!

Länderspiel 7:2 gegen Jugoslawien. Maulkorb. Herrliche Abendstimmung mit Oktobernebel und grünem Gaslicht (Westermayer).

Nach der Auffrischung bei Polakovics bin ich überzeugt davon, daß es nun bald eine Schwenkung von der Chemie weg daheim energischer anzudeuten gilt. Der erste Schritt heute nachmittag in einem längeren Gespräch mit Mama. Ich gab verschiedenes zu bedenken. Freilich sprach ich noch nichts von einem Ausspringen aus dem Studium. Aber die Gesamtstimmung änderte ich, und ich werde vom neuen Kurs nicht mehr lassen. - Tantes Besuch begünstigte die Dinge ebenfalls sehr:

Ich forcierte alle Gespräche, die auf mein literarisches Weiterkommen sowie auf meine Geschicklichkeit im Büro hinweisen konnten, und setzte ihren Bemerkungen über die "fürchterliche" Chemie nicht so großen Widerstand wie sonst entgegen. Zwar braucht alles seine Vorbereitungs-zeit, selbst was meine eigene Verfassung anbelangt. Aber ich fühle, daß etwas geschieht, um die "Katastrophe", von der Pailer sprach, zu beschleunigen. Wir alle werden aus einem unhaltbar gewordenen Zustand befreit werden.

Wetter sehr anregend, Nebel ..., warm. Ich habe den großen Wunsch nach einem geliebten Mächen, nach der gemeinsamen Hingabe.


Labor. Nach Mittag heim. Mama ging zu Fini, ich trieb chemische Versuche. Großen Wunsch nach dem Mädchen.

Radio gehört. Ich schrieb das "Gedicht aus einem Laboratorium". Meine metallene Serie ...


Zeitig auf, wegen der ersten Galinowsky-Vorlesung.

Im Laboratorium das Keton gemacht. Nachmittag zu Polakovics gefahren. Der war nicht zu Hause. Deshalb zu Artmann. Über den "Keller" (die Sezession von den "Neuen Wegen") gesprochen, über moderne Richtungen, meinen Metallstil; Schnaps getrunken, mit ArtmannPaddy in den Kinder-garten begleitet, dann zu den "Neuen Wegen". Das Oktoberheft erscheint verspätet. Almanach usw., Problematikerkreis trennte sich von uns, wir übersiedelten in den Redaktionsvorraum. Früher als sonst aus.

Ich bin mit der VdS-Sache unversehens in etwas hineingeschlittert. Mit Kein, Polakovics und Artmannheim. Donnerstag halten Artmann und Altmann einen wichtigen Nachmittag ab.


Keine Ausbeute an Keton! Dann im wässerigen Anteil 1,5 g (= theor.) gefunden. Triumph. Abgegeben, bestätigt.

Morgen beginne ich 10 und 11. (16 sind im ganzen.)

Warm, auch Regen.

Ich trieb zuhaus Chemie, wollte dann eine Einladung an Hilde Schinko schreiben, aber dann gab ichs auf und hörte nur Radio. Eintragungen.


Zeitig auf. Gali. Mit Groh zu Pienicka gegangen, NH3 gekauft.

Vor Mittag zu Weißenborn. Der ist gegenwärtig beschäftigungslos, schreibt an einem sehr flüssigen Roman, hat aber auch gute Gedichte geschrieben. Meine Impressionen, vor allem aber der Gassen-Gang, gefallen ihm.

Heim. Nachmittag zu Artmann. Mein Gassen-Gang kommt in den "Keller", mein Vorwort auch usw. Wortsalate aufgenommen, abwechselnd er und ich. Er hat gute Sachen geschrieben. Angenehme Stimmung. Später kam Altmann. Auch er brachte gute Sachen zum Vorschein, ich las sie vor. Sehr angeregt fortgegangen.


In guter Stimmung aufgestanden. Erste Kuffner-Vorlesung über Methodik. "Probe auf Bestellung" von Wittmann bekommen. Sie ist nun Nummer 11. Ich machte die 10-er: o-p-Br-Benzoylbenzoesäure. -

Wird für uns im Frühjahr die Übersiedlung aktuell?


"Die Stimme des Herzens ist kalt geworden". Ein Gedicht. Nm. Ordnungen, Tante kam, Gespräche über die Lage.


Die Birken haben noch grüne Blätter, die Kastanien gelbgrüne, noch kein Baum richtig kahl. Noch nicht kalt.

Nach der Kirche zu Polakovics. Dort Frau Fischer ( Frau Maria in Untermiete wohnt). Mit den alten Polakovics gesprochen. Dann kam er selbst hervor. Gleich zu Frau Maria gegangen. beurteilt. Über die Polemiken geplaudert. Meine letzten Gedichte (Chem und Tintenfisch) gefielen nicht.

Nachmittag sprach ich mit Mama über einen Abbruch meines Studiums und einen Eintritt ins Büro, wo ich innerhalb eines Jahres auf Tantes Posten kommen könnte, wie sie unlängst sagte.

Tante kam, riet mir, nicht aufzugeben, solange ich nicht durchfalle.

Oktobernummer der "Neuen Wege" gelesen. Ein sehr gutes Heft wieder.

Tante photographierte uns, verpatzte aber das Bild. Wir hatten, wie später herauskam, drei Köpfe.

Ganz netter Abend.


Labor. Probe auf Bestellung gut weiter. Probe 10 (o-p-Br-...) ist morgen fertig. Daheim waren noch die Hauslisten auszufüllen.


Früh Ernst Wiechert mit großer Erschütterung gelesen. Gedanken zur Herzlosigkeit des nicht mehr einfachen Lebens. Bin ich auf einer ungünstigen Bahn gewesen?

Gali. Laboratorium. Die bestellte Tetramethylbase gelang. Ich wurde zu einer dummen Zeit fertig, konnte nicht weiter. Zu Weißenborn. Der war nicht zu Hause. Seine Schwester ist wirklich nicht nach meinem Geschmack.

- Zu zeitig in die Redaktion der "Neuen Wege". Dort gingen nur Fremde ein und aus. Endlich kam Altmann. Polakovics arbeitet drinnen, es ist seine Nebenbeschäftigung. Die Diskussionsgruppe tagte wieder abgesondert, im 13-er Zimmer. Wir übten unser Lektorat aus, Artmann, Kein, Fritsch kamen. Der "Keller" wird ein sauteures Buch von wenigen Seiten; Subskribenten müssen dasein. Cap zog seine Sachen zurück, Weißenborn und Hradek wurden ausgeschieden, von mir bleibt nur der Einige-Gassen-Gang.

Mir ist das ganze jetzt unsympathisch. Heimweg mit Kein, Fritsch und

Artmann, mit Kein dann noch lange - bis 22h - debattiert. Üer die beiden Almanache, über unsere "Avantgarde", über die Annäherung an den gemeinsamen Punkt, über die lyrische Schweigezeit, die Polakovics, Kein und ich jetzt haben, über die Eigenart, die gegenseitige Beeinflussung und Vorbilder im Großen, über die Einzelnen aus unserem Kreis, über die Kontrastwirkung und die Stille (Kontrast ist im Leben begründet, und Kunst darf nicht vom Leben abgehen!), über die Belanglosigkeit (wie Kein meint) der Lore Hübel (der "Vertreterin der Poesiealben"), über die Ungunst einer "Rückkehr zu Hübel" als einer vermeintlichen Rückkehr zur Natur, über die Verbildetheit der scheinbar Unverbildeten; daß Kontraste unbeschadet der etwaigen unlyrischen oder nicht-genug-stillen Wörter gerade auf den Unverbildeten ernsthaft und ergreifend wirken werden usw.

Ich sehe, ich tue am besten, auf meinem Platz fest zu stehen. Gewissem Bluff auszuweichen und .... Die Vertiefung im Sinn von heute früh wird vielleicht eintreten, aber auf meinem Weg.

(Auch meine privaten Gedanken um Hübel haben ein energisches Ende genommen.) Gestern war es manchmal wie im Föhn. 22,30 heim. Sehr anregender Tag.

- Mama war bei Frau Dir. Pawlicki gewesen.


Der Assistent erwischte mich, als ich den illegalen Teil der "Probe auf Bestellung" dem Besteller in den Arbeitssaal brachte. Das Präparat wird mir aberkannt, und ich muß das langwierige Luminal herstellen.

Fühlte mich ungerecht behandelt, da das Präparat für den Besteller nur eine Ausgangsstufe war, die er sich ebenso gut hätte kaufen können, und da jeden-falls ich meine Arbeit ohne Schwindel getan hatte. Von heute an benimmt man sich zu mir wie in der Strafkolonie.

Zeitig am Nachmittag heim. Tante war da. Sie half sehr zur Beruhigung. Nun ist alles ausgesprochen. Provisorisch bleibe ich im Institut. - Gute Stimmung. Mama zeigt die gute Stimmung jetzt immer.


Jahrestag Gali. Der Kollege ersetzte mir den absoluten Alkohol. Die Probe 12/l3 energisch weiter. Ich fühle mich wie vogelfrei im Labor, und so leicht ...

Nachmittag die Probe 12/l3 fertiggebracht.

Auf der Heimfahrt Walter Schuster getroffen. Er ist bei der Versicherung. Mama in guter Stimmung. Geschäfte mit Pobisch.


Zu Tante in die PHG gefahren. Daheim diskutierten wir meinen "Beruf". Sehr verstört.

Die Kuffner-Vorlesung versäumt. Die Probe 12/l3 abgegeben. Für das Strafpräparat alles hergerichtet. Der Assistent Swoboda ist zu mir sehr nett (der Kollege des Ertappers).

Zeitig heim. Mama bäckt für Irma Pobisch Keks.

Bemühte mich um ein Gedicht: "Der Nordwind zerrt an Krawattenplakaten ..." Natürlich nichts. Abend gab es gebackene Leber. Die und die Stimmung waren gut.


Später auf. Mama, allein aller Früh auf die Linzerstraße. Ich las in der Kunst-Mappe. Versuchte zu dichten. Vergebens. Ich kam über die erste Strophe nicht hinaus.

Ordnungen. Später las ich in meinen alten Mappen (NatWiss, E...)

Bier geholt, gutes Nachtmahl (Schnitzel). Bald mich niedergelegt.


Kirche. Polakovics. Für die Zeitung etwas gearbeitet. Ich bin überzeugt davon, daß meine surrealistische Periode aus ist. Aber was kommt nach? Lesung für Prof. Witschnik geplant.

Tante und Onkel waren bei Mama traf gerade noch an, als ich heimkam. Onkel Paul ist sehr einsichtsvoll und tröstlich.

Als sie fortgefahren waren, machte ich Ordnungen und las in meinen Gedichten, las auch Mama daraus vor. Radio gehört: Grieg, Sibelius.


Ich beschloß, mich beim Institutsvrstand, dem gefürchteten Prof. Wessely, über meine Behandlung im Institut zu beschweren.

Tat es. Nachmittag reinigte ich Nerolin.

Ich nahm alles das wie einen Alptraum, wo man schon durch die Lider das Tageslicht schimmern sieht. Ich bin auf alles gefaßt, Chemie ist nur mehr eine Farce.

Jetzt immer gutes Essen.


Galivorlesung. Nerolin gereinigt. Hamster im Labor; Frl. Sonja desgleichen. Momentan keine Rausschmeißstimmung. Morgen Beginn der Lieb-Schöniger-Präparate. Mittag heim. Aufschwung. Dann zu Artmann. Er hat wieder .

Mir sagt es immer weniger. Aber es war gute Stimmung. Über und die "Surrealistischen Publikationen" geredet.

Abend "Neue Wege". Vertreter vom "Kreis" waren dort. Polakovics ist sehr stark in der Redaktion beschäftigt. Stoff zum "Lesen" werden sich die einzelnen Lektoren später nach Hause nehmen. Altmann, Artmann, Cap, Stenzl (), Fritsch, Hauer, Hradek, Kein, Polakovics, Weißenborn.

Ins 13-er Zimmer übersiedelt. Mit Kein, Hradek, Artmann in der Kälte abmarschiert. Sehr angenehm. Diesmal nach Hausegefahren.


Ödes Regenwetter, kalt. Am Nerolin gearbeitet. Fühlte mich elend, aber nur als Chemiker, und der bin ich ja in Wirklichkeit nicht. Zwei öde Stunden zuhause verbracht. Dann wieder ins Institut, das Lieb-Schöniger-Praktikum angetreten. Chinaldin angesetzt.

Allerseelenwetter, auch genügend kalt, ist gekommen.

Daheim von allem ausgeruht. Holz gehackt. Schnitzel gefressen.

Viel über meinen kommenden Stil nachgedacht und geredet.

Der Vergleich mit der Zeit vor einem Jahr ist erhebend.

Wie die Symptome der Wendung wiederkehren, und wie erfreulicher sie diesmal sind. -

Meine surrealistische Zeit ist vorbei. Es ist was Neues im Kommen. In letzter Zeit hat die surr. Neuerwerbung mein Eigenes in den Hintergrund gedrängt. Dies wird jetzt wieder ausgeatmet. Freilich werden die surrealen Elemente nicht ausgerottet, nur ihres Selbstzweckcharakters enthoben.

Am nächsten dem Kommenden sind vielleicht meine Feber-Gedichte "An einem Abend im Vorfrühling" u.ä.

Das Meine muß stärker entwickelt werden, das Unnötig-Fremde abgestoßen. Wenn ich nicht viel denke, stellt sich das nützliche Gleichgewicht selbst ein.


Erster Schnee, minus 1° (erster Frost). Naßkalt.

Gali, Chinaldin und geblasen.

Nachmittag höchster Bescheid: Ich muß das Strafpräparat machen. Auf dem Hund. Heimgefahren. Zuhaus wieder erholt.

Es ist wie in einer Symphonie. Die Personen aus allen meinen verflossenen Semestern mischen sich jetzt, arbeiten durcheinander-gewürfelt mitsammen, keine neuen, die wie Sternbilder den Eindruck dieses Semesters bestimmen. Symphonie - aber es ist eine Narrensymphonie; geraffte Wiederholung: Es ist ein Finale.

Lanek, Zuber, die Leute aus dem Qualitativen und Quantitativen, von unten die alten Organiker, alle außerhalb der natürlichen Arbeits-gemeinschaften, als redeten verstorbene Generationen mit gegenwärtigen und ungeborenen.

Stimmung partiell hundul, partiell in steigendem Glück und "es kann dir nichts geschehn".


Kuffner; Labor: geblasen. Acetamid (l. LS-Präparat).

Wieder Sonja im Institut.

Angeneerer Tag. "Percy" von Wiechert gelesen.


Früh -5°. Später auf. Wiechert gelesen. Arbeiten (Holz ). Zu Artmann gefahren, ums Lektorenbündel. Umsonst. Aber mit ihm gesprochen, auch über meine Wendung. Er schreibt momentan am toten Punkt weiter.

- Großer Blätterfall. Schneereste, aber noch nicht frostig. Sonne scheint. - Ich las in alten Gedichten und den Tagebüchern von , , . (Oktober- bis Dezembertage.) Tante war da. Nur nichts vom Chemischen reden! Hubertusmantel. Bernklau. Wein! Besoffen. Panierte Würste.


früh im Halbschlaf

So nehm' ich wieder Abschied von dir, Sonja. Ich will nicht die Laborblume pflücken. Aber ...

Warum muß ich aufstehen?

Ich möchte lieber im Bart eines alten Juden sitzen

- weit weg irgendwo in Polen - - -


Keine Kirche. Verkühlt. Schneeiges Allerseelenwetter. Um 14h bei Polakovics. Zu Frau Maria. Sehr interessant. Auch Gespräch über mich. .


Erdäpfel kamen. Literarischer Gefühls-Höhepunkt. Vormittag und zeitiger Nachmittag Labor. Wollte dann zu Weißenborn, der war aber nicht daheim. Mama besuchte Fini. Ich las in Trakl, fuhr bald wieder fort, zu einem Abend junger Autoren im Konzerthaus. Der Steinhofer Portier Helmer hat einen Zwölfer im Toto gemacht.


Gali, Labor, schon mittag heimgefahren. Eine Ente ist im Haus! Ordnungen gemacht. NW-Mappen.

In den "Neuen Wegen": Fritsch und Hauer nur kurz, Nahlik und Diem wieder einmal. Kellerkreis ohne Artmann, Almanachkreis mit Eisenreich (zum letzten Mal in Wien). Sehr nett mit Eisenreich, Nahlik, Kein. Schon um halb acht zu Haus. Kein schrieb was besonders Gutes. .


Frei, länger geschlafen. Chemiekasten-Ausmusterung. Plusgrade, regenfrei. Trüb.

Ordnungen bei den Liter.-Mappen, F-Mappe liquidiert. Kein brachte die . Er war nur kurz da. Ich schrieb mir sein langes Gedicht von gestern ab. Das Lektorat war bald fertig. Tante kam nicht. Ich setzte die Ordnungen fort. Dann auf den Friedhof gegangen. Feierlich wieder. Abend Ente.

Bernard Shaw im Sterben.


Frei, länger geschlafen. Wetter wie gestern.

Gedichte für die Weißenbornlesung zusammengestellt.

Gegen Mittag wurde es regnerisch. Bernard Shaw ist gestrben.

In meinen alten Gedichten gewühlt, mich an meine vergangenen Jahre erinnert, einiges in Ordnung gebracht. Die Kindheitsgedichte separiert.

In meinen ältesten Aufzeichnungen gelesen.

Nach diesem Feiertag mich endlich niedergelegt.


Fast frei. Allerseelenwetter. In den letzten drei Tagen sind die Bäume meist kahl geworden, auch die, die grün gewesen waren. Mama ging auf die Linzerstraße, ich machte Ordnungen und fuhr dann zur Kuffner-Vorlesung. Danach zu Weißenborn gegangen, er hat ein langes Liebesgedicht geschrieben; ich gab ihm die Sachen für die Lesung. Keller-Einladung. Noch gesprochen. Ins Institut. Bald heimgefahren. Mama war mit Fini fort. Ich ließ das Büchlein D1 auf. Setzte die D-Ordnung fort: ich möchte alle D-Bücher auflassen.


Regenwetter. Nicht zu kalt. Kein Frösteln.

Mama mit Fini auf die Linzerstraße. Glasscheibe. 10 Eier.

D1 weiter aufgearbeitet. D2 ruiniert.

Nachmittag kam Tante. Ich schrieb Fakturen für sie. Eineinhalb Stunden. Bekam S 8.-

Amtsrat Pobisch, zu dem ich etwas hintragen mußte, stieß mich mit der Schnauze wieder auf die öde Chemie.

Zu Bernklau Heißer Wein.

Ende war die Versöhnung von Zivilingenieur Nawratil (Altmann) und seiner Frau (Hauer) mit Rudolf Bürbaum in Zistersdorf.


Hochwasser in Österreich, Überschwemmung in unserm Keller. Schnee, winterlich fast, aber noch grüne Bäume. Kirche. Reinschrift. Zu Polakovics. Dezemberheft mit ihm zusammengestellt. Ich werde doch noch den Bericht über die SJ-Veranstaltung schreiben. Über den "Keller" gesprochen. Ich werde unterschreiben, für einstweilen wenigstens. Hans Weigel will Sachen von mir.

Nachmittag Ordnungen, den Bericht geschrieben.Tante kam, spät. Gemütlich der Tag. Radio interessant.

Morgen ist es wieder stier.


Ganz warm. Labor. Mittag heim. Ich las etwas in Weinheber, schrieb dann Gedichte für Weigel ins reine und machte die Einsendung fertig. Mama zu Fini hinauf.

Abend versuchte ich zu dichten. "Grüner November" (Abrücken vom Surrealen!). Viel über die literarische Entwicklung nachgedacht.


Wieder ganz warm, abend leicht näßlich. Galivorlesung, Labor: Phthalocyanin. Zu Weißenborn. Der nicht daheim. Kugelschriber um S 12.- gekauft. Artmann auch nicht daheim.

Zuhause dann die D-Büchlein zerlegt.

"Neue Wege" aufgesucht. Aber die Burg war von den Russen besetzt. Fritsch ging bald wieder, mit Kein viel herumspaziert, Altmann, Hauer, Weißenborn nur kurz da, Artmann dann bei uns, wenig Bedeutendes los dank den Umständen. Viel mit Polakovics telephoniert, Belegexemplar bekommen, schönes Heft! Ihm den Bericht übergeben. Schon um 20hdaheim. Noch gelesen.


Nicht zu kalt. Wie immer, zum Teil Regen. Mama schon zeitig auf die Linzerstraße. Viel Literarisches geredet. Dann Labor.

Nachmittag nach der Arbeit im Novemberheft gelesen. Fing den Artikel gegen den Anonymus zu schreiben an.


Trocken, nicht zu kalt, freundliches Wetter. Gali, Labor. Zu Weißenborn mittag. Redete ihm zu, sich von der Spaltung des Arbeits-kreises zu distanzieren, lernte Janczyk kennen; den lud ich zu den "Neuen Wegen" ein. Viel über unsere Ziele geredet. Duwort.

Daheim Bescheid von Hanecker. Das Geschäft wird in Raten gehen.

Fini lieferte uns Schnitzel und Auslaßfett, es gab gute Grammeln.

Zu Bernklau um "Sturm". Gesoffen. Ich bin ganz ohne Mädchen.

Etwas aus meinem aufgewühlten Zustand heraus geschrieben. Aber das Lamento muß ein Ende haben!


Früh -2°. Schon zeitig nachmittag Nebel.

Kuffner. (Die Himbeerrote ist wieder zu sehen, aber nichts ...) Labor. Hans Weigel hat geantwortet.

Nachmittag machte ich Ordnungen, fuhr dann zu Tante ins Büro.

Zuhause setzte ich die Ordnungen fort, wir erwarteten, daß Tante mit dem Firmenchauffeur Pieschl ums Service komme, sie kam aber nicht. Um 22h legten wir uns nieder.

Mit der Chemie ist es nichts. Aber zunächst keine Möglichkeit, herauszukommen. Einstweilen stur weiterarbeiten.

Ich habe keine Angst und kein unglückliches Gefühl. Aber mit zunehmender Wartezeit verstärkt sich meine Schuld. Die Farce nimmt mich her.

Trotzdem, vom höheren Standpunkt gesehen und zeitlos, bin ich ausgeglichen und zufrieden. Meines geht weiter, anderes auch ist zu hoffen. Gedichte würde ich wegen meiner kleinen Krise von jetzt niemals schreiben!


Länger geschlafen. Mama auf die Linzerstraße.

Z-Ordnung, Reinschriften.

Nm. die D-Büchlein weiter aufgearbeitet. Viel Radio gehört, gemütlich daheim.


6° Wärme.

Kirche. Zu Polakovics gefahren. Meinen Bericht gekürzt ums Politische, seine gute Stellungnahme gelesen. Witeschnik will mehr als das "Elegische Protokoll" haben, aber ich gab nicht mehr. Lektorat. Übers Novemberheft gesprochen, über den Surrealismus (vorher über die Zeitnähe). Er lobt Altmann.

Zuhause die D-Bücher fertig aufgelöst. Weinheber gelesen.


Früh 6 1/2°. Vormittag Labor. Nachmittag daheim viel über die Nicht-Chemie geredet. Vergeblich zu dichten versucht. Blauer Himmel, warm. Mama bei Fini, ich brachte D weiter in Ordnung. Umsonst auf Tante gewartet. Noch gemütlich geplaudert.


Prachtvoller Sonnenaufgang. Tante kam. Verletzung. Gali, Labor. Zimtsäure, Nitrophenol, es schneit mir die Geräte direkt in die offene Hand.

Weißenborn. Er las mit mir Borchert.

Zuhaus lag eine Karte von Weigel. Er lädt mich zur Lesung in die Staatsoper ein.

Fini kam. Der Himmel war bedeckt. Ich fuhr zu Tante in die PHG, von dort gleich in die "Neuen Wege". Keine Einigung, ja nicht einmal ein Gespräch über den Surrealismus. Mit Kein und Artmann den Heimweg ange-treten.


Leopoldi, frei.

MamaLinzerstraße. "Warmer November" geschrieben. Gut. - Nachmittag u Artmann gefahren. Er ist sehr um die Avantgarde bemüht. Seine "Enthüllungen" gelesen, er las das Wenige, das von mir vorlag.

Er wird die Zeitschrift "Keller" bald herausbringen.

Eliot zu übersetzen versucht.

Zuhause Ideen für Phantasmagorien.


Gali. Labor. Noch zwei Präparate, dann bin ich mit dem Halbmikropraktikum fertig. Dann beginnt das ganz Ekelhafte ...

- Chinolin, mittag heim. Im Lauf des Nachmittags sechs "Trugbilder" geschrieben.


Das Rechenergebnis, dass die Vernichtung der gesamten Erdbevölkerung 400 Milliarden Dollar kostet, wird im Radio durchgegeben, und es folgt einen Augenblick später: "Das schönste Lied der Welt sing ich für dich, Canto d'amore ..."

Auch wird durchgegeben, dass der Verkauf von Knallkapseln und Stinkbomben an Jugendliche ab sofort verboten sei.


Gedicht auf den Tod von Bernard Shaw fortgesetzt.

Kuffner, Pieniczka, Laboratorium. Dort während eines Sturmes ekelhafte Diskussion über den ArtClub. Ich zog mich ganz zurück.

Nachmittag schrieb ich die "Trugbilder" ins reine. Ich bin heute unfähig, etwas zu dichten.

Ordnungen, zu Bernklau um Wein. Warmer Abend: +10°!

19,15 Weigellesung in der Staasoper. Von mir wurde, ziemlich in der Luft hängend, das Wolfslied vorgetragen. Enttäuschend. Durch die Innere Stadt spaziert.


Trüb. Episode Weigel abgeschlossen. Das Shaw-Gedicht weiterzubringen versucht. Aber es ist die entsetzlichste Pubertätslyrik. Ich bin in wenigen Tagen gänzlich heruntergekommen, zusehends verfallen. Nachmittag die D-Ordnung etwas weiter. Einstweilen abgeschlossen.

Tante kam. Tiefpunkt. Wir beschlossen, daß ich nur mehr dieses Semester fertig mache, mich um die Staatsbürgerschaft kümmere und dann einen Posten suche.

Abend bei Schnitzeln etwas bessere Stimmung. Ich las Weinheber, ich möchte ein Mädchen.


Früh recht schroffes Wetter. Trüb, um 0°.

Kirche. Polakovics. Lektorat, Frau Maria kam. Mein hatte unlängst klärend gewirkt.

Nachmittag wieder zu Polakovics. Mit ihm zu Frau Maria gegangen.

Über die "Surrealisten" uns ausgesprochen. Die Ödheit ist überwunden. Polakovics vom Wortsalat begeistert. Ich schrieb einen. Polakovics ist überzeugt von der stilbildenden und anregenden Wirkung des Wortsalates. Abend höchst interessant. Nh 21hheim.


In der "Welt am Montag" junge Dichter.

Labor: Die Halbmikropräparate beendet.

Nachmittag daheim. Mama ging zu Fini. Ich versuchte eine Prosa, dann mich unterhalten. Aufstieg. 17,30 Sender Rot-WeißRot über die jungen Dichter. Ich wurde von Weigel und Mauthe genannt.


Gali, Labor, Weißenborn.

Mittag zu Artmann gefahren. Mit ihm viel über die Zeitschrift "Keller" und auch sonst viel geredet.

NW: Das Elegische Protokoll wird wahrscheinlich nicht veröffentlicht werden. Ärger. Streit mit Häußler. Weißenborn, Artmann, Janczyk gingen gleich. - Endlich ausgesprochen. Altmann auf unserer (der Nicht-Keller-) Seite. Noch Gespräch mit Kein. Bessere Stimmung.


Kälter. Mantel. Aufgewühlt. Der Hilde Schinko geschrieben. Im Labor Einführungsvortrag für die Anfänger, dem wir aber zuhörten. Nachmittag Ordnungen. 17h bei Weißenborn. Korrekturfahnen des "Keller"-Almanachs. Dem Europäischen Verlag abgesagt. Bei strömendem Regen durch die Stadt. Abend nochmals ausgefahren: 20h Lesung aus den "Neuen Wegen" im "Institut für Wissenschaft und Kunst". Sehr gemütlicher Eindruck.


Renntag. Gali, Labor, Institutsbibliothek ( gelesen), fast nichts Praktisches gearbeitet. Nachmittag siehe Bericht.

21,15 daheim.


Um 0°. Trüb, weniger wolkig.

Kuffner versäumt. Universität: Formulare. Umhergeirrt, sechs Schulkameraden getroffen. Spaziert über den Ring. Noch gesessen. Aufs Rathaus um den Staatsbürgerschaftswisch gegangen, dann zu Tante (in die PHG) und heim.


Brief an Eisenreich geschrieben. (Früh.)

Tante kam nicht.

"Der Mehlwurm hat kein garstiges Gesicht." (M)

:"Knirschende Gans".


Nach der Kirche bei Polakovics. Nachmittag war Tante da. Ich schrieb dem Dozenten Kuffner, daß ich etwa 14 Tage lang einer Aushilfsbeschäftigung nachgehen werde, die auch für meine Zukunft vielleicht von Bedeutung sein kann.


Erster Bürotag in der PHG. Schwere Arbeit.

Desurrealisierung macht weitere Fortschritte.

Das bedeutet keine Lossagung von den bisherigen Arbeiten,

aber ein Sinken der Surr.-Kurve, die gegen Sommerende zu angestiegen war.


Morgenstadtbahnfahrten sind mir immer angenehm.

PHG.

17h "Neue Wege". Wenig los. Leute vom Kreis (Wiesflecker, Schmied) da, Lore Hübel, aber sie ist ein Grillparzermädchen. Wiesflecker-Artmann-Diskussion. Über Sartre, die Absurdität.


Brief an Hilde Schinko ging ab. PHG.

Abend Rohscheiben (mein traditionelles Namenstags-Essen, ein ganzer Teller voll) und etwas Schnitzel.

Einladung von Sperlich kam, zu einer Klassenzusammenkunft am Samstag.


Namenstag.

Früh +5°. PHG. Abend die restlichen Rohscheiben zusammengeknabbert.


Idee für Kriegs-Gedicht. PHG. Abend Pariser Schnitzel.


Früh Ideen für eine Dichtung "Marjorie". Regnerisch.

Frau Nevriva ist wahnsinnig geworden.

PHG. Heim, Tante kam mit. Nachmittag Ordnungen.

Um 19h Klassenzusammenkunft im Gasthaus Wimmer. Gemütlich. Hingegen Aburteilung des Surrealismus und der Surrealisten, einschließlich meiner Person. Ich werde mit meinen Schulkollegen nicht mehr zusammenkommen. Spät heim.


Regnerisch. Keine Kirche. Fenster putzen vom Kalk.

Ordnungen. Einen Bericht über gestern für die "Neuen Wege" geschrieben. "Kulturelles Tagebuch 2", Kap. 2 und 3 geschrieben. Zu Polakovics gefahren, mit ihm zu Frau Maria gegangen. Sehr viel gesprochen, über moderne Kunst, Jugenderziehung; ich lernte die nette Steinwendnerprosa kennen.

Es gibt momentan keine Schlager, die man ohne Brechreiz anhören kann, außer "Die Erdkugel, die hat zwei Pole" und das Lied vom Spatz, die beide vom deutschen Kabarett herzukommen scheinen. Im übrigen herrscht die Pikanterie der Stadt Paris, aus der Perspektive eines nässenden Kindes gesehen, Almdudelei wie die um den Pikbuben, der Griff in die Sprichwörter-kiste, und die Frivolität eines nackten Hausmeisters.


PHG. Sehr lebhafter, arbeitsreicher Tag.

Von Hilde Schinko kam Antwort.


Schnee. PHG große Arbeit.

17h"Neue Wege": Jirgal will mich kennenlernen. Arbeit im Autorenkreis. Mit Kein und Artmann den Heimweg gegangen. Maulkorbgruß. Krampusse gesehen. Antwort kam von Eisenreich und Weigel.


Wieder Riesenarbeit in der PHG. Schrieb der Hilde Schinko. Austisberatung im Büro. Ein Schimpfbrief von Mader mitsamt "unkeuschem" kam an.


PHG. Haneckergeld traf ein.


PHG. Gutes Essen jetzt immer.


Vor dem Büro gehe ich meist noch einkaufen.

Nachmittag fuhr ich mit Tante zu uns heim. Tante brachte gute Sachen mit. Von den Buchhändlern kam ein Glückwunschschreiben im Zusammenhang mit der Lesung meines "Wolfsliedes" bei der Buchwoche.

Kurt Klinger schickte mir die Zeitschrift "Von Mensch zu Mensch". Ich antwortete ihm gleich.

Zu Berklau um Wein. Angenehmer Abend.


Nach der Kirche zu Polakovics gefahren. Den gehässigen Bericht über unsern "Klassenabend" bei ihm ins reine geschrieben. Im späten Rilke gelesen.

Notiz: 23 "Ergebnisse und Formulierungen" () für Eisenreich.


PHG.


Früh und abend jetzt immer die Gedanken um das künftige Literarische. Die morgendlichen Stadtbahnfahrten mit ihre Gedanken-streifen. Die Tage laufen ziemlich gleichförmig ab. Eine Periode, keine Einzeltage. Die Gedanken verstreut, noch nicht der große Wurf.

PHG. Regenschnee. Bekam die kleine Schreibmaschine repariert zurück. Abend bei den "Neuen Wegen". Hilde Schinko kam nicht. Nur Toman gelesen. Häußler Zigarre. Weniger gute Stimmung als sonst. Dann mit Kein den Heimweg. Ruf nach der Prosa? Ein Besoffener sprach mit uns am Abend.


PHG. Länger dort geblieben. Dann zum Konzerthaus.

Kaufte die neue Nummer des "Monat", las dort einen Artikel über Garci Lorca. Traf Altmann, sah Eliot's "4 Quartette". Später kam Polakovics, dann Stenzl. Von Weigel angeregte Diskussion "Um die Freiheit der Kunst". Jirgal erschien, ging aber schon während der Diskussion fort. Lernte ihn nicht persönlich kennen.


PHG. Heute soll die Vorständekonferenz über die "Neuen Wege" stattfinden. Ein Brief von Hilde Schinko kam. Abend freute ich mich schon sehr aufs Mädchen.


PHG. Abend schrieb ich dem Dozenten Kuffner, daß sich mein Nebenerwerb verlängert habe. Im Internationalen Haus fand eine Witschnik-Lesung junger Autoren, ich weiß nicht, welcher, statt. Elisabeth Kallina von der Burg las.

Gesoffen (jetzt oft). Versuchte, der Hilde Schinko zu schreiben.


PHG. Wahnsinnige Arbeit. Nachmittag um den Baum gegangen (Lin-zerstraße). Es begann zu schneien. Auf dem Rückweg war bereits Winterlandschaft. Daheim Ordnungen. Hilde Schinko geschrieben. Sachen für Eisenreich zusammen-gesucht.


Nach der Kirche aus "Tür an Tür" einiges herausgeschrieben. Dann zu Polakovics gefahren. Lektorat. Eisenreichbrief an ihn war gekommen. Schönes Mayröcker-Gedicht. Über aktuelle Begebenheiten gesprochen.

Zeitiger heim. Mein Plan einer Zeitschrift statt des Artmannschen "Kellers"! Nachmittag Weiterarbeit für den Eisenreich-Almanach. Tante war da.


PHG. Erster Nachmittag in der Buchhaltung.

Um 19h anonyme Lesung am Konservatorium. Frau Dr. Hofmann kennengelernt. Von mir wurden "Voltmeter" und "Edith" vorgelesen.


Beginn der Weihnachtsferien an der Uni. Das Semester dauert bis zum .

PHG. Letzte Sitzung der Autoren vor den Feiertagen. Hilde Schinko kam! Ich war von ihr enttäuscht, konnte trotz allem meinem guten Zureden nicht warm weren. Sie fühlte sich hilflos unter all dem Fremden. Ich begleitete sie zu ihrer Straßenbahn, fand dann nur durch Instinkt zur Hofburg zurück.

Meine Freunde sagten, ich sehe aus, wie aus dem Donaukanal gezogen. Es schneite. Siehe "Lamentation (2)".

Merkwürdiges Wetterleuchten in mir.


PHG.


PHG.


Früh Gratulation an Hilde Schinko gesandt.

PHG. Schon sehr vorweihnachtliche Stimmung.


PHG. Weihnachtstimmung. S 500.-- heimgebracht. Konsum.


Frei. Am Vormittag langte noch angenehme Post aus Enns ein und die Dietrich-Zeitschrift mit wenig Aufregendem außer Kafka.

Vergangene Woche war ich in der Zeitschriftenschau des Radios wieder genannt worden.

Nachmittag schrieb ich Eisenreich.

Weihnachtsabend.

Ich bekam manches ichtiggewordene an Bekleidung und 100 Schilling. Es wurde sehr gut gegesen.

An einem Sonntag neulich, als ich zu Polakovics gefahren war, hatte ich Susi wieergetroffen.


Tante kam, später Paul. Mit denen den Tag verplaudert.

Große Z-Ordnung am Abend.


Vormittag bei Weißenborn. Besprechung unseres "Kellers".

Nachmittag kam Polakovics zu mir. Er zeigt sich mit dem "Keller" solidarisch. Wir machten redaktionelle Arbeit für die "Neuen Wege" und werteten die Stimmenzählung vom endgültig aus.

Meine Gedichte brachten übrigens ein Stimmenverhältnis von 60% guten zu 15% schlechten.


Korrespondenz. PHG. Abend sandte ich Manuskripte an Klinger.


PHG. Bekam Vervielfältigungspapier.


Schon sehr kalt. Ich fühle mich ausgeglichen.

PHG.

Gestern traf ich auf der Stadtbahn Schöller, der noch ganz in der abendländischen Untergangstimmung lebt, die den Nichtkurierten vom Herrenmenschentum eigen ist. Ich bin diesem Problem derart entfremdet, ich glaube an kein europäisches Einzelschicksal, nur mehr ans Zeitlose. Wir sind hundertfach Optimisten, wenn wir auch dunkelste Bilder malen.

Ich habe schon sehr lange nicht philosophiert oder Philosophisches augeschrieben.

Heute machte ich mir lebhafte Gedanken über all das, was als surreal gilt. Was man in der Kunst darf und nicht, das ist eine Gewissensfrage. Wir wissen darum mehr als alle annehmen.

Abend das Vervielfältigungspapier nach Hause genommen.


PHG. Immer viel Arbeit. Nachmittag kam Tante nicht. Eigentlicher Silvesternachmittag, sehr gemütlich. "Weltpresse" ganz nett. Zu Bernklau. Versuchte zu dichten. Suff.


Renner gestorben. Nach der Kirche zu Polakovics. Katzenjammer der produktiven Periode entlud sich. Tante kam nachmittag nur kurze Zeit. Westermayer Bier. Abend zu dichten versucht (Marjorie). Die Versuche gingen im anderen Teil des Abends auf. Alle Zettel liquidiert.


letzter Tag im alten Jahr:

Ging noch abends Bier holen.

Machte danach viele Ordnungen. Hatte (unerfüllbare) Wünsche.

Bin in keiner Leichenstimmung, verhältnismäßig neutral.

Feiere aber mit einer gewissen Bewußtheit den Silvester. An mir ungewohnt.


Zitiervorschlag

Okopenko, Andreas: Tagebuch 01.10.1950–31.12.1950. Digitale Edition, hrsg. von Roland Innerhofer, Bernhard Fetz, Christian Zolles, Laura Tezarek, Arno Herberth, Desiree Hebenstreit, Holger Englerth, Österreichische Nationalbibliothek und Universität Wien. Wien: Version 1.1, 15.1.2019. URL: https://edition.onb.ac.at/okopenko/o:oko.tb-19501001-19501231/methods/sdef:TEI/get?mode=p_1

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