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Tagebuch

1953

AOk

260

Tagebuch

von ... Di, 16 6 53

bis ... Mo, 28 12 53

Di 16 Juni 53:

Früh wieder Briggi getroffen, aber mit Fritz, was meine Unterhaltung mit beiden verhinderte.

Früh war der Himmel mit Wolken bedeckt, aber später scheinte warm die Sonne.

Gegen Mittag wurde es wieder trüb.

Letzte Tage vor der Hinrichtung der Rosenbergs. Es besteht noch die Möglichkeit ihrer Begnadigung.

Abends kleine Korrespondenz erledigt.


Mittwoch 17 Juni:

Offener Aufruhr in Ost-Berlin. Früh mit Schik-Karli gefahren, die Lage diskutiert.

Heißer Tag.

Abends Eisenreich-Brief.

Bier. Garten.


Donnerstag 18 Juni:

Früh: Aufstand in Ost-Berlin niedergeschlagen. Belagerungszustand. Alle Macht in den Händen der russischen Militär-Regierung.

Kleine Korrespondenzen.

Fast unerträglich viel Arbeit im Büro.

Abends bezogen wir das Kabinett, das nunmehr uns zur Verfügung gestellt wurde, zunächst als Rumpelkammer. Begannen mit der Bücherordnung für die Übersiedlung.

Hinrichtung der Rosenbergs wurde aufgeschoben.


Freitag 19 Juni:

Vergeltung in Ost-Berlin. Erstes Todesurteil nach dem Standrecht.

Briggi und einen bisher mir unbekannten Musiker vom Spiegelgrund getroffen. Über die carmina burana gesprochen.

Werner Bažata in der Stadt getroffen.

Für den zweiten Versuch, den Rommel-Film in Wien aufzuführen, ist eine Menge Polizei - zum Schutz der Aufführung - vorbereitet.

Im Büro wieder viel gearbeitet. (Langwieriges Fakturieren, weil ich Bauer vertreten muß, neben meinen gewohnten Arbeiten; die Hitze vormittags lindert sich mir, wenn ich eine Banane esse; hastig, unter dem Tisch versteckt, aber mit konzentriertem Genuß.)

Abends einige Koffer in das Rumpelkabinett getragen und Schlösser repariert.

Erinnerte mich, der Begegnung mit Bažata zur Folge, an Susi, die jetzt schon lang verheiratet ist. Wie deutlich hab ich noch das Jahr 1947 im Gedächtnis:

 "Ich kenn mich nicht aus."

Es ist allerdings nicht gesagt, daß sie sich jetzt universal auskennt.


Samstag, 20. Juni:
Schönes Wetter. Ungestörter blauer Himmel.

Früh Karte an Eisenreich geschrieben. Tagebuch.

Rosenberg sind hingerichtet worden.


Über die Ost-Berliner Aufständischen und die Rosenbergs sind die Wellen hinweggegangen.

Wir Unbeteiligten, Gnade uns Gott.

Vormittags auf die Linzerstraße gegangen. Jandl-Brief geschrieben.

Kein kam nachmittags. Im Garten geplaudert.

Abends las ich in slovakischen Lesebüchern.

Morgen ist Sonnenwende. In den Gärten werden Feste vorbereitet.


Sonntag, 21. Juni:

Vormittags auf der Wiese gelegen, einen Mann kennengelernt, der von vielen Reisen erzählte. Zuvor hatte ich ein kleines Gedicht geschrieben, innerhalb zweier Minuten.

Nachmittags Reduktion und Bestand-Aufnahme der ältesten P-Mappe.


Mo 22 6 53:

Früh in der Zeitung gelesen: 65 Uranschächte zerstört. 100.000 Streikende in Ostdeutschland. 12 neue Erschiessungen.

Abends Manuskript-Kopie von Polakovics zurückgeholt. Keine Misstimmung mehr.

Seine Frau erwartet in den nächsten Tagen das Kind. Sie erden in die Starchantsiedlung ziehen.

Weitergefahren zu Roček in die Schanzstrasse /gleich hinter Artmann/. Roček ist ein pathetischer Jüngling. Aber man darf gegen die Ergebnisse dieses Lebensalters nicht ungerecht sein. Man darf sich von dem Uebergewicht an abstrakten Wörtern und von der für dieses Alter natürlichen Rhetorik und Klangsuche nicht abschrecken lassen und muss die potentielle Gestalt des künftigen Dichters aufspüren.

Ich bin froh darüber, dass mir Polakovics und Maja nicht mehr bös sind.


Di 23 6 53:

Abends zu Fritsch. Ich brachte Bier mit, von unterwegs. Seine Frau wurde von ihrer Hauptmieterin ins Theater gezwungen, so musste Fritsch allein für den kleinen Michael sorgen an diesem Abend. Die Fütterung gelang schlecht. Ein schwüler Abend war, es kamen Regen und Gewitter. Das Bier war nicht besonders kühl.

Fritsch plant jetzt auch eine Auslese unter seinen Gedichten und die Zusammenstellung eines Bändchens. Ich riet ihm sehr zur Chronologie. Ich hörte mit Freude manche seiner früheren Gedichte. Auf das Bändchen, oder auch die Zwischensumme schon, freue ich mich.

Fritsch fühlt sich verlockt, ein Gedicht zu schreiben, weit ausholend, in dem er möglichst viel von dem mitteilen kann, was er seit langer Zeit aufgenommen hat.

Mein "Medea"-Fragment mag er sehr.


Mi 24 6 53:

Abends kam der von Eisenreich angekündigte Brief vom Rowohlt-Verlag. Ich möchte, wo der Brief jetzt da ist, die Sache sehr rasch antreiben.

Andauernd unruhiges Wetter. Blauer Himmel mit scharf abgegrenzten schwarzen Wolken. Scheint die Sonne, so ist es schwül, knapp nach den Gewittern ist es kalt.


Do 25 6 53:

Das Büro ist mir zuwider. Obwohl ich keine Schwierigkeiten vor mir habe, obwohl ich nichts befürchte. Aber dieses Totschlagen der Zeit, diese Verschwendung der Kräfte.


Fr 26 6 53:

Wir merkten im Büro nichts vom Hagel, der niedergegangen sein soll. Vielleicht hat es auch nur in der Vorstadt gehagelt. Dort griff man jedenfalls Händevoll Eis von den Fensterbrettern.

Neulich wieder Sonja getroffen. Also ist der Spruch ungültig: Sonja trifft man nur zweimal.

Abends die Sendung für den Verlag fertiggemacht. Gestern um die Steinhofer Mauer gegangen. Der erste Sommer in meinem Leben, in dem ich Leuchtkäfer sehe. Gleich habe ich auch einen zu mir genommen und mit mir getragen. Wir tranken bei Westermayer Bier, der Leuchtkäfer sass auf unserem Tisch und strahlte sein grünes starkes Licht aus. Der Abend war kühl.

Freitag früh hatte ich Briggi getroffen. Ich hatte ihr die Sache mit dem Rowohlt-Verlag erzählt. Ich hatte ihr auch gesagt: es scheint so, als komme mir alles ins Haus. Sie hatte darauf gesagt: passiven Leuten geht es oft so.

Abends zwei Bücher gekauft /Stimmen der Gegenwart 1953, Perspektiven, Heft 3 /.


Samstag 27 6 53:

Vormittags Büro. Weniger Arbeit.

Versuchsweise einen Paprikaschnaps gekauft. Aber auch sein Geschmack ist mit einem Fremdgeschmack verunreinigt. Wir müssen einen Paprikaschnaps selbst ansetzen. /Es muss unbedingt Paprikaschnaps da sein für den Empfang von Jandl./

Heute vormittags ging mein Manuskript an den Rowohlt-Verlag ab.

Zwei Episoden, berichtet aus Ostdeutschland: Beim Sturm von 50.000 Arbeitern auf ein Gefängnis wurden Sowjetsoldaten mit kochendem Teer begossen. Eine Volkspolizistin schoss zwei Kinder nieder und wurde daraufhin von der Menschenmenge zertrampelt.

Nachmittags Ribiselernte bei Weltsch.

Ich blieb zuhaus und machte Ordnungen.

Dann ging ich, nur für eine Stunde, in den Garten.

Den Bestand der P-Mappen weiter aufgenommen.

Bei trübem Wetter kamen Tante und Paul.

Vormittags hätte ich Gelegenheit gehabt, mich an ein kleines aber durchtriebenes Mädchen heranzumachen. Sie blieb sehr in meiner Nähe und lenkte meine Aufmerksamkeit deutlich auf sich. Weil ich den Eindruck hatte, dass sie mir kaum ein liebes Mädchen werden könnte, verzichtete ich darauf, die seltene Gelegenheit zu nützen.


Sonntag 28 6 53:

Es ist traurig, dass das Wetter so hässlich bleibt. Sonst wäre ich fortgegangen, so blieb ich zuhaus, arbeitete ein wenig für die Uebersiedlung, schrieb Tagebuch und stellte mir vor, es sei wirklich Sommer, wenn die Sonne manchmal durch die Wolken scheinte. - Mit einem Heimkehrertransport kommt am l. Juli Josef Baumruck aus Russland zurück.

Er wird uns von Papa erzählen, da er lang mit ihm in Borowsk war.


Sonntag 28 6 53:

Nachmittag Vorarbeiten für die Uebersiedlung. /Gern gearbeitet./


Montag 29 6 53:

Endlich blauer Himmel. Heiss. Früh konnte ich ein bisschen lesen. Konsum.

Es würde mir sehr viel bedeuten, wenn Rowohlt meine Gedichte brächte.

Ungern ins Büro gegangen. Karl Schik getroffen.

Kämpfe mit den Behörden und private Reibereien im Büro. /Huber ist auf Marchsteiner eifersüchtig, weil Dr. Machwitz Marchsteiner weniger Arbeit gibt./

Abends ruhige Stunden zuhause und beim Spaziergang um die Steinhofer Mauer.


Dienstag 30 6 53:

Letzter Junitag ...

Früh länger im Bett geblieben. Ich begann, Gides "Falschmünzer" zu lesen.

Im Büro die Nachricht: wenn Dr. Lindner Direktor Steger auffordert, gemeinsam mit ihm die Verantwortung für die rechtswidrig durchgeführten Geschäfte zu tragen, wird Steger aus der Firma austreten. Tante sagt, dass das dann auch ihr Ende sein wird, da sie gegen die Intrigen von Machwitz und Witzmann nur durch die Sympathie von Steger gestützt wird.


Ich dachte nach über das schrecklich Peinliche der Dichterlesungen. Zwanzig Leute, in wurstiger Stimmung, dem Autor so fern wie nur möglich, hören an, was er auf dem Podium ihnen vor-tobt.

Gedichte müssen entweder in ein abstraktes Publikum gebracht werden /durch das Radio, durch das Buch/, sodass kein Zuhörer dadurch gestört wird, dass er die lächerliche Zusammensetzung der Gesamthörerschaft erkennt, oder sie müssen von einem Vertreter des Autors gelesen werden, sodass nicht der Eindruck entsteht, der Autor selbst lege seine ganze Hoffnung in das Verständnis seitens dieses Pensionisten oder jener schöngeistigen älteren Dame in der zweiten Reihe /seine Augen funkeln sie, weil sie irgend jemanden anfunkeln müssen, an/;

Gedichte dürfen nur in Ausnahmefällen vom Autor vorgelesen werden, in denen der Augenblick dazu einlädt.

Vielleicht ist es auch gut, Gedichte während eines gemeinsamen Spazierganges zu sagen.

30 6 53

Solche Nachrichten werden gleich wieder unaktuell. Nachmittags schon ist alles wieder in Frieden, die Leute vom Amt waren höflich, und Dr. Lindner wie Steger zeigen sich in guter Laune.

Wieder trübes Wetter. Am Nachmittag geschwitzt vor Hitze und Arbeit.

Daheim aber angenehm. Zur guten Stimmung hinzu noch gebackene Leber, eine Flasche kaltes Bier und etwas Wein.

Ich dachte nach über das schrecklich Peinliche der Dichterlesungen.

Konkrete Formulierungen zu diesem Thema misslangen /obwohl ich mich mehrere Tage lang um sie bemühte/.


Mi 1 7 53:

Morgens 5 Uhr aufgestanden; so konnte ich noch eine Stunde André Gide lesen.

Auf der Strassenbahn Briggi getroffen, hätte Lust gehabt, mit ihr wesentlich zu sprechen, solche Gespräche sind aber auf der Strassenbahn schwer zu machen.

Büro: das Neueste: Dr. Machwitz ärgert sich darüber, dass ich über 17 Uhr hinaus abends im Büro bleibe. /Als ob ich es zum Vergnügen täte./ Vormittags nahm mich Machwitz nicht dran; ich konnte also Rückstände von gestern aufarbeiten.


Do 2 7 53:

früh wieder die Falschmünzer weitergelesen. Büro: Dr. Machwitz sagt, er deckt uns nicht, wenn wir pünktlich um 17 Uhr nachhause gehen, wie er es gestern vorgeschlagen hat.

Dr. L. sagt, wir haben so wenig zu tun, dass er ruhig zwei Leute entbehren könnte.

Abends mit Tante heimgekommen, Paul kam auch; wenig los.


Fr 3 7 53:

Früh, obwohl wenig Zeit, noch etwas weiter gelesen.

Meine Art, nämlich: ruhig zu bleiben angesichts der Reibereien im Büro, ist die ökonomischeste. Die Aufstandstimmung der anderen fand wieder einmal keine Verwendung; Dr. L. war, ohne dass wir es wussten, nachdem er sein Kuckucksei gelegt hatte, nach Wels gefahren. In vierzehn Tagen, wenn er zurückgekommen sein wird, wird der Plan, bei ihm gegen seine Bemerkungen zu protestieren, vielleicht vergessen sein, vielleicht ausgeführt werden aber unaktuell geworden sein. An Tieren von seiner Art gleitet alles ab. Wenn nicht in der Mitte spiesst, sondern am Rand angreift, entwinden sie sich.

Solange man sich nicht gegen eine tatsächliche Bedrohung zu wehren hat, und vor allem, solange man nicht die Möglichkeit hat, seine Anstellung aufzugeben, sind Diskussionen mit den Unternehmern, diesem Getier, nutzlos und nur zermürbend.

Ja, gäbe es ein Mittel, ihrem Regime und dem grösseren Regime, das sie stützt, ein Ende zu machen. Aber die Parteien sind längst arbeiterfremd geworden, und die Arbeiter sind einsam.


Kopplungsgeschäfte jetzt fast erledigt. Heisser Tag.

Abends wieder Bier.


Sa 4 7 53:

Früh aufgestanden. André Gide weiter gelesen. Heisser Tag.

Nachmittags Kein. Er gab mir vier seiner Prosastücke zu lesen; sie gefallen mir sehr gut, sie sind sehr rein.

Ich zeigte ihm Notizen zur Psychologie des Surrealismus , las ihm Niederschriften mehrerer Träume aus dem November 1952 vor, und wir kamen in angeregte Unterhaltung. Wenn ich mit ihm arbeiten könnte.


Samstag 4 7 53

während der Gespräche mit Kein die folgenden Notizen in die Maschine geschrieben, teils nach seinem Diktat, teils mit eigenen Formulierungen, wie man es aus den einzelnen Abschnitten erkennen kann.

/Am Nachmittag/
Sa 4 7 53 nm.

Kein erzählt, als Knabe habe er manchmal im Halbschlaf einen Hund bellen gehört, oder ihm ist vorgekommen, er sei auf einem Randstein ausgeglitten. Das habe ihn erschreckt.

hat ganz ähnlich im Halbschlaf geträumt, dass ich über eine Wiese gehe und plötzlich ist eine Vertiefung im Boden und ich stolpere. Dann bin ich jedesmal sofort erwacht, habe noch gespürt, dass ich die Bewegung auch in Wirklichkeit ausgeführt habe, und habe mich dann erschreckt und gleichzeitig geärgert gefühlt.

Die meisten Menschen, sagt Kein, fühlen sich in bestimmten Zeiträumen, die sie gar nicht erlebt haben können, vertraut. Keins Zeitraum ist zwischen 1920 und 1930 in New York oder in irgendeiner grossen amerikanischen Stadt.

Ein anderer hat Kein erzählt, dass er sich im Wien um die Jahrhundertwende zuhause fühlt.

Mir kommt das Literatentreiben vergangener Zeiten Wiens ähnlich vertraut vor, habe zum Beispiel gerne in Grillparzers Aufzeichnungen über solche Dinge nachgelesen, habe auch gerne von dem Kaffeehausleben Wiens um die Zeit Altenbergs, Bahrs gehört.

Vergleichet aber auch mein Fragment "Was will der Knabe am Schaltbrett sehn ...?"

Man kann im Traum oft beobachten, dass man gleichzeitig Zuschau er und an der Handlung beteiligt ist.

Ein alpenländischer Literaturkritiker, im wachen Leben wenig witzig veranlagt, träumte folgenden surrealistischen Witz:

"Ein Mann ohne Kopf kommt zu einem Friseur und der Friseur sagt ganz entsetzt: Ja wie soll ich Ihnen denn da die Haare schneiden? - Und drauf sagt der Mann: Aber regen Sie sich nicht auf, ich möcht mich doch nur rasieren lassen."

(Erzählt von Kein.)

Zu meiner seinerzeitigen Halbschlafwahrnehmung: "so schneckenschwer" habe ich folgende Erklärung: Es gab ein Gedicht der sehr konservativen H. F. Horst in den "Neuen Wegen", mit einer Stelle darin: "... so lerchenleicht ..." /übrigens durch einen Druckfehler entstellt: so lachenleicht/. Wahrscheinlich ist eine Verspottung der Horst in meine Traumwahrnehmung mit eingebaut: "so schneckenschwer ist in Wahrheit die 'Leichtigkeit' einer solchen durch formale Gezwungenheit einge engten Autorin."

Es ist anzunehmen, dass, auch ohne äußerlich bedingte Ablenkung, nicht eine absolute Kontinuität des Gedankenflusses besteht, sondern dass verschiedene Gruppierungen im Denkbarkeitsbereich liegen, von denen die eine oder die andere gelegentlich genug gewichtig werden, um ans Bewusstsein durchzubrechen und auch einen bestehenden Gedankenfluss zu unterbrechen.

(Zusammen mit Kein.)

So 5 7 53:

Aufstand in Polen.

Ueber das Eintreffen des Heimkehrertransportes, der vorigen Sonntag für den 1.7. angekündigt worden war, ist noch immer nichts bekannt.

Rakosi ist nicht mehr Ministerpräsident Ungarns.

Gestern abends und heute früh Gides "Falschmünzer" fertig gelesen.

Dann Vorarbeiten für die Uebersiedlung fortgesetzt. Das schöne Wetter ist unbeständig. Schon gestern nachmittags trübte es ein. Heute ist der Himmel ganz bedeckt. Je nach dem Wind, dem Wohnraum und der subjektiven Verfassung scheint es kühl oder schwül zu sein.

Ordnungen in meinen Sachen gemacht.

Roček meldete sich für kommenden Sonntag an. Dann wird er für mehrere Wochen nach Rom fahren.

Mit Mama spazieren: Steinhofer Mauer, Gartenwege am Satzberg, das Wetter wurde gleich sehr schön und hielt so an.

Das Sonnenlicht steigert Landschaft und Leben: den gelben Steinbruch, den Laubwald mit seinem Gelb und Hellgrün, die Sommerblumen in den Gärten /wie mittaglich die ganzen Tage sind!/, Menschengruppen in Gärten: in Liegestühlen und auf Hockern um einen Tisch gelagert, einer geht im nassen Gras und giesst Blumen, ein Mädchen muss die Stiegen aufwaschen, viele Hunde laufen in den Gärten umher und Nachbarhunde bellen einander an.

In einer Baumkrone über dem Weg sägt ein Mann; ein anderer auf dem Boden ordnet die abgesägten Stücke.

Setzten uns zu Westermayer und tranken je ein Krügel Bier. Westermayer hat seinen "Vorgarten" erweitert, das heisst, um sein Buffet noch mehr Tischchen und Hocker gestellt; umzäunt ist dieser Vorgarten nicht; er wird umflutet von der breiten Strasse, die um die Steinhofer Mauer führt; vormittags gehen viele Ausflügler diese Strasse, mittags nur einzelne Menschen aus den Schrebergärten.

Von den Hockern aus sehen wir das südliche Panorama von Wien; blassblau die Ebenen und die kaum noch durch- dringenden Berge hinter den Fabriken von Meidling, dann die Gehege und die weiss-lila Häuser des Südwestens von Wien über St. Veit bis nach Hütteldorf und in den Wiener Wald.

(So 5 7 53 Fortsetzg.)

Um Zeit zu gewinnen, nahm ich mir versuchsweise vor:

1. werde ich alle mechanischen Arbeiten an Werktagabenden verrichten, 2. werde ich täglich um halb sechs aufstehen, um in der Früh noch lesen zu können.

Die "Falschmünzer" sind ein grossartiges Buch. Ich ziehe Gide dem Hemingway vor. Gide ist vielfältiger und durch seine psychologische Polyphonie wahrer. Kein Vergleich auch mit dem , armen Sartre. Ich habe die "Falschmünzer" nicht nur interessiert, sondern auch liebevoll gelesen.

Nm. Pol. kam. Maja hat vorgestern ihr Kind, ein dunkles Mädchen, bekommen. Ihre Wohnung ist jetzt in der Starchant-Siedlung. Auch die Frau mit dem Kind wird bald hinzuziehen, im Spital braucht sie nicht lang zu bleiben

Pol. brachte das Belegexemplar des Wienbuchs für Paul. Er demonstrierte mir schlechte Gedichte, wie er sie jetzt bei verschiedenen Gelegenheiten /im Radio und in den NW/ kritisiert, um sich mit der Zeit eine Bibliothek aus Rezensionsexemplaren zu schaffen. Er zeigte mir seine Wohnung. Es regnete am Nachmittag.

Abends dachte ich über meine Haltung im Büro nach und formulierte meine beiden Richtlinien:

1. Abdichtung meines privaten Lebens gegen alle Berührungen durch das Büro, 2. "Integrierung" meines Wesens gegen alle im Dienst üblichen Folterungen und alle Versuche, mich zu ändern in einer Richtung, die mir nicht gefällt. Man hat mich also nicht als ganzen Menschen gekauft, sondern nur jene meine Funktionen zum Eigentum erworben, die die konkrete Arbeit verrichten. Leider haben sie auch meine Lebenskraft und meine Zeit mitgekauft.

Was ich neulich mit Bezug auf den Kampf gegen die Vorgesetzten niedergeschrieben habe: dass ich den Kampf aufgegeben habe, weil ich die Situation weder für die anderen noch für mich ändern kann, gilt auch für meinen Kampf gegen die Kollegin Huber. Ich lebe seit langer Zeit nicht mehr in gespanntem Verhältnis mit ihr; ich gehe längst nicht mehr mit meinem ganzen Wesen in die Gespräche /das ist das Geheimnis meiner Immunität/; ihre Ansichten und die Gestaltung ihres Lebens sind schliesslich ihre eigene Sache. Was mich immer noch daran ärgert, sammle ich in den Behälter, den ich mir im Sinne der Rationalisierung des Aergers gebaut habe: auch aus ihm hoffe ich für die grössere Gemeinschaft gültige Ergebnisse schöpfen zu können.

/Uebrigens: Seit sie im praktischen Leben meinen Zorn und meine Geduld kennt, unterdrückt sie mich nicht mehr. Und das ist für die Gesundheit gut; denn wir sind an die gleiche Galeere geschmiedet./

So 5 7 53 Fortsetzg. 2
So 5 7 53 Forts. 3

Ich habe noch nie, wie man schlampig sagt, "ein Mädchen gehabt". Auch in den früheren Jahren nicht. Aber es ist ein Unterschied: ob man in einer solchen leeren Zeit unbeeinflusst gelassen wird oder ob man von dem zersetzenden Gespräch von Leuten, die der Liebe zynisch gegenüberstehen, innerlich gestört wird. Huber ist eine solche Zerstörerin und hat zu einem grossen Teil meinen heutigen Zustand geprägt. Aus dem Verzicht auf den Widerspruch folgt die starke Verhaltenheit meines Ausdruckes, ja meiner Gefühle in den letzten Jahren.


Mo 6 7 53:

Bauer seit Montag zurück, Huber seit Freitag im Urlaub.

Stand wieder zeitig auf, um einiges ins Tagebuch eintragen zu können.

Weniger Arbeit im Büro. Erledigte meine Rückstände. Die Druckerei schickte mir die Bürstenabzüge meiner Karteikarten, ich gab sie frei. Abends kam Hitchman aus Zürich.

Ich sah mir im Flötzersteig-Kino den schwedischen Film an: "Gefahren der Liebe". Er will Spielfilm und Aufklärungsfilm zugleich sein. Er ist in Wahrheit keines von beiden. Er ist nicht genügend lehrreich, und die Handlung ist sehr schütter.


Di 7 7 53:

Früh aufgestanden, konnte manches ins Tagebuch eintragen. Sehr sonnig.

In der Früh las ich in der Zeitung von der jährlichen Preisausschreibung eines deutschen Verlages für Romane junger Autoren. DM 20.000.-- schon bei Annahme, Garantie einer Auflage von 100.000 Exemplaren. Diese Nachricht machte mir einen wirren Kopf.

Im Büro bleibt es ruhiger als während der vorigen Wochen. Abends zu Fritsch, das letztemal, bevor sie übersiedeln.

Fritsch las aus seinem Roman, dann besprachen wir ihn, dann hörten wir /alle drei/ den carmina burana und den Catulli carmina von Orff zu; die carmina burana, "synthetische Volkslieder", wie ich sie im Spass nenne, sind einfach und nie langweilig; Sie gehen , dynamisch und idyllisch zugleich, in d Gefühl.

Fritschs Frau war hübsch, in einem einfachen und lieben Sommerkleid.


Mi 8 7 53:

Früh im Bett Eintragungen.

Heisser Tag. Ich wäre lieber zu Hause geblieben. Aber ich sah mir wenigstens, während ich ins Büro fuhr, die sommerliche Vorstadt und Stadt rings um die Strassenbahn-Strecke an.

Vormittag wenig zu tun, obwohl Hitchman im Büro ist und Huber fehlt.

Bekam beim Kiosk endlich die seit zwei Wochen fällige Nummer der "Schau". Von meinen Glossen ist keine drin.

Eigentlich begreife ich nicht, dass es unter meinen Arbeiten solche gibt, die Hakel gefallen. Er ist ein solches physikalisch unmögliches System aus morgenländischem Lebensgefühl und abendländischer Ueberbildung, dass kein Abendländer und kein Morgenländer sich mit ihm verstehen könnte, ausser auf der unechten Grundlage der Unterwerfung, geschweige denn ihm genügen könnte. Dabei ist Hakel manchmal, wenn ich mich um ihn wenig bemühe, zu mir unglaublich lieb.

Ein Exemplar der Badischen Nachrichten kam, in dem die publ. besprochen stehen. G. Kirchhoff hat ein bisschen verdreht, was ich ihm seinerzeit zur Information über die publ. geschrieben habe.


Do 9 7 53:

Heiss. Ich habe fast nichts zu tun gehabt, obwohl Hitchman vormittags wieder ins Büro gekommen ist. Die anderen haben heute genug zu tun, ich bin dieses Mal die Ausnahme.

Nachmittags verdüsterte sich das Wetter. Ich machte abends Dienst /hatte mit Marchsteiner getauscht, weil sie sich für heute verabredet hatte/.

Um 17,30 kam Hitchman wieder. Er diktierte mir ein ziemlich langes Fernschreiben. Um 19 Uhr durfte ich, ziemlich müde, heim.

Tante bei uns draussen. Von Stuttgart ist ein Brief für mich gekommen: die freundliche Ablehnung meiner Gedichte. Tante übernachtete bei uns.


Fr 10 7 53:

Wieder früh auf.

Beria ist abgesetzt und aus der KP ausgestossen worden. /Nachmittags hörte ich, dass er auch schon verhaftet worden ist./

Im Büro wieder wenig zu tun.

Ich durfte schon um 16 Uhr heimgehen, als "Vergütung" für den gestrigen späten Dienstschluss.

Jandl schrieb mir wieder einen Brief, sehr herzig.

Paprikaschnaps: weil die käuflichen derzeit schlecht sind, setzten wir selber einen an.

Gutes Abendessen.


Sa 11 7 53:

Seit gestern stark abgekühlt. Schrieb den Antwortbrief an Stuttgart.

Büro.

Roček ist ein kalt blitzender Jüngling, wesensverwandt mit Weissenborn. Ueber seinem Schreibtisch hängt ein Blatt Papier: "Ich will!".

Die Reinheit solcher Jünglinge ist penetrant und wächst der Hure entgegen.

Nachmittag: Brief nach Freiburg geschrieben, Tagebuch nachgetragen. Abends Schrattenberger Wein; er ist dieses Jahr süsser als die Jahre vorher.



Sonntag 12 7 53:

Früh, als ich aus dem Küchenfenster sah, notierte ich:

Juli
Die Büsche haben geblüht. Jetzt leuchten sie lang in der Sonne.
Sie tragen vom Morgen in den Mittag den späten Geruch alles Grünen.
- - -
- - -

Gingen mit Roček spazieren; ich zeigte ihm zuerst die Osthälfte von Steinhof mit der Gärtnerei, den Schweineställen, dem Kesselhaus, die er noch nicht kannte, obwohl er mit einigen Mädchen von hier befreundet ist. Dann führte ich ihn bis zum Auhof. Zwischen üppigem Grün fliesst dort ein Zweiglein des Wienflusses. Wir setzten uns auf die kahle Erde des Ufers und stiegen später ins Wasser. Die Sonne scheinte stark; nahe gab es fast waagrechte Halme und Libellen.

Nachmittag: Jandlbrief geschrieben. Mama ist krank.


Mo 13 7 53:

Dieses Wochenende konnte ich einiges zu Hause aufarbeiten. Früh hatte ich noch Zeit zu ein paar abschliessenden Ordnungen.

Die Kurzgeschichte um die beiden, die Journalisten werden wollen, könnte ich doch fortsetzen.

Huber diese Woche wieder im Büro. Sie hat ihren Urlaub unterbrochen. Meine Untersuchung von unlängst über unser Verhältnis erscheint mir heute nicht umfassend genug. Ich nehme mir vor, sie zu revidieren.

Abends schon wieder wolkig und abgekühlt.


Traum, Dienstag, 14 7 53, gegen Morgen, farbig und gefühlshaltig:

Wohnten wieder auf C 4 18, dort war es aber viel schöner, als es dort je gewesen war. Farbiger Spaziergang durch Steinhof, auch unwirklich schön. Ging, glaube ich, mit R. Mi., einem Freund aus der Schulzeit; das Gespräch war unbefriedigend, darüber war ich traurig. Wir trennten uns, ich lud ihn für ein nächstes Mal ein. Ich fragte ihn, ob er kommen wolle, oder ob ich zu ihm kommen soll. Er sagte, zuerst hatte er wollen, dass ich ihn aufsuche, dann aber habe ihm Steinhof gut gefallen. Ich sagte: "Das Land liegt so schön." /Wir kamen aus dem bunten Wald und sahen auf Hütteldorf, das farbig uns gegenüber lag./

Später ging ich zum Tor der C 4.

Mama und ich freuten uns an der neuen Wohnung sehr.

Ein junger gelbbrauner Hund war auch da.

II. Ich kam aus dem neuen Krieg zurück. Aus einem Haus hörte ich ein Gespräch über Kompensationsgeschäfte; es waren Geschäfte mit Opium.

Abends kam ich vor das Haus einer jungen verheirateten Frau. Ich erzählte ihr von den letzten beiden Kriegen: Im neuen war ich im Feld gewesen, im zweiten Weltkrieg war ich noch zu jung gewesen, aber fast hätte man mich auch damals schon verlangt. Sie sagte, wie gemein es ist, dass nicht einmal die Jüngsten verschont worden waren.

Die junge Frau hatte eine Besorgung. Sie ging mit mir die reisigfarbene Strasse entlang. Seitlich leuchteten die goldgrünen Bäume, später lagen sie dunkelgrün. Wir sprachen freundlich. Unterwegs fasste ein Knabe ihre Hand und sagte grell: "Grüss dich, Herzerl!" Ich hatte den Eindruck, dass er sie als Hure verspotten wollte, weil sie an diesem Abend mit mir ging. Sie sagte mir, dass sie ihn strafen würde, wenn sie zurückkäme. Ich fragte sie:

"Wie lange können wir noch mitsammen gehen?"

Sie sagte: "Ich gehe nach Dublin." /Dublin war am Ende der langen, immer geradeaus führenden, Strasse./

Ich fragte sie später: "Bist du glücklich?"

Sie sagte: "Nein."


Di 14 7 53:

Gegen Morgen träumte ich.

Die Träume enthielten Farben und Gefühle.

Bemühte mich, einige Erinnerungen an sie niederzuschreiben. Das fiel mir sehr schwer. Unterwegs dachte ich über den Inhalt des Traums und seine Verwertung nach.

Gefühle, die ich lange nicht mehr erlebt habe, sind mir im Traum wieder nahegekommen. Das zeigt, dass man nicht seicht geworden ist; man kann sich aber im Lauf des Lebens weit von den Tiefen entfernen; wahrscheinlich sie sogar hinter den Horizont verlieren.

Es ist schwierig, Gefühle mit Worten wiederzugeben. Soll man den Gefühlsinhalt einer Situation abstrakt verzeichnen oder soll man sich auf die Schilderung des sachlichen Teiles der Situation beschränken? Kann man darauf vertrauen, dass das Gefühl in die Bilder, in die Worte, in den Klang eingehen und durch die sachliche Schilderung hindurchscheinen wird?

Und kann man darauf vertrauen, dass aus dem sachlichen Teil der Situation die genügende Voraussetzung für das Entstehen einer der des Autors gleichartigen psychischen Situation genommen werden kann?

Diese beiden rettenden Möglichkeiten /die eine setzt die Gefühlstränkbarkeit von neutralen Trägern, etwa Worten; die zweite die sachliche Hinleitbarkeit auf ein Gefühl voraus./ ergänzen einander: die zweite Methode legt den Ort für das Gefühl fest, die erste entwickelt es und intensiviert es.

Die "Bekanntschaften", die in den Städten geschlossen werden und dort die Liebe ersetzen, fliessen selten der Idylle zu.

Im Büro fast nichts zu tun.

Abends haben uns Fini und Theodor Pobisch überraschend eingeladen, den Abschied von ihnen zu feiern. Zuerst bei Westermayer, dann in Bernklaus Garten getrunken und gegessen ˇ/ schliesslich noch in Pobischs Wohnung Sligowitz und Mokka.. 23 Uhr heimgekommen.


Mi 15 7 53:

Regnerischer Morgen. Müde. Vormittags noch wenig gearbeitet. Mittags kam die Kartei. Ich freute mich über sie wie ein Kind. Begann gleich, die Karten anzulegen. Den Nachmittag über beschäftigte ich mich zum grössten Teil mit dieser Aufgabe. Abends wurde es wieder nicht sehr spät.

Daheim den selbstangesetzten Paprikaschnaps filtriert. Das dauerte sehr lange; Mama ärgerte sich, ich führte währenddessen meine Aufzeichnungen weiter.


Do 16 7 53:

Früh auf. Tagebuch. Hellblauer Morgen.

"ARGA" ist pleite gegangen. Die Firma, bei der ich angestellt bin, hat dadurch 1 Million Schilling verloren.

Abends sehr viel Arbeit im Büro. Daheim Brief von Demus, ich soll Paul Celan Gedichte für eine Anthologie schicken. Ich freute mich, auch weil ich gedacht hatte, dass Celan mich nicht leiden kann.

Es sind jetzt immer angenehme Abende zu Haus.


Fr. 17 7 53:

Wieder sonniger Morgen.

Brief an Celan geschrieben. Morgen habe ich bürofrei. Die Kinder haben Ferien.

Befasste mich den Tag über hauptsächlich mit meiner Kartei.

Abends den Brief für Celan fertiggemacht.


Sa 18 7 53:

Linzerstrasse: Wäsche.

In der starken Vormittaghitze schürte ein Gasarbeiter das Feuer unter einem Teerkessel. Erst nachmittag hat er frei, sagt er.

Ich kaufte mir bei Westermeier, dem Mann mit der guten Kühlanlage, eine Flasche Sodawasser. Zu Haus trank ich sie mit Genuss.

Erprobten pommes frites; sie gelangen Mama sehr gut.

Arbeitete für mich. Keine Post kam.

Nachmittag mit Kein in den Garten . Er hatte ein gutes Gedicht, wir suchten dafür einen schönen endgültigen Titel. Er half mir bei meiner Kurzgeschichte.

Die erste Seite gefällt ihm sehr gut; vielleicht werde ich die folgende Seite umarbeiten und die Geschichte doch fertigschreiben.

Jetzt kommt Kein erst wieder in vier Wochen.

Arbeitete noch ein wenig an Aphorismen.

Abends statt Bier wieder Sodawasser. Wahrscheinlich ist es mir nützlicher, nichts Alkoholisches zu trinken.


Sonntag 19 7 53:

Regentag. Blieb länger als sonst im Bett, wollte ursprünglich überhaupt drinbleiben, hatte aber dann Arbeiten für die Uebersiedlung.

Den Rest des Vormittags für mich gearbeitet.

Nachmittag: Die Rückstände habe ich aufgearbeitet, dann habe ich mich für den Rest des Tags niedergelegt.

Regen und Sturm.


Montag 20 7 53:

Der gestrige Regen hat die Luft abgekühlt. Der Morgen aber ist sonnig /man möchte heute noch frei haben/, und die Luft wird bald warm.

Huber hat ihre zweite Urlaubwoche genommen.

Mässige Arbeit. Schöner Abend. Spaziergang um die Steinhofer Mauer.


Dienstag 21 7 53:

Früh fing ich eine längere Geschichte zu schreiben an. Guter Laune.

Im Büro genug Arbeit.

Kaufte mir ein paar Kleinigkeiten für daheim.

Den Abend angenehm verbracht. Sodawasser. /zischend und kalt, von Westermeier, in eisblauer Flasche./


Mittwoch:

früh auf, um an der Geschichte weiterzuschreiben.

Die Sonne scheinte am Morgen aus ganz klarem Himmel. Schon der 22. Juli. Mir fiel schmerzend ein, dass dies der Sommer meines 24. Jahrs ist.

Karten an Jirgal und Steinwendner.

Im Büro wurde ich mit der Auftragkartei fertig.


Donnerstag:

Sehr heisser Morgen.

An der Geschichte früh nur Korrekturen angebracht.

Büro: Grosseinkauf Direktor Stegers im USIA-Geschäft. Sehr heisser Tag.

Nachmittag: Witzmann nicht im Büro. Lange Mittagspause. Dann, um halb drei, wurden wir nach Hause geschickt. Ich hatte grosse Freude, fuhr gleich heim; wir wussten aber mit dem freien Nachmittag nichts anzufangen, denn Mama war müde, und mein Schwung war bald vorbei.

trotzdem: Diese Sommertage sind so schön.


Freitag:

Früh im Bett wieder geschrieben. Im Büro sehr wenig zu tun. Angenehmer Abend.


25 7 53
Samstag:

Ich hatte geträumt, dass ich an Briggis Haus vorbeifahre. Sie ruft mich, aber ich komme nicht zu ihr, obwohl ich sie liebe, /denn ich glaube nicht, dass ihre Liebe jetzt schon genügend stark ist/.

Etwas später schickt sie mir einige kleine Photographien; eine davon zeigt Briggi an der Seite ihres Mannes in der Kirche, in der sie getraut wird, eine andere zeigt das Paar ins Schlafzimmer schreitend, wo das Bett bereitsteht.

Während ich die Bilder betrachte, verfliesst Briggis Gestalt mit der Gestalt Susis, die vor einigen Monaten wirklich geheiratet hat.

Zwischen Fenster und einem Vorhang aus Glas verfängt sich eine bissige Katze. Ich halte ihr eine Stoffkatze entgegen, in deren Bild auf dem Glas sich die bissige Katze verbeisst. Ich steigere ihre Wut, als ich ihr eine Pfote der Stoffkatze gegen den Rachen strecke; sie klappt den Rachen zu und ist ohnmächtig vor Zorn, als ich die Pfote der Stoffkatze unverletzt zurückziehe.

Ich spaziere in Paris und sehe Kaffeehäuser mit gelb-orange-gestreiften Lampionen in den Auslagen. Weiter komme ich vor ein Haus, in das ich dann eintrete. Ich gehe mehrere Stufen hinunter in einen Keller. Dort laufen an einer Leinwand zwei farbige Tonfilme. Die Bildflächen sind klein, und eine von ihnen zeigt Szenen einer Explosion.

Das Zentrum der Explosion wirft braune und schwarze Teilchen in die farbige Umgebung, die sie in kurzer Zeit völlig verdunkeln.

Früh wieder geschrieben.

Wenig Arbeit im Büro.

Gestern und heute sehr heiss. Heute wolkenlos.

In der strahlenden Mittaghitze in den Garten gegangen. Dort im Schatten gesessen und geschrieben. Schmerzhaft deutliche Sehnsucht nach dem Mädchen.

Nach privaten Notizen machte ich mich wieder über die längere Geschichte. Mama holte mich abends ab.

Morgen gehen wir mit Tante und Paul fort.

M. und T. hatten Maja getroffen, die ihr Kind zum ersten Mal spazieren führte. Es heisst: Aglaja.

Abends sang ich, während Mama Obst einkochte, zu Ehren meiner drei Freunde ein Liedchen:

Eia popeia,
die Schönste ist die Maja.
Doch viel schöner noch als sie
wird einst die Aglaja.

Sonntag, 26. Juli 1953:

Spaziergang auf den Satzberg.

Unsere Besucher blieben den ganzen Tag bei uns. Schönes heisses Sommerwetter. Nach Mittag ging ich in den Garten und schrieb an der längeren Geschichte.


Montag:

Früh wieder geschrieben. Der zeitige Morgen zeigte einen leicht bewölkten

WAFFENSTILLSTAND IN KOREA.
Himmel. Bei diesem Wetter müsste man wandern.

Bald wurde es wieder wolkenlos und strahlend heiss.

Im Büro mehr zu tun.

Begann an meiner längeren Geschichte zu zweifeln.

Abends regnete es. Kretschmer räumten das Kabinett vollständig. Freundlicher Abend Huber ist wieder im Büro.


Dienstag:

Konnte länger im Bett bleiben. Gab mich meinen Gedanken hin. Las mit Vergnügen meine bisherigen "Kurzgeschichten".

Im Büro beginnt eine grosse Arbeit für mich.

Abends fing mich Polakovics ab und schleppte mich zu sich, seiner Frau und Aglaja. Das Kind sieht hergenommen aus. Maja gibt wenig Milch.

Polakovics las mir Sachen aus dem Material der "Neuen Wege" vor.

Er sagte sich, seine Frau und Aglaja für Samstag Nachmittag bei mir an; wir werden in den Garten gehen.

Später Abend zuhaus.


Mittwoch:

Es ist abgekühlt. Ich hatte früh viel zu tun. So konnte ich an meinen

WETTERSCHAEDEN IN OESTERREICH
Geschichten nicht weiterschreiben.

Um zehn Uhr verliess uns Machwitz.

Für den Restder Woche bleiben wir allein. Ich machte mich über meine umfassende Arbeit, die Kollegen hatten weniger zu tun. Punkt fünf Uhr schickte uns Witzmann heim.

Freundlicher Abend. Den Küchenofen ins Kabinett versetzt.


Donnerstag:

Nachts schweres Gewitter. Schlief unruhig, träumte wirr /aber wieder farbig; daran erinnerte ich mich morgens genau/.


Donnerstag 30 7 53 früh Einer der Träume:

Ein Gang mit cremefarbenen Seitentüren. Teils Fabrik, teils Wohnräume eines Ingenieurs und dreier Mädchen. Am Ende des Ganges standen die Namen der Zimmerbewohner angeschrieben. Ich merkte mir die Reihenfolge mit Hilfe der Anfangsbuchstaben, die ich zu mnemotechnischen Gruppen zusammenfügte; eine dieser Gruppen hiess "FETT". Die drei Mädchen hatten Namen mit E., F. und F.

Es gab auch ein Fenster, aus dem eines der drei Mädchen,: ein besonders hübsches, hinaussah. Ich ging mehrere Male vorüber und fing ihren heissen Blick. Sogleich aber wurde mir ihre Geschichte erzählt:

Sie hatte, als sie noch wenig erfahren war, einen Mann geliebt, der mit ihr nur gespielt und der sie bald verlassen hatte.
/Es erschien die Zahl "12"./
/In einer grünen Netztasche lagen Aepfel./
Als sich ihr nach leeren Jahren eine neue Gelegenheit bot, habe sie zugegriffen, diesmal alles leicht nehmend und mit raffinierten Mitteln ausgerüstet.
/Die Zahl "24"./
/Wenige Pfirsiche wurden auf die Aepfel gelegt./
Mir tat leid, dass ich das Mädchen in ihrem Luder-Stadium kennenlernte, und ich löste den Traum auf.

Do 30 7 53:

Unregelmässige Arbeit im Büro.

Abends kam ich in das Gewitter. Auf dem Stephansplatz wurden wir bis auf die Haut nass. Stromstörung auf der 46-er Strecke.

Traf den Magnetophonmann.

Trotz dem Wetter um Bier für Mama und Sodawasser für mich zu Westermeier gegangen.

Fiel dann gleich ins Bett.

Nachts hörten wir Radio; eine sehr schwache Austauschsendung mit Paris und das unheimliche Hörspiel "Der Autostopper", das mir Polakovics vor langer Zeit erzählt hatte.


Fr 31 7 53:

Wieder unregelmässige Arbeit.

Abends erzählte mir Christl, aufgeweckter als sonst, dass sie geheiratet hat. Ich freute mich für sie und zeigte ihr diese Freude auch.

Letzter Julitag.



Sa 1 8 53:

Trübes, kühles Wetter. Früh nur Eintragungen. Im Büro wenig Arbeit.

Nachmittags schrieb ich, was bisher von der längeren Erzählung vorliegt, ins Reine. Polakovics kam mit Maja und Aglaja.

Ihnen gefiel mein Garten. Wegen des Wetters blieben wir nicht lang dort. Ueber die "Stimmen der Gegenwart 1953" gesprochen.

Im Kabinett stillte Maja ihr Kind.

/Hätte ich diese Idylle 1951 vorausdenken können?/

Leider habe ich Polakovics nichts zu bieten, seit er sich Hakel angeschlossen hat.

Hakel hat Polakovics' Charakter , wie ich ihn in der Zeit unserer gemeinsamen Arbeit bei den "Neuen Wegen" kennengelernt hatte, gelöscht.

Abends noch alles für die morgige Fahrt vorbereitet.


So 2 8 53:

Um halb acht nach Mönichkirchen abgefahren. Angenehme Plätze im Autobus. Schon bis halb neun /Wiener Neustadt/ kam ich ganz auf meine Rechnung; sah alles, was eine Ebenenfahrt bieten kann.

Auch die Orte südlich von Wien reizvoll: modern und alt, gepflegt und verwahrlost, städtisch und ländlich. Die Gärten am Wege. Gegen halb neun bedeckte sich der Himmel mit langsam ziehenden kleinen grauen Wolken. In Wiener Neustadt hielt der Autobus für eine Minute, und ich konnte einen Satz aufschreiben, den ich unterwegs erarbeitet hatte.

So 2 8 53 Fortsetzung

Nach Wiener Neustadt begann Föhrenwald.

Kleine Orte, schon in hügeliger Gegend.

Viele Häuser werden gebaut, die Wiesen sind dort voll von frischen Ziegeln.

Aspang. Dort hielten wir länger. Hauptplatz einer Provinzstadt. Die Kirchenbesucher standen beieinander und sprachen. Bürschchen, schon städtisch gekleidet und frisiert, schlenderten umher.

Letzte halbe Stunde vor Mönichkirchen. Der Weg wird steil und schlecht. /Die Strasse wird ausgebaut; heute am Sonntag stehen Motoren und Bagger still am Strassenrand oder auf einer Hälfte der Strasse./ Serpentinen. Als wir weiter oben sind, wird die Strasse wieder gut, aber wir fahren in Kälte und Nebel hinein. Wir bereiten die Regenmäntel vor.

Von der Einfahrt nach Mönichkirchen sehen wir nichts. Nur ein paar Nadelbäume, bevor sich der Nebel schliesst. x) Der Autobus hält auf dem Postplatz. Wir steigen aus und gehen die Strasse entlang, biegen dann zu einem Kirchlein, das gerade ausläutet. Dann gehen wir hinauf auf die Schwaig, wo es klar sein soll. Unterwegs finden wir Schwämme nahe im Wald. Feuchte Wiese. Die Nebel bleiben hinter uns zurück. Wieder im Wald. Dann liegt vor uns die Alm.

Mittag-gegessen auf einem Gasthof. Eine langweilige Gesellschaft in der Nähe plauderte, ein Mädchen schnitt Pilze. Vom Sessellift kamen Sportschlurfs und Hosenmädchen. Manche kamen in Autos oder auf Motorrädern herauf. Immer wieder hörte man das Sonntagsjodeln der Städter oder das Schlurf-Geschrei /darunter immer noch: "he babariba!"/.

Wir spazierten nach Mittag auf der Alm und gingen um halb drei den Weg zurück; suchten Schwämme und Beeren. In der Nähe fuhr der Sessellift. Wir sahen ihm zu, wie er die Menschen auf die Alm und hinunter in die Stadt beförderte. Ueber den Wäldern sassen die Menschen hoch, die gelben reifen Felder streiften sie fast. Reizvoll sah ein Mädchen aus, schwarz bekleidet, blond, sehr jung, wie sie langsam über die Landschaften schwebte, zuvorletzt über das gelbe Feld nahe der Stadt, aus dem sie dann hochstieg und knapp danach hinter die Sichtgrenze sank. Weiter in dieser Richtung lag die Steiermark, und etwas östlicher glänzte ein Fenster aus dem Burgenland.

Kaffeehaus auf der Hauptstrasse; moderner als das durchschnittliche Café in Wien; besitzt die Apparate und die leichte Aufgefrischtheit des Espressos. Herinnen sass, wenn man von uns absieht, "gepflegtes" Publikum. /Eine alte Dame, die Patience legte ein untersetzter gutgekleideter Herr, der in würdiger Weise bemalte Gattinnen und ein glattes Bürschchen, das von den Kellnerinnen umschwänzelt wurde und auf seine kurzen Fragen lange Antworten erhielt./ Von hier aus dachte ich an Cysarz und grüsste ihn.

So 2 8 53 Fortsetzung 2

Wir sahen uns den Ort Mönichkirchen an. Ueber die nahe Demarkationslinie, Steiermark, gingen wir nicht. Die Kontrolle soll aufgehoben sein, aber die Posten stehen noch umher, und die Schranken sind noch nicht niedergerissen worden.

Ein schmaler Weg, seitlich Himbeersträucher. Kletterten den Hang hinauf, kamen in eine abgemähte Wiese, schlichen an ihrem Rand weiter. Ueberquerten die Wiese, schlüpften durch Stacheldraht und erreichten so eine höhergelegene Strasse. Kühe weideten, ein Bub hütete sie. Eine Kuh verlief sich über die Strasse. Nahe lag ein Bauernhof.

Ein kleinerer Bub mit Schulbüchern unter dem Arm rannte aus der schweren Tür des Hauses. Paul, der ihm begegnete, fragte, ob es bei ihnen Most gibt. Der Bub sagte in reinem Deutsch: "Nein." Paul fragte ihn: "Weisst du, wo's einen Most gibt?" Der Bub sagte noch einmal: "Nein." und rannte dann weiter.

Die Villenstrasse. Schwarzbraunes Holz auf weissen Steinen.

Noch eine Stunde Zeit bis zur Abfahrt des Autobus. Belebung auf der Hauptstrasse von Mönichkirchen. Spaziergang der Krankenkassenurlauber. Verkümmerte Frauen und verstaubte Männer; Arbeiterinnen und Stenotypistinnen, die heute lachen und Freunde haben, und sehr bald verblühen und allein bleiben. Manche suchen sich hier an einen Mann anzuschliessen /eine Frau mit grüner Bluse und kurzer weisser Leinenhose, aus der prall die Schenkel treten, findet mehrere, umgibt sich mit ihnen/. Manche spazieren allein.

Im Gasthausgarten, wo wir die letzte Zeit verbringen, laufen jenseits des Zauns Hühner. Wir füttern sie zuerst, dann fällt uns eine Katze auf, ganz jung, die mitten unter den Hühnern sitzt. Ich stecke ihr durch den Zaun ein Stückchen Salami zu. Ein Huhn entreisst es ihr und hackt sie mit dem Schnabel ins Gesicht. Das wiederholt sich. Die Katze wagt sich nicht mehr an den Zaun, wo die Hühner versammelt gackern und flattern. Sie liegt blinzelnd und zusammengekrümmt auf dem Boden, weit hinter den Hühnern. Ich versuche es mit einem Fernwurf.

Aber die Hühner stellen sich sofort um und hacken ihr auch diesen Bissen aus dem Mund. Ein Hahn geht über sie hinweg. Ich, wenn ich Katze wäre, würde mir zunächst Respekt verschaffen; ich habe doch nagelscharfe Krallen, gute Zähne und einen heimtückischen Sprung. Das ganze Hühnervolk spränge auseinander.

Die Katze liess sich nicht überreden. Ich führte noch einen Brennesselstab in den Kampf ein /mit einem geknickten Stab fing ich ein Brennesselblatt; damit ätzte ich die Hühner, während ich die Katze zu füttern versuchte/. Auch diese Wunderwaffe half im grossen ganzen nicht. Die Kämme zuckten manchmal, aber ich konnte gegen die Ueberzahl der Gegner nicht siegreich bleiben. Wir stiegen in den Autobus, ohne der Katze viel genützt zu haben.

So 2 8 53 Forts. 3

18 Uhr Abfahrt. Es ergriff mich, die Landschaften von heute früh abends wiederzusehen. Liess kaum für ein paar Sekunden die Strassenränder aus den Augen und die Gärten und Feldstreifen, die an der Strasse lagen. Millionen Gräser, Wiesenblumen, Feldblumen. Die einzelnen Fleckchen, jedes schon in tieferer Dunkelheit.

Wiener Neustadt, abendliche Strassen; eine Strasse lang Grosstadt. Grellbeleuchteter Gasthausgarten.

Dann die Ebenefahrt nach Wien. Wilder Abschied von dem Land. Der Blick hin und her gerissen zwischen dem Gras, schon ganz dunkel über der Strasse, und der Weite, in der man schon die Stadt spürt.

Stärker und stärker drängen die schonunglos leidenschaftlichen und die schonunglos genauen Gedanken, noch während sie beide ihre Ergebnisse suchen, nach der Vereinigung ihrer Ergebnisse.

Immer rascher die Fragen, denn die Zeit läuft ab: Ausdruck. Wie hat man gelebt? Und das Mädchen. Die Reize der Stadt? Was ist das Wesen des Dorfes? Wenn wir die Stadt verschmähen, ist das: Untreue? Könnte man die Stadt wohnlich machen? Einen Abend in der Stadt zu sein; Sehnsucht des Landkindes; Einfahrt in die beleuchteten Strassen; dann ein Haus in der Stadt, für eine Nacht; sucht man das immer Neue? Oder sucht man das Beziehungsreiche? Wäre, wenn man gemeinschaftlich lebte, jeder Ort gleich erfüllt? Ist man allein, ist man nie allein? Kontakt auch ohne physische Nähe. Warum dann die Unerfülltheit? Das Mädchen. Wo sie zu finden?

Das Mädchen: der Reiz und die Liebe. Die Gedanken streiken Das Verfliessen der unkörperlichen Begriffe, wenn nicht gerade die Wirklichkeit wirkt, die hinter ihnen steht.

Auch wenn man Liebe erlebt hat, kann es später unmöglich werden, sie anders als abstrakt ins Gedächtnis zu rufen, oder mit der Hilfe von Dingen, die an sie geknüpft waren, die sie aber enthalten; ungerufen kommt das Erlebnis freilich öfters zurück; nicht nur im Traum; Gedichte sind da Katalysatoren.

Was, wenn nicht das Gedicht, kann das Erlebnis als solches vermitteln, also punktförmig und ohne es aus den Voraussetzungen auszubrüten? Freilich: wie spezifisch? Aber die subjektiven Erlebnisse dürften den Menschen gemeinsam sein, so sehr die Koppelung mit den realen Grundlagen auch die Unwiederholbarkeit der Erlebnisse vermuten lässt.

Die Gesamtheit von Beziehungen zu einem Mädchen ist noch nicht die Liebe; die Liebe ist jene unzusammengesetzte psychische Qualität, die allen Zeiten und Menschen gemeinsam sein dürfte, die aber unlösbar assoziiert ist der "Welt" /also der spezifischen Gesamtheit/ des einzelnen Liebesfalles. Bis ins Innerste erregender Widerspruch: ihre Ewigkeit und ihre Einmaligkeit.

/Fortführung, am 8 8 53/

Verrät man die Liebe an die Erotik? Oder verrät man den Augenblick an die Idee?

Einfahrt in die Stadt ... Benzingeruch, Bahnen. Beleuchtete Auslagescheiben; schon Mädchen, glänzend angezogen, und Männer der Stadt: Liebespaare der Stadt.

Ich hasse sie, weil sie ihre Schalheit als Stärke empfinden. Was haben sie aus der Schönheit gemacht.

Es ist warm in Wien. Mit "Liebe" locken sie einander ins Leere.

Wieder auf den gewohnten Strassenbahnen gefahren. Aber wie in einer anderen Stadt. Heimgekommen wie weit vom Morgen entfernt!


Artmann war nachmittags "bei mir" gewesen, hat eine halbe Stunde mit Mama geplaudert. War in Deutschland, Paris und so fort. Prahlte für sich und auch für mich. /Ich wäre in Paris bekannt ...../ Esther ist in die Schweiz zurückgefahren und wird vielleicht nach Wien kommen. Artmann aber scheint es lieb zu sein, wenn diese Beziehung bricht. Esther ist schizophren.


Montag, 3. August:

Erzählte Briggi von meiner gestrigen Fahrt; Briggi aber geht es schlecht. Sie sagte mir nicht, warum.

Bin stadtmüde. Es ist auch in Wien jetzt kühl. Büro: fast nichts zu tun. Man spricht von der Auflassung der Firma.


Dienstag, 4. August:

Abends bekam ich das Heft "Freude an Büchern". Einen alten Besen repariert. Polakovics kam und brachte mir eine Kinokarte für morgen.


Mittwoch, 5. August:

"Fahrraddiebe” ein ausgezeichneter Film.

Vor dem Künstlerhaus-Kino traf ich ausser den zwei auch die zwei Hakel und deren Liebkind, die Haushofer. War von ihr entzückt; hatte mir " Marili " nach ihrem Photo anders vorgestellt. Sie ist die junge Frau eines Arztes in Steyr.

Mit vom Kino gefahren. Begleitete die beiden bis vors Wasserwerk. Seit sie Hakels Jünger geworden sind, während ich ohne Meister geblieben bin, sehen sie mich als einen an, der nicht weiss, wohin er gehört. Mich stimmt traurig, dass ich sie dadurch verloren habe.

Mittwoch Abend: Zwei Hefte des "Karlsruher Boten" wurden mir gesandt. Donnerstag Früh gelesen: nichts wert.


Donnerstag, 6. August:

Regen.

Früh Briggi getroffen. Gelockerter als am Montag mit ihr gesprochen.

Sie führt kein Tagebuch mehr, denn sie will zu ihrer Vergangenheit keine Beziehung haben.

Neue Funktion: Ich bin "des zufriedenen Mädchens Gedächtnis"; denn sie hat vieles aus dem Jahr 51 schon vergessen.

Einige monumentale Gedichtzeilen:

Einsamen Menschen halfst du nur zeitweilig.
Andere haben sie später ergänzt."
Es fehlt noch der Schluss. Vielleicht:
"... Könnte man heilsam sein, wenn nicht heilig"

Eine Arbeit für Csokor.

Heute abgemacht: an meinem ersten Urlaubstag fahren wir nach Forchtenstein und ust.

Karten hat Tante schon gesichert.

Viel Arbeit im Büro.

Abends: Die Photos sind gekommen. 8 davon behalten. Länger aufgeblieben.


Freitag, 7. August:

Kühlere Tage.

Generalstreik in Frankreich. Lebensmittelaktion der Amerikaner für Ostberlin, Reaktion der ostdeutschen Regierung.

Sehr viel Arbeit im Büro.


Samstag, 8. August:

Blauer Himmel. Nun wieder sehr warm.

Früh auf, Eintragungen.

Viel Arbeit im Büro.

Nachmittag brachte ich den Photoapparat in Ordnung. Kam erst spät zum Schreiben.


Sonntag, 9. August:

Im Bett lange geschrieben. Trüber Himmel. Das Meinl-Plakat ans Gesellschaftsgebäude geklebt und dort photographiert. Will "drei gute Plakate dieses Jahres" aufnehmen und die Negative der "Schau" schicken.

Spaziergang mit Mama um die Steinhofer Mauer. Trafen unterwegs Maja uud Aglaja und begleiteten sie ein Stückchen auf ihrem Auslauf; wir zeigten ihnen die Savoyenstrasse, die für sie praktisch ist; ich photographierte Aglaja in ihrem Wagen.

Während des Spaziergangs mit Mama machten Mama und ich noch je eine Aufnahme. /Der Tag war sehr geeignet./

Nachmittag: Trickaufnahme im Kabinett, fortgesetzt im Garten, weiteres Bild aus dem Garten; dann lief ich, bis über die Jausenzeit, auf die Linzerstrasse und die Hütteldorferstrasse und jagte dort die übrigen zwei von den drei guten Plakaten dieses Jahres.

Müde heim. Westermeier. Geschrieben. /Nur die laufenden Eintragungen./

Ich sehe schon mehrere Sonntage lang eine kleine unentwegte Radfahrerin;

sie ist offenbar die Tochter der Buffet-Frau, die vor dem Eingang von Steinhof verkauft:

sie und ihre Mutter sind zu uns sehr freundlich. Das Mädchen scheint erst diesen Sommer hierher mitgenommen worden zu sein, oder sie ist erst diesen Sommer beachtlich geworden.


Montag, 10. August:

Letzte Arbeitwoche. /Am 15. beginnt mein Urlaub./ Genug zu tun.

Die beiden Chefs fuhren fort, wir wurden nachmittags zeitiger als sonst heimgeschickt.

Solange die Sonne hochstand, strahlte sie heiss; aber schon am Nachmittag war es in der Wohnung kühl. Am Abend dann um die Steinhofer Mauer; auf dem Rückweg war es auch draussen schon recht frisch.


Dienstag, 11. August:

Viel Arbeit. Trotzdem wieder früher nach Hause. Gestern Abend und heute früh hatte ich den Brief an Rüdiger, den Herausgeber des "Karlsruher Boten", und dann abgesandt.

M

Abend: Eintragungen. Kam erst heute dazu, die "Freude an Büchern" zu lesen.

Streik in Frankreich hält an.


Mittwoch, 12. August:

Die Zensur wurde von den Russen aufgehoben. Unregelmässige Arbeit im Büro.

Die Photos vom vergangenen Wochenende sind fertig: die Plakate sind ganz gut gelungen, von den übrigen kann ich nur drei behalten.


Donnerstag, 13. August:

Vorletzter Bürotag. Begann das ahen meines Urlaubs zu spüren.

Abends ging ich wieder den Gründen für mein Verstummen nach. Zu einer Heilung reichen die einzelnen Erkenntnisse nicht aus. Ich hätte es dringend nötig, mich zu sammeln.


Freitag, 14. August:

Noch viel Arbeit. Uebergab meine Funktionen für die nächsten sechzehn Tage den Zurückbleibenden. Nachmittag schickte uns der Doktor schon zeitig nach Hause.

Ich begann meinen Urlaub mit einem Besuch bei Hakel. Wollte ihm eigentlich nur die Plakatphotos hinbringen; er nahm sie nicht an, weil sie von mir als das reine Lob gedacht waren und er keine Reklame für Reklamefirmen oder be-reklamte Firmen machen will. Aber er hielt mich auf und predigte mir gegen die assoziative, dann auch gegen die objektivistisch-impressionistische Art zu dichten. Er stellte "Stimme" gegen "Stimmung" und liess für den Bereich der Lyrik nur die "Stimme" gelten. Gegen seine Intelligenz und seine so tiefverwurzelte wie dickichtige Weltanschauung konnte ich nicht aufkommen; ich blieb, ihn und mich in Frage stellend, zurück; quälte mich, als ich allein war, um die Entscheidung; die Messer umso wilder gebrauchend, je stumpfer sie wurden.


Samstag, 15. August:

Früh auf. Vor dem Reisebüro in der Stadt stehen die Autobusse für Frankreich- und Spanien-Nordafrika-Fahrten. Menschen in Khaki-Hemden und kurzen Leinenhosen. Schwere Koffer werden verstaut. Verwandte stehen um die Autobusse umher. Manche in den Wagen, darunter sehr verbrauchte Städterinnen, beginnen es sich schon bequem zu machen. Ihre Fahrt dauert drei Wochen. Während dieser Zeit wird der Autobus ihre Wohnung sein.

Um halb acht unser Autobus für die bescheidenere Fahrt ins Burgenland. Sein Ziel war nicht angeschrieben; wir erfragten ihn zwei Minuten vor seiner Abfahrt. Er war klein. Die Durchgänge zu den Sitzplätzen waren eng. Er war aber rauchblau durchsichtig eingedeckt und er roch noch nach all den frischen Materialien. Vor allem die Bespannung der sehr bequemen Sitze roch stark.

Ausfahrt aus Wien durch andere Strassen als neulich. Die Strecke nach Wiener Neustadt dann dieselbe wie damals. Zuerst sehr dunstig, nach Wiener Neustadt dann blendend klarer Himmel. Abgebogen zur Leitha und zum Rosaliengebirge. Klein Wolkersdorf, dann durch die Berge nach Schleinz. Blühende Gärten. Wälder, darunter wieder Wälder. Staubige Strassenränder: die Büsche und die Kräuter wie mit Kalk bespritzt. Nach Neustift. Rosalienkapelle. Dort erstmals gehalten /30 Minuten/. Zwei Aufnahmen gemacht. Sehr kleine Kinder spielten vor einem Hof. Sie wollten uns ihr Spiel erklären, wir verstanden sie aber nicht. Weitergefahren nach Forchtenstein. Aus den Schiess-Scharten Ausblick über die Hügel und in das Tal. Nach der Besichtigung der Burg / für mich sind diese Zeugnisse aus der Vergangenheit weniger eindruckvoll als die Zeugnisse des gegenwärtigen Lebens: die Häuser und Gärten unten / weitergefahren. Forchtenau, Mattersburg; ein eingebauter Radio-Apparat störte uns drinnen und die Vorbeigehenden draussen mit Wiener Liedern. Die Musik hörte während der ganzen Autobusfahrt dann nicht mehr auf. Wir fuhren, die Wiener Pest mitschleppend, zwischen den weiss und gelb gemalten Häusern, zwischen den Baumreihen und den Feldern, die zwischen Dorf und Dorf wuchsen, hindurch; die Menschen standen am Weg und schauten uns nach. Man gewöhnte sich auch rasch an die Musik. Walbersdorf, Pöttelsdorf, Zemendorf, Stöttera, Antau. Dann das erwartete Vulka-Prodersdorf. Abgezweigt nach Siegendorf, plötzlich Eisenstadt zu, aber wieder umgelenkt nach Trauersdorf und St. Margarethen, das ja als Durchfahrtsort nach Rust vorgesehen war. Sandsteinbrüche, eine Hügelstrasse, dann vor uns der Neusiedlersee: schmaler Streifen, über ihm war es wieder etwas dunstig knapp am Horizont zogen weisse Segel.

Sa, 15.8.53 Fortsetzg.

In Rust hielten wir um 13 Uhr für lang.

Wir assen Mittag. Viele Wiener und Grazer waren mit Autos gekommen, Kaufleute, Familien und hauptsächlich Schlurfs.

Motorboote brachten die Besucher durch den Ruster Kanal an den Neusiedler See. Wir gingen etwa zwanzig Minuten entlang dem Kanal zu Fuss an den See und setzten uns aufs Dach der Badehütte. Badezeug hatten wir nicht mitgenommen; wir sonnten uns und schauten auf die Ruderboote und die Segelboote, die oft von Kindern /meist einem Knaben und einem Mädchen/ geschickt gelenkt wurden.

Auch hier photographierte ich.

Nach längerer Zeit, die wir hier verbracht hatten, gingen wir wieder nach Rust hinein. Kurzer Aufenthalt in dem Ruster Gasthaus-Vorgarten; Ruster Rotwein, sehr gut; aber ich trank nur einen Schluck, sonst durchwegs Sodawasser. Mein Durst war sehr gross. Eine Zigeunerkapelle spielte dort, in gelben an den Aermeln geschlossenen Hemden und roten bestickten Jacken; die Gesichter dunkelgelb und originell; mich erfreute ihr Anblick ebenso wenig wie der anderer lebender Sehenswürdigkeiten.

Rust: die Strassen und Plätze durchstreift.

Stadt der Störche. Von ihnen machte ich drei photographische Aufnahmen. Alle Häuser freundlich, gelb gefärbt oder weiss gekalkt. Vor den Häusern sitzen auf Bänken die Einwohner, reden und schweigen. Weil unser Paul Weinkenner und Weingeniesser ist, suchten wir für ihn einen Hof aus, in dem Wein ausgeschenkt wurde. Dort unterhielten uns zwei Korneuburger Werft-Arbeiter; einer von ihnen sang, mit künstlerischer Unverschämtheit, Lieder und Parodien zur Gitarre; der andere warf ab und zu Dummheiten und Frechheiten ein; die beiden, die nur die Exponenten einer ganzen Gruppe von jungen Ausflüglern waren, machten das so gut, dass man auch als Gegner der Wiener Weinseligkeit und mancher einzelner Lieder nichts Schlechtes an der Vorstellung finden konnte, die sie sich zu ihrem eigenen Vergnügen und zum Vergnügen aller machten; das Vergnügen kostete übrigens nichts. Einen Pfarrer, der sehr freundlich an der Gesellschaft teilnahm, ekelten sie ungerechterweise hinaus; zu recht scharfen Liedern lächelte er noch oder applaudierte sogar /diesen Pfarrerapplaus unter dem Lampion und hinter den Radaubrüdern photographierte ich/; dann aber wurden die Lieder immer gröber, sodass er seiner Berufs-Ehre zuliebe das Lokal verlassen musste; ihn selbst hätten auch diese Lieder sicher nicht verletzt.

Nahm Gänse auf, die in der Mitte der Strasse auf mich zuwatschelten; ich bedauerte, dass alle Bilder des Films schon verschossen waren, denn es gab - gerade am spätern Nachmittag - viele schöne Einzelheiten der Landschaft: rote Blumen beleuchtet, gegen den schattigen Garten; im Hintergrund der weiss besegelte See. Die Gräserstreifen, erst durch das schräge Licht jetzt abgehoben. Die Ebene wurde erst jetzt photographierbar.

Wir stiegen um halb sechs in den Autobus und fuhren gegen Eisenstadt.

Oggau, eine Rosalia-Kapelle, Gschiess, nahe St. Jörgen, Eisenstadt. Dort drei . Kalvarienbergkirche, herber Eisenstädter Wein; der Wirt erzählte uns, wie die anderen Wirte den Wein nach dem Publikumsgeschmack aufzuckern, chemisch zurichten und ausserdem pantschen. Er stimmte mit Paul darin überein, dass ein echter "Weinbeisser" immer naturbelassenen Wein trinken wird.

Spazierten die letzten Minuten, bevor der Autobus abfuhr, in ein paar Strassen von Wiener Neustadt.

Ich hatte den Wunsch, Kornelia Kollwentz aufzusuchen oder ihr durch jemand mehrere liebe Worte sagen zu lassen als Zeugnis meines Besuchs in dieser Stadt. Aber kein Wunder ereignete sich, und wir fuhren, nun schon ohne Unterbrechung, die letzte Strecke nach Wien.

Klein-Höflein, Müllendorf, Hornstein.

Wimpassing und Wampersdorf an der Leitha. Ich mag die Städte, die an den Ufern eines Flusses liegen. Kleine Brücken von einem Stadtteil zum andern. Parks sind dort, und Stufen in den Fluss, in dem Kinder baden können; mit einem Mädchen dort am Abend zu sein.

Schon spät. Weigelsdorf, Ebreichsdorf erinnerten mich an drei Literaten. In Ebreichsdorf aber war es für kurze Zeit wie in einer schönen Stadt. Ein Mädchen spazierte hübsch auf der Strasse; ich freute mich an der konkreten Welt; /ich will nicht und kann nicht von ihr absehen: ich würde die Pflicht nicht ertragen, alles Erleben auf die zeitlosen Gefühle einzuengen und nur die mitzuteilen./

Kamen plötzlich in das Gebiet von Wien. Fuhren diesmal auf einer Nebenstrasse ein. Es dauerte noch länger als eine halbe Stunde, bis wir in der Stadt waren. Die Nebenstrasse war sehr schön. Dunkle Ortschaften unterbrachen immer wieder das freie Land. Später schon die beleuchteten Vorortstrassen. Letzte Strecke wie damals auf der Heimfahrt von Mönichkirchen.

Auf dem Karlsplatz stiegen wir aus. Mit der Strassenbahn /es war warm/ heimgefahren.

Mama erzählte, dass Polakovics dagewesen war; er hat sehr herzlich mit ihr über mich gesprochen. Ich hatte darüber grosse Freude.


Sonntag, 16. August:

Früh Eintragungen.

Zu Polakovics gegangen, den ich vormittags für den Garten abholen sollte. Er war aber von einem Weg noch nicht heimgekommen. Ich unterhielt mich mit seiner Frau. Sie war heute wieder frisch und interessiert. Las drei Stücke , die sie geschrieben hatten, und die mir gefielen. Ich erwartete Polakovics nicht, sondern ging vorzeitig heim, da ich Kein zuhause vermutete. Er war aber auch nicht gekommen. Vormittags und am frühen Nachmittag die Eintragungen beendet.

So 16 8 53 Fortsetzung

Um vier Uhr kam Polakovics mit seiner Frau und seinem Kind. Er lud mich ein, "meine Einsamkeit aufzugeben" und in Hakels Kreis einzutreten. Anstrengende Diskussion, teils im Garten, teils in Polakovics' Wohnung.

Seit heute Abend sprechen wir alle (außer Aglaja) einander mit "du" an.


Montag, 17. August:

Früh Arbeiten fürs Haus.

Ich versuchte, Mayröcker einen Brief zu schreiben. Die gestrigen Probleme belasteten mich aber zu sehr.

Nachmittag mit Mama um die Steinhofer Mauer.

Am Abend Wermutwein. Ich trank auch ein bißchen.

Notiz: Mehr und mehr danach arbeiten:

Deutlichkeit ist wichtiger als Schönheit.


Dienstag, 18. August:

Früh nur wenig für zuhause gearbeitet. Heute kam viel Post. Krolow bat mich um Sachen für den Südwestfunk. Mich freut, daß ich ihm sympathisch bin. Auch, daß Geld kommt. Schickte Krolow gleich ein paar Gedichte. Kein schrieb mir, warum er Sonntag nicht kommen konnte, und sagte sich für Samstag an.

Belegexemplare der "Schau".

Ich schrieb, heute wieder mit viel mehr Beziehung, Mayröcker ein Brieferl und schickte es ab.

Nachmittag in den Garten zum Kampf gegen meine Unklarheit gezogen. Von eins bis sieben saß ich an der Maschine und analysierte. Abends sehr aufgelockert.


Mittwoch, 19. August:

Vormittags bei Polakovics'. Aglajas Bad. Befaßten uns mit dem Material der "Neuen Wege". Sprachen über die Erlebensfähigkeit des Durchschnittsmenschen. Polakovics bezweifelt, daß die Menschen gleich erlebensfähig sind. Ich hingegen glaube, daß nur die Fähigkeit, die Ursache des Erlebnisses zu erkennen, und die Ausdrucksfähigkeit, nicht aber die Erlebensfähigkeit, bei den einzelnen Menschen verschieden stark sind.

Vergleichen Übersetzungen aus den Werkstätten guter und schlechter Übersetzer.


Mittwoch und Donnerstag:

Nurmehr Eintragungen.

Mossadeq gestürzt, Rußland erprobte eine Wasserstoff-Bombe, Unruhen in Marokko, Hilfe für die Opfer des Erdbebens in Griechenland.

Abends lockerte ich mich wieder sehr.

Wir schauten aus dem Fenster.


Freitag, 21. August, Vormittag:

Ein Tag, in der Stimmung ähnlich den freien Samstagen, die ich während meines Arbeitjahres einmal in vier Wochen genieße. Die Sonne strahlte heiß, es war schön, wenig Menschen gingen auf der Straße. Ich hatte eine Besorgung vor mir und schrieb Notizen.


Freitag, 21. August:

Jandl ist von seiner fruchtlosen Reise zurückgekommen. Nächste Woche werde ich ihn zu mir einladen. Kaufte auf der Linzerstrasse Dauerwurst dafür, und der Paprikaschnaps steht bei mir zuhaus auch schon bereit. Ich freue mich darauf, dass ich ihn wieder sehe.

Nachmittag und Samstag Vormittag: Kleinigkeiten geschrieben.


Samstag, 22. August:

Von Früh an Regen. Nachmittag mit Kein zu Polakovics. Kein war zwei Wochen in Italien gewesen. Er erzählte mir kurz aber interessant von den Italienern, die er kennen gelernt hatte.

Bei Polakovics: spürbare, wenn auch sachte, Annäherung der Standpunkte. Ein interessanter Artikel von Sapper über die ERZÄHLUNG.

Darüber und über andere fast-wesentliche Fragen gesprochen. Vor allem aber freute mich, wie freundlich Kein und Polakovics waren. Den Humor, der dazu nötig ist, besitzen siebeide.

Nach der Zusammenkunft verbrachte ich zuhause einen zufriedenen Abend.


Sonntag, 23. August:

9 Uhr wieder bei Polakovics. Aglaja muss jetzt Spreizwindeln tragen. Sie trägt sie mit Geduld. Sie ist überhaupt sehr diszipliniert. Ihr Gesicht schaut jetzt nicht verweint aus wie am Anfang. Fritz und Maja machen sich schon Gedanken darüber, ob sie ein schönes Mädchen werden wird, und was sie für einen Charakter kriegen wird.

Photographierte ein paarmal. Weil Maja mit Nylonschürze und Tüchlein sehr anziehend wirkte, und Polaksen gut beisammen war, arrangierte ich die beiden um den Korb mit Aglaja und photographierte das ganze System. Sie schauten auf das Kind und nicht in den Apparat; es ist möglich, dass solche Aufnahmen den Photographen vergessen lassen und dadurch echter wirken.

Lasen hauptsächlich Gedichte aus Anthologien. Mich packten besonders die russischen /Jessenin/. Hofmannsthal und George ergreifen auch: durch ihre Deutlichkeit, aber ihre Welt ist unbetretbar; nur durch ein Guckloch deutlich zu beschauen. Mit Jessenin /wie mit Villon und mit dem frühen Eliot/ kann man durchs Land gehn.

Gutes leider unfertiges Gedicht von Maja: Dorf-Friedhof.

Pol. zwei Hefte Tagebuch (1.5.53-21.8.53 vm.)

Nachmittag: zu Haus, angenehm. Las in alten Tagebüchern /Sommer 1949/ und fand, dass ich mehr Worte als Inhalte aufgegeben habe.


Montag, 24. August:

Wenn die Sonne nicht scheint, ist es schon kühl.

Am Tag ist es noch sommerlich.

Früh: Einkauf auf der Linzerstrasse.

Brief von Friederike Mayröcker. Ich beantwortete ihn gleich. Hätte ihr gern nützlicher geschrieben.

Die Fotos vom Neusiedler See sind verpatzt.

Die Strafe für meinen Dünkel mit der "deutschen Optik" und dem 21/10°-Film. Alles trotz Momentbelichtung über-exponiert.

Nachmittag: Spaziergang /M./ Wientalstrasse.

Sonne scheinte stark. Der Tag war schön.

Abends wünschte ich besonders heftig ein Mädchen herbei.

Morgens:

Sommer-Ende
Die letzten Blumen im Garten, farbig und wild,
besucht jetzt der kältere Wind.
- - -
- - -

Dienstag, 25. August:

Weissenborn hat seine ältere Freundin geheiratet. Eintragungen. Tante ist von ihrem Dienst in der ÖPEX vollkommen erschöpft; sie wird krankgeschrieben werden. Letzte Arbeit der Handwerker in unserer Wohnung /Fenster-Aktion der Anstalt Steinhof/.

Nachmittags kam Jandl. Er erzählte von Fried, von einem selbstherrlichen Emigranten: Adler und von anderen englischen Erscheinungen. Das Wetter war trüb. Wir spazierten nicht sondern blieben zu Hause sitzen.

Ueber die wahre Ursprünglichkeit und die falsche /eklektische!/ Originalität gesprochen. Ueber die Schwerverständlichkeit von Gedichten als Folge ihrer Unexaktheit. Ueber die Auseinandersetzung des Künstlers mit der Zeit /einerseits/ und mit der Kunst /anderseits/. Spaltung des heutigen Künstlers in einen Produzenten und einen Kunstpädagogen. Was dem einen wohltut, schadet dem anderen:

Der gute Autor muss vom Kunstbetrieb unberührt sein. Der Kunstpädagoge muss im Kunstbetrieb orientiert sein. Der gute Autor soll nicht lesen, soll nicht diskutieren, soll nicht mit Literaten verkehren.

Der Kunstpädagoge soll viel lesen, von früh bis abends diskutieren, soll keine Berührung und keine Auseinandersetzung versäumen.

Ich bin seit längerer Zeit in die Theorie abgetrieben.

Ueber die Auseinandersetzung mit der Kunst als sekundäre Erscheinung im Leben des Künstlers.

Das Bedürfnis, in einer bestimmten Weise zu schaffen, als primäre Bestimmende für einen neuen Stil; die Kollision mit dem vorangegangenen Stil ist erst eine Folge aus der primären künstlerischen Haltung.


Mittwoch, 26. August:

Vormittag Einkauf Linzerstrasse.

Nachmittags bei Polakovics:

Ueber Orffs "carmina burana" gestritten, über die Beschreibbarkeit des musikalischen Eindrucks, zwei Prosastücke von Kassner, über das aus-sich-Heraustreten und sich-selbst-Beobachten im Gedicht gesprochen.

Ueber die Erlaubtheit der unvorbereiteten Formulierung im Gedicht gestritten;

Altmann; das ; der künstlerische Wortsalat als unvollständige Psycho-Selbstanalyse; über den Schwindel mit dem unkontrollierbaren Gedankengang; über die Entstehung einer literarischen Mode mit Hilfe der Schmocks. Die surrealistische Mode, die "abendländische" Mode. Ueber den konventionellen Dreck, der dem Beurteiler das Urteilen jedoch leichter macht als der modernistische Dreck. Ueber Altmanns Anfänge gesprochen. Vergleich mit Rilkes Anfängen. Rilkes Entwicklung und Hofmannsthals Vollkommenheit. Rilkes Krankheit. Ueber die Ursache der faszinierenden Wirkung von Rilkes Gedichten. Substanz und Form bei Rilke. Nachfolge grösstenteils von der Form her. Wirkung Rilkes auf den pubertativen Menschen.

/Das Gespräch wurde sehr interessant, und wir nahmen uns vor, es samstags fortzusetzen. Streiften in einem Nebengespräch noch Hakels Deutung des "Prozesses" als tuberkulöse Infektion, mein Verhältnis zu Hakel und einige Reaktionstypen meines Gemüts./


Donnerstag, 27. August:

Nur noch vier Urlaubstage. Der Urlaub brachte mir viel Gutes. Ich hätte ihn freilich besser nützen können. Lang noch nicht genug habe ich mich gesammelt und meine Kontakte verwesentlicht.

Nachrichten aus der "Furche" über die Wirkungen der Wasserstoffatombombe und über den Rachedurst unter den vertriebenen Schlesiern liessen mich meine privaten Probleme viel kleiner sehen. Meine Gedanken mündeten in den grossen Gedanken der Menschen: Was kann man für den Frieden tun?

Kleinere Arbeiten, fürs Haus und für mich. Trüb, sehr kühl. Nachmittag P-Mappen weiter gesichtet.

Abends sahen wir gut gestimmt aus dem Fenster. Drei ganz junge Radfahrerinnen strichen draussen herum. Zwölfjährige bis vierzehnjährige Mädchen /wenn ich Gelegenheit habe, ein Stückchen aus ihrem Leben zu beobachten,/ regen mich auf: ich finde mich plötzlich in ihrem Alter, in ihrem Zustand, mit ihrer Erwartung und ahne ihre Zukünfte.

Idee für eine Kurzgeschichte.


Freitag, 28. August:

Jandl, Spaziergang Wientalstrasse, durch das Dörferl gegangen, dort gesessen bei Apfelsaft und unsere Eliot-Uebersetzungen /Waste Land/ verglichen und revidiert. Vorher mehrere Stationen: Kinder, die im Wienfluss fischen. Lastautos: zwischen dem Fahrer und seinem Begleiter sitzt eine Frau; wie wird sich ihr Vormittag in Wien gestalten?

Das Erleben eines Motorradfahrers, nehmen wir an: von Linz nach Wien. Die Kinder, die nur einen Grasfleck vor sich haben und die der Eisenbahn nachdenken. Man muss jedes Pflänzchen und jede Minute von Lastautofahrern in ihrem vollen Wert als "Leben" und "Natur" erfühlen und lieben können.

Zwei Mädchen: eine ziegelrot, eine rauchblau gekleidet, in der Fensterhöhle eines Ziegelbaus. Ueber den "Zweck" der Kunst disputiert. Nicht aus der Gemeinschaft gelöst sondern verwesentlicht soll der Kunstempfänger durch das Kunstwerk werden. - Ueber den epischen Charakter der "konkreten Lyrik". - Ueber die Konsolidierung der in Jugend unruhigen Dichter. Ueber die Ordnung und die Ethik als Mitbestimmende des Gedichts.

Nachmittag in den Garten ein paar Aepfel ernten gegangen, dann /halb drei Uhr/ ins Bett gelegt, um an der Kurzgeschichte zu schreiben.

Ueber die Konventionalisierung und Kommerzialisierung der Erotik nachgedacht.


Samstag, 29. August:

Lang im Bett geblieben. Kurzgeschichte weitergeschrieben. Dann auf die Linzerstrasse um die Wäsche gegangen. Bis halb vier Uhr an der Kurzgeschichte gearbeitet. Provisorisch abgeschlossen nahm ich sie zu Polakovics mit.

Aglajas Spreizhemmung ist schon beseitigt. Polakovics' Arbeit für das Gedicht-Preisausschreiben der RAVAG ist weiter gediehen.

Die erste kritische Arbeit Polakovics', in der trotz aller Schärfe mehr gesagt als geschimpft wird. Die Stellungnahme zu den einzelnen Gedichten ist überzeugend.

Maja war sehr müde.

In der ersten Hälfte des Nachmittags schauten wir Gedichte an: wir verglichen Gedichte von Zeitgenossen verschiedener Epochen.

In der zweiten Hälfte des Nachmittags sprachen wir über meine Kurzgeschichte. Ich erkannte, dass ich ihr Problem deutlicher anzeigen muss; sonst leite ich die Leser unfreiwillig fehl. Ausserdem gefällt mir die Form noch nicht.

Abends dachte ich an das nahe Urlaubsende; ich war aber nicht betrübt.


Sonntag, 30. August:

Unregelmässiges Wetter. Eintragungen, ziemlich früh auf, Garten. Kleine Schreibarbeiten für mich.

Tante fährt Dienstag für vierzehn Tage nach Mönichkirchen zu ihrer Erholung. Sie lud uns für kommenden Sonntag zu einem Besuch dorthin ein. Ich war davon begeistert; Mama fährt zum ersten Mal seit vielen Jahren aus Wien.

Nachmittags, besonders als ich allein war, versuchte ich mich wieder an der Kurzgeschichte. Ob ich mit dem, was ich erreicht habe, einen guten Anfang gefunden habe, überseh ich noch nicht.

Geldordnung.


Montag, 31. August:

Traum: Die blauen Fahrzeuge der Russen sind versunken. Aber die drei blauen Autos der Ukraine waren neutral und bestehen noch. Papa fährt nachts mit einem und nimmt mich mit. Wir halten in der Stadt. Dort habe ich zwei Aufträge: beim Bäcker und beim Schneider. - Ich bitte die Schneiderin, mir die Halsweite zu messen. Ob ich ein Hemd bestellen soll, habe ich plötzlich vergessen. Solange sie kein Geschäft mit mir macht, wird die Schneiderin zu mir unfreundlich bleiben. Ich suche einen Telephonautomaten. Vor einer Fabrik finde ich einen; dort stehen aber viele Leute und warten. Ich schliesse mich einigen an, die zu einem anderen Automaten laufen. Auch dort dauert es mir noch zu lange, und ich laufe zu einem dritten. Ich rufe an; auf derselben Leitung aber wird ein anderes Gespräch geführt; dieses Gespräch, erst unübersichtlich und versponnen, klärt sich zu einem Gespräch mit Polakovics; der hat Fünfhundert-Schilling-Scheine zu entwerfen.

Ihn reizt ein verzerrtes Gesicht aus der Mythologie: eine Hälfte des Mundes läuft parallel der Wangen-Kontur, die andere Hälfte steht waagrecht, starr. Die Scheine sind violett gefärbt. Ich kritisiere die Verzerrung, Polakovics aber grinst und sagt: Diese Linie kann man mit dem Zirkel ziehen! Das ist schön!

Das Gespräch hat gedrängten Charakter, weil ich noch das Telephongespräch wegen meines Hemdes zu führen habe, zur Schneiderin zurückkehren muss, den zweiten Auftrag beim Bäcker auszuführen habe, dann erst in das blaue Auto wieder einsteigen kann, wo Papa schon sehr lange wartet. Gleichzeitig das Gefühl grosser Freiheit, die mir bevorsteht, wenn ich wieder im Auto sitzen werde, und von viel Zeit in der grossen Stadt.

Früh im Bett noch Eintragungen.

Die Sonne scheint.

Erster Bürotag nach dem Urlaub.

Abend: Zsolnay-Anfrage um gute Romanmanuskripte aus meinem Autorenkreis.

Garten,

Fenster, Lust an Beobachtungen.


Dienstag, 1. September:

Früh angenehm; versuchte wieder, an der Kurzgeschichte weiterzuarbeiten.

Auch heute auf der Strassenbahn Freude an achtungen /junge Frau, irritiert, Ernstseinwollen obwohl im Grunde lustig; hell ......./.

Im Büro durchschnittliche Arbeit. Steger ist noch bis 15.9. fort /Witzmann ist statt ihm Bürochef/, Dr. L. fährt morgen für eine Woche ins Ausland, ist aber auch heute schon nicht mehr in unser Büro gekommen. Machwitz und Witzmann schickten uns um 16 Uhr nach Hause.

Korrespondenz wegen der Zsolnay-Anfrage.

Garten. Mit Mama zu Westermeier um Bier.

Polakovics und Bisinger kamen abends Polakovics suchte Gedichte für Hakel, Bisinger kam, um mir zu sagen, dass er von Italien zurück ist.


Mittwoch, 2. September:

Früh Eintragungen. Heisse Tage. Beob. geschr.

Im Büro viel Arbeit, besonders Nachmittag, als ich . /Die anderen wurden nachhause geschickt; ich hatte Dienst./ Nachher noch /zum erstenmal nach langer Zeit/ zur Post. Daheim lebhafter Abend.


Donnerstag, 3. September:

Schon mittags nach Hause geschickt worden. Die Beobachtung fertiggeschrieben. Garten.

Mama hat ein Zahngeschwür. Sie wird wahrscheinlich nicht nach Mönichkirchen mitfahren können.

Einer der heissesten Tage dieses Jahres.


Freitag, 4. September:

Schlechtes Wetter wurde vorhergesagt. Aber der Himmel ist nur schwach bewölkt, und es ist wieder ein heisser Tag.

Früh die zweite Beobachtung aufzuschreiben begonnen.

Nachmittags wieder zeitig heim. Grosse Ernte im Garten.

Abends alte Bestände gesichtet. CN4 weggeschmissen.


Samstag, 5. September:

Bürofrei.

Einkauf Linzerstrasse. Früh bewölkt, dann war aber das Schlechtwetter wieder vorüber. Strahlend und heiss. Bei Westermeier gerastet.

Die Beobachtung heute reingeschrieben. Jetzt habe ich acht "Begegnungen" fertig". Bis 50 sind es immer noch viel.

Ebnerkarte kam. Korrespondenzen.

Bevor ich zu Polakovics ging, las ich noch ein paar Hemingway-Geschichten.

Polakovics: Ueber Hemingway, die Ichbezogenheit von Kunstwerken, über George gesprochen. Verglichen George und Rilke. Ueber die Einheitlichkeit Trakls. Suchten die sexuellen Bezogenheiten bei Trakl. Ueber Baudelaire und Wildgans.

Vor meinem Weggehen sprachen wir über die "Neuen Wege". Ueber die "erbauliche" Formulierung, die der guten Tendenz schadet, als Kennzeichen der heutigen Linie in den "Neuen Wegen".


Sonntag, 6. September:

Mit Mama nach Mönichkirchen. Schönes Wetter, schöne Fahrt. Besuchten Tante im Hotel. Gingen nachmittags hinüber "in die Steiermark" /die Demarkationslinie ist seit dem letzten Mal aufgegeben worden/. Waldspaziergänge. Tante erzählte, sie hat eine Frau kennengelernt, mit der sie auch öfters zusammen ist; diese Frau spricht viel über die "Neuen Wege", über Weigel, Artmann, die jungen Leute; sie ist die Mutter der Liselotte Matiasek!

Café, aber draussen. Kuhweide. Am späteren Nachmittag kalt. Möchte gern in Mönichkirchen bleiben. Mit der fixen Idee, den Ort nicht zum letzten Mal gesehen zu haben, verabschiedeten wir uns. Auch Mama wäre von einem Leben hier begeistert.

Freundliche Rückfahrt, nicht mit dem schmerzlichen Gefühl der Einmaligkeit wie vor fünf Wochen.

Zwei ganz junge Katzen im Autobus. Ziegelhäuser im Abend-Rot. Längerer Halt in Wiener Neustadt. Dort schissen sich die Katzen an und verstanken den Autobus. Die Kinder, die sich eineinhalb Stunden mit ihnen befasst hatten, gaben sie auch jetzt nicht ganz auf, nur drückten sie sie nicht mehr an ihre Wangen. Die blühende Frau mit dem Kuhgesicht, die auf der Hinfahrt vor mir gesessen war und jetzt weiter vorne und drüben sass, reichte ihrer Familie, die ein Viertel des Autobusses einnahm, ein Taschentuch mit Eau de Cologne herum.

In Wien, wo die Herbstmesse begonnen hatte, gab es viel Leute auf den Strassen und auf den Strassenbahnen Nicht so besinnliche Rückfahrt wie das letzte Mal.


Montag, 7. September:

Stadtfaul. Normale Bürozeit. Auch in Wien jetzt kühl. Garten. Alte Geschichten durchgeplaudert.


Dienstag, 8. September:

Früh geschrieben.

Adenauer hat bei den deutschen Wahlen gesiegt. Abends viel Post.


Mittwoch, 9. September:

Abends auf der Uni Cysarz-Vortrag.

Unheimliche Dynamik verbunden mit höchster Präzision.


Donnerstag, 10. September:

Es bleibt kalt. Heute auch Regen.

Früh Korrespondenz.

Krank, nur auf einen Sprung im Büro.

Jirgal war so freundlich, mir die Destillationen zu schicken. Diese und ein alter Jahrgang der Zeitschrift "HEUTE", der von Huber neulich kam, beschäftigten mich abwechselnd an diesem Tag, an dem ich mich grösstenteils ausruhte.

Dachte viel an ein Mädchen.

Wermutwein, gemütlicher Vormittag, Nachmittag und Abend.


Freitag, 11. September:

Wieder ins Büro. Irrsinnige Arbeit.


Samstag, 12. September:

Auch heute Vormittag scheusslich viel Arbeit, noch dazu Aerger. Nachmittag kamen Tante /von Mönichkirchen zurück/ und Kein. Mit Kein über die Destillationen gesprochen, er zeigte mir eine wieder gute Kurzgeschichte, dann redeten wir über meine jüngste und meine früheren Kurzgeschichten, über die Hakelsche Handwerks-Theorie von der Kunst. Angeregter und anregender Nachmittag.

Abends gemütlich.


Sonntag, 13. September:

Früh ein bisschen Hemingway. Wollten zuerst, weil ein prachtvoller Morgen war, ins Wiental ausfliegen, es wurde aber zu spät und es wurde auch sehr windig. So nur Garten, den Ofen wieder umgesetzt /weil bald das Heizen beginnt/, und dann wegen der Rückkehr zu den "Neuen Wegen" zu Polakovics gegangen.

Nachmittag begann ich einen Artikel für - eigentlich gegen - die "Neuen Wege" zu schreiben.


Montag, 14. September:

Vorherbstlich.

Immer noch viel, aber geordnetere Arbeit.

Abends eine Judenzeitung, die ich abonnieren soll, und die letzten Photos: alle schlecht.


Dienstag, 15. September:

Wieder schwerere, unübersichtliche Arbeit.

Abends zu Tante. Mama von dort nur abgeholt. Müde mit ihr heim.


Mittwoch, 16. September:

Früh Traum von Marjorie. In kleinen Gassen entschwunden. Zwei kleine Hunde fingen mich, als ich sie auf einem entlegenen Platz suchte. Die Hunde hängten sich an meine Schenkel und zwickten mich mit ihren Zähnen. Einer der beiden Hunde war gemütvoll und heulte jedesmal mit, wenn ich "Marjorie" heulte, aber der andere war streng, liess nie ab zu zwicken und befahl auch dem anderen Hund, wieder bissig zu sein. Endlich kamen Menschen. Einer von ihnen übergab mir "ein zeitgemässes Wörterbuch", für den Fall, dass ich mit ihnen zu reden wünsche. Ich blätterte darin und las: "Folter", "Schrepfen", "Feuerschwerhörigkeit". Im Zusammenha ng mit dem letzten Titel fand ich ein heisses Instrument, sehr schwer, aber von der Spitzigkeit einer Nadel; über das Instrument wurde gesagt: "auch wer vorher alles aushält, hupft bei dieser Behandlung aus der Pieke ..." Ich erwachte aber bald, weil es draussen schon sehr hell war.

Früh Lust auf den Artikel. Klarer Vorherbstmorgen. Zermürbend langweiliges Büro.

Abends Jirgals Etüden.


Donnerstag, 17. September:

Viel Arbeit. Mayröckerbrief.


Freitag, 18. September:

Wieder viel Arbeit. Warm. Abends kleinere Schreiberei.


Samstag, 19. September:

Die drei Frauen unseres Büros haben sich von einem Arzt untersuchen lassen; alle drei sind mit ihrer Nervenkraft am Ende.

"Kontinente", eine neue Zeitschrift mit Weigel, kam.

Nachmittags über Neurasthenie gelesen: einmal in einem nicht-analytischen Buch; Artikel für die "Neuen Wege" weitergeschrieben. Schöner Abend.


Sonntag, 20. September:

Vormittag Artikel weiter.

Nachmittag zu Polakovics. Laaber war dort mit einem Italienbericht. Anregend und angeregt über ihn gesprochen.


Montag, 21. September:

Früh Artikel. Trüb. Tante wieder kranker. Hitchman in Wien.

Post kam. Abends Korrespondenz.


Dienstag, 22. September:

Früh Schreiberei.


22.-27.9.1953
Dienstag:

Im Bett der Friederike Mayröcker geschrieben.

Auf der Morgenfahrt Briggi getroffen. Sie hat jetzt eine innerlich gesunde Zeit.

Tante auf einen Sprung ins Büro: Bleibt diese Woche noch fort. Bessere Stimmung. Alle zu ihr sehr freundlich.

Hitchman kam wieder. Heute machte ich statt Huber Spätdienst.

Abends Schreiberei.


Mittwoch:

Machwitz fährt morgen auf Urlaub. Langer Abenddienst.


Donnerstag:

Trübes Wetter.


Do:

Erster Tag im Büro ohne Dr. Machwitz.

Ziemlich viel zu tun. Trotzdem in der Mittagpause meine Reinschrift begonnen und abends Schlag Fünf nach Hause gegangen.

Angenehmer Abend, Spaziergang um die Steinhofer Mauer. Ein Heft der "Neuen Wege" kam.


Fr :

Viel mehr Arbeit als gestern. Bis halb sechs dringeblieben Zu Mittag zwei Seiten Reinschrift meines Essays, und Klärung des bisher Geschriebenen in meinen Gedanken.

Wieder ein schöner Abend.


Sa:

Nachsommertage.

Früh Sonja getroffen.


Sa

nm. Kein


So

vm. Jandl. Nm. Artikel weitergeschrieben.

Abends bei leichtem Nebel Spaziergang Steinhofer Mauer. stumpfes Schwarz, traumhaft unterbrochen durch Rast gegenüber beleuchtetem Gasthaus (fast unbesetzt, jede Bewegung der wenigen sichtbar;) Danach weiter. Alles fremdartig, alle Geräusche scharf wie aus dem Laboratorium, sonst liegt die Luft taub. Beleuchtete Fenster und Gitter im Vordergrund sehen "sehr genau" aus

("Fen-ster", "Git-ter"). Panorama mit Hundegebell. Fühlte mich hingezogen zum Phantasieren, das ich sehr lange schon zu gunsten des strengen Arbeitens aufgegeben hatte.


Mo 28 9 53

Viel Arbeit. Rückstände häufen sich.


Di 29 9 53

Wild gearbeitet. Rückstände nehmen nicht ab.

Abends mit Briggi gegangen. (Die Straßenbahn entlang.) Zuhause Most.


Mi 30 9 53

Konnte die Rückstände aufarbeiten.

Angenehmer Abend.


Do 1 10 53 Fr 2 10 53

Viel Arbeit. Treffe morgens immer Briggi.


Sa 3 10 53

Morgen, zu meiner Überraschung, Wachaufahrt mit Tante und Paul.

Sa nm.

am Artikel weiterzuschreiben versucht, nichts zusammengebracht.


So 4 10 53

Wachaufahrt.

Bis auf ein hübsches kleines und ein bebrilltes junges Mädchen nur ältere Leute im Autobus. Vor uns ein Paar: der Mann mit einem Zettel voll historischer Notizen (Gründung von Melk ) in sorgfältiger Schrift; die Frau mit rötlich aufgefärbtem Haar schmiegt sich in seine Jahreszahlen. Sie ist so geborgen; bald packt sie ihr Restaurant aus der Tasche. Vier schnarrende Kröten rechts: mit gewalttätigem Humor und Steireranzügen. Am fürchterlichsten ihre Führerin. Offenbar eine Geschäftsfrau. Alle vier haben graue Köpfe voll Kämme.

Fortsetzung So 4 10 53

Nebel bis St. Pölten.

Während der Nebelfahrt über den Riederberg dachte ich an Friederike Mayröcker. Der Autobus ist in sich gekehrt, weil er durch dicken Nebel fährt.

Vertrieben der Nebel mit einer Besichtigung von Melk und seinem Stift. Gute helle Farben der Deckengemälde (im Gegensatz zu den scheußlichen Ahnenbildern) und reizvolle Perspektive.

Anziehende Bibliothek. Viel schöner natürlich Melk von oben (der Nebel hatte sich zerstreut): das Donauarmerl: Sandbänke, Kähne, das Städtchen, Mann mit Hund durch Fluß, Espresso mit vielen kleinen Sonnenschirmen, Autobusse. Auch unten dann schön mit Blumen gelb, orange und violett.

Fortsetzung 2 / So 4 10 53

Langes Warten auf Rollfähre. Zigeuner. Einschiffung. Treiben mit der Donauströmung. Drüben gegessen. Weiterfahrt nach Spitz. Freundlichstes Stück. Donau, hohe Hügel, Weinterrassen, kleine schmalgassige Städtchen, Strecken neben der Bahn.

Weißenkirchen, Dürnstein, Loiben. Der dortige Trachtenzug hatte, als wir ankamen, schon stattgefunden. Wir sahen nur einen Loibner Sandhaufen und eine Wachauerin in Tracht aber ohne Goldhaube. Stift Göttweig. Im Stiftkeller. Mehrere Weine gekostet. Nebenan eine Dulliöhgesellschaft, viel weniger originell als die von Ruszt.

Heimfahrt nach Wien. Noch fast zwei Stunden. Da wir heute vorn im Wagen saßen und freie Vordersicht hatten, und abends das Land seitlich den Scheinwerfern sehr im Dunkel lag, sahen wir auf der Rückfahrt hauptsächlich Straßen.

In Hietzing wurde ich abgesetzt. Ein junges hübsches Wesen, aber Mutter eines Kindes, im Zehnerwagen auf der Plattform neben mir. Als sie ausstieg, war ich erst richtig im kalten, montagvorbereitenden Wien.


Mo 5 10 53

Dr. Machwitz wieder im Büro. Leichtere Arbeit.

Früh am Artikel wieder zu schreiben begonnen.


Di 6 10 53

Früh Artikel. Herbstlich.

Erstmals im Mantel gegangen. Guter Laune. Briggi getroffen.

Nachmittag frei!

Mayröcker geschrieben, ins Bett gegangen.


Mi 7 10 53

früh am Artikel gearbeitet: kondensiert. Arbeit im Büro nimmt ab.

Abends bei Wiesflecker. Ordentliches Gespräch über den Kommunismus.


Do 8 10 53

früh mit Briggi gesprochen.

Arbeit im Büro nimmt weiter ab. Trostloses Wetter.

Abends nach Hause geflüchtet.


9 10 53 Fr:

Schöner Herbstmorgen. Kalt.

Versuchte, mit dem Artikel weiterzukommen.

Früh mit Briggi, Schik und dem anderen Chemiker gefahren. Die Experimente, die Broda mit radioaktiven Isotopen zur Erforschung der Photosynthese macht, hätten mich, wenn ich Chemiker geblieben wäre, interessiert.

Gegen Mittag wurde es wieder trüb. Im Büro war wenig zu tun. Hätte gern freigehabt und am Artikel gearbeitet; ich wäre dafür in der richtigen Stimmung gewesen.

Freundlicher Abend.


Sa 10 10 53:

Früh endlich mit dem Artikel weitergekommen.

Mit Schik-Karli und dem Chemiker gefahren, geplaudert. Im Büro lebhaft. Mittags einen Gutschein für zwei Freikarten in der Scala eingelöst /Rumänischer Volkstanzabend, durch Wiesflecker/.

Angenehmer Nachmittag. Briefmarkensendung von Doppler bearbeitet, dann ein eigenes Doublettenheft zusammenzustellen begonnen; möchte gern eine grössere Menge davon verkaufen.

Guter Abend.

Tante war gestern bei Primar Bruha: Nervenuntersuchung. Bruha war sehr freundlich zu ihr, fand ihren Zustand ernst.


So 11 10 53

prachtvoller Herbsttag.

Mit Kein um die Steinhofer Mauer spaziert, ihn ziemlich schlecht unterhalten.

Nachmittag quälte ich mich weiter mit dem Artikel.


Mo 12 10 53

früh mit dem Artikel weitergekommen. Schöner Tagbeginn. Mittags riefen mich Rocek und Jandl an. Rocek wird ab Ende Februar acht Abende im Volksheim Margareten für Lesungen je eines jungen Autors zur Verfügung gestellt erhalten. Eine bot er mir an. Ich nahm diesmal an, um ihn, mit Rücksicht auf seine Freundlichkeit, nicht vor den Kopf zu stossen.

Jandl lud mich für anschliessend an den Sonntagbesuch zu Lorcas "Doa Rosita" ein, die ich zufällig so gern hatte sehen wollen.

Für Abend hatte ich durch Wiesflecker Karten für eine Vorführung des rumänischen Volkskunstensembles bekommen. Mit Tante dorthin gegangen. /Scala./

Vorher Ausstellungen über "gesundes Leben" und "die neue Form" im Künstlerhaus angeschaut, weil zwischen Büroschluss und Scala-Beginn noch viel Zeit verblieb. Die neuen Formen in der Innenarchitektur machten auf mich einen starken Eindruck.

Nicht mehr die kubistische und mechanistische Tendenz sondern Neigung zu funktionell optimalen und anmutigen Kurven.

Dann Auslagen betrachtet, geschmacklose auf der Favoritenstrasse.

Die Vorführung in der Scala dauerte über drei Stunden. Viele sehr reizvolle Stücke wurden gesungen und getanzt. Am besten gefielen mir die meisten der Tänze und das Hirtenlied, das jeden Menschen ansprach, obwohl es in fremder Sprache gesungen wurde.

Am Schluss zehn Minuten fortdauernder Applaus, der dann rhythmisch wurde und in den dann "pace"-Rufe einfielen. Die Mädchen und die Burschen auf der Bühne applaudierten ihrerseits dem Publikum. Sie lösten Blumensträusse, die ihnen auf die Bühne gebracht wurden, auf und warfen Blumen unter die Zuhörer.

Mitternachts nach Hause gekommen.


Di 13 10 53

Wenig Arbeit im Büro. Angenehmer Abend.


Mi 14 10 53

Wieder recht wenig Arbeit im Büro. Erledigte endlich die Gedichtsendung nach Stuttgart.

Heute Abend kommen die Heimkehrer in Oesterreich an. In den letzten Tagen grosser Wirbel um Triest.

Abends Spaziergang um die Steinhofer Mauer.


Do 15 10 53:

Nach dem Büro bei Roček die kommende Lesung besprochen. Nahm fünf von den acht Abenden für meine Freunde in Anspruch.

Roček trauert stark um Hertha Kräftner; seine Trauer mischt sich mit Verbissenheit, wenn er zu sehen glaubt, dass andere mit dem toten Mädchen Geschäfte machen.


Fr 16 10 53:

Viel Arbeit im Büro.


Sa 17 10 53:

Nachmittag am Artikel erfolgreich weiter. Frühlinghaft.


So 18 10 53:

Artikel.

Nachmittag bei Jandl, dann Lorca. Dieses Stück wird mir jetzt für lange Zeit ein Zentrum sein.


Mo 19 10 53:

Früh am Artikel weitergeschrieben. Mit Arbeit ausgefüllter Bürotag.

Paul wird operiert werden müssen.

Abends viel Post, angenehmer Spaziergang um die Steinhofer Mauer.


Di 20 10 53:

Sehr warme Tage. Früh Artikel. In die Stadt gefahren, mit Mama auf der einen Seite und mit Briggi auf der anderen Seite.

Büro: lebhaft. Abends Brieferl von der Friederike Mayröcker. Schickte mir eine sehr gute "Nausikaa". "Sturm". In letzter Zeit ihn öfter gesoffen.


Mi 21 10 53:

Abends zu Polakovics. Wir dachten über Titel für die Lesungen im Volksheim nach. Er sagte mir die Mitwirkung von Kiessling und den drei Jungen zu. Maja wusch und bügelte inzwischen Wäsche.

Die nächsten Tage hetzte ich mich sehr. Donnerstag die Gruppen für die Lesung und die Titel für die Gruppen zusammengestellt, die Aufstellung Roček ins Kastl geworfen. Bis Montag Abend muss ich den Artikel für die Novembernummer der "Neuen Wege" fertig haben. Freitag fuhr Mama allein auf den Grinzinger Friedhof zu meinen Grosseltern, um mir den Samstag Nachmittag frei zu halten. Samstag legte ich mich ins Bett und schrieb lang am Artikel, schrieb nicht viel aber klärte viel. Sonntag kam Vormittag Kein. Er riet mir manches für den Artikel, und mir half die Uebereinstimmung zwischen ihm und mir viel. Nachmittags machte ich mich mit gutem Mut über den Schluss des Artikels her. Als ich die Reinschrift fertig hatte, ging ich mit Mama um die Steinhofer Mauer spazieren und zweigte dann ab: zu Polakovics. Den Artikel lasen wir nicht mitsammen. Wir besprachen /schimpften hauptsächlich/ neu erschienene Bücher: etwa die "Glaskugel" vom Zand, die im Radio und im "Kleinen Volksblatt" besonders gute Kritiken erfahren hatte. Aus den "Versen aus Aquafredda" von Fink gefielen mir /zum ersten Mal, dass mir etwas von Fink gefiel/ die starken wahnsinnigen Schilflieder. Ihre Sprache ist gelöst und präzis.


Dienstag, am 27., besuchte ich Roček. Wir besprachen die Lesung im Volksheim, dann spielte er mir auf dem schlechten Plattenspieler gute Stücke vor. Moldau, Tschaikowskyj, auch zwei Wagner-Lieder /die kannte ich nicht/. Am 15.11. wird er mit mir zu Kräftners Grab gehen. Kahr hat ihm übrigens erzählt, dass Kudrnofski Kräftner x vor ihrem Tod mit einem Hochfrequenzapparat besucht habe und ihr suggeriert habe, sie werde sich bald umbringen.


Mittwoch, am 28. Oktober, nach dem Büro fand in Mariahilf die Besprechung der Lehrerlesung statt, an der Polakovics, Jandl und als Aussenseiter ich mitwirken werden. Wir trafen uns dort in der grossen Wohnung einer Musikerin.

Es wurde gemütlich. Wir trafen zunächst die Auswahl aus dem Manuskripte-Bestand. Polakovics und ich lasen probeweise. Jandl fiel plötzlich die Bescheidenheit an, ihm kamen meine Sachen besser als seine vor. Polakovics wird von sich nur wenig lesen. Angeregtes Gespräch über die kommende Lesung auf dem Heimweg. Sonntag treffen wir uns, um das Programm zusammenzustellen, bei Polakovics.

Der Artikel wurde ohne Aenderungen angenommen.

Im Büro mussten wir in diesen Tagen wieder viel arbeiten. Dr. Lindner kaufte für sein Zimmer im Büro einen Perserteppich um S 21.000.-- Sparmassnahmen, breite Diskussionen um die Verbilligung unserer Postspesen; zur Handelskammer dürfen die Angestellten unse rer Firma nicht mehr mit dem Autobus fahren.


Freitag, 30. Oktober:

morgen überraschenderweise bürofrei. Allerseelenwetter. Abends zu Baumrucks Verwandten in Breitensee, um über Papa vielleicht etwas zu erfahren. Nur die Frau des Schuldirektors Schenner war zu Haus. Sie wusste wenig, Baumruck hat seit seiner Heimkehr noch wenig erzählt; aber er wird uns bald besuchen.

Angenehmer Abend.


Samstag, 31. Oktober:

Frei. Herrlicher Tag. Vormittags machte ich notwendig gewordene Ordnung. Nachmittags legte ich mich ins Bett, arbeitete ein wenig an den alten P-Mappen und ruhte vor allem aus. Abends Lust zu theoretischer Arbeit.


Sonntag, 1. November, :

Geschäftiger Morgen und lebhafter Vormittag. Mit Jandl bei Polakovics. Aglaja sieht schon recht stabil aus. Wir machten das Programm fürdie Lehrerlesung, ich las die Korrekturfahnen meines Artikels.

Nachmittags ausgeruht, den Baumgartner Friedhof, unserer Tradition gemäss, aufgesucht und den Bericht über die letzten dreizehn Tage ins Tagebuch eingetragen. Es ist schon kalt draussen. Den Mantel gewechselt.


Notizen aus der Uebersiedlung-Zeit
Mo 2 11 53:

Mönichkirchen ist weit fort von hier, und jetzt ist es dort auch kalt. Ich möchte gern mit jemandem sprechen. Nicht den ganzen Tag /der eben erst begonnen hat/ im Büro bleiben.

Unfreundliches Wetter. Herbst. Alle Eile hilft nicht, die Stundenzahl ist mir vorgeschrieben.

Das Konkrete wird gern abstrakt ausgelegt. Die Unzufriedenheit oder Erregung als existentielles Gejammer. Wenn ich den "Rauch" lobe, so lobe ich den wirklichen Rauch, damit ihn der andere Mensch ebenso voll erkennen und lieben soll.


Mi 4 11 53:

Nach dem schweren Bürotag erwartete mich in der Singerstrasse Mama, um mir zu sagen, dass man uns eine Wohnung im 19. Bezirk angeboten habe. Mama ist begeistert und will, wenn die Wohnung nur halbwegs gut ist, annehmen. Wir fuhren zu Tante, die morgen mit ihr zusammen die Wohnung anschauen soll. /Ich kann nicht, ich habe im Büro eine eng befristete Arbeit zu leisten./


Do 5 11 53:

Die Wohnung liegt in Sievering. Es ist eine Wohnung in einem Neubau der Gemeinde Wien. Wir als erste Bewohner. Nur Zimmer und Küche, aber Klosett mit Waschbecken in der Wohnung, Abwasch und Gasherd. Freundlicher Eindruck.

Am Abend Besprechung der Lehrerlesung in Mariahilf. Die Musikerin, in deren Wohnung wir uns wieder trafen, hat viel von einem Schweinchen an sich.

Erste Novemberwoche: sehr viel Arbeit im Büro.

Daheim denken wir jetzt nur an die Uebersiedlung. Alle Zusammenkünfte in der nächsten Zeit schon abgesagt.


Sa 7 11 53:

Nach dem Dienst die neue Wohnung zum ersten Mal angeschaut. Nachmittag geplant.


So 8 11 53:

für die Uebersiedlung gearbeitet und geplant.


Mo 9 11 53:

abends in sehr angeregter Stimmung. Wir richten uns die Wohnung auf dem Papier schon ein.

Wieder sehr viel Arbeit.


Di 10 11 53:

Von Polakovics Abschied genommen. Kaum dass sie bis vor Steinhof gezogen sind, rennen wir ihnen nach Sievering davon. Gute alte deutsche Gedichte gelesen.


Mi 11 11 53:

Keine Zeit, um die von der Arbeit zerstreute Innenwelt wieder zu sammeln; keine Zeit für Gefühle.

Sobald Dr. Lindner kommt, werden Tante und Frl. Huber eine ausserordentliche Zuwendung für alle Angestellten fordern, als Entschädigung für die besonders harte Arbeit in den letzten Wochen.

Abends Ladung ins Wohnungsamt bekommen. Martini.


Do 12 11 53:

Früh Wohnungsamt, Mietvertrag unterschrieben.

Anstatt der ausserordentlichen Zuwendung: im Büro musste Tante überraschend Kündigungsbriefe für Frau Marchsteiner und Frau Hegyi schreiben, die wegen des "schlechten Geschäftsganges" entlassen werden. Sie wissen noch nichts davon. Alle, die davon wissen, besonders Tante, sind empört über diese Gemeinheit des Dr. Lindner.

Abends für die Uebersiedlung gearbeitet.


Fr 13 11 53:

Früh fuhr Mama mit Tante in die neue Wohnung. Ich traf Briggi und erzählte ihr von unserer Uebersiedlung. Seit gestern kalt.

Abends freundliche Lesung. /Mit Jandl und Polakovics./ Bemerkte die Hypertrophie des "Mädchens" in meinen Gedichten.


Sa 14 11 53:

Trotz den Protesten aller: Marchsteiner wurde mittags entlassen. Frau Hegyi bleibt. Photomontage für die Kommunisten: Rechnung des Teppichhändlers, Kündigungsbrief "wegen schlechten Geschäftsganges".

Nachmittag: Tante kam und erzählte, dass Paul in der Fabrik nur noch Kurzarbeit habe und mindestens um den halben Lohn gekürzt werde. 150 Arbeiter wurden von der ELIN überhaupt entlassen.

Tante hätte Gelegenheit gehabt, eine Wohnung im Gemeindebau, zwei Stiegen von uns entfernt, zu beziehen. Jetzt ist es natürlich nichts damit. Auch mit ihrer vorzeitigen Pensionierung ist's jetzt nichts, und ihr Zustand ist elend.

Für die Arbeitnehmer gibt es nur zwei Modifikationen des Seins: die Sklaverei und den Tod.

Für die Uebersiedlung gearbeitet. Bücherordnung begonnen.


So 15 11 53:

Bücherordnung.

Pfeiffer gestorben. Schwindsucht. Hat sich, sein Leben lang, nur abgejagt. /Angestellter der Anstalt./


Mo 16 11 53:

Vormittag Transport zu Tante und zu Frau Neubauer, die unser Speisezimmer abnimmt. /In der neuen Wohnung haben wir für die altdeutschen Möbel keinen Platz. Wir haben sie Frau Neubauer geschenkt. Ich bin froh darüber./ Dieser Möbelstil stirbt aus. Kaum jemand will solche Stücke auch nur geschenkt.


Di 17 11 53:

Die Lampen abmontiert. Es ist Mama gelungen, die Kohle um S 720.-- zu verkaufen. /In der neuen Wohnung werden wir nämlich keinen Holz- und Kohlenofen heizen, nur einen Petroleum- und einen elektrischen Ofen./


Mi 18 11 53:

Mama meldete den Gasanschluss an, ich fuhr mit Tante abends nach Sievering:

Seit gestern friert es.


Do 19 11 53:

abends Post von Friederike Mayröcker und dem Kaleidoskop.


Fr 20 11 53:

Vierzehn Jahre, die wir in Penzing verbracht haben. Wie wird nun unser Leben in Sievering werden?

Ich weiss nicht, ob man wie Friederike Mayröcker den Wunsch: Gedichte schreiben zu können, vor alle anderen Wünsche setzen darf. /Aber wahrscheinlich soll diese Reihung der Wünsche nur die wahre Reihung verhüllen./

Mama fuhr zeitig am Morgen in die Wohnung; dort wird heute der Gasmesser eröffnet.

Abends "hulat". Besuchten ein letztes Mal Tante Fini und schrieben einige Briefe an Steinhofer Bekannte aus den ersten Jahren.


Sa 21 11 53:

Nach dem Büro wuschen Tante und ich die Wohnung auf. Von der Arbeit schon ein bisschen müde.

Jetzt meldet sich Mathes: schickte Geld für drei Hefte der "publikationen" und ein Heft des "ophir" /!/, und jetzt meldet sich Steinwendner wegen der Verfilmung der Strafkolonie von Kafka.


So 22 11 53:

Letzter Tag in der alten Wohnung.

Verbrachten ihn mit den verbliebenen Arbeiten, auch schrieb ich Tagebuch nach.

Mein Brief an Friederike Mayröcker /die mir ein trauriges Lied geschickt hat/ ging, als letzte Post aus der alten Wohnung, ab.


Mo 23 November 53:

Am Vorabend unserer Uebersiedlung bin ich noch über die Stiegen einiger Gebäude von Steinhof gehuscht und habe unsere Abschiedbriefe an fünf Familien in deren Kästchen geworfen.

Heute hat Tante bürofrei. Morgens, als es draussen noch grau war, die letzten Sachen für die Uebersiedlung vorbereitet /die Betten zusammengelegt, das Bettzeug gepackt und die Küchenmöbel verschnürt .../.

Zum letzten Mal /auch die Vorhänge sind schon herunter/ die Morgenstrassenbahn halten und vorbeifahren gesehen, mit den Büroleuten von Steinhof und mit ersten Schulkindern.

Letztes Mal die Krenekmädchen gesehen.

Tante, dann die Uebersiedlungsmänner gekommen. Angst, weil die Pferdewagen klein waren. Ich musste um zehn nach acht mit dem Dabeisein aufhören, musste ins Büro fahren. Versuchte, den letzten Weg von Steinhof fort bewusst zu gehen und zu fahren. Aber der Kopf war mit Aktuellem zu voll. /Nie mehr Steinhof, nie mehr Spiegelgrund - //Postgebäude, Briggis Wohnhaus ...//, nie mehr Flötzersteig //Brücke, Sender von Steinhof, Probieranstalt ///Heimwege um Mitternacht von Lesungen und Zusammenkünften, als keine Strassenbahn mehr fuhr///, der übersichtliche Abhang zum Wilhelminenspital ///jetzt sind auch die Spaziergänge mit Kein aus/// das Wilhelminenspital, der Joachimsthaler Platz. Dort zum letzten Mal die Morgenleute angeschaut. Im 46-er von einem Schaffner Abschied genommen, den ich vor kurzer Zeit kennengelernt habe. Wie mädchenlos die letzten Penzinger Jahre waren. Diese Gedanken hirnte ich aber nur, fühlte sie nicht aus./

Ich kam am Abend schon in die neue Wohnung. Dort hatten es Mama und Tante relativ wohnlich eingerichtet. Für die ersten Ordnungen hatte ich den morgigen Tag vom Büro frei bekommen. Die Uebersiedlung wurde von den Steinhofer Arbeitern sehr gut durchgeführt. Kein Schaden. Mit den S 200.-- waren sie sehr zufrieden.


Di 24 November 53:

Freier Tag. Früh in der Gegend herumgefahren, mit Mama, meldeten uns beim Hausinspektor und bei der Polizei an. Wurden dumm herumgeschickt, lernten aber dabei ein bisschen Döbling kennen.

Daheim erste Post auf dem Boden: eine Karte von Weigel, mit Glückwunsch zur neuen Adresse, mitunterschrieben von Doderer und v. Winter. Freute mich sehr.

Auch ein Heft des "Atoll".

Nachmittags Holzkiste in den Keller geschleppt und dort eingerichtet. Dadurch wurden wir schon überraschend viele Pakete aus der Wohnung los.


Mi 25 11 53:

Früh, in aller Eile und Dürftigkeit, Weigel geschrieben.

Büro.

Abends Mama nicht zu Haus /Spaziergang/. Dann sehr gemütlich.


Do 26 11 53:

Unangenehmer Tag im Büro.

Unter anderem: Mein Karteisystem muß geändert werden.

Heute ist die Zimmerbeleuchtung montiert worden.

Schöner Abend zu Hause.


Fr 27 11 53:

Strenger Frost. Die Wohnung ist (nur vom Elektroofen geheizt) sehr kalt.

Früh begleitete mich Mama zur Straßenbahn und ging dann einkaufen. Das Leben hat sich, gegenüber jenem "am Steinhof ", geändert.

In einer hübschen Wohnung, von der Einrichtungsarbeit und dem Bürodienst müde, aus meinem Kreis nun ganz entfernt, bin ich an den Abenden, die mir zu leben verbleiben, gleichsam "lebenshungrig". Ich klammere mich sogar schonan ein Fetzchen Radiomusik.

Ich kann nicht sagen, daß ich unglücklich bin. Den Schatten, der über meinem Leben liegt, wirft das Gefühl der schlecht genützten Zeit. Keine Arbeit und keine Liebe.


Fr 27 11 53:

Aerger: Der Tischler erstellte den Voranschlag für die Stellagen: er rechnet für sie S 2700.-- Natürlich nichts damit. Wucher.

Das erwartete Linoleum wurde nicht geliefert.


Sa 28 11 53:

Immer noch kein Ofen für die Wohnung, ausser dem Elektroofen, der schwach wärmt. Nach dem Büro Petroleum gekauft, aber die "Ida" funktioniert nicht.

Linoleum kam.

Viel in den Keller getragen.


So 29 11 53:

Letzte Koffer ausgepackt. Zimmerkredenz in die endgültige Lage geschoben und eingeräumt. Leider ist am Sonntag keine Kellerarbeit erlaubt. Vorzimmerstellage provisorisch aufgerichtet.


Mo 30 11 53:

Warm. Abendspaziergang durch Gässchen. Bekam, weil ich heute Namenstag hatte, ein rororoBändchen Sartre. Abends im Bett erstmals wieder gelesen. Die Stimmung am Abend ist bei uns immer sehr gut. Ich freue mich am Tag auf den Abend. Schade, dass ich nicht nur halbtägig arbeiten muss.


Di 1 Dez 53:

Früh im Bett Sartre. Tante kam, brachte überraschend den neuen Petroleumofen. Beim Anzünden flammte das Oel einen Meter hoch auf und konnte nicht mehr gebändigt werden. Unten im Ofen stieg das Oel höher; diese Oelreserve brannte noch nicht. Der Ofen selbst stand auf Packpapier in der Küche. Wir waren kreideblass und löschten den Brand mit Wasser. Es zischte sehr, aber es gelang; obwohl ich im Luftschutz gelernt hatte, dass man Petroleumfeuer mit Wasser nicht löschen kann.

Bestimmt war nur ein ungeschickter Handgriff von Tante an der "Katastrophe" schuld, aber wir versuchten, schon wegen der Möglichkeit einer solchen Katastrophe, den Flammenwerfer gegen einen altmodischen Petroleumofen im Geschäft einzutauschen.

Auch draussen warm.

Hitchman wieder in Wien.


Mi 2 Dez 53:

Machwitz-Aerger im Büro.

Abends eine Stunde vergeblich versucht, einen Docht in den alten Petroleumofen einzuziehen.


Do 3 Dez 53:

Früh Weg um die I-Karte.

Abends schrieb ich mich in die Städtische Bibliothek ein. Entlieh einen Dos Passos und einen Faulkner. Der Bibliothekar kennt Gerhard Fritsch.


Wenn ich mich erinnere: an die Zeit, in der ich auch während der Büroarbeit viele innere Bilder gesehen habe. Da bin ich vor einer Faktura gesessen, müde an einem langen Nachmittag im Buchhaltungszimmer, und habe plötzlich eine Mühle vor mir gesehen: das Innere einer Mühle; nahe dem Eingang. Unsinnig weite Räume und ein niederer Verkaufstisch aus rohem Holz. Dieses Bild ist (annähernd) gleich geblieben, durch alle Wiederholungen hindurch ... Solche Bilder freuen und quälen, in gleichem Maß.

Nach meiner Mönichkirchner Fahrt habe ich öfters Mönichkirchen im inneren Bild gesehen, oder Szenen von der Fahrt dorthin oder von der Rückfahrt am Abend.

Stadtflucht.

Mi 2 12 53

Die Zimmerleitung montiert.


Fr 4 Dez 53:

Der alte Petroleumbrenner ist heute repariert worden. Er brennt. Mama besorgte mehrere Sachen für die Wohnung. Versuchten eine Wandbespannung aus Nylon über den Herd und die Abwasch, sie gefiel uns aber nicht, und wir beschlossen, die Wände unbespannt zu lassen und hinter den Herd nur beim Kochen eine feuerfeste Platte zu stellen.


Sa 5 Dez 53:

Bürofrei. Wäsche geholt. 2 bestellte Dostojewski- Romane, um nur 36 Schilling zusammen, kamen. Friseur. Den Keller fertig eingerichtet. Den grossen Spiegel zum Zerschneiden getragen. Nachmittag das Zimmer wieder ein wenig wohnlicher gestellt. Tante kam. Tagebuch der letzten zwei Wochen nachzutragen begonnen. Abends heisser Wein /erster Wein in unserer neuen Wohnung/. Neblig und nässlich.


So 6 Dez 53:

Linoleum in Küche und Waschraum gelegt.

Nachmittag, ohne ein bisschen wegzudenken, den halben Dos Passos-Roman gelesen, zum grössten Teil Mama laut vorgelesen.

Abends Tagebuch zu Ende nachgetragen.


So 6 Dez 53:

Abends nach längerer Zeit wieder Gewissenserforschung.


Mo 7 Dez 53:

Früh Dos Passos weitergelesen. Ich habe nun wieder einigen Abstand zu meinem gegenwärtigen Vegetieren gewonnen.

Stellagen bestellt. (Der Tischler war beim Mittagessen. Wir schrien die Bestellung in ein Fenster in den dritten Stock hinauf.) (Innere Stadt.)

Abends im Vorstadtkino: "Hokuspokus". Ein geistreicher, witziger, spannender, meisterhaft gut gebauter Film von Curt Goetz. Auch die Schauspieler arbeiteten gut.


Di 8 Dez 53:

Besprechung mit Witzmann. (Ein wenig gegen Machwitz.) Jeden Abend und jeden Morgen fahre ich mit anderen Menschen in der Straßenbahn.

Stellagen endgültig bestellt. Roček schrieb, (gestern Abend erhielt ich den Brief) wegen der Lesungen im Volksbildungsheim.

An diesen Dezembertagen: nichts Nennenswertes.


Mi 9 Dez 53: Überraschung:

Ich scheide aus der ÖPEX aus und werde in die Welser Papierfabrik als Betriebsbuchhalter übernommen. Anfang Jänner muß ich für kurze Zeit nach Wels, damit ich die Fabrik und das Material kennenlerne. Ich muß dort bei der Inventur helfen.

Man gratuliert mir und sagt, das ist endlich die "Chance" für mich.

Meine Kartei in der ÖPEX wird aufgelöst.

Im Büro einen verwirrten Tag verbracht.

Der Aufsatz für den Petroleumofen ist endlich da. Die Frage unserer Heizung ist jetzt gelöst.

Abends zeigte mir Artmann sein Katakombentheater, die "Kleine Schaubühne", die schrecklich makaber wirkt.

So müssen die Vergnügungs- lokale der Toten, im Zwischenleben bis zum Jüngsten Gericht, aussehen.

Daheim mit Mama über Wels gesprochen. Sie ist natürlich sehr traurig über die vorübergehende Trennung.

Post: ein Brief von Wittmann, ein trauriger Brief von Friederike Mayröcker. Erledigte für einstweilen die Sache mit Roček: er soll selbst mit den "Neuen Wegen" verhandeln.

Polakovics sagt mir, daß bis jetzt zwei Antworten auf meinen provokatorischen Artikel in den NW eingelangt sind: einer von Wiesflecker, der andere von Traude.


Donnerstag, 10.12.:

Besprechung mit Dr. Lindner.


Freitag, 11.12.:

Im Büro mehr geplaudert als gearbeitet. Jetzt, bevor ich weggehe, mag mich anscheinend auch Huber leiden.

Abends Post: die "Neuen Wege". Zwei Artikel; der von Traude ziemlich plump, beide Artikel an der Sache vorbeiredend. Amüsant ist, daß der eine Artikel wirklich "die verdächtige Unordnung" hieß, wie ich es mir auf der Heimfahrt prophezeit hatte.


Samstag, 12.12.:

Las auch den Artikel der Danneberg über die Generation 1945 in den "NW" und hatte einen angenehmen Morgen ohne Ärger. Ich hätte die Polakovicse ganz unbe- schränkt gern, wenn sie nicht ihre Posen hätten: er seine grimmige "Männlichkeit", sie ihre Routine und ihre Glycerin-Tränen. Beide, wie die ganze Hakelschule, machen in Edelmut und Gemeinschaftlichkeit. In der Unaufgeschlossenheit sind sie beide beispielhaft. (Übrigens ist die nicht konstant sondern hängt von irgendwelchen Launen ab.)

Einstweilen werde ich nicht antworten sondern die Antworten der Leute abwarten, die für mich sind. Immerhin mehrere Gedankengänge aufbewahrt. Wenig Arbeit im Büro.

Keller-Ordnung. Tante kam. Alte Notizen nach längerer Zeit wieder einmal aufgearbeitet. Mama trank Wein. Tagebuch.

Gestern Abend war ich niedergeschlagen deswegen, weil anscheinend niemand die Stimmungs-Änderung in den "Neuen Wegen" merkt. Die Unmittelbarkeit ist dahin. Einige frischere Stückchen wiegen die Ladung Geschichte nicht auf, die auf den übrigen Stücken lastet. Vor allem: keine Hoffnung auf einen Durchbruch mehr. Verösterreichert! Die Basis, auf der ich stehe, ist so klein. Daneben die Abgründe des modernen Formalismus und des Traditionalismus.


Sonntag, 13.12.53:

Bis halb elf im Bett gelegen. Die "Wendemarke" gelesen. Faulkners unübersichtlicher Stil ist mir weniger angenehm zu lesen als Hemingway's oder auch Dos Passos' klare Stile.

Aber der Roman (den ich im Laufe des Sonntags und des Montagmorgens fertiggelesen habe) bleibt einem im Gedächtnis. Das ist den unwiederholbaren Gestalten und Charakteren zu danken, die diesen Roman gelebt haben.


Montag, 14.12.53:

Abends Kino "Auf den Straßen von Paris". Die Rahmenhandlung ist originell. Leider hat man die Möglichkeiten, die sie bietet, fast nicht ausgenützt. Die Spielhandlung selbst ist uneinheitlich und dünn. Der Hildegard Knef hat man fast keine Gelegenheit zu spielen gegeben.


Dienstag, 15.12.53:

"Fahrraddiebe" ein zweites Mal angeschaut, diesmal mit Mama.

Der Film hat auch auf sie stark eingewirkt.


Mi 16 12 53:

Abends die vier Spiegel abgeholt. 150.-


Do 17 12 53:

Nachmittags in der Welser (Schönborngasse). Herr Nepp (der Buchhalter) und Frau Viciany (die Buchhaltung-Angestellte führten mich in den Betrieb und in die Buchhaltung ein.

Ganz andere Stimmung als in der ÖPEX, kameradschaftlich, Nepp nicht zu vergleichen mit Machwitz und Witzmann, Viciany nicht zu vergleichen mit Huber. Die Buchungsmaschine in ihrer Moderne freut mich, besonders freut mich, daß sie für mich noch zwei Zählwerke eingebaut kriegt. Auch eine Wand wird für mich versetzt. Ich werde im Zimmer mit Frau Viciany arbeiten. Im Nebenzimmer wird Herr Nepp sein. Nach der allgemeinen Mittagspause gibt es im Buchhaltungszimmer noch Kaffee. Nach meiner Rückkehr aus Wels muß ich zunächst Buchhaltung lernen. Wenn ich so weit vorgeschritten sein werde, daß ich die Arbeiten der Frau Viciany leisten kann, (zur Vorbildung und damit ich ihre Arbeit in ihrem Urlaub mitmachen könne), werde ich von der Finanzbuchhaltung weggeführt, und mit mir zusammen wird eine Betriebsbuchhaltung für die Welser Papierfabrik heran- wachsen. (Bisher hat es eine solche in diesem Betrieb nicht gegeben.

Also arbeite ich ohne einen Vorgänger in diesem Fach in dieser Fabrik.) Bis dahin, und bis ich dann Betriebskontrolle, Rationalisierung und Kalkulation werde ausüben können, wird aber noch viel Zeit vergehen.

Ein eigentümliches Gefühl: Nach mehreren Jahren wieder neu beginnen, wieder lernen und neue Perspektiven um sich sehen; wo man doch befürchtet hatte, bis zu seiner Pensionierung im Trott des allgemeinen Handelsangestellten dahinschreiten zu müssen.

Hurra, ich arbeite nicht mehr in der Inneren Stadt sondern in einem richtigen Vorortbezirk ohne Stephansdom, Porzellan- und Pelzgeschäfte und wohlgenährte Damen Mein Leben wird wieder anders werden Ein Bezirk, wieder mit lebenden Häusern und Menschen mit einem richtigen Nikolaus winter und einem richtigen Frühling und zuwehen wird wieder die Erinnerung an die

Autos mit Chauffeuren, die Lokaleingänge, die bissigen geschminkten Gesichter der Kaufmannsfrauen, die gepflegten Kinne der Männer mit ihrer Intelligenz des Geldes, die Drogerien, wo man seinen Hund vergolden lassen kann, die Leuchtröhrenkälte dieses ganzen Weltteils mit allem Verkehr, allen Figuren und Gesichtern,

endlich wieder ein bißchen Wärme spüren und deklarierte Saukälte, Einsamkeit und kleine Gruppen auf den Straßen, nicht mehr diese unablässige Schaustellung,

wieder mit dem Kopf und nicht mit der Stadtgrimasse arbeiten müssen

ich Provinzler ich, ohne Provinzlerin, schon in der Vorstadt recht glücklich.


Fr 18 12 53:

Die Stellagen wurden geliefert, 775.- (Küche, Vorzimmer.)


Sa 19 12 53:

Spiegel und Toilettebrett wurden montiert.

Tante kam. Vorzimmerstellage einzuräumen begonnen.


So 20 12 53:

Zimmervorhang. Vorzimmerstellage fertig. Vorzimmer Wandbespannung.


Mo 21 12 53:

Weltsch besuchte Mama. Kleiderablage wurde montiert.


Di 22 12 53:

Amtsweg (eigentlich umsonst). Abends erstmals Geschenk von Dr. Lindner. (Wurde für mich


in unserer Wohnung abgegeben. War sehr überrascht.)

Abends versuchte ich für Mayröcker und mich eine Niederschrift.


Mi 23 12 53:

Abschied vom Büro.

Besinnlicher Abend zu Haus.


Vormittags Wege.

Baudelaire kam, gelesen.

Wenn man Kinder mit solchem Lesestoff erzöge -?

Heiliger Abend. Mama war erfreut über das Eau de Cologne. Ich über zwei Bücher: Daumier und Warsinsky, die ich von Paul bekommen hatte.


Notiert 22 12 53 abends also ein halbes Jahr später, auf meinen drängenden Wunsch.
Autobus Rückfahrt aus Burgenland abends

"Mein Mädel hat einen Rosenmund und wer ihn küßt, der wird gesund o du, o du, o du -

o du schwarzbraunes Mädchen mein tralálalàlalátraa - lálalalalá ....." du läßt mir keine Ruh (Volksliedbearbeitung von Brahms) aus dem Radio (nach mancher anderer - schaler - Musik und nach eifrigem städtischem Geplapper).

Dazu die Fahrt im Autobus. Wechselnde Richtungen und Geschwindigkeiten, in die Abenddämmerung hinein. Der Motor mit seinem unentwegten Geräusch, das mit der Musik manchmal zusammenstimmt, manchmal sie stört. Das gibt einem ein Gefühl: Fröstelnd, unaussprechbar. Anklänge, Gedanken:

Jetzt wieder Heimkehr in die Stadt. Nur das Lied mit mir verbunden, gegen das übrige im Autobus, das der Stadt und mindestens ihrem Treiben, ihrem Lebensgefühl, zustrebt.

Sich Klammern an das, was Zeugnis von der tieferen Welt ablegt. Bald sind die Kontakte mit dem Tieferen wieder gestört; Aber die Augenblicke oder Zeitspannen der Tiefe haben einen Zusammenhang untereinander, als lebte man ein kontinuierliches Untere-Leben unter dem Alltäglichen, und wisse es nur nicht immer. Glückgefühl und Geborgenheit Aber Angst vor der Verschwendung der Jahre. Auflehnung gegen die Anpreisung des äußerlich genützten Lebens. Unzufriedenheit mit: der eigenen Erkenntnisunschärfe, Flüchtigkeit des Gefühls und Ausdrucksschwäche.

Gedanke: Der Komponist dieses Lieds. Gestorben. Alle gestorben, die in dieses Lied bezogen sein konnten. Der Augenblick, da dieses Lied wesentlich gegolten hat, ist dahin und kommt nie zurück und wird nie von jemand in Gedanken nachgeschaffen werden können. Aber das Lied bleibt. Wie grausam sozial die Wirklichkeit auch mit dem Tiefsten des Individuums umspringt. Welcher Trost, welches Niederschmettern.


Machte mich über Daumier, blieb den ganzen Abend bei ihm.


Fr 25 12 53:

Weihnachtstag. Früh Kirche und Sieveringer Spaziergang. (Jeder für sich allein.)

Bis zwei Uhr die Kimmerische Fahrt gelesen. Ein starkes, zugleich unbefriedigendes Buch. Die "Untrüglichen" klangen, im Vergleich dazu, so deutlich aus.

Viel geplaudert.


Ich träumte /noch in der alten Wohnung/ von einer wahnsinnigen Tat: Ein Mann und eine Frau hatten sich an den Beinen einander anschmieden lassen. Es verband sie eine breite und starke glänzendgelbe Metallklammer. Eine illustrierte Zeitschrift bildete das Paar, mit einem bösen Kommentar, ab.

26 12 53

Sa 26 12 53:

Vormittag: Arbeiten im Haus. Mittag: Ein paar Notizen auszuarbeiten versucht.

Nachmittag: Tante und Paul kamen. Nachher: Koffer gepackt und "hulat" (Wein, lustige Gespräche. Ich kritzelte dumme Zeichnungen. Lang wachgeblieben.

Elf Uhr nachts: Carmina burana.


So 27 12 53:

Früh Idiot gelesen.

Vormittag fertig gepackt. Der Himmel verhängte sich tief. Weicher Schnee fiel. Noch gar kein "Reise-Fieber".


Nachmittag aus der Wohnung gegangen. Verbrachten den Nachmittag noch bei Tante. Ich übernachtete dort. Am Montagmorgen dann von dort aus zur Bahn gefahren.

6,25 D-Zug nach Wels. Fahrt, in das Morgengrauen hinein, bei tristem Wetter. 9,08 in Wels angekommen. Wurde von Herrn Nepp abgeholt und gleich in die Fabrik gebracht, wo mich Herr Hummer aus der Materialabteilung dann herumführte.


Tagebuch

1953

AOk

260

Tagebuch

von ... Di, 16 6 53

bis ... So, 27Mo, 28 12 53

Di 16 Juni 53:

Früh wieder Briggi getroffen,
aber mit Fritz, was meine
Unterhaltung mit beiden
verhinderte.

Früh war der Himmel
mit Wolken bedeckt,
aber später scheinte warm
die Sonne.

Gegen Mittag wurde es wieder
trüb.

Letzte Tage vor der Hinrichtung
der Rosenbergs. Es besteht
noch die Möglichkeit ihrer Begnadigung.

Abends kleine Korrespondenz
erledigt.


Mittwoch 17 Juni:

Offener Aufruhr in Ost-Berlin.
Früh mit Schik-Karli gefahren,
die Lage diskutiert.

Heißer Tag.

Abends Eisenreich-Brief.

Bier. Garten.


Donnerstag 18 Juni:

Früh: Aufstand in Ost-Berlin niedergeschlagen. Belagerungs-
zustand. Alle Macht in den
Händen der russischen
Militär-Regierung.

Kleine Korrespondenzen.

Fast unerträglich viel Arbeit
im Büro.

Abends bezogen wir das
Kabinett, das nunmehr
uns zur Verfügung gestellt
wurde, zunächst als
Rumpelkammer. Begannen
mit der Bücherordnung
für die Übersiedlung.

Hinrichtung der Rosenbergs wurde
aufgeschoben.


Freitag 19 Juni:

Vergeltung in Ost-Berlin.
Erstes Todesurteil nach dem
Standrecht.

Briggi und einen bisher
mir unbekannten Musiker
vom Spiegelgrund getroffen.
Über die carmina burana
gesprochen.

Werner Bažata in der
Stadt getroffen.

Für den zweiten Versuch,
den Rommel-Film in Wien
aufzuführen, ist eine
Menge Polizei - zum Schutz
der Aufführung - vorbereitet.

Im Büro wieder viel gearbeitet.

(Langwieriges Fakturieren, weil ich

                    Bauer vertreten muß, neben
meinen gewohnten Arbeiten;
die Hitze vormittags
                   lindert sich mir, wenn
ich eine Banane esse;
hastig, unter dem Tisch
versteckt, aber mit kon-
zentriertem Genuß.)

Abends einige Koffer in das
Rumpelkabinett getragen
und Schlösser repariert.

Erinnerte mich, der Begegnung
mit Bažata zur Folge, an
Susi, die jetzt schon lang ver-
heiratet ist. Wie deutlich
hab ich noch das Jahr
                       1947 im Gedächtnis:

      "Ich kenn mich
nicht aus."

Es ist allerdings nicht gesagt,
daß sie sich jetzt universal
auskennt.


Samstag, 20. Juni:
Schönes Wetter.
Ungestörter blauer Himmel.

Früh Karte an Eisenreich
geschrieben. Tagebuch.

Rosenberg sind
hingerichtet worden.








Über die Ost-Berliner Aufständischen
und die Rosenbergs sind die
Wellen hinweggegangen.


Wir Unbeteiligten, Gnade uns


Gott.




Vormittags auf die Linzerstraße
gegangen. Jandl-Brief geschrieben.

Kein kam nachmittags. Im Garten
geplaudert.

Abends las ich in slovakischen
Lesebüchern.

Morgen ist Sonnenwende.
In den Gärten werden Feste
vorbereitet.


Sonntag, 21. Juni:

Vormittags auf der Wiese gelegen,
einen Mann kennengelernt,
der von vielen Reisen
erzählte. Zuvor hatte
ich ein kleines Gedicht


geschrieben, innerhalb zweier
Minuten.

Nachmittags Reduktion und
Bestand-Aufnahme der
ältesten P-Mappe.


Mo 22 6 53:

Früh in der Zeitung gelesen: 65 Uranschächte
zerstört. 100.000 Streikende in Ostedeutschland.
12 neue Erschiessungen.

Abends Manuskript-Kopie von Polakovics zurück-
geholt. Keine Misstimmung mehr.

Seine Frau erwartet in den nächsten Tagen
das Kind. Sie Wwerden in die Starchantsiedlung
ziehen.

Weitergefahren zu Roček in die Schanzstrasse
/gleich hinter Artmann/. rRoček ist ein
pathetischer Jüngling. Aber man darf gegen die
Ergebnisse dieses Lebensalters nicht ungerecht
sein. Man darf sich von dem Uebergewicht an
abstrakten Wörtern und von der                 für dieses Alter
natürlichen Rhetorik und Klangsuche nicht ab-
schrecken lassen und muss die potentielle Gestalt
des künftigen Dichters aufspüren.

Ich bin froh darüber, dass mir Polakovics
und Maja nicht mehr bös sind.


Di 23 6 53:

Abends zu Fritsch. Ich brachte Bier mit,
von unterwegs. Seine Frau wurde von ihrer
Hauptmiet  erin ins Theater gezwungen, so musste
Fritsch allein für den kleinen Michael
sorgen an diesem Abend. Die Fütterung gelang
schlecht.                                    Ein schwüler Abend war, es kamen
Regen und Gewitter. Das Bier war nicht besonders
kühl.

Fritsch plant jetzt auch eine Auslese unter
seinen Gedichten und die Zusammenstellung
eines Bändchens. Ich riet ihm sehr zur
Chronologie. Ich hörte mit Freude manche
seiner früheren Gedichte. Auf das Bändchen,
oder auch die Zwischensumme schon, freue ich
mich.

Fritsch fühlt sich verlockt, ein Gedicht zu
schreiben, weit ausholend, in dem er möglichst
viel von dem mitteilen kann, was er seit langer
Zeit aufgenommen hat.

Mein "Medea"-Fragment mag er sehr.


Mi 24 6 53:

Abends kam der von Eisenreich angekünfdigte
Brief vom Rowohlt-Verlag.                                       Ich möchte, wo der
Brief jetzt da ist, di
e Sache sehr rasch
antreiben.

Andauernd unruhiges Wetter. Blauer Himmel mit scharf
abgegrenzten schwarzen Wolken. Scheint die Sonne, so ist es
schwül, knapp nach den Gewittern ist es kalt.


Do 25 6 53:

Das Büro ist mir zuwider. Obwohl ich keine
Schwierigkeiten vor mir habe, obwohl ich nichts
befürchte. Aber dieses Totschlagen der Zeit,
diese Verschwendung der Kräfte.


Fr 26 6 53:

Wir merkten im Büro nichts vom Hagel, der nieder-
gegangen sein soll. Vielleicht hat es auch nur in
der Vorstadt gehagelt. Dort griff man jedenfalls
Händevoll Eis von den Fensterbrettern.

Neulich wieder Sonja getroffen. Also ist der
Spruch ungültig: Sonja trifft man nur zweimal.

Abends die Sendung für den Verlag fertiggemacht.
Gestern um die Steinhofer Mauer gegangen. Der
erste Sommer in meinem Leben, in dem ich Leuchtkäfer
sehe. Gleich habe ich auch einen zu mir genommen
und mit mir getragen. Wir tranken bei Westermayer
Bier, der Leuchtkäfer sass auf unserem Tisch und
strahlte sein grünes starkes Licht aus. Der Abend
war kühl.

Freitag früh hatte ich Briggi getroffen. Ich hatte ihr
die Sache mit dem Rowohlt-Verlag erzählt. Ich
hatte ihr auch gesagt: es scheint so, als komme
mir alles ins Haus. Sie hatte darauf gesagt:
passiven Leuten geht es oft so.

Abends zwei Bücher gekauft /Stimmen der Gegenwart
1953
, Perspektiven, Heft 3 ./.


Samstag 27 6 53:

Vormittags Büro. Weniger Arbeit.

Versuchsweise einen Paprikaschnaps gekauft.
Aber auch sein Geschmack ist wieder mit einem
Fremdgeschmack verunreinigt. Wir müssen einen
Paprikaschnaps selbst ansetzen. /Es muss unbedingt
Paprikaschnaps da sein für den Empfang von Jandl./

Heute vormittags ging mein Manuskript an den
Rowohlt-Verlag ab.

Zwei Episoden, berichtet aus Ostdeutschland:
Beim Sturm von 50.000 Arbeitern auf ein Gefängnis
wurden Sowjetsoldaten mit kochendem Teer begossen.
Eine Volkspolizistein schoss zwei Kinder nieder und
wurde daraufhin von der Menschenmenge zertrampelt.

Nachmittags Ribiselernte bei Weltsch.

Ich blieb zuhaus und machte Ordnungen.

Dann ging ich, nur für eine Stunde, in den Garten.

Den Bestand der P-Mappen weiter aufgenommen.

Bei trübem Wetter kamen Tante und Paul.

Vormittags hätte ich Gelegenheit gehabt, mich an
ein kleines aber durchtriebenes Mädchen heranzu-
machen. Sie blieb sehr in meiner Nähe und lenkte
meine Aufmerksamkeit         deutlich auf sich. Weil ich
den Eindruck hatte, dass sie mir kaum ein liebes
Mädchen werden könnte, verzichtete ich darauf, die
seltene Gelegenheit zu nützen.


Sonntag 28 6 53:

Es ist traurig, dass das Wetter so hässlich
bleibt. Sonst wäre ich fortgegangen, so blieb ich
zuhaus, arbeitete ein wenig für die Uebersiedlung,
schrieb Tagebuch und stellte mir vor, es sei wirklich
Sommer, wenn die Sonne manchmal durch die Wolken
scheinte. - Mit einem Heimkehrertransport kommt
am l. Juli Josef Baumruck aus Russland zurück.

Er wird uns von Papa erzählen, da er lang mit ihm
in Borowsk war.


Sonntag 28 6 53:

Nachmittag Vorarbeiten
für die Uebersiedlung.
/Gern gearbeitet./


Montag 29 6 53:

Endlich blauer Himmel.
Heiss. Früh konnte ich ein
bisschen lesen. Konsum.

Es würde mir sehr viel
bedeuten, wenn Rowohlt meine
Gedichte brächte.

Ungern ins Büro gegangen.
Karl Schik getroffen.

AKämpfe mit den Behörden
und private Reibereien
im Büro. /Huber ist auf
Marchsteiner eifersüchtig,
weil Dr. Machwitz Marchsteiner
weniger Arbeit gibt./

Abends ruhige Stunden zuhause
und beim Spaziergang uim die
Steinhofer Mauer.


Dienstag 30 6 53:

Letzter Junitag ...

Früh länger im Bett geblieben.
Ich begann, Gides "Falsch-
münzer
" zu lesen.

Im Büro die Nachricht: wenn
Dr. Lindner Direktor Steger
auffordert, gemeinsam mit ihm
die Verantwortung für die
rechtswidrig durchgeführten
Geschäfte zu tragen, wird
Steger aus der Firma austreten.
Tante sagt, dass das dann
auch ihr Ende sein wird, da
sie gegen die Intrigen von
Machwitz und Witzmann nur
durch die Sympathie von
Steger gestützt wird.


Ich dachte nach über das schrecklich
Peinliche der Dichterlesungen. Zwanzig
Leute, in wurstiger Stimmung, dem Autor
so fern wie nur möglich, hören an, was er
auf dem Podium ihnen vor-tobt.

Gedichte müssen entweder in ein
abstraktes Publikum gebracht werden
/durch das Radio, durch das Buch/,
sodass kein Zuhörer dadurch gestört
wird, dass er die lächerliche Zusammen-
setzung der Gesamthörerschaft erkennt,
oder sie müssen von einem Vertreter
des Autors gelesen werden, sodass nicht
der Eindruck entsteht, der Autor selbst
lege seine ganze Hoffnung in das Ver-
ständnis seitens dieses Pensionisten
oder jener schöngeistigen älteren Dame
in der zweiten Reihe /seine Augen
funkeln sie, weil sie irgend jemanden
anfunkeln müssen, an/;

Gedichte dürfen nur in Ausnahmefällen
vom Autor vorgelesen werden, in denen
der Augenblick dazu einlädt.

Vielleicht ist es auch gut, Gedichte
während eines gemeinsamen Spazierganges
zu sagen.

30 6 53

Solche Nachrichten werden gleich
wieder unaktuell. Nachmittags schon
ist alles wieder in Frieden, die Leute
vom Amt waren höflich, und Dr. Lindner
wie Steger zeigen sich in guter Laune.

Wieder trübes Wetter. Am Nachmittag
geschwitzt vor Hitze und YArbeit.

Daheim aber angenehm. Zur guten Stimmung
hinzu noch gebackene Leber, eine Flasche
kaltes Bier und etwas Wein.

Ich dachte nach über das schrecklich
Peinliche der Dichterlesungen.

Konkrete Formulierungen zu diesem
Thema misslangen /obwohl ich mich
mehrere Tage lang              um sie bemühte/.


Mi 1 7 53:

Morgens 5 Uhr aufgestanden;
so konnte ich noch eine Stunde
André Gide lesen.

Auf der Strassenbahn Briggi getroffen,
hätte Lust gehabt, mit ihr wesentlich
zu sprechen, solche Gespräche sind aber
auf der Strassenbahn schwer zu machen.

Büro: das Neueste: Dr. Machwitz ärgert
sich darüber, dass ich über 17 Uhr
hinaus abends im Büro bleibe. /Als ob
ich es zum Vergnügen täte./ Vormittags
nahm mich Machwitz nicht dran; ich konnte
also Rückstände von gestern aufarbeiten.


Do 2 7 53:

früh wieder die Falschmünzer
weitergelesen. Büro: Dr. Machwitz sagt,
er deckt uns nicht, wenn wir pünkltlich um
17 Uhr nachhause gehen, wie er es gestern
vorgeschlagen hat.

Dr. L. sagt, wir haben so wenig zu tun,
dass er ruhig zwei Leute entbehren
könnte.

Abends mit Tante heimgekommen, Paul kam
auch; wenig los.


Fr 3 7 53:

Früh, obwohl wenig Zeit,
noch etwas weiter gelesen.

Meine Art, nämlich: ruhig zu bleiben
angesichts der Reibereien im Büro,
ist die ökonomischeste. Die Aufstand-
stimmung der anderen fand wieder einmal
keine Verwendung; Dr. L. war, ohne dass
wir es wussten, nachdem er sein Kuckucksei
gelegt hatte, nach Wels gefahren. In
vierzehn Tagen, wenn er zurückhgekommen
sein wird, wird der Plan, bei ihm gegen
seine Bemerkungen zu protestieren,
vielleicht vergessen sein, vielleicht
ausgeführt werden aber unaktuell
geworden sein. An              Tieren von seiner Art
gleitet alles ab. Wenn nicht
in der Mitte spiesst, sondern am Rand
angreift, entwinden sie sich.

Solange man sich nicht gegen eine
tatsächliche Bedrohung zu wehren hat,
und vor allem, solange man nicht die
Möglichkeit hat, seine Anstellung aufzu-
geben, sind Diskussionen mit den Unter-
nehmern, diesem Getier, nutzlos und nur zermürbend.

Ja, gäbe es ein Mittel, ihrem Regime und
dem grösseren Regime, das sie stützt,
ein Ende zu machen. Aber die Parteien
sind längst arbeiterfremd geworden,
und die Arbeiter sind einsam.






Kopplungsgeschäfte jetzt fast erledigt.
Heisser Tag.

Abends wieder Bier.


Sa 4 7 53:

Früh aufgestanden. André Gide
weiter gelesen. Heisser Tag.

Nachmittags Kein. Er gab mir vier
seiner Prosastücke zu lesen; sie gefallen
mir sehr gut, sie sind sehr rein.

Ich zeigte ihm Notizen zur Psychologie
des Surrealismus
, las ihm Niederschriften
mehrerer Träume aus dem November 1952
vor, und wir kamen in angeregte Unter-
haltung. Wenn ich mit ihm arbeiten
könnte.


Samstag 4 7 53

während der Gespräche mit Kein
die folgenden Notizen in die Maschine
geschrieben, teils nach seinem Diktat,
teils mit eigenen Formulierungen,
wie man es aus den einzelnen Abschnitten
erkennen kann.

/Am Nachmittag/
Sa 4 67 53 nm.



Kein erzählt, als Knabe habe er geträumt manchmal,
im Halbschlaf einen Hund bellen gehört, oder ihm
ist vorgekommen, er sei auf einem Randstein ausgeglitten.
Das habe ihn jedesmal erschreckt. Das habe ihn erschreckt.

hat ganz ähnlich im Halbschlaf geträumt, dass ich
über eine Wiese gehe und plötzlich ist eine Vertiefung
im Boden und ich stolpere. Dann bin ich jedesmal sofort
erwacht, habe noch gespürt, dass ich die Bewegung auch
in Wirklichkeit ausgeführt habe, und habe mich dann jedesmal erschreckt und gleichzeitig geärgert gefühlt.

Die meisten Menschen, sagt Kein, fühlen sich in bestimmten
Zeiträumen, die sie gar nicht erlbeebt haben können, vertraut.
Keins Zeitraum ist zwischen 1920 und 1930 in New York
oder in irgendeiner grossen amerikanischen Stadt.

Ein anderer hat Kein erzählt, dass er sich im Wien um die
Jahrhundertwende szuhause fühlt.

    Mir kommt das Literaten-tr     eiben vergangener Zeiten
Wiens ähnlich vertraut vor, habe zum Beispiel gerne in
Grillparzers Aufzeichnungen über solche Dinge nachgelesen,
habe auch gerne von denm Kaffeehausgesellschaftenleben Wiens um
die Zeit Altenbergs, Bahrs gehört.

Vergleichet aber auch mein Fragment "Was will der Knabe am
Schaltbrett sehn ...?"

Man kann im Traum oft beobachten, dass man gleichzeitig Zuschau-
er und an der Handlung beteiligt ist.

Ein alpenländischer Literaturkritiker, im wachen Leben
wenig witzig veranlagt, träumte folgenden surrealistischen
Witz:

"Ein kopfloser Mann ohne Kopf kommt zu einem Friseur
und der Friseur sagt ganz entsetzt: Ja wie soll ich Ihnen
denn da die Haare schneiden?" - Und drauf sagt der Mann:
Aber regen Sie sich nicht auf, ich möcht mich doch nur
rasieren lassen."

(Erzählt von Kein.)

zZu meinemr seinerzeitigen Halbschlafwahrnehmung:
"so schneckenschwer" habe ich folgende Erklärung:
Es gab ein Gedicht der sehr konservativen H. F. Horst
in den "Neuen Wegen", mit einer Stelle darin: "... so
lerchenleicht ..." /übrigens durch einen Druckfehler
entstellt: so lachenleicht/. Wahrscheinlich ist eine
Sp Verspottung der Horst in meine Traumwahrnehmung mit
eingebaut: "so schneckenschwer ist in Wahrheit ihre die
'Leichtigkeit' bei so vielem einer solchen durch formale
B Gezwungenheit eingeschr äeengten Autorin."

Es ist anzunehmen, dass, auch     ohne Ääußerelich bedingte Ablenkung, nicht eine absolute Kontinuität des
Gedankenflusses besteht, sondern dass verschiedene
Gruppierungen im Denkbarkeitsbereich liegen, von denen
die eine oder die andere gelegentlich genug gewichtig
werden, um ans Bewusstsein durchzubrechen und auch einen
bestehenden Gedankenfaden. Gedankenfluss zu unterbrechen.

(Zusammen mit Kein.)

So 5 7 53:

Aufstand in Polen.

Ueber das Eintreffen des Heimkehrer-
transportes, der vorigen Sonntag für den
1.7. angekündigt worden war, ist noch
immer nichts bekannt.

Rakosi ist nicht mehr Ministerpräsident
Ungarns.

Gestern abends und heute früh
Gides "Falschmünzer" fertig gelesen.

Dann Vorarbeiten für die Uebersiedlung
fortgesetzt. Das schöne Wetter ist
unbeständig. Schon gestern nachmittags
trübte es ein. Heute ist der Himmel
ganz bedeckt. Je nach dem Wind, dem
Wohnraum und der subjektiven Verfassung
scheint es kühl oder schwül zu sein.

Ordnungen in meinen Sachen gemacht.

Roček meldete sich für kommenden Sonntag
an. Dann wird er für mehrere Wochen nach
Rom fahren.

Mit Mama spazieren: Steinhofer Mauer,
Gartenwege am Satzberg, das Wetter wurde
gleich sehr schön und hielt so an.

Das Sonnenlicht steigert Landschaft
und Leben: den gelben Steinbruch,
den Laubwald mit seinem Gelb und Hellgrün,
die Sommerblumen in den Gärten /wie
mittaglich die ganzen Tage sind!/,
Menschengruppen in Gärten: in Liegestühlen
und auf Hockern um einen Tisch gelagert,
einer geht im nassen Gras und giesst
Blumen, ein Mädchen muss die Stiegen auf-
waschen, viele Hunde laufen in den Gärten
umher und Nachbarhunde bellen einander an.

In einer Baumkrone über dem Weg sägt
ein Mann; ein anderer auf dem Boden
ordnet die abgesägten Stücke.

Setzten uns zu Westermayer und tranken
je ein Krügel Bier. Westermayer hat
seinen "Vorgarten" erweitert, das heisst,
      um sein Buffet noch mehr Tischchen und
Hocker gestellt; umzäunt ist dieser
Vorgarten nicht; er                               wird umflutet von der
breiten
Strasse, die um die Steinhofer
Mauer
führt; vormittags gehen viele
Ausflügler diese Strasse, mittags nur
einzelne Menschen aus den Schrebergärten.

Von den        Hockern aus sehen wir das
südliche Panorama von Wien; blassblau
die Ebenen und die kaum                noch durch-
dringenden Berge hinter den Fabriken
von Meidling, dann die Gehege und die
weiss-lila Häuser des Südwestens von Wien
über St. Veit bis nach Hütteldorf und in
den Wiener Wald.

(So 5 7 53 Fortsetzg.)

Um Zeit            zu gewinnen, nahm ich mir
versuchsweise vor:

1. werde ich alle mechanischen Arbeiten
an Werktagabenden verrichten, 2. werde ich täglich um halb sechs aufstehen,
um in der Früh noch lesen zu können.

Die "Falschmünzer" sind ein grossartiges
Buch. Ich ziehe Gide dem Hemingway vor.
Gide ist vielfältiger und durch seine
psychologische Polyphonie wahrer. Kein
Vergleich auch mit dem , armen
Sartre. Ich habe die "Falschmünzer" nicht
nur interessiert, sondern auch liebevoll gelesen.

Nm. Pol. kam. Maja hat vorgestern ihr Kind,
ein dunkles Mädchen, bekommen. Ihre Wohnung
ist jetzt in der Starchant-Siedlung. Auch
die Frau mit dem Kind wird bald hinzuziehen,
im Spital braucht sie nicht lang zu bleiben

Pol. brachte das Belegexemplar des Wienbuchs
für Paul. Er demonstrierte mir schlechte
Gedichte, wie er sie jetzt bei verschiedenen
Gelegenheiten /im Radio und in den NW/
kritisiert, um sich mit der Zeit eine
Bibliothek aus Rezensionsexemplaren von
Büchern
zu schaffen. Er zeigte mir seine
Wohnung. Es regenete am Nachmittag.

Abends dachte ich über meine Haltung im
Büro nach und                         formulierte meine beiden Richtlinien:

1. Abdichtung meines privaten Lebens
gegen alle Berührungen durch das Büro, 2. "Integrierung" meines Wesens gegen alle
im Dienst üblichen Folterungen und alle
Versuche, mich zu ändern in einer Richtung,
die mir nicht gefällt. Man hat mich also
nicht als ganzen Menschen gekauft, sondern
nur jene meine Funktionen zum Eigentum
erworben, die die konkrete Arbeit verrichten.
Leider haben sie auch meine Lebenskraft
und meine Zeit mitgekauft.

Was ich neulich mit Bezug auf den Kampf
gegen die Vorgesetzten niedergeschrieben
habe: dass ich den Kampf aufgegeben habe,
weil ich die Situation weder für die
anderen noch für mich ändern kann, gilt
auch für meinen Kampf gegen die Kollegin
Huber. Ich lebe seit langer Zeit nicht mehr
in gespanntem Verhältnis mit ihr; ich
gehe längst nicht mehr mit meinem ganzen
Wesen in die Gespräche /das ist das
Geheimnis meiner Immunität/; ihre Ansichten
und die Gestaltung ihres Lebens sind
schliesslich ihre eigene Sache. Was mich
immer noch daran ärgert, sammle ich in den
Behälter, den ich mir im Sinne der
Rationalisierung des Aergers gebaut habe:
auch aus ihm hoffe ich für die grössere
Gemeinschaft gültige Ergebnisse schöpfen
zu können.

/Uebrigens: Seit sie im praktischen Leben
meinen Zorn und meine Geduld kennt,
unterdrückt sie mich nicht mehr. Und das
ist für die Gesundheit gut; denn wir sind
an die gleiche Galeere geschmiedet./

So 5 7 53 Fortsetzg. 2
So 5 7 53
Forts. 3

Ich habe noch nie, wie man schlampig sagt, "ein Mädchen
gehabt". Auch in den früheren Jahren nicht. Aber es ist
ein Unterschied: ob man in einer solchen leeren Zeit
unbeeinflusst gelassen wird oder ob man von dem zersetzenden
Gespräch von Leuten, die der Liebe zynisch gegenüberstehen,
innerlich gestört wird. Huber ist eine solche Zerstörerin
und hat zu einem grossen Teil meinen heutigen Zustand
geprägt.                     Aus dem Verzicht auf                den Widerspruch
folgt die starke Verhaltenheit meines Ausdruckes, ja meiner
Gefühle in den letzten Jahren.


Mo 6 7 53:

Bauer seit Montag zurück, Huber seit Freitag
im Urlaub.

Stand wieder zeitig auf, um einiges ins Tagebuch eintragen
zu können.

Weniger Arbeit im Büro. Erledigte meine Rückstände. Die
Druckerei schickte mir die Bürstenabzüge meiner Karteikarten,
ich gab sie frei. Abends kam Hitchman aus Zürich.

Ich sah mir im Flörtzersteig-Kino den
schwedischen Film an: "Gefahren der Liebe".
Er will Spielfilm und Aufklärungsfilm
zugleich sein. Er ist in Wahrheit keines
von beiden. Er ist nicht genügend lehrreich,
und die Handlung ist sehr schütter.


Di 7 7 53:

Früh aufgestanden, konnte manches
ins Tagebuch eintragen. Sehr sonnig.

In der Früh las ich in der Zeitung von
der jährlichen Preisausschreibung eines
deutschen Verlages für Romane junger Autoren.
DM 20.000.-- schon bei Annahme, Garantie einer
Auflage von 100.000 Exemplaren. Diese
Nachricht machte mir einen wirren Kopf.

Im Büro bleibt es ruhiger als während der
vorigen Wochen. Abends zu Fritsch, das
letztemal, bevor sie übersiedeln.

Fritsch las aus seinem Roman, dann besprachen
wir ihn, dann hörten wir /alle drei/ den
carmina burana und den Catulli carmina
von Orff zu; die carmina burana,
"synthetische Volkslieder", wie ich sie im
Spass nenne, sind einfach und nie langweilig;


Sie gehen       , dynamisch und idyllisch
zugleich,         in dieas Gefühl.

Fritschs Frau war hübsch, in einem einfachen
und lieben Sommerkleid.


Mi 8 7 53:

Früh im Bett Eintragungen.

Heisser Tag. Ich wäre lieber zu hHause
geblieben. Aber ich sah mir wenigstens,
während ich ins Büro fuhr, die sommerliche
Vorstadt und Stadt rings um die
Strassenbahn-Strecke an.

Vormittag wenig zu tun, obwohl Hitchman
im Büro ist und Huber fehlt.

Bekam beim Kiosk endlich die seit
zwei Wochen fällige Nummer der "Schau".
Von meinen Glossen ist keine drin.

Eigentlich begreife ich nicht, dass es
unter meinen Arbeiten solche gibt, die
Hakel gefallen. Er ist ein solches
physikalisch unmögliches System aus
morgenländischem Lebensgefühl und
abendländischer Ueberbildung, dass kein
Abendländer und kein Morgenländer sich
mit ihm verstehen könnte, ausser auf der
unechten Grundlage der Unterwerfung,
geschweige denn ihm genügen könnte.
Dabei ist Hakel manchmal, wenn ich mich
um ihn wenig bemühe, zu mir unglaublich
lieb.

Ein Exemplar der Badischen Nachrichten
kam, in dem die publ. besprochen stehen.
G. Kirchhoff hat ein bisschen verdreht,
was ich ihm seinerzeit zur Information
über die publ. geschrieben habe.


Do 9 7 53:

Heiss. Ich habe fast nichts
zu tun gehabt, obwohl Hitchman vormittags
wieder ins Büro gekommen ist. Die anderen
haben heute genug zu tun, ich bin dieses Mal
die Ausnahme.

Nachmittags verdüsterte sich das Wetter.
Ich machte abends Dienst /hatte mit
Marchsteiner getauscht, weil sie sich
für heute verabredet hatte/.

Um 17,30 kam Hitchman wieder. Er diktierte
mir ein ziemlich langes Fernschreiben.
Um 19 Uhr durfte ich, ziemlich müde, heim.

Tante bei uns draussen. Von Stuttgart
ist ein Brief für mich gekommen: die
freundliche Ablehnung meiner Gedichte.
Tante übernachtete bei uns.


Fr 10 7 53:

Wieder früh auf.

Beria ist abgesetzt und aus der KP
ausgestossen worden. /Nachmittags hörte
ich, dass er auch schon verhaftet worden
ist./

Im Büro wieder wenig zu tun.

Ich durfte schon um 16 Uhr heimgehen,
als "Vergütung" für den gestrigen späten
Dienstschluss.

Jandl schrieb mir wieder einen Brief,
sehr herzig.

Paprikaschnaps: weil die käuflichen
derzeit schlecht sind, setzten wir selber
einen an.

Gutes Abendessen.


Sa 11 7 53:

Seeit gestern stark abgekühlt.
Schrieb den Antwortbrief an Stuttgart.

Büro.

Roček ist ein kalt blitzender Jüngling,
wesensverwandt mit Weissenborn. Ueber seinem
Schreibtisch hängt ein Blatt Papier:
"Ich will!".

Die Reinheit solcher Jünglinge ist
penetrant und wächst der Hure entgegen.

Nachmittag: Brief nach Freiburg geschrieben,
Tagebuch nachgetragen. Abends Schratten-
berger Wein; er ist dieses Jahr süsser
als die Jahre vorher.







Sonntag 12 7 53:

Früh, als ich aus dem
Küchenfenster sah,
              notierte ich:

Juli
Die Büsche haben geblüht. Jetzt leuchten
sie lang in der Sonne.
Sie tragen vom Morgen in den Mittag
den späten Geruch alles Grünen.
- - -
- - -

Gingen mit Roček spazieren; ich zeigte ihm
zuerst die Osthälfte von Steinhof mit der
Gärtnerei, den Schweineställen, dem Kessel-
haus, die er noch nicht kannte, obwohl er
mit einigen Mädchen von hier befreundet
ist. Dann führte ich ihn bis zum Auhof.
Zwischen üppigem Grün fliesst dort ein
Zweiglein des Wienflusses. Wir setzten
uns auf die kahle Erde des Ufers und
stiegen später ins Wasser. Die Sonne
scheinte stark; nahe gab es fast
waagrechte Halme und Libellen.

Nachmittag: Jandlbrief geschrieben.
Mama ist krank.


Mo 13 7 53:

Dieses Wochenende konnte ich
einiges zu Hause aufarbeiten. Früh hatte
ich noch Zeit zu ein paar abschliessenden
Ordnungen.

Die Kurzgeschichte um die beiden, die
Journalisten werden wollen, könnte ich
doch fortsetzen.

Huber diese Woche wieder im Büro. Sie
hat ihren Urlaub unterbrochen. Meine
Untersuchung von unlängst über unser
Verhältnis erscheint mir heute nicht
umfassend genug. Ich nehme mir vor,   
sie zu revidieren.

Abends schon wieder wolkig und abgekühlt.


Traum, Dienstag, 14 7 53, gegen Morgen,
farbig und gefühlshaltig:

Wohnten wieder auf C 4 18, dort war es aber viel schöner,
als es dort je gewesen war. Farbiger Spaziergang durch
Steinhof, auch unwirklich schön. Ging, glaube ich, mit R. Mi.,
einem Freund aus der Schulzeit; das Gespräch war unbefriedigend,
darüber war ich traurig. Wir trennten uns, ich lud ihn für ein
nächstes Mal ein. Ich fragte ihn, ob er kommen wolle, oder
ob ich zu ihm kommen soll. Er sagte, zuerst hatte er wollen,
dass ich ihn aufsuche, dann aber habe ihm Steinhof gut gefallen.
Ich sagte: "Das Land liegt so schön." /Wir kamen aus dem
bunten Wald und sahen auf Hütteldorf, das farbig uns gegen-
über lag./

Später ging ich zum Tor der C 4.

Mama und ich freuten uns an der neuen Wohnung sehr.

Ein junger gelbbrauner Hund war auch da.

II. Ich kam aus dem neuen Krieg zurück. Aus einem Haus
hörte ich ein Gespräch über Kompensationsgeschäfte;
es waren Geschäfte mit Opium.

Abends kam ich vor das Haus einer jungen verheirateten Frau.
Ich erzählte ihr von den letzten beiden Kriegen: Im neuen
war ich im Feld gewesen, im zweiten Weltkrieg war ich noch
zu jung gewesen, aber fast hätte man mich auch damals schon
verlangt. Sie sagte, wie g      emein es ist, dass nicht einmal
die Jüngsten verschont worden waren.

Die junge Frau hatte eine Besorgung. Sie ging mit mir die
reisigfarbene Strasse entlang. Seitlich leuchteten die
goldgrünen Bäume, später lagen sie dunkelgrün. Wir sprachen
freundlich. Unterwegs fasste ein Knabe ihre Hand
und sagte grell: "Grüss dich, Herzerl!" Ich hatte den Eindruck,
dass er sie als Hure verspotten wollte, weil sie an diesem
Abend mit mir ging. Sie sagte mir, dass sie ihn strafen
würde, wenn sie zurückkäme. Ich fragte sie:

"Wie lange können wir noch mitsammen gehen?"

Sie sagte: "Ich gehe nach Dublin." /Dublin war am Ende der
langen, immer geradeaus führenden, Strasse./

Ich fragte sie später: "Bist du glücklich?"

Sie sagte: "Nein."


Di 14 7 53:

Gegen Morgen träumte ich.

Die Träume enthielten Farben
und Gwefühle.

Bemühte mich, einige Erinnerungen
an sie niederzuschreiben.
Das fiel mir sehr schwer.
Unterwegs dachte ich über
den Inhalt dews Traums und
seine Verwertung nach.

Gefühle, die ich lange nicht
mehr erlebt habe, sind mir
im Traum wieder nahegekommen.
Das zeigt, dass man nicht seicht
geworden ist; man kann sich
aber im Lauf des Lebens weit
von den Tiefen entfernen;
wahrscheinlich sie sogar
hinter den Horizont verlieren.

Es ist schwierig, Gefühle
mit Worten wiederzugeben.
Soll man den Gefühlsinhalt einer
Situation abstrakt verzeichnen
oder soll man sich auf die
Schilderung des sachlichen Teiles
der Situation beschränken?
Kann man darauf vertrauen, dass
das Gefühl in die Bilder, in die
Worte, in den Klang eingehen und
durch die sachliche Schilderung
hindurchscheinen wird?

Und kann man darauf vertrauen, dass
aus dem sachlichen Teil der Situation
die genügende Voraussetzung für das
Entstehen einer der des Autors gleich-
artigen psychischen Situation
genommen werden kann?

Diese beiden rett  enden Möglichkeiten
/die eine               setzt die Gefühls-
tränkbarkeit von neutralen Trägern,
etwa Worten; die zweite       die
sachlichen Hinleitbarkeit auf ein
Gefühl voraus./ ergänzen einander:
die zweite Methode legt den Ort
für das Gefühl fest, die erwste ent-
wickelt es und intensiviert es.

Die "Bekanntschaften", die in den
Städten geschlossen werden und dort
die Liebe ersetzen,                 fliessen selten der
Idylle zu.

Im Büro fast nichts zu tun.

Abends haben uns Fini und Theodor
Pobisch
überraschend eingeladen,
den Abschied von ihnen zu feiern.
Zuerst bei Westermayer, dann in
Bernklaus Garten getrunken und
gegessen ˇ/ schliesslkich noch in Pobischs
Wohnung
Sligowitz und Mokka.
. 23 Uhr heimgekommen.


Mi 15 7 53:

Regnerischer Morgen. Müde.
Vormittags noch wenig ge-
arbeitet. Mittags kam die
Kartei. Ich freute mich über
sie wie ein Kind. Begann
gleich, die Karten anzulegen.
Den Nachmittag über beschäf-
tigte ich mich zum grössten
Teil mit dieser Aufgabe.
Abends wurde es wieder nicht
sehr spät.

Daheim den selbstangesetzten
Paprikaschnaps filtriert.
Das dauerte sehr lange; Mama
ärgerte sich, ich führte während-
dessen meine Aufzeichnungen
weiter.


Do 16 7 53:

Früh auf. Tagebuch. Hellblauer
Morgen.

"ARGA" ist pleite gegangen.
Die Firma, bei der ich angestellt
bin, hat dadurch 1 Million
Schilling verloren.

Abends sehr viel Arbeit im
Büro. Daheim Brief von Demus,
ich soll Paul Celan Gedichte
für eine Anthologie schicken.
Ich freute mich, auch weil ich
gedacht hatte, dass Celan mich
nicht leiden kann.

Es sind jetzt immer angenehme
Abende zu Haus.


Fr. 17 7 53:

Wieder sonniger Morgen.

Brief an Celan geschrieben.
Morgen habe ich bürofrei.
Die Kinder haben Ferien.

Befasste mich den Tag über
hauptsächlich mit meiner
Kartei.

Abends den Brief für Celan
fertiggemacht.


Sa 18 7 53:

Linzerstrasse: Wäsche.

In der starken Vormittaghitze
schürte ein Gasarbeiter das
Feuer unter einem Teerkessel.
Erst nachmittag hat er frei,
sagt er.

Ich kaufte mir bei Westermeier,
dem Mann mit der guten Kühl-
anlage, eine Flasche Sodawasser.
Zu Haus trank ich sie mit
Genuss.

Erprobten pommes frites; sie
gelangen Mama sehr gut.

Arbeitete für mich. Keine Post
kam.

Nachmittag mit Kein in den Garten
. Er hatte ein gutes Gedicht,
wir suchten dafür einen schönen
endgültigen Titel. Er half mir
bei meiner Kurzgeschichte.

Die erste Seite gefällt ihm
sehr gut; vielleicht werde ich
die folgende Seite umarbeiten
und die Geschichte doch fertig-
schreiben.

Jetzt kommt Kein erst wieder in vier
Wochen.

Arbeitete noch ein wenig an Aphorismen.

Abends statt Bier wieder Sodawasser.
Wahrscheinlich ist es mir nützlicher,
nichts Alkoholisches zu trinken.


Sonntag 19 7 53:

Regentag. Blieb länger
als sonst im Bett, wollte ursprünglich
überhaupt drinbleiben, hatte aber dann
Arbeiten für die Uebersiedlung.

Den Rest des Vormittags für mich ge-
arbeitet.

Nachmittag: Die Rückstände habe ich
aufgearbeitet, dann habe ich mich für
den Rest des Tags niedergelegt.

Regen und Sturm.


Montag 20 7 53:

Der gestrige Regen
hat die Luft abgekühlt. Der Morgen
aber ist sonnig /man möchte heute
noch frei haben/, und die Luft wird
bald warm.

Huber hat ihre zweite Urlaubwoche
genommen.

Mässige Arbeit. Schöner Abend.
Spaziergang um die Steinhofer Mauer.


Dienstag 21 7 53:

Früh fing ich eine
längere Geschichte zu schreiben an.
Guter Laune.

Im Büro genug Arbeit.

Kaufte mir ein paar Kleinigkeiten
für daheim.

Den Abend angenehm verbracht. Sodawasser.
/zischend und kalt, von Westermeier, in eisblauer Flasche./


Mittwoch:

früh auf, um an der Geschichte weiter-
zuschreiben.

Die Sonne scheinte am Morgen aus
ganz klarem Himmel. Schon der 22. Juli.
Mir fiel schmerzend ein, dass dies
der Sommer meines 24. Jahrs ist.

Karten an Jirgal und Steinwendner.

Im Büro wurde ich mit der Auftragkartei
fertig.


Donnerstag:

Sehr heisser Morgen.

An der Geschichte früh nur Korrekturen
angebracht.

Büro: Grosseinkauf Direktor Stegers im
USIA-Geschäft. Sehr heisser Tag.

Nachmittag: Witzmann nicht im Büro. Lange
Mittagspause. Dann, um halb drei, wurden
wir nach Hause geschickt. Ich hatte grosse
Freude, fuhr gleich heim; wir wussten aber
mit dem freien Nachmittag nichts anzufangen,
denn Mama war müde, und mein Schwung war
bald    vorbei.

            trotzdem: Diese Sommertage
sind so schön.


Freitag:

Früh im Bett wieder geschrie-
ben. Im Büro sehr wenig zu tun.
Angenehmer Abend.


25 7 53
Samstag:

Ich hatte geträumt, dass ich an Briggis Haus
vorbeifahre. Sie ruft mich, aber ich komme nicht
zu ihr, obwohl ich sie liebe, /denn ich glaube nicht,
dass ihre Liebe jetzt schon genügend stark ist/.

Etwas später schickt sie mir einige kleine
Photographien; eine davon zeigt Briggi an der
Seite ihres Mannes in der Kirche, in der
sie getraut wird, eine andere zeigt das Paar ins
Schlafzimmer schreitend, wo das Bett
bereitet steht.

Während ich die Bilder betrachte, verfliesst
Briggis Gestalt mit der Gestalt Susis, die
vor einigen Monaten wirklich geheiratet hat.

Zwischen Fenster und einem Vorhang aus Glas verfängt
sich eine bissige Katze. Ich halte ihr eine Stoffkatze
entgegen, in deren Bild auf dem Glas sich die
bissige Katze verbeisst. Ich steigere ihre Wut,
als ich ihr eine Pfote der Stoffkatze gegen den
Rachen strecke; sie klappt den Rachen zu und
ist ohnmächtig vor Zorn, als ich die Pfote
der Stoffkatze unverletzt zurückziehe.

Ich spaziere in Paris und sehe Kaffeehäuser
mit gelb-orange-gestreiften Lampionen in den Auslagen.
Weiter komme ich vor ein Haus, in das ich dann
eintrete. Ich gehe mehrere Stufen hinunter in einen
Keller. Dort laufen an einer Leinwand
zwei farbige Tonfilme. Die Bildflächen sind klein,
und eine von ihnen zeigt Szenen einer Explosion.

Das Zentrum der Explosion wirft braune und schwarze
Teilchen in die farbige Umgebung, die sie in kurzer
Zeit völlig verdunkeln.

Früh wieder geschrieben.

Wenig Arbeit im Büro.

Gestern und heute sehr heiss. Heute wolkenlos.

In der strahlenden Mittaghitze in den Garten gegangen.
Dort im Schatten gesessen und geschrieben. Schmerzhaft
deutliche Sehnsucht nach dem Mädchen.

Nach privaten Notizen machte ich mich wieder über die
längere Geschichte. Mama holte mich abends ab.

Morgen gehen wir mit Tante und Paul fort.

M. und T. hatten Maja getroffen, die ihr Kind
zum ersten Mal spazieren führte. Es heisst: Aglaja.

Abends sang ich, während Mama Obst einkochte,
zu Ehren meiner        drei Freunde ein Liedchen:

Eia popeia,
die Schönste ist die Maja.
Doch viel schöner noch als sie
wird einst die Aglaja.

Sonntag, 26. Juli 1953:

Spaziergang auf den Satzberg.

Unsere Besucher blieben den ganzen
Tag bei uns. Schönes heisses Sommerwetter.
Nach Mittag ging ich in den Garten und
schrieb an der längeren Geschichte.


Montag:

Früh wieder geschrieben. Der zeitige
Morgen zeigte einen leicht bewölkten

WAFFENSTILLSTAND
IN KOREA.
Himmel. Bei diesem Wetter müsste man
wandern.

Bald wurde es wieder wolkenlos und
strahlend heiss.

Im Büro mehr zu tun.

Begann an meiner längeren Geschichte
zu zweifeln.

Abends regnete es. Kretschmer räumten
das Kabinett vollständig.                Freundlicher Abend
Huber ist wieder im Büro.


Dienstag:

Konnte länger im Bett bleiben. Gab mich
meinen Gedanken hin. Las m              it Vergnügen
meine bisherigen "Kurzgeschichten".

Im Büro beginnt eine grosse Arbeit
für mich.

Abends fing mich Polakovics ab und
schleppte mich zu sich, seiner Frau und
Aglaja. Das Kind sieht hergenommen aus.
Maja gibt wenig Milch.

Polakovics las mir Sachen aus dem
Material der "Neuen Wege" vor.

Er sagte sich, und seine Frau und Aglaja
für Samstag nNachmittag bei mir an; wir
werden in den Garten gehen.

Später Abend zuhaus.


Mittwoch:

              Es ist abgekühlt. Ich hatte
früh viel zu tun.                        So konnte ich an meinen

WETTERSCHAEDEN
IN OESTERREICH
Geschichten nicht weiterschreiben.

Um zehn Uhr verliess uns Machwitz.

Für den Restder Woche bleiben wir allein.
Ich machte mich über meine umfassende
Arbeit, die Kollegen hatten weniger zu tun.
Punkt fünf Uhr schickte uns Witzmann heim.

Freundlicher Abend. Den Küchenofen ins
Kabinett versetzt.


Donnerstag:

Nachts schweres Gewitter. Schlief unruhig,
träumte wirr /aber wieder farbig; daran
erinnerte ich mich morgens genau/.


Donnerstag
30 7 53 früh Einer der Träume:

Ein Gang mit cremefarbenen Seitentüren. Teils Fabrik,
teils Wohnräume eines Ingenieurs und dreier Mädchen. Am Ende des Ganges standen die Namen der Zimmerbewohner
angeschrieben. Ich merkte mir die Reihenfolge mit Hilfe
der Anfangsbuchstaben, die ich zu mnemotechnischen Gruppen
zusammenfügte; eine dieser Gruppen hiess "FETT". Die
drei Mädchen hatten Namen mit E., F. und F.

Es gab auch ein Fenster, aus dem eines der drei Mädchen,:
ein besonders hübsches, hinaussah. Ich ging mehrere Male
vorüber und fing ihren heissen Blick. Sogleich aber
wurde mir ihre Geschichte erzählt:

Sie hatte, als sie noch wenig
erfahren war, einen Mann
geliebt, der mit ihr nur
gespielt und der sie bald
verlassen hatte.
/Es erschien die
Zahl "12"./
/In einer grünen Netztasche
lagen Aepfel./
Als sich ihr nach
leeren Jahren eine neue
Gelegenheit bot, habe sie
zugegriffen, diesmal alles
leicht nehmend und mit
raffinierten Mitteln ausge-
rüstet.
/Die Zahl "24"./
/Wenige Pfirsiche wurden auf
die Aepfel gelegt./
Mir tat leid, dass ich das Mädchen
in ihrem Luder-Stadium kennenlernte,
und ich löste den Traum auf.

Do 30 7 53:

Unregelmässige Arbeit im Büro.

Abends kam ich in das Gewitter. Auf dem Stephans-
platz
wurden wir bis auf die Haut nass.
Stromstörung auf der 46-er Strecke.

Traf den Magnetophonmann.

Trotz dem Wetter um Bier für Mama und
Sodawasser für mich zu Westermeier gegangen.

Fiel dann gleich ins Bett.

Nachts hörten     wir Radio; eine sehr schwache
Austauschsendung mit Paris und das unheimliche
Hörspiel "Der Autostopper", das mir Polakovics
vor langer Zeit erzählt hatte.


Fr 31 7 53:

Wieder unregelmässige Arbeit.

Abends erzählte mir Christl, aufgeweckter als
sonst, dass sie geheiratet hat. Ich freute mich
für sie und zeigte ihr diese Freude auch.

Letzter Julitag.








Sa 1 8 53:

Trübes, kühles Wetter. Früh nur Eintragungen.
   Im Büro wenig Arbeit.

Nachmittags schrieb ich, was bisher von der
längeren Erzählung            vorliegt, ins Reine.
Polakovics kam mit Maja und Aglaja.

Ihnen gefiel mein Garten. Wegen des Wetters
blieben wir nicht lang dort. Ueber die
"Stimmen der Gegenwart 1953" gesprcochen.

Im Kabinett stillte Maja ihr Kind.

/Hätte ich diese Idylle 1951 vorausdenken
können?/

Leider habe ich Po    lakovics nichts zu bieten,
seit er sich         Hakel angeschlossen hat.

Hakel hat Polakovics' Charakter               , wie ich ihn in der
Zeit unserer gemeinsamen Arbeit dbei den "Neuen Wegen"
kennengelerbnt hatte, gelöscht.

Abends noch alles für die morgige Fahrt
vorbereitet.


So 2 8 53:

Um halb acht nach Mönichkirchen abgefahren.
Angenehme Plätze im Autobus. Schon bis halb neun
/Wiener Neustadt/ kam ich ganz auf meine Rechnung;
sah alles, was eine Ebenenfahrt bieten kann.

Auch die Orte südlich von Wien reizvoll: modern
und alt, gepflegt und verwahrlost, städtisch und
ländlich. Die Gärten am Wege. Gegen halb neun
bedeckte sich der Himmel mit langsam ziehenden
kleinen grauen Wolken. In Wiener Neustadt hielt
der Autobus für eine Minute, und ich konnte einen Satz aufschreiben, den ich unterwegs erarbeitet
hatte.

So 2 8 53
Fortsetzung

Nach Wiener Neustadt begann Föhrenwald.

Kleine Orte, schon in hügeliger Gegend.

Viele Häuser werden gebaut,                     die Wiesen sind dort
voll von frischen Ziegeln.

Aspang. Dort hielten wir länger. Hauptplatz einer
Provinzstadt. Die Kirchenbesucher standen bei-
einander und sprachen. Bürschchen, schon städtisch
gekleidet und frisiert, schlenderten umher.

Letzte halbe Stunde vor Mönichkirchen. Der Weg
wird steil und schlecht. /Die Strasse wird ausgebaut;
heute am Sonntag stehen Motoren und Bagger still
am Strassenrand oder auf einer Hälfte der Strasse./
Serpentinen. Als wir weiter oben sind, wird die
Strasse wieder gut, aber wir fahren in Kälte und
Nebel hinein. Wir bereiten die Regenmäntel vor.

Von der Einfahrt nach Mönichkirchen sehen wir
nichts. Nur ein paar Nadelbäume, bevor sich der
Nebel schliesst. x) Der Autobus hält auf dem Postplatz. Wir steigen aus und gehen die
Strasse entlang, biegen dann zu einem Kirchlein,
das gerade ausläutet. Dann gehen wir hinauf auf
die Schwaig, wo es klar sein soll. Unterwegs finden
wir Schwämme nahe        im Wald. Feuchte Wiese. Die Nebel
bleiben hinter uns zurück. Wieder im Wald. Dann
liegt vor uns die Alm.

Mittag-gegessen auf einem Gasthof. Eine langweilige
Gesellschaft in der Nähe plauderte, ein Mädchen
schnitt Pilze. Vom Sessellift kamen Sportschlurfs
und Hosenmädchen. Manche kamen in Autos oder auf
Motorrädern herauf. Immer wieder hörte man das
Sonntagsjodeln der Städter oder das Schlurf-Geschrei
/darunter immer noch: "he babariba!"/.

Wir spazierten nach Mittag auf der Alm und gingen
um halb drei den Weg zurück; suchten Schwämme und
Beeren. In der Nähe fuhr der Sessellift. Wir sahen
ihm zu, wie er die Menschen auf die Alm und hinunter
in die Stadt beförderte. Ueber den Wäldern sassen
die Menschen hoch, die gelben reifen Felder streiften
sie fast. Reizvioll sah ein Mädchen aus, schwarz
bekleidet, blond, sehr jung, wie sie langsam über die
Landschaften schwebte, zuvorletzt über das gelbe
Feld nahe der Stadt, aus dem sie dann hochstieg und
knapp danach hinter d  ie               Sichtgrenze sank. Weiter
in direser Richtung lag die Steiermark, und etwas
östlicher glänzte ein Fenster aus dem Burgenland.

CKaffeehaus auf der Hauptstrasse; moderner als das
durchschnittliche Café in Wien; besitzt die Apparate
und die leichte Aufgefrischtheit des          Espressos.
Herinnen sass, wenn man von uns absieht, "gepflegtes"
Publikum. /Eine alte Dame, die Pateience legte,;
ein untersetzter gutgekleideter Herr, der in würdiger
Weise ,; bemalte Gattinnen und ein glattes
Bürschchen, das von den Kellnerinnen umschwänzelt
wurde und auf seine kurzen Fragen lange Antworten
erhielt./ Von hier aus dachte ich an Cysarz und
grüsste ihn.

So 2 8 53
Fortsetzung 2

Wir sahen uns den Ort Mönichkirchen an. Ueber die
nahe Demarkationslinie,       in die Steiermark, gingen wir
nicht. Die Kontrolle soll aufgehoben    sein, aber
die Posten stehen noch umher, und die    Schranken
sind noch nicht niedergerissen worden.

Ein schmaler Weg, seitlich Himbeersträucher.
Kletterten den Hang hinauf, kamen in eine
abgemähte Wiese, schlichen an ihrem Rand weiter. Ueberquerten die Wiese, schlüpften durch Stachel-
draht und erreichten so eine höhergelegene Strasse.
Kühe weideten, ein Bub hütete sie. Eine Kuh verlief
sich über die Strasse. Nahe lag ein Bauernhof.

Ein kleinerer Bub mit Schulbüchern unter dem Arm
rannte aus der schweren Tür des Hauses. Paul, der
ihm begegnete, fragte, ob es bei ihnen Most gibt.
Der Bub sagte in reinem Deutsch: "Nein." Paul
fragte ihn: "Weisst du, wo's einen Most gibt?"
Der Bub sagte noch einmal: "Nein." und rannte
dann weiter.

Die Villenstrasse. Schwarzbraunes Holz auf weissen
Steinen.                                              

Noch eine Stunde Zeit bis zur Abfahrt des
Autobus. Belebung auf der Hauptstrasse von
Mönichkirchen. Spaziergang der Krankenkassen-
urlauber. Verkümmerte Frauen und Mverstaubte
Männer; Arbeiterinnen und Stenotypistinnen, die
he  ute lachen und Freunde haben, und sehr bald
verblühen und allein bleiben. Manche suchen sich
hier an einen Mann anzuschliessen /eine    Frau mit
grüner Bluse und kurzer weisser Leinenhose,
aus der prall die Schenkel treten, findet mehrere,
umgibt sich mit ihnen/. Manche spazieren allein.

Im Gasthausgarten, wo wir die letzte Zeit verbringen,
laufen jenseits des Zauns Hühner. Wir füttern sie
zuerst, dann fällt uns eine Katze auf, ganz jung, die
mitten unter den Hühnern sitzt. Ich stecke ihr
durch den Zaun ein Stückchen Salami zu. Ein Huhn
entreisst es ihr. und hackt sie mit dem Schnabel
ins Gesicht. Das wiederholt sich. Die Katze wagt
sich nicht mehr an den Zaun, wo die Hühner versammelt
gackern und flattern. Sie liegt blinzelnd und
zusammengekrümmt auf dem Boden, weit hinter den
Hühnern. Ich versuche es mit einem Fernwurf.

Aber die Hühner stellen sich sofort um und hacken
ihr auch diesen Bissen aus dem Mund. Ein Hahn
geht über sie hinweg. Ich, wenn ich Katze wäre,
würde mir zunächst Respekt verschaffen; ich
habe doch nagelscharfe Krallen, gute Zähne und
einen heimtückischen Sprung. Das ganze Hühnervolk
spränge auseinander.

Die Katze liess sich nicht überreden. Ich führte
noch einen Brennesselstab in den Kampf ein /mit
einem geknickten Stab fing ich ein Brennesselblatt;
damit ätzte ich die Hühner, während ich die Katze
zu füttern versuchte/. Auch diese Wunderwaffe half
im grossen ganzen nicht. Die Kämme zuckten manchmal,
aber ich konnte gegen die Ueberzahl der Gegner nicht
siegreich bleiben. Wir stiegen in den Autobus, ohne der Katze viel genützt zu haben.

So 2 8 53
Forts. 3

18 Uhr Abfahrt. Es ergriff mich, die Landschaften
von heute früh    abends wiederzusehen. Liess
kaum für ein paar Sekunden die Strassenränder
aus den Augen und die Gärten und Feldstreifen,
die an der Strasse lagen. Millionen
Gräser, Wiesenblumen, Feldblumen. Die einzelnen
Fleckchen, jedes schon in tieferer Dunkelheit.

Wiener Neustadt, abendliche Strassen; eine Strasse lang
Grosstadt. Grellbeleuchteter Gasthausgarten.

Dann die Ebenefahrt nach Wien. Wilder Abschied
von dem Land. Der Blick hin und her gerissen
zwischen dem Gras, schon ganz dunkel über der Strasse,
und der Weite, in der man schon die Stadt spürt.

Stärker und stärker drängen die schonunglos
leidenschaftlichen und die schonunglos genauen
Gedanken, noch während sie beide ihre Ergebnisse
suchen, nach der Vereinigung ihrer Ergebnisse.

Immer   rascher die Fragen, denn die Zeit läuft ab:
Ausdruck. Wie hat man gelebt? Und das Mädchen.
Die Reize der Stadt? Was ist das Wesen des Dorfes?
Wenn wir die Stadt verschmähen, ist das: Untreue?
Könnte man die Stadt wohnlich machen? Einen Abend
in der Stadt zu sein; Sehnsucht des Landkindes;
Einfahrt in die beleuchteten Strassen; dann ein
Haus in der Stadt, für eine Nacht; sucht man das
immer Neue? Oder sucht man das Beziehungsreiche?
Wäre, wenn man gemeinschaftlich lebte, jeder Ort
gleich erfüllt? Ist man allein, ist man nie allein?
Kontakt auch ohne physische Nähe. Warum dann die
Unerfülltheit? Das Mädchen.              Wo sie zu finden?

D Das Mädchen: der Reiz und die Liebe. Die Gedanken         streiken
Das Verfliessen der unkörperlichen Begriffe, wenn
nicht gerade die Wirklichkeit wirkt, die hinter ihnen
steht.

Auch wenn man Liebe erlebt hat, kann es später
unmöglich werden, sie anders als abstrakt ins Gedächtnis
zu rufen, oder mit der Hilfe von Dingen, die an sie
geknüpft waren, die sie aber enthalten;
ungerufen kommt das Erlebnis freilich öfters zurück;
nicht nur im Traum; Gedichte sind da Katalysatoren.

Was, wrenn nicht das Gedicht, kann das Erlebnis
als solches vermitteln, also punktförmig und ohne
es aus den Voraussetzungen auszubrüten? Freilich:
wie spezifisch? Aber die subjektiven Erlebnisse
dürften den Menschen gemeinsam sein, so sehr die
Koppelung mit den realen Grundlagen auch die
Unwiederholbarkeit der Erlebnisse vermuten lässt.

Die Gesamtheit von Beziehungen zu einem Mädchen
ist noch nicht die Liebe; die Liebe ist jene
unzusammengesetzte psychische Qualität, die allen
Zeiten und Menschen gemeinsam sein dürfte, die aber unlös-
bar assoziiert ist der "Welt" /also der spezifischen
Gesamtheit/ des einzelnen Liebesfalles. Bis ins Innerste
erregender Widerspruch: ihre Ewigkeit und ihre Einmaligkeit.

                       /Fortführung, am 8 8 53/

Verrät man die Liebe an die Erotik? Oder
verrät man den Augenblick an die Idee?

Einfahrt in die Stadt ... Benzingeruch, Bahnen.
Beleuchtete Auslagescheiben; schon Mädchen,
glänzend angezogen, und Männer der Stadt:
Liebespaare der Stadt.

Ich hasse sie, weil sie ihre Schalheit als
Stärke empfinden. Was haben sie aus der
Schönheit gemacht.

Es ist warm in Wien. Mit "Liebe" locken sie
einander ins Leere.

Wieder auf den gewohnten Strassenbahnen gefahren.
Aber wie in einer anderen Stadt. Heimgekommen
wie weit vom Morgen entfernt!




Artmann war nachmittags "bei mir" gewesen,
hat eine halbe Stunde mit Mama geplaudert.
War in Deutschland, Paris und so fort. Prahlte
für sich und auch für mich. /Ich wäre in Paris
bekannt ...../ Esther ist in die Schweiz
zurückgefahren und wird vielleicht
nach Wien kommen. Artmann aber scheint es
lieb zu sein, wenn diese Beziehung bricht.
Esther ist schizophren.


Montag, 3. August:

Erzählte Briggi von meiner gestrigen Fahrt;
Briggi aber geht es schlecht. Sie sagte mir
nicht, warum.

Bin stadtmüde. Es ist auch in Wien jetzt kühl.
Büro: fast nichts zu tun. Man spricht von der
Auflassung der Firma.


Dienstag, 4. August:

Abends bekam ich das Heft "Fr  eude an Büchern".
Einen alten Besen repariert. Polakovics kam
und brachte mir eine Kinokarte für morgen.


Mittwoch, 5. August:

"Fahrraddiebe” ein ausgezeichneter Film.

Vor dem Künstlerhaus-Kino traf ich ausser den
zwei auch die zwei Hakel und deren
Liebkind, die Haushofer. War von ihr
entzückt; hatte mir " Marili " nach ihrem Photo
anders vorgestellt. Sie ist die junge Frau
eines Arztes in Steyr.

Mit vom Kino o gefahren. Begleitete
die beiden bis vors Wasserwerk. Seit sie
Hakels Jünger geworden sind, während ich
ohne Meister geblieben bin, sehen sie mich
als einen an, der nicht weiss, wohin er gehört.
Mich stimmt traurig, dass ich sie dadurch
verloren habe.

Mittwoch Abend: Zwei Hefte des "Karlsruher Boten"
wurden mir gesandt. Donnerstag Früh gelesen:
nichts wert.


Donnerstag, 6. August:

Regen.

Früh Briggi getroffen. Gelockerter als am Montag
mit ihr gesprochen.

Siiee führt kein Tagebuch mehr, denn sie will
zu ihrer Vergangenheit keine Beziehung haben.

Neue Funktion: Ich bin "des zufriedenen Mädchens
Gedächtnis"; denn sie hat vieles aus dem Jahr 51
schon vergessen.

Einige monumentale Gedichtzeilen:

Einsamen Menschen halfst du nur zeitweilig.
Andere haben sie später ergänzt."
Es fehlt noch der Schluss. Vielleicht:
"... Könnte man heil  sam sein, wenn nicht heilig"

Eine Arbeit für Csokor.

Heute abgemacht: an meinem ersten Urlaubstag
fahren wir nach Forchtenstein und Rust.

Karten hat Tante schon gesichert.

Viel Arbeit im Büro.

Abends: Die Photos sind gekommen. 8 davon
behalten. Länger aufgeblieben.


Freitag, 7. August:

Kühlere Tage.

Generalstreik in Frankreich. Lebensmittelaktion
der Amerikaner für Ostberlin, Reaktion der
ostdeutschen Regierung.

Sehr viel Arbeit im Büro.


Samstag, 8. August:

Blauer Himmel. Nun wieder sehr warm.

Früh auf, Eintragungen.

Viel Arbeit im Büro.

Nachmittag brachte ich den Photoapparat in
Ordnung. Kaam erst spät zum Schreiben.


Sonntag, 9. August:

Im Bett lange geschrieben. Trüber Himmel.
Das Meinl-Plakat ans Gesellschaftsgebäude
geklebt und dort photographiert. Will
"drei gute Plakate dieses Jahres" aufnehmen
und die Negative der "Schau" schicken.

Spaziergang mit Mama um die Steinhofer Mauer.
Trafen unterwegs Maja uud Aglaja und
begleiteten sie ein Stückchen auf ihrem Auslauf;
wir zeigten ihnen die Savoyenstrasse,
die für sie praktisch ist; ich photographierte
Aglaja in ihrem Wagen.

Während des Spaziergangs mit Mama
machten Mama und ich noch je eine Aufnahme.
/Der Tag war sehr geeignet./

Nachmittag: Trickaufnahme im Kabinett, fortge-
setzt im Garten, weiteres Bild aus dem Garten;
dann lief ich, bis über die Jausenzeit, auf die
Linzerstrasse und die Hütteldorferstrasse und
jagte dort die übrigen zwei von den drei guten
Plakaten dieses Jahres.

Müde heim. Westermeier. Geschrieben. /Nur die
laufenden Eintragungen./

Ich sehe schon mehrere Sonntage lang
eine kleine unentwegte Radfahrerin;

sie ist offenbar die Tochter der Buffet-Frau, die
vor dem Eingang von Steinhof verkauft,:

sie und ihre Mutter sind zu uns sehr freundlich.
Das Mädchen scheint erst diesen Sommer hierher
mitgenommen worden zu sein, oder sie ist erst
diesen Sommer beachtlich geworden.


Montag, 10. August:

Letzte Arbeitwoche. /Am 15. beginnt mein Urlaub./
Genug zu tun.

Die beiden Chefs fuhren fort, wir wurden nach-
mittags zeitiger als sonst heimgeschickt.

Solange die Sonne hochstand, strahlte sie heiss;
aber schon am Nachmittag war es in der Wohnung
kühl. Am Abend dann um die Steinhofer Mauer;
auf dem Rückweg war es auch draussen schon
recht frisch.


Dienstag, 11. August:

Viel Arbeit. Trotzdem wieder früher nach Hause.
Gestern Abend und heute früh hatte ich den Brief
an Rüdiger, den Herausgeber des "Karlsruher Boten",
und dann abgesandt.

M

Abend: Eintragungen. Kam erst heute dazu, die
"Freude an Büchern" zu lesen.

Streik in Frankreich hält an.


Mittwoch, 12. August:

Die Zensur wurde von den Russen aufgehoben.
Unregelmässige Arbeit im Büro.

Die Photos vom vergangenen Wochenende sind
fertig: die Plakate sind ganz gut gelungen,
von den übrigen     kann ich nur drei behalten.


Donnerstag, 13. August:

Vorletzter Bürotag. Begann das Heran nNahen
meines Urlaubs zu spüren.

Abends ging ich wieder den Gründen für mein
Verstummen nach. Zu einer Heilung reichen die
einzelnen Erkenntnisse nicht aus. Ich hätte es
dringend nötig, mich zu sammeln.


Freitag, 14. August:

Noch viel Arbeit. Uebergab meine Funktionen
für die nächsten sechzehn Tage den Zurück-
bleibenden. Nachmittag schickte uns der Doktor
schon zeitig nach Hause.

Ich begann meinen Urlaub mit einem Besuch bei
Hakel. Wollte ihm eigentlich nur die Plakat-
photos hinbringen; er nahm sie nicht an, weil
sie von mir als das reine Lob gedacht waren
und er keine Reklame für Reklamefirmen oder
be-reklamte Firmen machen will. Aber er hielt
mich auf und predigte mir gegen die assoziative,
dann auch gegen die objektivistisch-impressio-
nistische Art zu dichten. Er stellte "Stimme"
gegen "Stimmung" und liess für den Bereich der
Lyrik nur die "Stimme" gelten. Gegen seine
Intelligenz und seine so tiefverwurzelte wie
dickichtige Weltanschauung konnte ich nicht
aufkommen; ich blieb, ihn und mich in Frage stellend, zurück; quälte mich, als ich allein war,
um die Entscheidung; die Messer umso wilder
gebrauchend, je stumpfer sie wurden.


Samstag, 15. August:

Früh auf. Vor dem Reisebüro in der Stadt stehen
die Autobusse für Frankreich- und Spanien-Nordafrika-
Fahrten. Menschen in Khaki-Hemden und kurzen Leinen-
hosen. Schwere Koffer werden verstaut. Verwandte
stehen um die Autobusse umher. Manche in den Wagen,
darunter sehr verbrauchte Städterinnen, beginnen es
sich schon bequem zu machen. Ihre Fahrt dauert
drei Wochen. Während dieser Zeit wird der Autobus
ihre Wohnung sein.

Um halb acht unser Autobus für die bescheidenere
Fahrt ins Burgenland. Sein Ziel war nicht angeschrie-
ben; wir                                                     erfragten ihn zwei Minuten vor seiner Abfahrt.
Er war
klein. Die Durchgänge zu den Sitzplätzen
waren eng. Er war aber rauchblau durchsichtig
eingedeckt und er roch noch nach all den frischen
Materialien. Vor allem die Bespannung der sehr
bequemen Sitze roch stark.

Ausfahrt aus Wien durch andere Strassen als
neulich. Die Strecke nach Wiener Neustadt dann
dieselbe wie damals. Zuerst sehr dunstig, nach
Wiener Neustadt dann blendend klarer Himmel.
Abgebogen zur Leitha und zum Rosaliengebirge.
Klein Wolkersdorf, dann durch die Berge
nach Schleinz. Blühende Gätrten.               Wälder, darunter
wieder Wälder. Staubige Strassenränder: die
Büsche und d  ie Kräuter wie mit Kalk bespritzt.
Nach Neustift. Rosalienkapelle. Dort erstmals
gehalten /30 Minuten/. Zwei Aufnahmen gemacht.
Sehr kleine Kinder spielten vor einem Hof.
Sie wollten uns ihr Spiel erklären, wir verstanden
sie aber nicht. Weitergefahren nach Forchtenstein.
Aus den Schiess-Scharten     Ausblick über die
Hügel und in das Tal. Nach der Besichtigung der
Burg / für mich sind diese Zeugnisse aus der
Vergangenheit weniger eindruckvoll als die
Zeugnisse des gegenwärtigen Lebens: die Häuser
und Gärten unten / weitergefahren. Forchtenau,
Mattersburg; ein eingebauter Radio-Apparat störte
uns drinnen und die Vorbeigehenden draussen mit
Wiener Liedern. Die Musik hörte während der ganzen
Autobusfahrt dann nicht mehr auf. Wir fuhren, die
Wiener Pest mitschleppend, zwischen den weiss und
gelb gemalten Häusern, zwischen den Baumreihen und
den Feldern, die zwischen Dorf und Dorf wuchsen,
hindurch; die Menschen standen am Weg und schauten
uns nach. Man gewöhnte sich auch rasch an die Musik.
Walbersdorf, Pöttelsdorf, Zemendorf, Stöttera, Antau.
Dann das erwartete Vulka-Prodersdorf. Abgezweigt
nach Siegendorf, plötzlich Eisenstadt zu, aber wieder
umgelenkt nach Trauersdorf und St. Margarethen, das
ja als Durchfahrtsort nach Rust vorgesehen war.
Sandsteinbrüche, eine Hügelstrasse, dann vor uns der
Neusiedlersee: schmaler Streifen, über ihm war es
wieder etwas dunstig:;                        knapp am Horizont zogen weisse
Segel.

Sa, 15.8.53
Fortsetzg.

In Rust hielten wir um 13 Uhr für lang.

Wir assen Mittag. Viele Wiener und Grazer
waren mit Autos gekommen, Kaufleute, Familien
und            hauptsächlich Schlurfs.

Motorboote brachten die Besucher durch den
Ruster Kanal an den Neusiedler See. Wir gingen
etwa zwanzig Minuten entlang dem Kanal zu Fuss
an den See und setzten uns aufs Dach der Badehütte.
Badezeug hatten wir nicht mitgenommen; wir sonnten
uns und schauten auf die Ruderboote und die
Segelboote, die oft von Kindern /meist einem Knaben und
einem Mädchen/ geschickt gelenkt wurden.

Auch hier photographierte ich.

Nach längerer Zeit, die wir hier verbracht hatten,
gingen wir wieder nach Rust hinein. Kurzer Aufent-
halt in dem Ruster Gasthaus-Vorgarten; Ruster
Rotwein, sehr gut; aber ich trank nur einen Schluck,
sonst durchwegs Sodawasser. Mein Durst war sehr
gross. Eine Zigeunerkapelle spielte dort, in
gelben an den Aermeln geschlossrenen Hemden und
roten bestickten Jacken; die Gesichter         dunkelgelb
und wieoriginell; mich                          erfreute ihr Anblick
ebenso wenig wie    der anderer lebender
Sehenswürdigkeiten.

Rust: die Strassen und Plätze durchstreift.

Stadt der Störche. Von ihnen machte ich drei
photographische Aufnahmen. Alle Häuser freundlich,
gelb gefärbt oder weiss gekalkt. Vor den Häusern
sitzen aurf Bänken die Einwohner, reden und schweigen.
Weil          unser Paul Weinkenner und Weingeniesser ist,
suchten wir für ihn einen Hof aus, in dem Wein
ausgeschenkt wurde. Dort unterhielten uns zwei
Korneuburger Werft-Arbeiter; einer von ihnen sang,
mit künstlerischer Unverschämtheit, Lieder und
Parodien zur Gitarre; der andere warf ab und zu
Dummheiten und Frechheiten ein; die beiden,
die nur die Exponenten einer ganzen Gruppe von
jungen Ausflüglern waren, machten das so gut,
dass man auch als Gegner der              Wiener
Weinseligkeit und mancher einzelner Lieder nichts
Schlechtes an der Vorstellung finden konnte, die
sie sich zu ihrem eigenen Vergnügen und zum
Vergnügen aller machten; das Vergnügen kostete
übrigens nichts. Einen Pfarrer, der sehr freundlich
an der Gesellschaft teilnahm, ekelten sie
ungerechterweise hinaus; zu recht scharfen Liedern
lächelte er noch oder applaudierte sogar /diesen
Pfarrerapplaus unter dem Lampion und hinter den
Radaubrüdern photographierte ich/; dann aber wurden
die Lieder immer gröber, sodass er seiner Berufs-Ehre
zuliebe das Lokal verlassen musste; ihn selbst hätten
auch diese Lieder sicher nicht verletzt.

Nahm Gänse auf, die in der Mitte der Strasse auf
mich zuwatschelten; ich bedauerte, dass alle
Bilder des Films schon verschossen waren, denn es
gab - gerade am spätern Nachmittag - viele schöne
Einzelheiten der Landschaft: rote Blumen beleuchtet,
gegen den Sschattigen Garten; im Hintergrund der
weiss besegelte See. Die Gräserstreifen,             
erst durch das schräge Licht jetzt
abgehoben. Die Ebene wurde erst jetzt photographier-
bar.

Wir stiegen um halb sechs in den Autobus und
fuhren gegen Eisenstadt.

Oggau, eine Rosalia-Kapelle, Gschiess, nahe St. Jörgen,
Eisenstadt. Dort drei . Kalvarien-
bergkirche
, herber Eisenstädter Wein; der Wirt
erzählte uns, wie die anderen Wirte den Werin nach
dem Publikumsgeschmack aufzuckern, chemisch zurichten
und ausserdem pantschen. Er stimmte mit Paul darin überein,
dass ein echter "Weinbeisser" immer natur-
belassenen Wein trinken wird.

Spazierten die letzten Minuten, bevor der Autobus
abfuhr, in ein paar Strassen von Wiener Neustadt.

Ich hatte den Wunsch, Kornelia Kollwentz aufzusuchen
oder ihr durch jemand                          mehrere liebe Worte sagen zu
lassen als Zeugnis meines Besuchs in dieser Stadt.
Aber kein Wunder ereignete sich, und wir fuhren, nun
schon ohne Unterbrechung, die letzte Strecke nach
Wien.

Klein-Höflein, Müllendorf, Hornstein.

Wimpassing und Wampersdorf an der Leitha. Ich
mag die Städte, die an den Ufern eines Flusses
liegen. Kleine Brücken von einem Stadtteil zum
andern. Parks sind dort, und Stufen in den Fluss,
in dem Kinder baden können; mit einem Mädchen dort
am Abend zu sein.

Schon spät. Weigelsdorf, Ebreichsdorf erinnerten mich
an drei Literaten. In Ebreichsdorf aber war es für
kurze Zeit wie in einer schönen Stadt. Ein Mädchen
spazierte hübsch auf der Strasse; ich freute mich
an der konkreten Welt; /ich will nicht und kann nicht
von ihr abs                                                                          ehen: ich würde die Pflicht nicht ertragen,
alles Erleben auf die zeitlosen
Gefühle einzu-
engen und nur die mitzuteilen./

Kamen plötzlich in das Gebiet von Wien. Fuhren
diesmal auf einer Nebenstrasse ein. Es dauerte noch
länger als eine halbe Stunde, bis wir in der Stadt
waren. Die Nebenstrasse war sehr schön. Dunkle
Ortschaften unterbrachen immer wieder das freie
Land. Später schon die beleuchteten Vorortstrassen.
Letzte Strecke wie               damals auf der Heimfahrt von
Mönichkirchen.

Auf dem Karlsplatz stiegen wir aus. Mit der
Strassenbahn /es war warm/ heimgefahren.

Mama erzählte, dass Polakovics dagewesen war; er
hat sehr herzlich mit ihr über mich gesprochen.
Ich hatte darüber grosse Freude.


Sonntag, 16. August:

Früh Eintragungen.

Zu Polakovics gegangen, den ich vormittags für den
Garten abholen sollte. Er war aber von einem Weg
noch nicht heimgekommen. Ich unterhielt mich mit
seiner Frau. Sie war heute wieder frisch und
interessiert. Las drei Stücke , die sie geschrieben
hatten, und die mir gefielen. Ich erwartete Polakovics
nicht, sondern ging vorzeitig heim, da ich Kein
zuhause vermutete. Er war aber auch nicht gekommen.
Polakovics bestellte ich für Nachmittag in den Garten.
Vormittags und am frühen Nachmittag die Eintragungen
beendet.

So 16 8 53
Fortsetzung

Um vier Uhr kam Polakovics mit seiner Frau und
seinem Kind. Er lud mich ein, "meine Einsamkeit
aufzugeben" und in Hakels Kreis einzutreten.
Anstrengende Diskussion, teils im Garten, teils
in Polakovics' Wohnung.

Seit heute Abend sprechen wir alle (außer Aglaja)
einander mit "du" an.


Montag, 17. August:

Früh Arbeiten fürs Haus.

Ich versuchte, Mayröcker einen
Brief zu schreiben. Die gestriegen Probleme belaste-
ten mich aber zu sehr.

Nachmittag mit Mama um die Steinhofer Mauer.

Am Abend Wermutwein. Ich trank auch ein bißchen.

Notiz: Mehr und mehr danach arbeiten:

Deutlichkeit ist wichtiger als Schönheit.


Dienstag, 18. August:

Früh nur wenig für zuhause
gearbeitet. Heute kam viel
Post. Krolow bat mich um Sachen für den Südwest-
funk
. Mich freut, daß ich ihm sympathisch bin.
Auch, daß Geld kommt. Schickte Krolow gleich ein
paar Gedichte. Kein schrieb mir, warum er Sonntag
nicht kommen konnte, und sagte sich für Samstag
an.

Belegexemplare der "Schau".

Ich schrieb, heute wieder mit viel mehr Beziehung,
Mayröcker ein Brieferl und schickte es ab.

Nachmittag in den Garten zum Kampf gegen meine
Unklarheit gezogen. Von eins bis sieben saß ich
an der Maschine und analysierte. Abends sehr
aufgelockert.


Mittwoch, 19. August:

Vormittags bei Polakovics'.
Aglajas Bad. Befaßten uns mit
dem Material der "Neuen Wege". Sprachen über die
Erlebensfähigkeit des Durchschnittsmenschen. Polakovics
bezweifelt, daß die Menschen gleich erlebensfähig
sind. Ich hingegen glaube, daß nur die Fähigkeit,
die Ursache des Erlebnisses zu erkennen, und die
Ausdrucksfähigkeit, nicht aber die Erlebensfähigkeit,
bei den einzelnen Menschen verschieden stark sind.

Vergleichen Üb    ersetzungen aus den Werkstätten
guter und schlechter         Übersetzer.


Mittwoch und Donnerstag:

Nurmehr Eintragungen.

Mossadeq gestürzt,
Rußland erprobte eine Wasserstoff-Bombe,
Unruhen in Marokko, Hilfe für die Opfer des
Erdbebens in Griechenland.

Abends lockerte ich mich wieder sehr.

Wir schauten aus dem Fenster.


Freitag, 21. August, Vormittag:

Ein Tag, in der Stimmung
ähnlich den freien
Samstagen, die ich während meines Arbeitjahres
einmal in vier Wochen genieße. Die Sonne strahlte
heiß, es war schön, wenig Menschen gingen auf der
Straße. Ich hatte eine Besorgung vor mir und
schrieb Notizen.


Freitag, 21. August:

Jandl ist von seiner fruchtlosen Reise
zurückgekommen. Nächste Woche werde ich
ihn zu mir einladen. Kaufte auf der
Linzerstrasse Dauerwurst dafür, und der
Paprikaschnaps steht bei mir zuhaus auch
schon bereit. Ich freue mich darauf, dass
ich ihn wieder sehe.

Nachmittag und Samstag Vormittag:
Kleinigkeiten geschrieben.


Samstag, 22. August:

Von Früh an Regen. Nachmittag mit Kein
zu Polakovics. Kein war zwei Wochen in
Italien gewesen. Er erzählte mir kurz aber
interessant von den Italienern, die er kennen
gelernt hatte.

Bei Polakovics: spürbare, wenn auch sachte,
Annäherung der Standpunkte. Ein interessanter
Artikel von Sapper über die ERZÄHLUNG.

Darüber und über andere fast-wesentliche
Fragen gesprochen. Vor allem aber freute mich,
wie freundlich Kein und Polakovics
waren. Den Humor, der dazu nötig ist, besitzen
sie.beide.

Nach der Zusammenkunft verbrachte ich zuhause
einen zufriedenen Abend.


Sonntag, 23. August:

9 Uhr wieder bei Polakovics. Aglaja muss jetzt
Spreizwindeln tragen. Sie trägt sie mit Geduld.
Sie ist überhaupt sehr diszipliniert. Ihr
Gesicht schaut jetzt nicht verweint aus wie
am Anfang. Fritz und Maja machen sich schon
Gedanken darüber, ob sie ein schönes Mädchen
werden wird, und was sie für einen Charakter
kriegen wird.

Photographierte ein paarmal. Weil Maja mit
Nylonschürze und Tüchlein sehr anziehend
wirkte, und Polaksen gut beisammen war, arran-
gierte ich die beiden um den Korb mit Aglaja
und photographierte das ganze System. Sie
schauten auf das Kind und nicht in den Apparat;
es ist     möglich, dass solche Aufnahmen den
Photographen vergessen lassen und dauddurch
echter wirken.

Lasen hauptsächlich Gedichte aus Anthologien.
Mich packten besonders die russischen /Jessenin/.
Hofmannsthal und George ergreifen auch: durch
ihre Deutlichkeit, aber ihre Welt ist so unbe-
tretbar; nur durch ein Guckloch deutlich zu
beschauen. Mit Jessenin /wie mit Villon und
mit dem frühen oEliot/ kann man durchs Land gehn.

Gutes leider unfertiges Gedicht von Maja:
Dorf-Friedhof.

Pol. zwei Hefte Tagebuch (1.5.53-21.8.53 vm.)

Nachmittag: zu Haus, angenehm. Las in alten Tagebüchern
/Sommer 1949/ und fand, dass ich mehr Worte als Inhalte
aufgegeben habe.


Montag, 24. August:

Wenn die Sonne nicht scheint, ist es schon kühl.

Am Tag ist es noch sommerlich.

Früh: Einkauf auf der Linzerstrasse.

Brief von Friederike Mayröcker. Ich beantwortete ihn
gleich. Hätte ihr gern nützlicher geschrieben.

Die Fotos vom Neusiedler See sind verpatzt.

Die Strafe für meinen Dünkel mit der "deutschen Optik"
und dem 21/10°-Film. Alles trotz Momentbelichtung
über-exponiert.

Nachmittag: Spaziergang /M./ Wientalstrasse.

Sonne scheinte stark. Der Tag war schön.

Abends wünschte ich    besonders heftig ein Mädchen herbei.

Morgens:

Sommer-Ende
Die letzten Blumen im Garten,
farbig und wild,
besucht jetzt der kältere Wind.
. . .- - -
. . .- - -

Dienstag, 25. August:

Weissenborn hat seine ältere Freundin geheiratet.
Eintragungen. Tante ist    von ihrem Dienst in der ÖPEX
vollkommen erschöpft; sie wird krankgeschrieben werden.
Letzte Arbeit der Handwerker in unserer Wohnung
/Fenster-Aktion der Anstalt Steinhof/.

Nachmittags kam Jandl. Er erzählte von            Fried, von einem
selbstherrlichen Emigranten: Adler und von anderen
englischen Erscheinungen. Das Wetter war trüb. Wir
spazierten nicht sondern bleiieben zu Hause sitzen.

Ueber die wahre Ursprünglichkeit und die falsche
/eklektische!/ Originalität gesprochen. Ueber die
Schwerverständlichkeit von Gedichten als Folge ihrer
Unexaktheit. Ueber die Auseinandersetzung des Künstlers
mit der Zeit /einerseits/ und mit der Kunst /anderseits/.
Spaltung des heutigen Künstlers in einen Produzenten
und einen Kunstpädagogen. Was dem einen wohltut, schadet
dem anderen:

Der gute Autor muss vom Kunstbetrieb unberührt sein.
Der Kunstpädagoge muss im Kunstbetrieb orientiert sein.
Der gute Autor soll fast nichts lesen, soll nicht
diskutieren, soll           nicht mit Literaten verkehren.

Der Kunstpädagoge soll viel lesen, von früh bis abends
diskutieren, soll keine Berührung und keine Auseinander-
setzung versäumen.

Ich bin seit längerer Zeit in die Theorie abgetrieben.

Ueber die Auseinandersetzung mit der Kunst als
sekundäre Erscheinung im Leben des Künstlers.

Das Bedürfnis, in einer bestimmten Weeise zu schaffen,
als primäre Bestimmende für einen neuen Stil; die
Kollision mit dem vorangegangenen Stil ist erst
eine Folge aus der primären künstlerischen
Haltung.


Mittwoch, 26. August:

Vormittag Einkauf Linzerstrasse.

Nachmittags bei Polakovics:

Ueber Orffs "carmina burana" gestritten,
über die Beschreibbarkeit des musikalischen
Eindrucks, zwei Prosastücke von Kassner,
über das aus-sich-Heraustreten und sich-selbst-
Beobachten im Gedicht gesprochen.

Ueber die Erlaubtheit der unvorbereiteten
Formulierung im Gedicht gestritten;

Altmann; das ; der
künstlerische Wortsalat als unvollständige Psycoho-Selbstanalyse; über den Schwindel mit
dem unkontrollierbaren Gedankengang; über die
Entstehung einer literarischen Mode mit Hilfe
der Schmocks. Die surrealistische Mode, die
"abendländische" Mode. Ueber den konventionellen
Dreck, der                                                  dem Beurteiler das Urteilen jedoch
leichter macht
als der modernistische Dreck.
Ueber Altmanns Anfänge gesprochen. Vergleich
mit Rilkes Anfängen. Rilkes Entwicklung und
Hofmannsthals Vollkommenheit. Rilkes Krankheit.

Ueber die Ursache der faszinierenden Wirkung

    von Rilkes Gedichten. Substanz und Form bei
Rilke. Nachfolge grösstenteils von der Form her.
Wirkung Rilkes auf den pubertativen Menschen.

/Das Gespräch wurde sehr interessant, und wir
nahmen uns vor, es samstags fortzusetzen.
Streiften in einem Nebengespräch noch Hakels
Deutung des "Prozesses" als tuberkulöse Infektion,
mein Verhältnis zu Hakel und einige Reaktions-
typen meines       Gemüts./


Donnerstag, 27. August:

Nur noch vier Urlaubstage. Der Urlaub
brachte mir viel Gutes. Ich hätte ihn
freilich besser nützen können. Lang noch
nicht genug habe ich mich gesammelt und
meine Kontakte verwesentlicht.

Nachrichten aus der "Furche" über die
Wirkungen der Wasserstoffatombombe
und über den Rachedurst unter den
vertriebenen Schlesiern liessen mi  ch
meine privaten Probleme viel kleiner sehen.
Meine Gedanken mündeten in den grossen
Gedanken der Menschen:    Was kann    man
  r den Frieden tun?

Kleinere Arbeiten, fürs Haus und für mich.
Trüb, sehr kühl. Nachmittag P-Mappen weiter
gesichtet.

Abends sahen wir gut gestimmt aus dem
Fenster. Drei ganz junge Radfahrerinnen
strichen draussen herum. Zwölfjährige
bis vierzehnjährige Mädchen /wenn ich
Gelegenheit habe, ein Stückchen aus ihrem
Leben zu beobachten,/ regen mich auf:
ich finde mich plötzlich in ihrem Zustand,
in ihrem Alter, in ihrem Zustand, mit ihrer
Erwartung und ahne ihre Zukünfte.

Idee für eine Kurzgeschichte.


Freitag, 28. August:

Jandl, Spaziergang Wientalstrasse, durch das
Dörferl gegangen, dort gesessen bei Apfelsaft
und unsere Eliot-Uebersetzungen /Waste Land/
verglichen und revidiert. Vorher mehrere
Stationen: Kinder, die im Wienfluss fischen.
Lastautos: zwischen dem Fahrer und seinem
Begleiter sitzt eine Frau; wie wird sich ihr
Vormittag in Wien gestalten?

Das Erleben eines Motorradfahrers, nehmen
wir an: von Linz nach Wien. Die Kinder, die
nur einen Grasfleck vor sich haben und die
der Eisenbahn nachdenken. Man muss jedes
Pflänzchen und jede Minute von Lastauto-
fahrern in ihrem vollen Wert als "Leben"
und "Natur" erfühlen und lieben können.

Zwei Mädchen: eine ziegelrot, eine rauchblau
gekleidet, in der Fensterhöhle eines
Ziegelbaus. Ueber den "Zweck" der Kunst
disputiert. Nicht aus der Gemeinschaft
gelöst sondern verwesentlicht soll der
Kundstempfänger werden durch das Kunstwerk
werden. - Ueber den epischen Charakter der
"konkreten Lyrik". - Ueber die Konsolidierung
der in      ihrer Jugend unruhigen Dichter. Ueber
die Ordnung und die Ethik als Mitbestimmende
des Gedichts.

Nachmittag in den Garten ein paar Aepfel
ernten gegangen, dann /halb drei Uhr/ ins Bett
gelegt, um an der Kurzgeschichte zu schreiben.

Ueber die Konventionalisierung und Kommerziali-
sierung der Erotik nachgedacht.


Samstag, 29. August:

Lang im Bett geblieben. Kurzgeschichte
weitergeschrieben. Dann auf die Linzerstrasse
um die Wäsche gegangen. Bis halb vier Uhr
an der Kurzgeschichte gearbeitet. Provisorisch
abgeschlossen nahm ich sie zu Polakovics mit.

Aglajas Spreizhemmung ist schon beseitigt.
Polakovics' Arbeit für das Gedicht-Preisaus-
schreiben der RAVAG ist weiter gediehen.

Die erste kritische Arbeit Polakovics', in der
trotz aller Schärfe mehr gesagt als geschimpft
wird. Die Stellungnahme zu den einzelnen
Gedichten ist überzeugend.

Maja war sehr müde.

In der ersten Hälfte des Nachmittags schauten
wir Gedichte an: wir verglichen Gedichte
von Zeitgenossen verschiedener Epochen.

In der zweiten Hälfte des Nachmittags sprachen
wir über meine Kurzgeschichte. Ich erkannte,     dass ich ihr Problem deutlicher anzeigen muss; sonst
leite ich die Lesxer unfreiwillig fehl.
Ausserdem gefällt mir die Form noch nicht.

Abends dachte ich an das nahe Urlaubsende;
ich war aber nicht betrübt.


Sonntag, 30. August:

Unregelmässiges Wetter. Eintragungen,
ziemlich früh auf, Garten. Kleine Schreib-
arbeiten für mich.

Tante fährt Dienstag für vierzehn Tage
nach Mönichkirchen zu ihrer Erholung.
Sie lud uns für kommenden Sonntag zu
einem Besuch dorthin ein. Ich war davon
begeistert; Mama fährt zum ersten Mal
seit vielen Jahren aus Wien.

Nachmittags, besonders als ich allein war,
versuchte ich mich wieder an der Kurz-
geschichte
. Ob ich mit dem, was ich erreicht
habe, einen guten Anfang gefunden habe,
überseh ich noch nicht.

Geldordnung.


Montag, 31. August:

Traum: Die blauen Fahrzeuge der Russen sind
versunken. Aber die drei blauen Autos der
Ukraine waren neutral und bestehen noch.
Papa fährt nachts mit einem und nimmt mich
mit. Wir halten in der Stadt. Dort habe
ich zwei Aufträge: beim Bäcker und beim
Schneider. - Ich bitte die Schneiderin,
mir die Halsweite zu messen. Ob ich ein Hemd
bestellen soll, habe ich plötzlich vergessen.
Solange sie kein Geschäft mit mir macht, wird
die Schneiderin zu mir unfreundlich bleiben.
Ich suche einen Telephonautomaten. Vor einer
Fabrik finde ich einen; dort stehen aber
vielwe Leute und warten. Ich schliesse mich
einigen an, die zu einem anderen Automaten
laufen. Auch dort dauert es mir noch zu lange,
und ich laufe zu einem dritten. Ich rufe an;
auf derselben Leitung aber wird ein anderes
Gespräch geführt; dieses Gespräch, erst
unübersichtlich und versponnen, klärt sich
zu einem Gespräch mit Polakovics; der hat
Fünfhundert-Schilling-Scheine zu entwerfen.

Ihn reizt ein verzerrtes Gesicht aus der
Mythologie: eine Hälfte des Mundes läuft
parallel der Wangen-Kontur, die andere Hälfte
steht waagrecht, starr. Die Scheine sind
violett gefärbt. Ich kritisiere die Verzerrung,
Polakovics aber grinst und sagt: Diese Linie
kann man mit dem Zirkel ziehen!
Das ist schön!

Das Gespräch hat gedrängten Charakter, weil ich
noch das Telephongespräch wegen meines Hemdes
zu führen habe, zur Schneiderin zurückkehren muss,
den zweiten Auftrag beim Bäcker auszuführen habe,
dann erst in das blaue Auto wieder einsteigen kann,
wo Papa schon sehr lange wartet. Gleichzeitig
das Gefühl grosser Freiheit, die mir bevorsteht,
wenn ich wieder im Auto sitzen werde, und von viel
Zeit in der grossen Stadt.

Früh im Bett noch Eintragungen.

                 Die Sonne scheint.

Erster Bürotag nach dem Urlaub.

Abend: Zsolnay-Anfrage um gute Romqanmanuskripte
aus meinem Autorenkreis.

Garten,

Fenster, Lust an Beobachtungen.


Dienstag, 1. September:

Früh angenehm; versuchte wieder, an der
Kurzgeschichte weiterzuarbeiten.

Auch heute auf der Strassenbahn
Freude an achtungen /junge Frau, irritiert,
Ernstseinwollen obwohl im Grunde lustig; hell
......./.

Im Büro durchschnittliche Arbeit. Steger ist
noch bis 15.9. fort /Witzmann ist statt ihm
Bürochef/, Dr. L. fährt morgen für eine Woche
ins Ausland, ist aber auch heute schon nicht mehr
in unser Büro gekommen. Machwitz und Witzmann
schickten uns um 16 Uhr nach Hause.

Korrespondenz wegen der Zsolnay-Anfrage.

Garten. Mit Mama zu Westermekier um Bier.

Polakovics und Bisinger kamen abends.:
Polakovics suchte Gedichte für Hakel,
Bisinger       kam, um mir zu sagen, dass er von Italien
zurück ist.


Mittwoch, 2. September:

Früh Eintragungen. Heisse Tage. Beob. gesch.r.

Im Büro viel Arbeit, besonders Nachmittag, als ich
. /Die anderen wurden nachhause geschickt;
ich hatte Dienst./ Nachher noch /zum erstenmal nach
langer Zeit/ zur Post. Daheim lebhafter Abend.


Donnerstag, 3. September:

Schon mittags nach Hause geschickt worden.
Die Beobachtung fertiggeschrieben. Garten.

Mama hat ein Zahngeschwür. Sie wird wahrscheinlich
nicht nach Mönichkirchen mitfahren können.

Einer der heissesten Tage dieses Jahres.


Freitag, 4. September:

Schlechtes Wetter wurde vorhergesagt.
Aber der Himmel ist nur schwach bewölkt,
und es ist wieder ein heisser Tag.

Früh die zweite Beobachtung aufzuschreiben
begonnen.

Nachmittags wieder zeitig heim. Grosse Ernte
im Garten.

Abends alte Bestände gesichtet. CN4 weggeschmissen.


Samstag, 5. September:

Bürofrei.

Einkauf Linzerstrasse. Früh bewölkt, dann war aber
das Schlechtwetter wieder vorüber. Strahlend und
heiss. Bei Westermeier gerastet.

Die Beobachtung heute reingeschrieben. Jetzt habe
ich acht "Begegnungen" fertig". Bis 50 sind es immer
noch viel.

Ebnerkarte kam. Korrespondenzen.

Bevor ich zu Polakofvics ging, las ich noch ein paar
Hemingway-Geschichten.

Polakovics: Ueber Hemingway, die Ichbezogenheit
von Kunstwerken, über George gesprochen. Verglichen
George und Rilke. Ueber die Einheitlichkeit Trakls.
Suchten die sexuellen Bezlogenheiten bei Trakl.
Ueber Baudelaire und Wildgans.

Vor meinem Weggehen sprachen wir über die "Neuen
Wege
". Ueber die "erbauliche" Formulierung, die der
guten Tendenz schadet, als Kennzeichen der heutigen
Linie in den "Neuen Wegen".


Sonntag, 6. September:

Mit Mama nach Mönichkirchen. Schönes Wetter, schöne
Fahrt. Besuchten Tante im Hotel. Gingen nachmittags
hinüber "in die Steiermark" /die Demarkationslinie
ist seit dem letzten Mal aufgegeben worden/.
Waldspaziergänge. Tante erzählte, sie hat eine Frau
kennengelernt, mit der suie auch öfters zusammen ist;
diese Frau spricht viel über die "Neuen Wege", über
Weigel, Artmann, die jungen Leute; sie ist die Mutter
der Liselotte Matiasek!

Café, aber draussen. Kuhweide. Am späteren Nachmittag
kalt. Autobus Möchte gern in Mönichkirchen bleiben.
Mit der fixen Idee, den Ort nicht zuim letzten Mal
gesehen zu haben, verabschiedeten wir uns. Auch Mama
wäre von einem Leben hier begeistert.

Freundliche Rückfahrt, nicht mit dem schmerzlichen
Gefühl der Einmaligkeit wie vor fünf Wochen.

Zwei ganz mjunge Katzen im Autobus. Ziegelhäuser
im Abend-Rot. Längerer Halt in Wiener Neustadt.
Dort schissen sich die Katzen an und verstanken
den Autobus. Die Kinder, die sich eineinghalb Stunden
mit ihnen befasst hatten, gaben sie auch jetzt nicht
ganz auf, nur drückten sie sie nicht mehr an ihre
Wangen. Die blühende Frau mit dem Kuhgesicht, die
auf der Hinfahrt vor mir gesessen war und jetzt
weiter vorne und drüben sass, reichte ihrer Familie,
die ein Viertel des Autobusses einnahm, ein Taschentuch
mit Eau de Cologne herum.

In Wien, wo die Herbstmesse begonnen hatte, gab es
viel Leute auf den Strassen und auf den Strassenbahnen
Nicht so besinnliche Rückfahrt wie das letzte Mal.


Montag, 7. September:

Stadtfaul. Normale Bürozeit. Auch in Wien jetzt kühl.
Garten. Alte Geschichten durchgeplaudert.


Diemnstag, 8. September:

Früh geschrieben.

Adenauer hat bei den deutschen Wahlen gesiegt.
Abends viel Post.


Mittwoch, 9. September:

Abends auf der Uni Cysarz-Vortrag.

Unheimliche Dynamik verbunden mit höchster Präzision.


Donnerstag, 10. September:

Es bleibt kalt. Heute auch Regen.

Früh Korrespondenz.

Krank, nur auf einen Sprung im Büro.

Jirgal war so freundlich, mir die Destillationen
zu schicken. Diese und ein alter Jahrgang der
Zeitschrift "HEUTE", dieer von Huber neulich kam,
beschäftigten mich abwechselnd an diesem Tag, an dem
ich mich grösstenteils ausruhte.

Dachte viel an ein Mädchen.

Wermutwein, gemütlicher Vormittag, Nachmittag und
Abend.


Freitag, 11. September:

Wieder ins Büro. Irrsinnige Arbeit.


Samstag, 12. September:

Auch heute vVormittag scheusslich viel Arbeit,
noch dazu Aerger. Nachmittag kamen Tante /von
Mönichkirchen zurück/ und Kein. Mit Kein über
die Destillationen gesprochen, er zeigte mir eine
wieder gute Kurzgeschichte, dann redeten wir über
meine jüngste und meine früheren Kurzgeschichten,
über die Hakelsche Handwerks-Theorie von der Kunst.
Angeregter und anregender Nachmittag.

Abends gemütlich,.


Sonntag, 13. September:

Früh ein bisschen Hemingway. Wollten zuerst, weil
ein prachtvoller Morgen war, ins Wiental ausfliegen,
es wurde aber zu spät und es wurde auch sehr windig.
So nur Garten, den Ofen wieder umgesetzt /weil bald
das Heizen beginnt/, und dann wegen der Rückkehr zu
den "Neuen Wegen" zu Polakovics gegangen.

Nachmittag begann ich einen Artikel für
- eigentlich gegen - die "Neuen Wege" zu schreiben.


Montag, 14. September:

Vorherbstlich.

Immer noch viel, aber geordnetere Arbeit.

Abends eine Judenzeitung, die ich abonnieren soll,
und die letzten Photos: alle schlecht.


Dienstag, 15. September:

Wieder schwerere, unübersichtliche Arbeit.

Abends zu Tante. Mama von dort nur abgeholt.
Müde mit ihr heim.


Mittwoch, 16. September:

Früh Traum von Marjorie. In kleinen Gassen
entschwunden. Zwei kleine Hunde fingen mich,
als ich sie auf einem entlegenen Platz suchte.
Die Hunde hängten sich an meine Schenkel und
zwickten mich mit ihren Zähnen. Einer der beiden
Hunde war gemütvoll und heulte jedesmal mit, wenn
ich "Marjorie" heulte, aber der nandere war streng,
liess nie ab zu zwicken und befahl auch dem anderen
Hund, wieder bissig zu sein. Endlich kamen Menschen.
Einer von ihnen übergab mir "ein zeitgemässes
Wörterbuch", für den Fall, dass ich mit ihnen zu
reden wünsche. Ich blätterte darin und las:
"Folter", "Schrepfen", "Feuerschwerhörigkeit". Im
Zusammenha       ng mit dem letzten Titel fand ich ein heisses
Instrument, sehr schwer, aber von der Spitzigkeit
einer Nadel; über das Instrument wurde gesagt:
"auch wer vorher alles aushält, hupft bei dieser
          Behandlung aus der Pieke ..." Ich erwachte aber bald,
weil es draussen schon sehr hell war.

Früh Lust auf den Artikel. Klarer Vorherbstmorgen.
Zermürbend langweiliges Büro.

Abends Jirgals Etüden.


Donnerstag, 17. September:

Viel Arbeit. Mayröckerbrief.


Freitag, 18. September:

Wieder viel Arbeit. Warm. Abends
kleinere Schreiberei.


Samstag, 19. September:

Die drei Frauen unseres Büros haben
sich von einem Arzt untersuchen lassen;
alle drei sind mit ihrer Nervenkraft
am Ende.

"Kontinente", eine neue Zeitschrift
mit Weigel, kam.

Nachmittags über Neurasthenie gelesen:
einmal in einem nicht-analytischen Buch;
Artikel für die "Neuen Wege" wweiter-
geschrieben. Schöner Abend.


Sonntag, 20. September:

Vormittag Artikel weiter.

Nachmittag zu Polakovics. Laaber
war dort mit einem Italienbericht.
Anregend und angeregt über ihn gesprochen.


Montag, 21. September:

Früh Artikel. Trüb. Tante wieder kranker.
Hitchman in Wien.

Post kam. Abends Korrespondenz.


Dienstag, 22. September:

Früh Schreiberei.


22.-27.9.1953
Dienstag:

Im Bett der Friederike Mayröcker geschrieben.

         

Auf der Morgenfahrt Briggi getroffen. Sie hat jetzt
eine innerlich gesunde Zeit.

Tante auf einen Sprung ins Büro: Bleibt diese Woche
noch fort. Bessere Stimmung. Alle zu ihr sehr freund-
lich.

Hitchman kam wieder. Heute machte ich statt Huber
Spätdienst.

Abends Schreiberei.


Mittwoch:

Machwitz fährt morgen auf Urlaub.
Langer Abenddienst.


Donnerstag:

Trübes Wetter.


Do:

Erster Tag im Büro ohne Dr. Machwitz.

Ziemlich viel zu tun. Trotzdem in der Mittagpause
meine Reinschrift begonnen und abends Schlag Fünf
nach Hause gegangen.

Angenehmer Abend, Spaziergang um die Steinhofer Mauer.
Ein Heft der "Neuen Wege" kam.


Fr Q:

Viel mehr Arbeit als gestern. Bis halb sechs dringeblieben
           Zu Mittag Zzwei Seiten Reinschrift                 meines Essays, und
Klärung des bisher Geschriebenen in meinen Gedanken.

Wieder ein schöner YAbend.


Sa:

Nachsommertage.

Früh Sonja getroffen.


Fr
Sa

nm. Kein


So

vm. Jandl. Nm. Artikel
weitergeschrieben.

Abends Nebelbei leichtem Nebel sSpaziergang
Steinhofer Mauer. Beleucht-
tetes Gasthaus.
stumpfes Schwarz, traumhaft unterbrochen
durch Rast gegenüber beleuchtetem
Gasthaus (fast unbesetzt, jede Bewegung der
wenigen sichtbar;) Danach weiter.
Alles
fremdartig, alles
Geräusche scharf wie
aus dem Laboratorium,
sonst wie eiin einemliegt die Luft taub.
Beleuchtete Fenster und
Gitter im Vordergrund sehen
"sehr genau" aus

("Fen-ster", "Git-ter").
Panorama mit
Hundegebell. Fühlte
mich hingezogen zum
Phantasieren, das ich
sehr lange schon
zu    gunsten des
strengen Arbeitens
aufgegeben hatte.


Mo 28 9 53

Viel Arbeit. Rückstände
häufen sich.


Di 29 9 53

Wild gearbeitet.
Rückstände werdennehmen
nicht ab.

Abends mit Briggi
gegangen. (Die Straßenbahn
entlang.) Zuhause Most.


Mi 30 9 53

Konnte die Rückstände
aufarbeiten.

Angenehmer Abend.


Do 1 10 53
Fr 2 10 53

Viel Arbeit. Treffe morgens
immer Briggi.


Sa 3 10 53

Morgen, zu meiner Über-
raschung, Wachaufahrt
mit Tante und Paul.

Sa nm.

am Artikel weiterzuschreiben
versucht, nichts zusammen-
gebracht.


So 4 10 53

Wachaufahrt.

Bis auf ein hübsches kleines und
ein bebrilltes junges Mädchen
nur ältere Leute im Autobus.
Vor uns ein Paar: der Mann
mit einem Zettel voll historischer
Notizen (Gründung von Melk
) in sorgfältiger Schrift;
die Frau mit rötlich aufgefärbtem
Haar schmiegt sich in seine
Jahreszahlen. Sie ist so
geborgen; bald packt sie ihr
Restaurant aus der Tasche.
Vier schnarrende Kröten rechts:
mit gewalttätigem Humor
und Steireranzügen. Am
fürchterlichsten ihre Führerin.
Offenbar eine Geschäftsfrau.
Alle vier haben graue Köpfe
voller Kämme.

Fortsetzung So 4 10 53

Nebel bis St. Pölten.

Während der Nebelfahrt über den
Riederberg dachte ich an Friederike
Mayröcker
. Der Autobus ist in
sich gekehrt, weil er durch
dicken Nebel fährt.

Vertrieben der Nebel mit einer
Besichtigung von Melk und
seinem Stift. Gute helle Farben
der Deckengemälde (im Gegensatz
zu den scheußlichen Ahnenbildern)
und reizvolle Perspektive.

Anziehende Bibliothek.
Viel schöner natürlich Melk
von oben (der Nebel hatte
sich zerstreut): das Donau-
armerl: Sandbänke, Kähne,
das Städtchen, Mann mit Hund
durch Fluß, Espresso mit
vielen kleinen Sonnenschirmen,
Autobusse. Auch unten dann
schön mit Blumen gelb, orange
und violett.

Fortsetzung 2 / So 4 10 53

Langes Warten auf Rollfähre.
Zigeuner. Einschiffung. Treiben
mit der Donauströmung.
Drüben gegessen. Weiterfahrt
nach Spitz. Freundlichstes Stück.
Donau, hohe Hügel, Weinterrassen,
kleine schmalgassige Städtchen,
Strecken neb  en der Bahn.

Weißenkirchen, Dürnstein, Loiben.
Der dortige Trachtenzug hatte, als
wir ankamen, schon stattgefunden.
Wir sahen nur einen Loibner
Sandhaufen und eine Wachauerin
in Tracht aber ohne Goldhaube.
Stift Göttweig. Im Stiftkeller.
Mehrere Weine gekostet.
Nebenan eine Dulliöhgesellschaft,
viel weniger originell als die
von Ruszt.

Heimfahrt nach Wien. Noch
fast zwei Stunden.       Da wir

heute vorn im Wagen saßen
und freie Vordersicht hatten,
und abends das Land seitlich
den Scheinwerfern sehr im Dunkel
lag, sahen wir auf der Rückfahrt
hauptsächlich Straßen.

In Hietzing wurde ich abgesetzt.
Ein junges hübsches Wesen, aber
Mutter eines Kindes, im Zehner-
wagen auf der Plattform neben mir.
Als sie ausstieg, war ich erst
richtig im kalten, montagvorbe-
reitetndenschon montäglichen Wien.


Mo 5 10 53

Dr. Machwitz wieder im Büro.
Leichtere Arbeit.

Früh am Artikel wieder zu schreiben
begonnen.


Di 6 10 53

Früh Artikel. Herbstlich.

Erstmals im Mantel gegangen.
Guter Laune. Briggi getroffen.

Nachmittag frei!

Mayröcker geschrieben, ins Bett
gegangen.


Mi 7 10 53

früh am Artikel gearbeitet: kondensiert.
Arbeit im Büro nimmt ab.

Abends bei Wiesflecker. Ordentliches
Gespräch über den Kommunismus.


Do 8 10 53

früh mit Briggi gesprochen.

Arbeit im Büro nimmt weiter ab.
Trostloses Wetter.

Abends nach Hause geflüchtet.


9 10 53 Fr:

Schöner Herbstmorgen. Kalt.

Versuchte, mit dem Artikel weiterzukommen.

Früh mit Briggi, Schik und dem anderen Chemiker gefahren.
Die Experimente, die Broda mit radioaktiven Isotopen zur
Erforschung der Photosynthese macht, hätten mich, wenn ich
Chemiker geblieben wäre, interessiert.

Gegen Mittag wurde es wieder trüb. Im Büro war wenig zu tun.
Hätte gern freigehabt und am Artikel gearbeitet; ich wäre dafür
in der richtigen Stimmung gewesen.

Freundlicher Abend.


Sa 10 10 53:

Früh endlich           mit dem Artikel weitergekommen.

Mit Schik-Karli und dem Chemiker gefahren, geplaudert.
Im Büro lebhaft. Mittags einen Gutschein für zwei
Freikarten in der Scala eingelöst /Rumänischer Volks-
tanzabend, durch Wiesflecker/.

Angenehmer Nachmittag. Briefmarkensendung von Doppler
bearbeitet, dann ein eigenes Doublettenheft zusammenzu-
stellen begonnen; möchte gern eine grössere Menge davon
verkaufen.

Guter Abend.

Tante war gestern bei Primar Bruha: Nervenuntersuchung.
Bruha war sehr freundlich zu ihr, fand ihren Zustand
ernst.


So 11 10 53

prachtvoller Herbsttag.

Mit Kein um die Steinhofer Mauer spaziert, ihn ziemlich
schlecht unterhalten.

Nachmittag quälte ich mich weiter mit dem Artikel.


Mo 12 10 53

früh mit dem Artikel weitergekommen. Schöner Tagbeginn.
Mittags riefen mich Rocek und Jandl an. Rocek
wird ab Ende Februar acht Abende im Volksheim
Margareten
für Lesungen je eines jungen Autors
zur Verfügung gestellt erhalten. Eine bot er mir
an. Ich nahm diesmal an, um ihn, mit Rücksicht auf
seine Freundlichkeit, nicht vor den Kopf zu stossen.

Jandl lud mich für anschliessend an den Sonntag-
besuch zu Lorcas "Donña Rosita" ein, die ich zufällig
so gern hatte sehen wollen.

Für Abend hatte ich durch Wiesflecker Karten für
eine Vorführung des rumänischen Volkskunstensembles
bekommen. Mit Tante dorthin gegangen. /Scala./

Vorher Ausstellungen über "gesundes Leben" und
"die neue Form" im Künstlerhaus angeschaut, weil
zwischen Büroschluss und Scala-Beginn noch viel
Zeit verblieb. Die neuen Formen in der Innen-
architektur machten auf mich einen starken Eindruck.

Nicht mehr die kubistische und mechanistische Tendenz
sondern Neigung zu funktionell optimalen und anmutigen
Kurven.

Dann Auslagen betrachtet, geschmacklose auf der
Favoritenstrasse.

Die Vorfrührung in der Scala dauerte über drei Stunden.
Viele sehr reizvolle Stücke wurden gesungen und getanzt.
Am besten gefielen mir die meisten der Tänze und das
Hirtenlied, das jeden Menschen ansprach, obwohl es in
fremder Sprache gesungen wurde.

Am Schluss zehn Minuten fortdauernder Applaus, der dann
rhythmisch wurde und in den dann "pace"-Rufe einfielen.
Die Mädchen und die Burschen auf der Bühne applaudierten
ihrerseits dem Publikum. Sie lösten Blumensträusse, die
ihnen auf die Bühne gebracht wurden, auf und warfen
Blumen unter die Zuhörer.

Mitternachts nach Hause gekommen.


Di 13 10 53

Wenig Arbeit im Büro. Angenehmer Abend.


Mi 14 10 53

Wieder recht wenig Arbeit im Büro. Erledigte endlich
die Gedichtsendung nach Stuttgart.

Heute Abend kommen die Heimkehrer in Oesterreich an.
In den letzten Tagen grosser Wirbel um Triest.

Abends Spaziergang um die Steinhofer Mauer.


Do 15 10 53:

Nach dem Büro bei Roček die
kommende Lesung besprochen. Nahm fünf von den acht XAbenden
für meine Freunde in Anspruch.

Roček trauert stark um Hertha Kräftner; seine
Trauer mischt sich mit Verbissenheit, wenn
er zu sehen glaubt, dass andere mit dem toten
Mädchen Geschäfte machen.


Fr 16 10 53:

Viel Arbeit im Büro.


Sa 17 10 53:

Nachmittag am Artikel erfolgreich
weiter. Frühlinghaft.


So 18 10 53:

Artikel.

Nachmittag bei Jandl, dann Lorca. Dieses Stück
wird mir jetzt für lange Zeit ein Zentrum sein.


Mo 19 10 53:

Früh am Artikel weitergeschrieben-.
Mit Arbeit ausgefüllter Bürotag.

Paul wird operiert werden müssen.

Abends viel Post, angenehmer Spaziergang um die
Steinhofer Mauer.


Di 20 10 53:

Sehr warme Tage. Früh Artikel.
In die Stadt gefahren, mit Mama auf der einen
Seite und mit Briggi auf der anderen Seite.

Büro: lebhaft. Abends Brieferl von der Friederike
Mayröcker
. Schickte mir eine sehr gute "Nausikaa".
"Sturm". In letzter Zeit ihn öfter gesoffen.


Mi 21 10 53:

Abends zu Polakovics. Wir dachten
über Titel für die Lesungen im
Volksheim nach. Er sagte mir die
Mitwirkung von Kiessling und den
dreic Jungen mit. zu. Maja wusch
und bügelte inzwischen Wäsche.

Die nächsten Tage hetzte ich mich sehr.
Donnerstag die Gruppen für die Lesung und die
Titel für die Gruppen zusammengestellt, die Auf-
stellung Roček ins Kastl geworfen. Bis Montag
Abend muss ich den Artikel für die Novembernummer
der "Neuen Wege" fertig haben. Freitag fuhr Mama
allein auf den Grinzinger Friedhof zu meinen
Grosseltern, um mir den Samstag Nachmittag frei
zu halten. Samstag legte ich mich ins Bett und
schrieb lang am Artikel, schrieb nicht viel aber
klärte viel. Sonntag kam Vormittag Kein. Er
riet mir manches für den Artikel, und mir half die
Uebereinstimmung zwischen ihm und mir viel.
Nachmittags machte ich mich mit gutem Mut über
den Schluss des Artikels her. Als ich die Rein-
schrift fertig hatte, ging ich mit Mama um die
Steinhofer Mauer spazieren und zweigte dann ab:
zu Polakovics. Den Artikel lasen wir nicht
mitsammen. Wir besprachen /schimpften haupt-
sächlich/ neu erschienene Bücher: etwa die
"Glaskugel" vom Zand, die im Radio und im "Kleinen
Volksblatt
" besonders gute Kritiken erfahren
hatte. Aus den "Versen aus Aquafredda" von Fink
gefielen mir /zum ersten Mal, dass mir etwas von
Fink gefiel/ die starken wahnsinnigen Schilf-
lieder
. In ihnen ist die Ihre Sprache ist gelöst
und präzis.


Dienstag, am 27., besuchte ich Roček. Wir besprachen
die Lesung im Volksheim, dann spielte er mir auf
dem schlechten Plattenspieler gute Stücke vor.
Moldau, Tschaikowskyj, auch zwei Wagner-Lieder /die kannte
ich nicht/. Am 15.11. wird er mit mir zu Kärftners
Grab gehen. Kahr hat ihm übrigens erzählt, dass
Kudrnofski Kräftner x vor ihrem Tod mit einem Hochfrequenzapparat
besucht habe und ihr suggeriert habe, sie werde
sich bald umbringen.


Mittwoch, am 28. Oktober, nach dem Büro fand
in Mariahilf die Besprechung der Lehrer-
lesung statt, an der Polakovics, Jandl und als
Aussenseiter ich mitwirken werden. Wir
trafen uns dort in der grossen Wohnung einer Musikerin.

Es wurde gemütlich. Wir trafen zunächst die
Auswahl aus dem Manuskripte-Bestand. Polakovics
und ich lasen probeweise. Jandl fiel plötzlich
die Bescheidenheit an, ihm kamen meine Sachen
besser als seine vor. Polakovics wird von sich
nur wenig lesen. Angeregtes Gespräch über die
kommende Lesung auf dem Heimweg. Sonntag
treffen wir uns, um das Programm zusammen-
zustellen, bei Polakovics.

Der Artikel wurde ohne Aenderungen angenommen.

Im Büro mussten wir in diesen Tagen wieder
viel arbeiten. Dr. Lindner kaufte für sein
Zimmer im Büro einen Perserteppich um
S 21.1000.-- Sparmassnahmen, breite Diskussionen
um die Verbilligung unserer Postspesen; auf
zur Handelskammer dürfen die Angestellten unse-
rer Firma
nicht mehr mit dem Autobus fahren.


Freitag, 30. Oktober:

morgen überraschenderweise
bürofrei. Allerseelenwetter. Abends zu
Baumrucks Verwandten in Breitensee, um über
Papa vielleicht etwas zu erfahren. Nur die
Frau des Schuldirektors Schenner war zu Haus.
Sie wusste wenig, Baumruck hat seit seiner
Heimkehr noch wenig erzählt; aber er wird
uns bald besuchen.

Angenehmer Abend.


Sam  stag, 31. Oktober:

Frei. Herrlicher Tag.
Vormittags machte ich notwendig gewordene
Ordnung. Nachmittags legte ich mich ins Bett,
und arbeitete ein wenig an den alten P-Mappen
und ruhte vor allem aus. Abends Lust zu
theoretischer Arbeit.


Sonntag, 1. November, :

Geschäftiger Morgen und lebhafter
Vormittag. Mit Jandl bei Polakovics.
Aglaja sieht schon recht stabil aus.
Wir machten das Programm fürdie
Lehrerlesung, ich las die Korrektur-
fahnen meines Artikels.

Nachmittags ausgeruht, den Baumgartner
Friedhof
, unserer Tradition gemäss,
aufgesucht und den Bericht über die
letzten dreizehn Tage ins Tagebuch
eingetragen. Es ist schon kalt draussen.
Den Mantel schon gewechselt.


Notizen aus der Uebersiedlung-Zeit
Mo 2 11 53:

Mönichkirchen ist weit vfort von hier, und jetzt
ist es dort auch kalt. Ich möchte gern mit jemandem
sprechen. Nicht den ganzen Tag /der eben erst
begonnen hat/ im Büro bleiben.

Unfreundliches Wetter. Herbst. Alle Eile hilft nicht,
die Stundenzahl ist mir vorgeschrieben.

Das Konkrete wird gern abstrakt ausgelegt. Die
Unzufriedenheit oder Erregung als existentielles
Gejammer. Wenn ich den "Rauch" lobe, so lobe ich den
wirklichen Rauch, damit ihn der andere Mensch ebenso
voll erkennen und lieben soll.


Mi 4 11 53:

Nach dem schweren Bürotag erwartete mich in der
Singerstrasse Mama, um mir zu sagen, dass man uns eine
Wohnung im 19. Bezirk angeboten habe. Mama ist
begeistert und will, wenn die Wohnung nur halbwegs
gut ist, annehmen. Wir fuhren zu Tante, die morgen
mit ihr zusammen die Wohnung anschauen soll.
/Ich kann nicht, ich habe im Büro eine eng befristete
Arbeit zu leisten./


Do 5 11 53:

Die Wohnung liegt in Sievering. Es ist eine
Wohnung in einem Neubau der Gemeinde Wien. Wir als
erste Bewohner. Nur Zimmer und Küche, aber Klosett
mit Waschbecken in der Wohnung, Abwasch und Gasherd.
Freundlicher Eindruck.

Am Abend Besprechung der Lehrerlesung in Mariahilf.
Die Musikerin, in deren Wohnung wir uns wieder trafen,
hat viel von einem Schweinchen an sich.

Erste Novemberwoche: sehr viel Arbeit im Büro.

Daheim denken wir jetzt nur an die Uebersiedlung. Alle Zusammen-
künfte in der nächsten Zeit schon abgesagt.


Sa 7 11 53:

Nach dem Dienst die neue Wohnung zum ersten Mal
angeschaut. Nachmittag geplant.


So 8 11 53:

für die Uebersiedlung gearbeitet und geplant.


Mo 9 11 53:

abends in sehr angeregter Stimmung. Wir richten uns
die Wohnung auf dem Papier schon ein.

Wieder sehr viel Arbeit.


Di 10 11 53:

Von Polakovics Abschied genommen. Kaum dass sie
bis vor Steinhof gezogen sind, rennen wir ihnen nach
Sievering davon. Gute alte deutsche Gedichte gelesen.


Mi 11 11 53:

Keine Zeit, um die von der Arbeit zerstreute Innenwelt
wieder zu sammeln; keine Zeit für Gefühle.

Sobald Dr. Lindner kommt, werden Tante und Frl. Huber
eine ausserordentliche Zuwendung für alle Angestellten
fordern, als Entschädigung für die besonders harte
Arbeit in den letzten Wochen.

Abends Ladung ins Wohnungsamt bekommen. Martini.


Do 12 11 53:

Früh Wohnungsamt, Mietvertrag unterschrieben.

Anstatt der ausserordentlichen Zuwendung: im Büro
musste Tante überraschend Kündigungsbriefe für
Frau Marchsteiner und Frau Hegyi schreiben, die
wegen des "schlechten Geschäftsganges" entlassen
werden. Sie wissen noch nichts davon. Alle, die
davon wissen, besonders Tante, sind empört über
diese Gemeinheit des Dr. Lindner.

Abends für die Uebersiedlung gearbeitet.


Fr 13 11 53:

Früh fuhr Mama mit Tante in die neue Wohnung.
Ich traf Briggi und erzählte ihr von unserer
Uebersiedlung. Seit gestern kalt.

Abends freundliche Lesung. /Mit Jandl und
Polakovics./ Bemerkte die Hypertrophie des
"Mädchens" in meinen Gedichten.


Sa 14 11 53:

Trotz den Protesten aller: Marchsteiner wurde
mittags entlassen. Frau Hegyi bleibt.
Photomontage für die Kommunisten: Rechnung
des Teppichhändlers, Kündigungsbrief "wegen
schlechten Geschäftsganges".

Nachmittag: Tante kam und erzählte, dass Paul in der
Fabrik nur noch Kurzarbeit habe und mindestens
um den halben Lohn gekürzt werde. 150 Arbeiter
wurden von der ELIN überhaupt entlassen.

Tante hätte Gelegenheit gehabt, eine Wohnung im
Gemeindebau, zwei Stiegen von uns entfernt, zu
beziehen. Jetzt ist es natürlich nichts damit.
Auch mit ihrer vorzeitigen Pensionierung ist's
jetzt nichts, und ihr Zustand ist elend.

Für die Arbeitnehmer gibt es nur zwei Modifikationen
des Seins: die Sklaverei und den Tod.

Für die Uebersiedlung gearbeitet. Bücherordnung
begonnen.


So 15 11 53:

Bücherordnung.

Pfeiffer gestorben. Schwindsucht. Hat sich, sein
Leben lang, nur abgejagt. /Angestellter der Anstalt./


Mo 16 11 53:

Vormittag Transport zu Tante und zu Frau Neubauer,
die unser Speisezimmer abnimmt. /iIn der neuen
Wohnung haben wir für die altdeutschen Möbel
keinen Platz. Wir haben sie Frau Neubauer geschenkt.
Ich bin froh darüber./ Dieser Möbelstil striirbt aus.
Kaum jemand will solche Stücke auch nur geschenkt.


Di 17 11 53:

Die Lampen abmontiert. Es ist Mama gelungen, die
Kohle um S 720.-- zu verkaufen. /In der neuen Wohnung
werden wir nämlich keinen Holz- und Kohlenofen
heizen, nur Gaseinen Petroleum- und einen elekrtrischen
Ofen./


Mi 18 11 53:

Mama meldete den Gasanschluss an, ich fuhr mit
Tante abends nach Sievering: einige Vorbereitungen.Wir maßen die Wohnung
genauer aus.

Seit gestern            
friert es.


Do 19 11 53:

abends Post von Friederike Mayröcker und dem
Kaleidoskop.


Fr 20 11 53:

Vierzehn Jahre, die wir in Penzing verbracht haben.
Wie wird nun unser Leben in Sievering werden?

Ich weiss nicht, ob man wie Friederike Mayröcker
den Wunsch: Gedichte schreiben zu können, vor alle
anderen Wünsche setzen darf. /Aber wahrscheinlich
soll diese Reihung der Wünsche nur die wahre Reihung
verhüllen./

Mama fuhr zeitig am Morgen in die Wohnung; dort wird heute
der Gasmesser eröffnet.

Abends "hulat". Besuchten ein letztes Mal Tante Fini und
schrieben einige Briefe an Steinhofer Bekannte aus den ersten
Jahren.


Sa 21 11 53:

Nach dem Büro wuschen Tante und ich die Wohnung
auf. Von der Arbeit schon ein bisschen müde.

Jetzt meldet sich Mathes: schickte Geld für drei Hefte der
"publikationen" und ein Heft des "ophir" /!/, und jetzt meldet
sich Steinwendner wegen der Verfilmung der Strafkolonie von Kafka.


So 22 11 53:

Letzter Tag in der alten Wohnung.

Verbrachten ihn mit den verbliebenen Arbeiten, auch schrieb ich
Tagebuch nach.

Mein Brief an Friederike Mayröcker /die mir ein trauriges Lied
geschickt hat/ ging, als letzte Post aus der alten Wohnung, ab.


Mo 23 November 53:

Am Vorabend unserer Uebersiedlung bin ich
noch über die Stiegen einiger Gebäude
von Steinhof gehuscht und habe unsere
Abschiedbriefe beian fünf Familien in deren
Kästchen geworfen.

Heute hat Tante bürofrei. Morgens, als es
draussen noch grau war, die letzten Sachen
für die Uebersiedlung vorbereitet /die
Betten zusammengelegt, das Bettzeug gepackt
und die Küchenmöbel verschnürt .../.

Zum letzten Mal /auch die Vorhänge sind
schon herunter/ die Morgenstrassenbahn halten und
vorbeifahren gesehen, mit den
Büroleuten von Steinhof und mit ersten
Schulkindern.

Letztes Mal die Krenekmädchen gesehen.

Tante, dann die Uebersiedlungsmänner gekommen.
Angst, weil die Pferdewagen klein waren.
Ich musste um zehn nach acht mit dem
Dabeisein aufhören, musste ins Büro fahren.
Versuchte, den letzten Weg von Steinhof fort
bewusst zu gehen und zu fahren. Aber der
Kopf war mit Aktuellem zu voll. /Nie mehr
Steinhof, nie mehr Spiegelgrund -
//Postgebäude, Briggis Wohnhaus ...//,
nie mehr Flötzersteig //Brücke, Sender von
Steinhof, Probieranstalt ///Heimwege um
Mitternacht von Lesungen und Zusammenkünften,
als keine Strassenbahn mehr fuhr///,
der übersichtliche Abhang zum Wilhelminen-
spital
///jetzt sind auch die Spaziergänge
mit Kein aus/// . das Wilhelminenspital,
der Joachimsthaler Platz. Dort zum letzten
Mal die Morgenleute angeschaut. Im 46-er
von einem Schaffner Abschied genommen, den
ich vor kurzer Zeit kennengelernt habe.
Wie mädchenlos die letzten Penzinger Jahre
waren. Diese Gedanken hirnte ich aber nur,
fühlte sie nicht aus./

Ich kam am Abend schon in die neue Wohnung.
Dort hatten es Mama und Tante relativ
wohnlich eingerichtet. Für die ersten
Ordnungen hatte ich den morgigen Tag
vom Büro frei bekommen. Die Uebersiedlung
wurde von den Steinhofer Arbeitern sehr
gut durchgeführt. Kein Schaden. Mit den
S 200.-- waren sie sehr zufrieden.


Di 24 November 53:

Freier Tag. Früh in der Gegend herumgefahren,
mit Mama, meldeten uns beim Hausinspektor und
bei der Polizei an. Wurden dumm herumgeschickt,
lernten aber dabei ein bisschen Döbling kennen.

Daheim erste Post auf dem Boden: eine Karte
von Weigel, mit Glückwunsch zur neuen Adresse,
mitunterschrieben von Doderer und v. Winter.
Freute mich sehr.

Auch ein Heft des "Atoll".

Nachmittags Holzkiste in den Keller geschleppt
und dort eingerichtet. Dadurch wurden wir
schon überraschend viele Pakete aus der
Wohnung los.


Mi 25 11 53:

Früh, in aller Eile und Dürftigkeit, Weigel
geschrieben.

Büro.

Abends Mama nicht zu Haus /Spaziergang/.
Dann sehr gemütlich.


Do 26 11 53:

Unangenehmer Tag im Büro.

Unter anderem: Mein Karteisystem muß
geändert werden.

Heute ist die Zimmerbeleuchtung
montiert worden.

Schöner Abend zu Hause.


Fr 27 11 53:

Strenger Frost. Die Wohnung ist
(nur vom Elektroofen geheizt) sehr kalt.

Früh begleitete mich Mama zur
Straßenbahn und ging dann einkaufen.
Das Leben hat sich, gegenüber jenem
   "am Steinhof ", geändert.

In einer hübschen Wohnung, von der Einrichtungs-
arbeit und dem Bürodienst müde, aus meinem Kreis
nun ganz entfernt, bin ich an den Abenden, die mir
zu leben verbleiben, gleichsam "lebenshungrig".
Ich klammere mich sogar schonnan ein Fetzchen
Radiomusik.

Ich kann nicht sagen, daß ich unglücklich bin.
Den Schatten, der über meinem Leben liegt,
wirft das Gefühl der schlecht genützten Zeit.
Keine Arbeit und keine Liebe.


Fr 27 11 53:

Aerger: Der Tischler erstellte den Voranschlag
für die Stellagen: er rechnet für sie S 2700.--
Natürlich nichts damit. Wucher.

Das erwartete Linoleum wurde nicht geliefert.


Sa 28 11 53:

Immer noch kein Ofen für die Wohnung, ausser dem
Elektroofen, der schwach wärmt. Nach dem Büro
Petroleum gekauft, aber die "Ida" funktioniert
nicht.

Linoleum kam.

Viel in den Keller getragen.


So 29 11 53:

Letzte Koffer ausgepackt. Zimmerkredenz in die
endgültige Lage geschoben und eingeräumt. Leider
ist am Sonntag keine Kellerarbeit erlaubt.
Vorzimmerstellage provisorisch aufgerichtet.


Mo 30 11 53:

Warm. Abendspaziergang durch Gässchen. Bekam,
weil ich heute Namenstag hatte, ein rororoBändchen
Sartre. Abends im Bett erstmals wieder gelesen.
Die Stimmung am Abend ist bei uns immer sehr gut.
Ich freue mich am Tag auf den Abend. Schade, dass
ich nicht nur halbtägig arbeiten muss.


VERTANE
PROSA
1950-...
Di 1 Drez 53:

Früh im Bett Sartre. Tante kam, brachte überraschend
den neuen Petroleumofen. Beim Anzünden flammte das
Oel einen Meter hoch auf und konnte nicht mehr
gebändigt werden. Unten im Ofen stieg das Oel
höher; diese Oelreserve brannte noch nicht. Der
Ofen selbst stand auf Packpapier in der Küche.
Wir waren kreideblass und löschten den Brand mit
Wasser. Es zischte sehr, aber es gelang; obwohl ich
im Luftschutz gelernt hatte, dass man Petroleumfeuer
mit Wasser nicht löschen kann.

Bestimmt war nur ein ungeschickter Handgriff von
Tante daran der "Katastrophe" schuld, aber wir
versuchten, schon wegen der Möglichkeit einer
solchen Katastrophe, den Flammenwerfer gegen einen
altmodischen Petroleumofen im Geschäft einzu-
tauschen.

Auch draussen warm.

Hitchman wieder in Wien.


Mi 2 Dez 53:

Machwitz-Aerger im Büro.

Abends eine Stunde vergeblich versucht, einen Docht
in den alten Petroleumofen einzuziehen.


Do 3 Dez 53:

Früh Weg um die I-Karte.

Abends schrieb ich mich in die Städtische Biblio-
thek
ein. Entlieh einen Dos Passos und einen
Faulkner. Der Bibliothekar kennt Gerhard Fritsch.


JandlgGedichte
aus vonOks
Mappe

Wenn ich mich erinnere: an die Zeit, in der ich auch während der
Büroarbeit viele innere Bilder gesehen habe. Da bin ich vor einer
Faktura gesessen, müde an einem langen Nachmittag im Buchhaltungs-
zimmer, und habe plötzlich eine Mühle vor mir gesehen: das Innere
einer Mühle; nahe dem Eingang. Unsinnig weite Räume und ein niederer
Verkaufstisch aus rohem Holz. Dieses Bild ist (annähernd) gleich
geblieben, durch alle Wiederholungen hindurch ... Solche Bilder freuen
und quälen, in gleichem Maß.

Nach meiner Mönichkirchner Fahrt habe ich öfters Mönichkirchen
im inneren Bild gesehen, oder Szenen von der Fahrt dorthin oder
von der Rückfahrt am Abend.

Stadtflucht.

Moi 2 12 53

Die Zimmerleitung montiert.


Fr 4 Dez 53:

Der alte Petroleumbrenner ist heute repariert worden.
Er brennt. Mama besorgte mehrere Sachen fpür die
Wohnung. Versuchten eine Wandbespannung aus Nylon
über den Herd und die Abwasch, sie gefiel uns aber
nicht, und wir beschlossen, die Wände unbespannt zu
lassen und hinter den Herd nur beim Kochen eine
feuerfeste Platte zu stellen.


Sa 5 Dez 53:

Bürofrei. Wäsche geholt. 2 bestellte Dostojewski-
Romane, um nur 36 Schilling zusammen, kamen. Friseur.
Den Keller fertig eingerichtet. Den grossen Spiegel
zum Zerschneiden getragen. Nachmittag das Zimmer
wieder ein wenig wohnlicher gestellt. Tante kam.
Tagebuch der letzten zwei Wochen nachzutragen begonnen.
Abends heisser Wein /erster Wein in unserer neuen
Wohnung/. Neblig und nässlich.


So 6 Dez 53:

Linoleum in Küche und Waschraum gelegt.

Nachmittag, ohne ein bisschen wegzudenken, den halben
Dos Passos-Roman gelesen, zum grössten Teil
Mama laut vorgelesen.

Abends Tagebuch zu Ende nachgetragen.


So 6 Dez 53:

Abends nach längerer
Zeit wieder Gewissens-
erforschung.


Mo 7 Dez 53:

Früh Dos Passos weiterge-
lesen.             Ich habe nun
      wieder einigen Abstand
         zu meinem gegen-
wärtigen Vegetieren
gewonnen.

Stellagen bestellt.
(Der Tischler war beim
Mittagessen. Wir schrien die Bestellung
in ein Fenster in den
dritten Stock hinauf.)
(Innere Stadt.)

Abends im Vorstadtkino:
"Hokuspokus". Ein


geistreicher, witziger,
spannender, meisterhaft

gut gebauter Film
von Curt Goetz. Auch
die Schauspieler

arbeiteten gut.


Di 8 Dez 53:

Besprechung mit Witzmann.
(Ein wenig gegen Machwitz.)
Jeden Abend und jeden
Morgen fahre ich mit
anderen Menschen in
der Straßenbahn.

Stellagen endgültig
bestellt. Roček
schrieb, (gestern
Abend erhielt
ich den Brief)
wegen der
Lesungen im
Volksbildungsheim.

An diesen Dezembertagen:
nichts Nennenswertes.


Mi 9 Dez 53: Überraschung:

Ich scheide aus der ÖPEX
aus und werde in die
Welser Papierfabrik als
Betriebsbuchhalter
übernommen. Anfang
Jänner muß ich für
kurze Zeit nach Wels,
damit ich die Fabrik
und das Material kennen-
lerne. Ich muß dort
bei der Inventur
helfen.

Man gratuliert mir
und sagt, das ist
endlich die "Chance"
für mich.

Meine Kartei in der ÖPEX
wird aufgelöst.

Im Büro einen verwirrten
Tag verbracht.

Der Aufsatz für den
Petroleumofen ist
endlich da. Die
Frage unserer Heizung
ist jetzt gelöst.

Abends zeigte mir
Artmann sein Kata-
kombentheater, die
"Kleine Schaubühne",
die schrecklich
makaber wirkt.

So müssen die Vergnügungens- lokale
der Toten, im Zwischen-
leben bis zum Jüngsten
Gericht, aussehen.

Daheim mit Mama
über Wels gesprochen.
Sie ist natürlich sehr
traurig über die
vorübergehende Trennung.

Post: ein Brief von
Wittmann, ein trauriger
Brief von Friederike
Mayröcker
. Erledigte
für einstweilen die
Sache mit Roček:
er soll selbst mit den "Neuen Wegen" verhandeln.

Polakovics sagt mir, daß
bis jetzt zwei Antworten
auf meinen provokatori-
schen Artikel in den
NW eingelangt sind:
einer von Wiesflecker,
der andere von Traude.


Donnerstag, 10.12.:

Besprechung mit Dr. Lindner.


Freitag, 11.12.:

Im Büro mehr geplaudert
als gearbeitet. Jetzt, bevor ich
weggehe, mag mich anscheinend
auch Huber leiden.

Abends Post: die "Neuen Wege".
Zwei Artikel; der von Traude
ziemlich plump, beide Artikel
an der Sache vorbeiredend.
Amüsant ist, daß der eine
Artikel wirklich "die ver-
dächtige Unordnung" hieß,
wie ich es mir auf der
Heimfahrt prophezeit hatte.


Samstag, 12.12.:

Las auch den Artikel der
Danneberg über die
Generation 1945 in den
"NW" und hatte einen
angenehmen Morgen ohne
Ärger. Ich hätte die
Polakovicse ganz unbe- schränkt gern, wenn sie nicht
ihre Posen hätten: er seine
grimmige "Männlichkeit",
sie ihre Routine und ihre
Glycerin-Tränen. Beide,
wie die ganze Hakelschule,
machen in Edelmut und
Gemeinschaftlichkeit. In
der Unaufgeschlossenheit
sind sie beide beispielhaft.
(Übrigens ist die nicht
konstant sondern hängt von
irgendwelchen Launen ab.)

Einstweilen werde ich nicht
antworten sondern die
Antworten der Leute
abwarten, die für mich sind. Immerhin mehrere
Gedankengänge aufbewahrt.
Wenig Arbeit im Büro.

Keller-Ordnung. Tante
kam. Alte Notizen
nach längerer Zeit wieder
einmal aufgearbeitet.
Mama trank Wein. Tagebuch.

Gestern Abend war ich
niedergeschlagen deswegen,
weil anscheinend niemand
die Stimmungs-Änderung
in den "Neuen Wegen"
merkt. Die Unmittelbarkeit ist dahin. Einige frischere
Stückchen wiegen die
Ladung Geschichte nicht auf,
die auf den übrigen Stücken
lastet. Vor allem: keine
Hoffnung auf einen Durchbruch
mehr. Verösterreichert!
Die Basis, auf der ich stehe,
ist so klein.   Daneben die
Abgründe             des modernen
Formalismus und des
Traditionalismus.




Sonntag, 13.12.53:

Bis halb elf im Bett gelegen.
Die "Wendemarke" gelesen. Faulkners unübersichtlicher
Stil ist mir weniger angenehm
zu lesen als Hemingway's
oder auch Dos Passos' klare
Stile.

Aber der Roman (den ich
im Laufe des Sonntags
und des Montagmorgens
fertiggelesen habe)
bleibt einem im Gedächtnis.
Das ist den unwiederholbaren
Gestalten und Charakteren
zu danken, die diesen
Roman gelebt haben.


Montag, 14.12.53:

Abends Kino "Auf den Straßen von Paris". Die Rahmen-
handlung ist originell.
Leider hat man die
Möglichkeiten, die sie bietet,
fast nicht ausgenützt.
Die Spielhandlung selbst
ist uneinheitlich und
dünn. Der Hildegard Knef
hat man fast keine
Gelegenheit zu spielen
gegeben.


Dienstag, 15.12.53:

"Fahrraddiebe"                ein zweites Mal
an  geschaut, diesmal mit
Mama.

Der Film hat auch auf sie einen
starken Eindruck gemacht eingewirkt.


Mi 16 12 53:

Abends die vier Spiegel abgeholt.
150.-


Do 17 12 53:

Nachmittags in der Welser
(Schönborngasse)
. Herr Nepp
(der Buchhalter) und Frau
Viciany (die Buchhaltung-
Angestellte führten mich
in den Betrieb und in die
Buchhaltung ein.

Ganz andere Stimmung als in
der ÖPEX, kameradschaftlich,
Nepp nicht zu vergleichen
mit Machwitz und Witzmann,
Viciany nicht zu vergleichen
mit Huber. Die Buchungs-
maschine in ihrer Moderne
freut mich, besonders freut
mich, daß sie für mich
noch zwei Zählwerke einge-
baut kriegt. Auch eine
Wand wird für mich versetzt.
Ich werde im Zimmer mit
Frau Viciany arbeiten.
Im Nebenzimmer wird
Herr Nepp sein. MittagsNach der
           allgemeinen Mittagspause gibt
es im Buchhaltungszimmer noch Kaffee. Nach meiner
Rückkehr aus Wels muß ich
zunächst Buchhaltung lernen.
Wenn ich so weit vorge-
schritten sein werde, daß ich
die Arbeiten der Frau Viciany
leisten kann, (zur Vorbildung
und damit ich ihre Arbeit
in ihrem Urlaub mitmachen
könne), werde ich von
der Finanzbuchhaltung
weggeführt, und mit mir
zusammen wird eine
Betriebsbuchhaltung für
die Welser Papierfabrik heran-
wachsen. (Bisher hat
es eine solche in diesem
Betrieb nicht gegeben.

Also arbeite ich o  hne
einen Vorgänger in diesem
Fach in diese           r Fabrik.)
Bis dahin, und bis ich dann
Betriebskontrolle, Rationalisierung
und Kalkulation werde
ausüben können, wird aber
noch viel Zeit vergehen.

Ein eigentümliches Gefühl:
Nach mehreren Jahren
wieder neu beginnen,
wieder lernen und

neue Perspektiven um sich

sehen;            wo man doch befürchtet
ha  tte, bis zu    seiner
Pensionierung im Trott d  es

allgemeinen Handelsangestellten
dahinschreiten zu müssen.

Hurra, ich arbeite nicht mehr
in der Inneren Stadt sondern in einem richtigen
Vorortbezirk ohne Stephansdom,                           Porzellan- und
Pelzgeschäfte
und wohlgenährte
Damen Mein Leben wird wieder anders
werden

Ein Bezirk, wieder mit lebenden
Häusern und Menschen
                   mit einem richtigen Nikolaus-

winter und einem richtigen
Frühling und         zuwehen wird wieder
die Erinnerung an die



Autos mit Chauffeuren, die Lokal-
eingänge, die bissigen geschminkten

Gesichter der Kaufmannsfrauen,
die gepflegten Kinne der Männer
mit ihrer Intelligenz des Geldes,
die Drogerien, wo man seinen Hund
vergolden lassen kann, die
Leuchtröhrenkälte dieses ganzen
Weltteils mit allem Verkehr,
allen Figuren und Gesichtern,

endlich wieder ein bißchen
Wärme spüren und             deklarierte
                    Saukälte, Einsamkeit und
kleine Gruppen auf den Straßen,
nicht mehr diese unablässige
Schaustellung,

wieder mit dem Kopf und nicht
mit der Stadtgrimasse arbeiten
müssen

ich Provinzler ich, ohne Provinzlerin,
schon in der Vorstadt recht glücklich.


Fr 18 12 53:

Die Stellagen wurden geliefert,
775.- (Küche, Vorzimmer.)


Sa 19 12 53:

Spiegel und Toilettebrett
wurden montiert.

Tante kam. Vorzimmer-
stellage einzuräumen begonnen.


So   20 12 53:

Zimmervorhang. Vorzimmer-
stellage fertig. Vorzimmer
Wandbespannung.


Mo 21 12 53:

Weltsch besuchte Mama.
Kleiderablage wurde montiert.


Di 22 12 53:

Amtsweg (eigentlich umsonst).
Abends erstmals Geschenk von
Dr. Lindner. (Wurde für mich


in unserer Wohnung abgegeben.
War sehr überrascht.)

Abends versuchte ich für
Mayröcker und mich eine
Niederschrift.


Mi 23 12 53:

Abschied vom Büro.

Besinnlicher Abend zu Haus.


Do 24 12 53:

Vormittags Wege.

Baudelaire kam, gelesen.

Wenn man Kinder mit
solchem Lesestoff erzöge -?

Heiliger Abend. Mama war
erfreut über das Eau de Cologne.
Ich über zwei Bücher:
Daumier und Warsinsky,
die ich von Paul bekommen hatte.


Notiert 22 12 53 abends
also ein halbes Jahr
später, auf meinen
drängenden eigenen Wunsch.
Autobus Rückfahrt aus
Burgenland abends

"Mein        Mädel hat einen Rosenmund
und wer ihn küßt, der wird gesund
o du, o du, o du -

o du x x     xxxx    schwarzbraunes Mädchen mein
tralálalàlalátraa - lálalalalá
tra lálalála laa laa laa ....."
du läßt mir keine Ruh (Volksliedbearbeitung
von Brahms)

aus dem Radio (nach mancher
anderer - schaler - Musik und nach
Meldungen aus dem eifrigem
städtischem            Geplapper).

Dazu die Fahrt im Autobus.
Wechselnde Richtungen und
Geschwindigkeiten, in die
Abenddämmerung hinein.
Die Motoren Der Motor
mit seinem unentwegten
Geräusch, das mit der Musik
manchmal zusammenstimmt, manchmal dissoniert. sie stört.
Das gibt einem ein Gefühl:
Fröstelnd, unaussprec  hbar.
Anklänge, Gedanken:

Jetzt wieder Heimkehr in die Stadt.
Nur das Lied mit mir verbunden,
gegen das übrige im Autobus,
das mich mir entgegen
der Stadt und mindestens
ihrem Treiben, ihrem
Lebensgefühl, zustrebt.

Sich An das kKlammern
an das, daswas Zeugnis davon
ablegt, von der tieferen
Welt ablegt. Bald sind
die Kontakte mit dem
Tieferen wieder gestört;
Aber die PunkteAugenblicke oder Zeitspannen der Tiefe
haben einen Zusammenhang,
untereinander, als lebte man (in den Untertönen)
ein kontinuierliches Leb
Untere-Leben unter dem
Alltäglichen, das nur der
eigenen
Bewußtheit
subjektiv unterbrochen
erscheint. (weil es zeitweise
dem Bewußtsein

und wisse es nur nicht
immer. Glückgefühl und Geborgenheit darüber,
aAber auch Angst vor der
Zugleich Verschwendung
der Jahre. Auflehnung
gegen das die Anpreisung
des äußerlich genützten
Lebens. Unzufriedenheit
mit: der eigenen Erkenntnis-
unschärfe, Flüchtigkeit
des Gefühls und Ausdrucks-
schwäche.

Gedanke: Der Komponist
dieses Lieds. Gestorben.
Alle gestorben, die in
dieses Lied bezogen
sein konnten. Der Augenblick,
da dieses Lied wesentlich
gegolten hat, ist dahin,
und nicht mehrkommt nie
zurück und wird nie
von jemand erkannt in Gedanken nachge-
schaffen

werden können. Aber das
Lied bleibt. Wie grausam
sozial die Wirklichkeit
auch mit dem Tiefsten
des Individuums umspringt.
Welcher Trost, welches
Niederschmettern.


Machte mich über Da  umier,
blieb den ganzen Abend bei
ihm.


Fr 25 12 53:

Weihnachtstag. Früh Kirche
und Sieveringer Spaziergang.
(Jeder für sich allein.)

Bis zwei Uhr die Kimmerische
Fahrt
gelesen. Ein starkes,
zugleich unbefriedigendes Buch.
Die "Untrüglichen" klangen,
                 im Vergleich dazu, so deutlich
aus.

Viel geplaudert.


Ich träumte /noch in der alten Wohnung/ von einer wahnsinnigen
Tat: Ein Mann und eine Frau hatten sich an den Beinen
einander anschmieden lassen. Es verband sie eine breite
und starke glänzendgelbe Metallklammer. Eine illustrierte
Zeitschrift bildete das Paar, mit einem bösen Kommentar, ab.

26 12 53

Sa 26 12 53:

Vormittag: Arbeiten im Haus.
Mittag: Ein paar Notizen auszu-
arbeiten versucht.

Nachmittag: Tante und Paul kamen.
Nachher: Koffer gepackt und "hulat"
(Wein, lustige Gespräche. Ich
kritzelte dumme Zeichnungen.
Lang wachgeblieben.

Elf Uhr nachts: Carmina
burana
.


So 27 12 53:

Früh Idiot gelesen.

Vormittag fertig gepackt. Der
Himmel verhängte sich tief. Weicher
Schnee fiel. Noch gar kein
"Reise-Fieber".


Nachmittag aus der Wohnung gegangen. Verbrachten den Nachmittag
noch bei Tante. Ich übernachtete dort. Am Montagmorgen
dann von dort aus zur Bahn gefahren.

6,25 D-Zug nach Wels. Fahrt, in das Morgengrauen hinein,
bei tristem Wetter. 9,08 in Wels angekommen. Wurde von
Herrn Nepp abgeholt und gleich in die Fabrik gebracht,
wo mich Herr Hummer aus der Materialabteilung dann
herumführte.


Laden...

Tagebuch

1953

AOk

260

Tagebuch

von ... Di, 16 6 53

bis ... Mo, 28 12 53

Di 16 Juni 53:

Früh wieder Briggi getroffen, aber mit Fritz, was meine Unterhaltung mit beiden verhinderte.

Früh war der Himmel mit Wolken bedeckt, aber später scheinte warm die Sonne.

Gegen Mittag wurde es wieder trüb.

Letzte Tage vor der Hinrichtung der Rosenbergs. Es besteht noch die Möglichkeit ihrer Begnadigung.

Abends kleine Korrespondenz erledigt.


Mittwoch 17 Juni:

Offener Aufruhr in Ost-Berlin. Früh mit Schik-Karli gefahren, die Lage diskutiert.

Heißer Tag.

Abends Eisenreich-Brief.

Bier. Garten.


Donnerstag 18 Juni:

Früh: Aufstand in Ost-Berlin niedergeschlagen. Belagerungszustand. Alle Macht in den Händen der russischen Militär-Regierung.

Kleine Korrespondenzen.

Fast unerträglich viel Arbeit im Büro.

Abends bezogen wir das Kabinett, das nunmehr uns zur Verfügung gestellt wurde, zunächst als Rumpelkammer. Begannen mit der Bücherordnung für die Übersiedlung.

Hinrichtung der Rosenbergs wurde aufgeschoben.


Freitag 19 Juni:

Vergeltung in Ost-Berlin. Erstes Todesurteil nach dem Standrecht.

Briggi und einen bisher mir unbekannten Musiker vom Spiegelgrund getroffen. Über die carmina burana gesprochen.

Werner Bažata in der Stadt getroffen.

Für den zweiten Versuch, den Rommel-Film in Wien aufzuführen, ist eine Menge Polizei - zum Schutz der Aufführung - vorbereitet.

Im Büro wieder viel gearbeitet. (Langwieriges Fakturieren, weil ich Bauer vertreten muß, neben meinen gewohnten Arbeiten; die Hitze vormittags lindert sich mir, wenn ich eine Banane esse; hastig, unter dem Tisch versteckt, aber mit konzentriertem Genuß.)

Abends einige Koffer in das Rumpelkabinett getragen und Schlösser repariert.

Erinnerte mich, der Begegnung mit Bažata zur Folge, an Susi, die jetzt schon lang verheiratet ist. Wie deutlich hab ich noch das Jahr 1947 im Gedächtnis:

 "Ich kenn mich nicht aus."

Es ist allerdings nicht gesagt, daß sie sich jetzt universal auskennt.


Samstag, 20. Juni:
Schönes Wetter. Ungestörter blauer Himmel.

Früh Karte an Eisenreich geschrieben. Tagebuch.

Rosenberg sind hingerichtet worden.


Über die Ost-Berliner Aufständischen und die Rosenbergs sind die Wellen hinweggegangen.

Wir Unbeteiligten, Gnade uns Gott.

Vormittags auf die Linzerstraße gegangen. Jandl-Brief geschrieben.

Kein kam nachmittags. Im Garten geplaudert.

Abends las ich in slovakischen Lesebüchern.

Morgen ist Sonnenwende. In den Gärten werden Feste vorbereitet.


Sonntag, 21. Juni:

Vormittags auf der Wiese gelegen, einen Mann kennengelernt, der von vielen Reisen erzählte. Zuvor hatte ich ein kleines Gedicht geschrieben, innerhalb zweier Minuten.

Nachmittags Reduktion und Bestand-Aufnahme der ältesten P-Mappe.


Mo 22 6 53:

Früh in der Zeitung gelesen: 65 Uranschächte zerstört. 100.000 Streikende in Ostdeutschland. 12 neue Erschiessungen.

Abends Manuskript-Kopie von Polakovics zurückgeholt. Keine Misstimmung mehr.

Seine Frau erwartet in den nächsten Tagen das Kind. Sie erden in die Starchantsiedlung ziehen.

Weitergefahren zu Roček in die Schanzstrasse /gleich hinter Artmann/. Roček ist ein pathetischer Jüngling. Aber man darf gegen die Ergebnisse dieses Lebensalters nicht ungerecht sein. Man darf sich von dem Uebergewicht an abstrakten Wörtern und von der für dieses Alter natürlichen Rhetorik und Klangsuche nicht abschrecken lassen und muss die potentielle Gestalt des künftigen Dichters aufspüren.

Ich bin froh darüber, dass mir Polakovics und Maja nicht mehr bös sind.


Di 23 6 53:

Abends zu Fritsch. Ich brachte Bier mit, von unterwegs. Seine Frau wurde von ihrer Hauptmieterin ins Theater gezwungen, so musste Fritsch allein für den kleinen Michael sorgen an diesem Abend. Die Fütterung gelang schlecht. Ein schwüler Abend war, es kamen Regen und Gewitter. Das Bier war nicht besonders kühl.

Fritsch plant jetzt auch eine Auslese unter seinen Gedichten und die Zusammenstellung eines Bändchens. Ich riet ihm sehr zur Chronologie. Ich hörte mit Freude manche seiner früheren Gedichte. Auf das Bändchen, oder auch die Zwischensumme schon, freue ich mich.

Fritsch fühlt sich verlockt, ein Gedicht zu schreiben, weit ausholend, in dem er möglichst viel von dem mitteilen kann, was er seit langer Zeit aufgenommen hat.

Mein "Medea"-Fragment mag er sehr.


Mi 24 6 53:

Abends kam der von Eisenreich angekündigte Brief vom Rowohlt-Verlag. Ich möchte, wo der Brief jetzt da ist, die Sache sehr rasch antreiben.

Andauernd unruhiges Wetter. Blauer Himmel mit scharf abgegrenzten schwarzen Wolken. Scheint die Sonne, so ist es schwül, knapp nach den Gewittern ist es kalt.


Do 25 6 53:

Das Büro ist mir zuwider. Obwohl ich keine Schwierigkeiten vor mir habe, obwohl ich nichts befürchte. Aber dieses Totschlagen der Zeit, diese Verschwendung der Kräfte.


Fr 26 6 53:

Wir merkten im Büro nichts vom Hagel, der niedergegangen sein soll. Vielleicht hat es auch nur in der Vorstadt gehagelt. Dort griff man jedenfalls Händevoll Eis von den Fensterbrettern.

Neulich wieder Sonja getroffen. Also ist der Spruch ungültig: Sonja trifft man nur zweimal.

Abends die Sendung für den Verlag fertiggemacht. Gestern um die Steinhofer Mauer gegangen. Der erste Sommer in meinem Leben, in dem ich Leuchtkäfer sehe. Gleich habe ich auch einen zu mir genommen und mit mir getragen. Wir tranken bei Westermayer Bier, der Leuchtkäfer sass auf unserem Tisch und strahlte sein grünes starkes Licht aus. Der Abend war kühl.

Freitag früh hatte ich Briggi getroffen. Ich hatte ihr die Sache mit dem Rowohlt-Verlag erzählt. Ich hatte ihr auch gesagt: es scheint so, als komme mir alles ins Haus. Sie hatte darauf gesagt: passiven Leuten geht es oft so.

Abends zwei Bücher gekauft /Stimmen der Gegenwart 1953, Perspektiven, Heft 3 /.


Samstag 27 6 53:

Vormittags Büro. Weniger Arbeit.

Versuchsweise einen Paprikaschnaps gekauft. Aber auch sein Geschmack ist mit einem Fremdgeschmack verunreinigt. Wir müssen einen Paprikaschnaps selbst ansetzen. /Es muss unbedingt Paprikaschnaps da sein für den Empfang von Jandl./

Heute vormittags ging mein Manuskript an den Rowohlt-Verlag ab.

Zwei Episoden, berichtet aus Ostdeutschland: Beim Sturm von 50.000 Arbeitern auf ein Gefängnis wurden Sowjetsoldaten mit kochendem Teer begossen. Eine Volkspolizistin schoss zwei Kinder nieder und wurde daraufhin von der Menschenmenge zertrampelt.

Nachmittags Ribiselernte bei Weltsch.

Ich blieb zuhaus und machte Ordnungen.

Dann ging ich, nur für eine Stunde, in den Garten.

Den Bestand der P-Mappen weiter aufgenommen.

Bei trübem Wetter kamen Tante und Paul.

Vormittags hätte ich Gelegenheit gehabt, mich an ein kleines aber durchtriebenes Mädchen heranzumachen. Sie blieb sehr in meiner Nähe und lenkte meine Aufmerksamkeit deutlich auf sich. Weil ich den Eindruck hatte, dass sie mir kaum ein liebes Mädchen werden könnte, verzichtete ich darauf, die seltene Gelegenheit zu nützen.


Sonntag 28 6 53:

Es ist traurig, dass das Wetter so hässlich bleibt. Sonst wäre ich fortgegangen, so blieb ich zuhaus, arbeitete ein wenig für die Uebersiedlung, schrieb Tagebuch und stellte mir vor, es sei wirklich Sommer, wenn die Sonne manchmal durch die Wolken scheinte. - Mit einem Heimkehrertransport kommt am l. Juli Josef Baumruck aus Russland zurück.

Er wird uns von Papa erzählen, da er lang mit ihm in Borowsk war.


Sonntag 28 6 53:

Nachmittag Vorarbeiten für die Uebersiedlung. /Gern gearbeitet./


Montag 29 6 53:

Endlich blauer Himmel. Heiss. Früh konnte ich ein bisschen lesen. Konsum.

Es würde mir sehr viel bedeuten, wenn Rowohlt meine Gedichte brächte.

Ungern ins Büro gegangen. Karl Schik getroffen.

Kämpfe mit den Behörden und private Reibereien im Büro. /Huber ist auf Marchsteiner eifersüchtig, weil Dr. Machwitz Marchsteiner weniger Arbeit gibt./

Abends ruhige Stunden zuhause und beim Spaziergang um die Steinhofer Mauer.


Dienstag 30 6 53:

Letzter Junitag ...

Früh länger im Bett geblieben. Ich begann, Gides "Falschmünzer" zu lesen.

Im Büro die Nachricht: wenn Dr. Lindner Direktor Steger auffordert, gemeinsam mit ihm die Verantwortung für die rechtswidrig durchgeführten Geschäfte zu tragen, wird Steger aus der Firma austreten. Tante sagt, dass das dann auch ihr Ende sein wird, da sie gegen die Intrigen von Machwitz und Witzmann nur durch die Sympathie von Steger gestützt wird.


Ich dachte nach über das schrecklich Peinliche der Dichterlesungen. Zwanzig Leute, in wurstiger Stimmung, dem Autor so fern wie nur möglich, hören an, was er auf dem Podium ihnen vor-tobt.

Gedichte müssen entweder in ein abstraktes Publikum gebracht werden /durch das Radio, durch das Buch/, sodass kein Zuhörer dadurch gestört wird, dass er die lächerliche Zusammensetzung der Gesamthörerschaft erkennt, oder sie müssen von einem Vertreter des Autors gelesen werden, sodass nicht der Eindruck entsteht, der Autor selbst lege seine ganze Hoffnung in das Verständnis seitens dieses Pensionisten oder jener schöngeistigen älteren Dame in der zweiten Reihe /seine Augen funkeln sie, weil sie irgend jemanden anfunkeln müssen, an/;

Gedichte dürfen nur in Ausnahmefällen vom Autor vorgelesen werden, in denen der Augenblick dazu einlädt.

Vielleicht ist es auch gut, Gedichte während eines gemeinsamen Spazierganges zu sagen.

30 6 53

Solche Nachrichten werden gleich wieder unaktuell. Nachmittags schon ist alles wieder in Frieden, die Leute vom Amt waren höflich, und Dr. Lindner wie Steger zeigen sich in guter Laune.

Wieder trübes Wetter. Am Nachmittag geschwitzt vor Hitze und Arbeit.

Daheim aber angenehm. Zur guten Stimmung hinzu noch gebackene Leber, eine Flasche kaltes Bier und etwas Wein.

Ich dachte nach über das schrecklich Peinliche der Dichterlesungen.

Konkrete Formulierungen zu diesem Thema misslangen /obwohl ich mich mehrere Tage lang um sie bemühte/.


Mi 1 7 53:

Morgens 5 Uhr aufgestanden; so konnte ich noch eine Stunde André Gide lesen.

Auf der Strassenbahn Briggi getroffen, hätte Lust gehabt, mit ihr wesentlich zu sprechen, solche Gespräche sind aber auf der Strassenbahn schwer zu machen.

Büro: das Neueste: Dr. Machwitz ärgert sich darüber, dass ich über 17 Uhr hinaus abends im Büro bleibe. /Als ob ich es zum Vergnügen täte./ Vormittags nahm mich Machwitz nicht dran; ich konnte also Rückstände von gestern aufarbeiten.


Do 2 7 53:

früh wieder die Falschmünzer weitergelesen. Büro: Dr. Machwitz sagt, er deckt uns nicht, wenn wir pünktlich um 17 Uhr nachhause gehen, wie er es gestern vorgeschlagen hat.

Dr. L. sagt, wir haben so wenig zu tun, dass er ruhig zwei Leute entbehren könnte.

Abends mit Tante heimgekommen, Paul kam auch; wenig los.


Fr 3 7 53:

Früh, obwohl wenig Zeit, noch etwas weiter gelesen.

Meine Art, nämlich: ruhig zu bleiben angesichts der Reibereien im Büro, ist die ökonomischeste. Die Aufstandstimmung der anderen fand wieder einmal keine Verwendung; Dr. L. war, ohne dass wir es wussten, nachdem er sein Kuckucksei gelegt hatte, nach Wels gefahren. In vierzehn Tagen, wenn er zurückgekommen sein wird, wird der Plan, bei ihm gegen seine Bemerkungen zu protestieren, vielleicht vergessen sein, vielleicht ausgeführt werden aber unaktuell geworden sein. An Tieren von seiner Art gleitet alles ab. Wenn nicht in der Mitte spiesst, sondern am Rand angreift, entwinden sie sich.

Solange man sich nicht gegen eine tatsächliche Bedrohung zu wehren hat, und vor allem, solange man nicht die Möglichkeit hat, seine Anstellung aufzugeben, sind Diskussionen mit den Unternehmern, diesem Getier, nutzlos und nur zermürbend.

Ja, gäbe es ein Mittel, ihrem Regime und dem grösseren Regime, das sie stützt, ein Ende zu machen. Aber die Parteien sind längst arbeiterfremd geworden, und die Arbeiter sind einsam.


Kopplungsgeschäfte jetzt fast erledigt. Heisser Tag.

Abends wieder Bier.


Sa 4 7 53:

Früh aufgestanden. André Gide weiter gelesen. Heisser Tag.

Nachmittags Kein. Er gab mir vier seiner Prosastücke zu lesen; sie gefallen mir sehr gut, sie sind sehr rein.

Ich zeigte ihm Notizen zur Psychologie des Surrealismus , las ihm Niederschriften mehrerer Träume aus dem November 1952 vor, und wir kamen in angeregte Unterhaltung. Wenn ich mit ihm arbeiten könnte.


Samstag 4 7 53

während der Gespräche mit Kein die folgenden Notizen in die Maschine geschrieben, teils nach seinem Diktat, teils mit eigenen Formulierungen, wie man es aus den einzelnen Abschnitten erkennen kann.

/Am Nachmittag/
Sa 4 7 53 nm.

Kein erzählt, als Knabe habe er manchmal im Halbschlaf einen Hund bellen gehört, oder ihm ist vorgekommen, er sei auf einem Randstein ausgeglitten. Das habe ihn erschreckt.

hat ganz ähnlich im Halbschlaf geträumt, dass ich über eine Wiese gehe und plötzlich ist eine Vertiefung im Boden und ich stolpere. Dann bin ich jedesmal sofort erwacht, habe noch gespürt, dass ich die Bewegung auch in Wirklichkeit ausgeführt habe, und habe mich dann erschreckt und gleichzeitig geärgert gefühlt.

Die meisten Menschen, sagt Kein, fühlen sich in bestimmten Zeiträumen, die sie gar nicht erlebt haben können, vertraut. Keins Zeitraum ist zwischen 1920 und 1930 in New York oder in irgendeiner grossen amerikanischen Stadt.

Ein anderer hat Kein erzählt, dass er sich im Wien um die Jahrhundertwende zuhause fühlt.

Mir kommt das Literatentreiben vergangener Zeiten Wiens ähnlich vertraut vor, habe zum Beispiel gerne in Grillparzers Aufzeichnungen über solche Dinge nachgelesen, habe auch gerne von dem Kaffeehausleben Wiens um die Zeit Altenbergs, Bahrs gehört.

Vergleichet aber auch mein Fragment "Was will der Knabe am Schaltbrett sehn ...?"

Man kann im Traum oft beobachten, dass man gleichzeitig Zuschau er und an der Handlung beteiligt ist.

Ein alpenländischer Literaturkritiker, im wachen Leben wenig witzig veranlagt, träumte folgenden surrealistischen Witz:

"Ein Mann ohne Kopf kommt zu einem Friseur und der Friseur sagt ganz entsetzt: Ja wie soll ich Ihnen denn da die Haare schneiden? - Und drauf sagt der Mann: Aber regen Sie sich nicht auf, ich möcht mich doch nur rasieren lassen."

(Erzählt von Kein.)

Zu meiner seinerzeitigen Halbschlafwahrnehmung: "so schneckenschwer" habe ich folgende Erklärung: Es gab ein Gedicht der sehr konservativen H. F. Horst in den "Neuen Wegen", mit einer Stelle darin: "... so lerchenleicht ..." /übrigens durch einen Druckfehler entstellt: so lachenleicht/. Wahrscheinlich ist eine Verspottung der Horst in meine Traumwahrnehmung mit eingebaut: "so schneckenschwer ist in Wahrheit die 'Leichtigkeit' einer solchen durch formale Gezwungenheit einge engten Autorin."

Es ist anzunehmen, dass, auch ohne äußerlich bedingte Ablenkung, nicht eine absolute Kontinuität des Gedankenflusses besteht, sondern dass verschiedene Gruppierungen im Denkbarkeitsbereich liegen, von denen die eine oder die andere gelegentlich genug gewichtig werden, um ans Bewusstsein durchzubrechen und auch einen bestehenden Gedankenfluss zu unterbrechen.

(Zusammen mit Kein.)

So 5 7 53:

Aufstand in Polen.

Ueber das Eintreffen des Heimkehrertransportes, der vorigen Sonntag für den 1.7. angekündigt worden war, ist noch immer nichts bekannt.

Rakosi ist nicht mehr Ministerpräsident Ungarns.

Gestern abends und heute früh Gides "Falschmünzer" fertig gelesen.

Dann Vorarbeiten für die Uebersiedlung fortgesetzt. Das schöne Wetter ist unbeständig. Schon gestern nachmittags trübte es ein. Heute ist der Himmel ganz bedeckt. Je nach dem Wind, dem Wohnraum und der subjektiven Verfassung scheint es kühl oder schwül zu sein.

Ordnungen in meinen Sachen gemacht.

Roček meldete sich für kommenden Sonntag an. Dann wird er für mehrere Wochen nach Rom fahren.

Mit Mama spazieren: Steinhofer Mauer, Gartenwege am Satzberg, das Wetter wurde gleich sehr schön und hielt so an.

Das Sonnenlicht steigert Landschaft und Leben: den gelben Steinbruch, den Laubwald mit seinem Gelb und Hellgrün, die Sommerblumen in den Gärten /wie mittaglich die ganzen Tage sind!/, Menschengruppen in Gärten: in Liegestühlen und auf Hockern um einen Tisch gelagert, einer geht im nassen Gras und giesst Blumen, ein Mädchen muss die Stiegen aufwaschen, viele Hunde laufen in den Gärten umher und Nachbarhunde bellen einander an.

In einer Baumkrone über dem Weg sägt ein Mann; ein anderer auf dem Boden ordnet die abgesägten Stücke.

Setzten uns zu Westermayer und tranken je ein Krügel Bier. Westermayer hat seinen "Vorgarten" erweitert, das heisst, um sein Buffet noch mehr Tischchen und Hocker gestellt; umzäunt ist dieser Vorgarten nicht; er wird umflutet von der breiten Strasse, die um die Steinhofer Mauer führt; vormittags gehen viele Ausflügler diese Strasse, mittags nur einzelne Menschen aus den Schrebergärten.

Von den Hockern aus sehen wir das südliche Panorama von Wien; blassblau die Ebenen und die kaum noch durch- dringenden Berge hinter den Fabriken von Meidling, dann die Gehege und die weiss-lila Häuser des Südwestens von Wien über St. Veit bis nach Hütteldorf und in den Wiener Wald.

(So 5 7 53 Fortsetzg.)

Um Zeit zu gewinnen, nahm ich mir versuchsweise vor:

1. werde ich alle mechanischen Arbeiten an Werktagabenden verrichten, 2. werde ich täglich um halb sechs aufstehen, um in der Früh noch lesen zu können.

Die "Falschmünzer" sind ein grossartiges Buch. Ich ziehe Gide dem Hemingway vor. Gide ist vielfältiger und durch seine psychologische Polyphonie wahrer. Kein Vergleich auch mit dem , armen Sartre. Ich habe die "Falschmünzer" nicht nur interessiert, sondern auch liebevoll gelesen.

Nm. Pol. kam. Maja hat vorgestern ihr Kind, ein dunkles Mädchen, bekommen. Ihre Wohnung ist jetzt in der Starchant-Siedlung. Auch die Frau mit dem Kind wird bald hinzuziehen, im Spital braucht sie nicht lang zu bleiben

Pol. brachte das Belegexemplar des Wienbuchs für Paul. Er demonstrierte mir schlechte Gedichte, wie er sie jetzt bei verschiedenen Gelegenheiten /im Radio und in den NW/ kritisiert, um sich mit der Zeit eine Bibliothek aus Rezensionsexemplaren zu schaffen. Er zeigte mir seine Wohnung. Es regnete am Nachmittag.

Abends dachte ich über meine Haltung im Büro nach und formulierte meine beiden Richtlinien:

1. Abdichtung meines privaten Lebens gegen alle Berührungen durch das Büro, 2. "Integrierung" meines Wesens gegen alle im Dienst üblichen Folterungen und alle Versuche, mich zu ändern in einer Richtung, die mir nicht gefällt. Man hat mich also nicht als ganzen Menschen gekauft, sondern nur jene meine Funktionen zum Eigentum erworben, die die konkrete Arbeit verrichten. Leider haben sie auch meine Lebenskraft und meine Zeit mitgekauft.

Was ich neulich mit Bezug auf den Kampf gegen die Vorgesetzten niedergeschrieben habe: dass ich den Kampf aufgegeben habe, weil ich die Situation weder für die anderen noch für mich ändern kann, gilt auch für meinen Kampf gegen die Kollegin Huber. Ich lebe seit langer Zeit nicht mehr in gespanntem Verhältnis mit ihr; ich gehe längst nicht mehr mit meinem ganzen Wesen in die Gespräche /das ist das Geheimnis meiner Immunität/; ihre Ansichten und die Gestaltung ihres Lebens sind schliesslich ihre eigene Sache. Was mich immer noch daran ärgert, sammle ich in den Behälter, den ich mir im Sinne der Rationalisierung des Aergers gebaut habe: auch aus ihm hoffe ich für die grössere Gemeinschaft gültige Ergebnisse schöpfen zu können.

/Uebrigens: Seit sie im praktischen Leben meinen Zorn und meine Geduld kennt, unterdrückt sie mich nicht mehr. Und das ist für die Gesundheit gut; denn wir sind an die gleiche Galeere geschmiedet./

So 5 7 53 Fortsetzg. 2
So 5 7 53 Forts. 3

Ich habe noch nie, wie man schlampig sagt, "ein Mädchen gehabt". Auch in den früheren Jahren nicht. Aber es ist ein Unterschied: ob man in einer solchen leeren Zeit unbeeinflusst gelassen wird oder ob man von dem zersetzenden Gespräch von Leuten, die der Liebe zynisch gegenüberstehen, innerlich gestört wird. Huber ist eine solche Zerstörerin und hat zu einem grossen Teil meinen heutigen Zustand geprägt. Aus dem Verzicht auf den Widerspruch folgt die starke Verhaltenheit meines Ausdruckes, ja meiner Gefühle in den letzten Jahren.


Mo 6 7 53:

Bauer seit Montag zurück, Huber seit Freitag im Urlaub.

Stand wieder zeitig auf, um einiges ins Tagebuch eintragen zu können.

Weniger Arbeit im Büro. Erledigte meine Rückstände. Die Druckerei schickte mir die Bürstenabzüge meiner Karteikarten, ich gab sie frei. Abends kam Hitchman aus Zürich.

Ich sah mir im Flötzersteig-Kino den schwedischen Film an: "Gefahren der Liebe". Er will Spielfilm und Aufklärungsfilm zugleich sein. Er ist in Wahrheit keines von beiden. Er ist nicht genügend lehrreich, und die Handlung ist sehr schütter.


Di 7 7 53:

Früh aufgestanden, konnte manches ins Tagebuch eintragen. Sehr sonnig.

In der Früh las ich in der Zeitung von der jährlichen Preisausschreibung eines deutschen Verlages für Romane junger Autoren. DM 20.000.-- schon bei Annahme, Garantie einer Auflage von 100.000 Exemplaren. Diese Nachricht machte mir einen wirren Kopf.

Im Büro bleibt es ruhiger als während der vorigen Wochen. Abends zu Fritsch, das letztemal, bevor sie übersiedeln.

Fritsch las aus seinem Roman, dann besprachen wir ihn, dann hörten wir /alle drei/ den carmina burana und den Catulli carmina von Orff zu; die carmina burana, "synthetische Volkslieder", wie ich sie im Spass nenne, sind einfach und nie langweilig; Sie gehen , dynamisch und idyllisch zugleich, in d Gefühl.

Fritschs Frau war hübsch, in einem einfachen und lieben Sommerkleid.


Mi 8 7 53:

Früh im Bett Eintragungen.

Heisser Tag. Ich wäre lieber zu Hause geblieben. Aber ich sah mir wenigstens, während ich ins Büro fuhr, die sommerliche Vorstadt und Stadt rings um die Strassenbahn-Strecke an.

Vormittag wenig zu tun, obwohl Hitchman im Büro ist und Huber fehlt.

Bekam beim Kiosk endlich die seit zwei Wochen fällige Nummer der "Schau". Von meinen Glossen ist keine drin.

Eigentlich begreife ich nicht, dass es unter meinen Arbeiten solche gibt, die Hakel gefallen. Er ist ein solches physikalisch unmögliches System aus morgenländischem Lebensgefühl und abendländischer Ueberbildung, dass kein Abendländer und kein Morgenländer sich mit ihm verstehen könnte, ausser auf der unechten Grundlage der Unterwerfung, geschweige denn ihm genügen könnte. Dabei ist Hakel manchmal, wenn ich mich um ihn wenig bemühe, zu mir unglaublich lieb.

Ein Exemplar der Badischen Nachrichten kam, in dem die publ. besprochen stehen. G. Kirchhoff hat ein bisschen verdreht, was ich ihm seinerzeit zur Information über die publ. geschrieben habe.


Do 9 7 53:

Heiss. Ich habe fast nichts zu tun gehabt, obwohl Hitchman vormittags wieder ins Büro gekommen ist. Die anderen haben heute genug zu tun, ich bin dieses Mal die Ausnahme.

Nachmittags verdüsterte sich das Wetter. Ich machte abends Dienst /hatte mit Marchsteiner getauscht, weil sie sich für heute verabredet hatte/.

Um 17,30 kam Hitchman wieder. Er diktierte mir ein ziemlich langes Fernschreiben. Um 19 Uhr durfte ich, ziemlich müde, heim.

Tante bei uns draussen. Von Stuttgart ist ein Brief für mich gekommen: die freundliche Ablehnung meiner Gedichte. Tante übernachtete bei uns.


Fr 10 7 53:

Wieder früh auf.

Beria ist abgesetzt und aus der KP ausgestossen worden. /Nachmittags hörte ich, dass er auch schon verhaftet worden ist./

Im Büro wieder wenig zu tun.

Ich durfte schon um 16 Uhr heimgehen, als "Vergütung" für den gestrigen späten Dienstschluss.

Jandl schrieb mir wieder einen Brief, sehr herzig.

Paprikaschnaps: weil die käuflichen derzeit schlecht sind, setzten wir selber einen an.

Gutes Abendessen.


Sa 11 7 53:

Seit gestern stark abgekühlt. Schrieb den Antwortbrief an Stuttgart.

Büro.

Roček ist ein kalt blitzender Jüngling, wesensverwandt mit Weissenborn. Ueber seinem Schreibtisch hängt ein Blatt Papier: "Ich will!".

Die Reinheit solcher Jünglinge ist penetrant und wächst der Hure entgegen.

Nachmittag: Brief nach Freiburg geschrieben, Tagebuch nachgetragen. Abends Schrattenberger Wein; er ist dieses Jahr süsser als die Jahre vorher.



Sonntag 12 7 53:

Früh, als ich aus dem Küchenfenster sah, notierte ich:

Juli
Die Büsche haben geblüht. Jetzt leuchten sie lang in der Sonne.
Sie tragen vom Morgen in den Mittag den späten Geruch alles Grünen.
- - -
- - -

Gingen mit Roček spazieren; ich zeigte ihm zuerst die Osthälfte von Steinhof mit der Gärtnerei, den Schweineställen, dem Kesselhaus, die er noch nicht kannte, obwohl er mit einigen Mädchen von hier befreundet ist. Dann führte ich ihn bis zum Auhof. Zwischen üppigem Grün fliesst dort ein Zweiglein des Wienflusses. Wir setzten uns auf die kahle Erde des Ufers und stiegen später ins Wasser. Die Sonne scheinte stark; nahe gab es fast waagrechte Halme und Libellen.

Nachmittag: Jandlbrief geschrieben. Mama ist krank.


Mo 13 7 53:

Dieses Wochenende konnte ich einiges zu Hause aufarbeiten. Früh hatte ich noch Zeit zu ein paar abschliessenden Ordnungen.

Die Kurzgeschichte um die beiden, die Journalisten werden wollen, könnte ich doch fortsetzen.

Huber diese Woche wieder im Büro. Sie hat ihren Urlaub unterbrochen. Meine Untersuchung von unlängst über unser Verhältnis erscheint mir heute nicht umfassend genug. Ich nehme mir vor, sie zu revidieren.

Abends schon wieder wolkig und abgekühlt.


Traum, Dienstag, 14 7 53, gegen Morgen, farbig und gefühlshaltig:

Wohnten wieder auf C 4 18, dort war es aber viel schöner, als es dort je gewesen war. Farbiger Spaziergang durch Steinhof, auch unwirklich schön. Ging, glaube ich, mit R. Mi., einem Freund aus der Schulzeit; das Gespräch war unbefriedigend, darüber war ich traurig. Wir trennten uns, ich lud ihn für ein nächstes Mal ein. Ich fragte ihn, ob er kommen wolle, oder ob ich zu ihm kommen soll. Er sagte, zuerst hatte er wollen, dass ich ihn aufsuche, dann aber habe ihm Steinhof gut gefallen. Ich sagte: "Das Land liegt so schön." /Wir kamen aus dem bunten Wald und sahen auf Hütteldorf, das farbig uns gegenüber lag./

Später ging ich zum Tor der C 4.

Mama und ich freuten uns an der neuen Wohnung sehr.

Ein junger gelbbrauner Hund war auch da.

II. Ich kam aus dem neuen Krieg zurück. Aus einem Haus hörte ich ein Gespräch über Kompensationsgeschäfte; es waren Geschäfte mit Opium.

Abends kam ich vor das Haus einer jungen verheirateten Frau. Ich erzählte ihr von den letzten beiden Kriegen: Im neuen war ich im Feld gewesen, im zweiten Weltkrieg war ich noch zu jung gewesen, aber fast hätte man mich auch damals schon verlangt. Sie sagte, wie gemein es ist, dass nicht einmal die Jüngsten verschont worden waren.

Die junge Frau hatte eine Besorgung. Sie ging mit mir die reisigfarbene Strasse entlang. Seitlich leuchteten die goldgrünen Bäume, später lagen sie dunkelgrün. Wir sprachen freundlich. Unterwegs fasste ein Knabe ihre Hand und sagte grell: "Grüss dich, Herzerl!" Ich hatte den Eindruck, dass er sie als Hure verspotten wollte, weil sie an diesem Abend mit mir ging. Sie sagte mir, dass sie ihn strafen würde, wenn sie zurückkäme. Ich fragte sie:

"Wie lange können wir noch mitsammen gehen?"

Sie sagte: "Ich gehe nach Dublin." /Dublin war am Ende der langen, immer geradeaus führenden, Strasse./

Ich fragte sie später: "Bist du glücklich?"

Sie sagte: "Nein."


Di 14 7 53:

Gegen Morgen träumte ich.

Die Träume enthielten Farben und Gefühle.

Bemühte mich, einige Erinnerungen an sie niederzuschreiben. Das fiel mir sehr schwer. Unterwegs dachte ich über den Inhalt des Traums und seine Verwertung nach.

Gefühle, die ich lange nicht mehr erlebt habe, sind mir im Traum wieder nahegekommen. Das zeigt, dass man nicht seicht geworden ist; man kann sich aber im Lauf des Lebens weit von den Tiefen entfernen; wahrscheinlich sie sogar hinter den Horizont verlieren.

Es ist schwierig, Gefühle mit Worten wiederzugeben. Soll man den Gefühlsinhalt einer Situation abstrakt verzeichnen oder soll man sich auf die Schilderung des sachlichen Teiles der Situation beschränken? Kann man darauf vertrauen, dass das Gefühl in die Bilder, in die Worte, in den Klang eingehen und durch die sachliche Schilderung hindurchscheinen wird?

Und kann man darauf vertrauen, dass aus dem sachlichen Teil der Situation die genügende Voraussetzung für das Entstehen einer der des Autors gleichartigen psychischen Situation genommen werden kann?

Diese beiden rettenden Möglichkeiten /die eine setzt die Gefühlstränkbarkeit von neutralen Trägern, etwa Worten; die zweite die sachliche Hinleitbarkeit auf ein Gefühl voraus./ ergänzen einander: die zweite Methode legt den Ort für das Gefühl fest, die erste entwickelt es und intensiviert es.

Die "Bekanntschaften", die in den Städten geschlossen werden und dort die Liebe ersetzen, fliessen selten der Idylle zu.

Im Büro fast nichts zu tun.

Abends haben uns Fini und Theodor Pobisch überraschend eingeladen, den Abschied von ihnen zu feiern. Zuerst bei Westermayer, dann in Bernklaus Garten getrunken und gegessen ˇ/ schliesslich noch in Pobischs Wohnung Sligowitz und Mokka.. 23 Uhr heimgekommen.


Mi 15 7 53:

Regnerischer Morgen. Müde. Vormittags noch wenig gearbeitet. Mittags kam die Kartei. Ich freute mich über sie wie ein Kind. Begann gleich, die Karten anzulegen. Den Nachmittag über beschäftigte ich mich zum grössten Teil mit dieser Aufgabe. Abends wurde es wieder nicht sehr spät.

Daheim den selbstangesetzten Paprikaschnaps filtriert. Das dauerte sehr lange; Mama ärgerte sich, ich führte währenddessen meine Aufzeichnungen weiter.


Do 16 7 53:

Früh auf. Tagebuch. Hellblauer Morgen.

"ARGA" ist pleite gegangen. Die Firma, bei der ich angestellt bin, hat dadurch 1 Million Schilling verloren.

Abends sehr viel Arbeit im Büro. Daheim Brief von Demus, ich soll Paul Celan Gedichte für eine Anthologie schicken. Ich freute mich, auch weil ich gedacht hatte, dass Celan mich nicht leiden kann.

Es sind jetzt immer angenehme Abende zu Haus.


Fr. 17 7 53:

Wieder sonniger Morgen.

Brief an Celan geschrieben. Morgen habe ich bürofrei. Die Kinder haben Ferien.

Befasste mich den Tag über hauptsächlich mit meiner Kartei.

Abends den Brief für Celan fertiggemacht.


Sa 18 7 53:

Linzerstrasse: Wäsche.

In der starken Vormittaghitze schürte ein Gasarbeiter das Feuer unter einem Teerkessel. Erst nachmittag hat er frei, sagt er.

Ich kaufte mir bei Westermeier, dem Mann mit der guten Kühlanlage, eine Flasche Sodawasser. Zu Haus trank ich sie mit Genuss.

Erprobten pommes frites; sie gelangen Mama sehr gut.

Arbeitete für mich. Keine Post kam.

Nachmittag mit Kein in den Garten . Er hatte ein gutes Gedicht, wir suchten dafür einen schönen endgültigen Titel. Er half mir bei meiner Kurzgeschichte.

Die erste Seite gefällt ihm sehr gut; vielleicht werde ich die folgende Seite umarbeiten und die Geschichte doch fertigschreiben.

Jetzt kommt Kein erst wieder in vier Wochen.

Arbeitete noch ein wenig an Aphorismen.

Abends statt Bier wieder Sodawasser. Wahrscheinlich ist es mir nützlicher, nichts Alkoholisches zu trinken.


Sonntag 19 7 53:

Regentag. Blieb länger als sonst im Bett, wollte ursprünglich überhaupt drinbleiben, hatte aber dann Arbeiten für die Uebersiedlung.

Den Rest des Vormittags für mich gearbeitet.

Nachmittag: Die Rückstände habe ich aufgearbeitet, dann habe ich mich für den Rest des Tags niedergelegt.

Regen und Sturm.


Montag 20 7 53:

Der gestrige Regen hat die Luft abgekühlt. Der Morgen aber ist sonnig /man möchte heute noch frei haben/, und die Luft wird bald warm.

Huber hat ihre zweite Urlaubwoche genommen.

Mässige Arbeit. Schöner Abend. Spaziergang um die Steinhofer Mauer.


Dienstag 21 7 53:

Früh fing ich eine längere Geschichte zu schreiben an. Guter Laune.

Im Büro genug Arbeit.

Kaufte mir ein paar Kleinigkeiten für daheim.

Den Abend angenehm verbracht. Sodawasser. /zischend und kalt, von Westermeier, in eisblauer Flasche./


Mittwoch:

früh auf, um an der Geschichte weiterzuschreiben.

Die Sonne scheinte am Morgen aus ganz klarem Himmel. Schon der 22. Juli. Mir fiel schmerzend ein, dass dies der Sommer meines 24. Jahrs ist.

Karten an Jirgal und Steinwendner.

Im Büro wurde ich mit der Auftragkartei fertig.


Donnerstag:

Sehr heisser Morgen.

An der Geschichte früh nur Korrekturen angebracht.

Büro: Grosseinkauf Direktor Stegers im USIA-Geschäft. Sehr heisser Tag.

Nachmittag: Witzmann nicht im Büro. Lange Mittagspause. Dann, um halb drei, wurden wir nach Hause geschickt. Ich hatte grosse Freude, fuhr gleich heim; wir wussten aber mit dem freien Nachmittag nichts anzufangen, denn Mama war müde, und mein Schwung war bald vorbei.

trotzdem: Diese Sommertage sind so schön.


Freitag:

Früh im Bett wieder geschrieben. Im Büro sehr wenig zu tun. Angenehmer Abend.


25 7 53
Samstag:

Ich hatte geträumt, dass ich an Briggis Haus vorbeifahre. Sie ruft mich, aber ich komme nicht zu ihr, obwohl ich sie liebe, /denn ich glaube nicht, dass ihre Liebe jetzt schon genügend stark ist/.

Etwas später schickt sie mir einige kleine Photographien; eine davon zeigt Briggi an der Seite ihres Mannes in der Kirche, in der sie getraut wird, eine andere zeigt das Paar ins Schlafzimmer schreitend, wo das Bett bereitsteht.

Während ich die Bilder betrachte, verfliesst Briggis Gestalt mit der Gestalt Susis, die vor einigen Monaten wirklich geheiratet hat.

Zwischen Fenster und einem Vorhang aus Glas verfängt sich eine bissige Katze. Ich halte ihr eine Stoffkatze entgegen, in deren Bild auf dem Glas sich die bissige Katze verbeisst. Ich steigere ihre Wut, als ich ihr eine Pfote der Stoffkatze gegen den Rachen strecke; sie klappt den Rachen zu und ist ohnmächtig vor Zorn, als ich die Pfote der Stoffkatze unverletzt zurückziehe.

Ich spaziere in Paris und sehe Kaffeehäuser mit gelb-orange-gestreiften Lampionen in den Auslagen. Weiter komme ich vor ein Haus, in das ich dann eintrete. Ich gehe mehrere Stufen hinunter in einen Keller. Dort laufen an einer Leinwand zwei farbige Tonfilme. Die Bildflächen sind klein, und eine von ihnen zeigt Szenen einer Explosion.

Das Zentrum der Explosion wirft braune und schwarze Teilchen in die farbige Umgebung, die sie in kurzer Zeit völlig verdunkeln.

Früh wieder geschrieben.

Wenig Arbeit im Büro.

Gestern und heute sehr heiss. Heute wolkenlos.

In der strahlenden Mittaghitze in den Garten gegangen. Dort im Schatten gesessen und geschrieben. Schmerzhaft deutliche Sehnsucht nach dem Mädchen.

Nach privaten Notizen machte ich mich wieder über die längere Geschichte. Mama holte mich abends ab.

Morgen gehen wir mit Tante und Paul fort.

M. und T. hatten Maja getroffen, die ihr Kind zum ersten Mal spazieren führte. Es heisst: Aglaja.

Abends sang ich, während Mama Obst einkochte, zu Ehren meiner drei Freunde ein Liedchen:

Eia popeia,
die Schönste ist die Maja.
Doch viel schöner noch als sie
wird einst die Aglaja.

Sonntag, 26. Juli 1953:

Spaziergang auf den Satzberg.

Unsere Besucher blieben den ganzen Tag bei uns. Schönes heisses Sommerwetter. Nach Mittag ging ich in den Garten und schrieb an der längeren Geschichte.


Montag:

Früh wieder geschrieben. Der zeitige Morgen zeigte einen leicht bewölkten

WAFFENSTILLSTAND IN KOREA.
Himmel. Bei diesem Wetter müsste man wandern.

Bald wurde es wieder wolkenlos und strahlend heiss.

Im Büro mehr zu tun.

Begann an meiner längeren Geschichte zu zweifeln.

Abends regnete es. Kretschmer räumten das Kabinett vollständig. Freundlicher Abend Huber ist wieder im Büro.


Dienstag:

Konnte länger im Bett bleiben. Gab mich meinen Gedanken hin. Las mit Vergnügen meine bisherigen "Kurzgeschichten".

Im Büro beginnt eine grosse Arbeit für mich.

Abends fing mich Polakovics ab und schleppte mich zu sich, seiner Frau und Aglaja. Das Kind sieht hergenommen aus. Maja gibt wenig Milch.

Polakovics las mir Sachen aus dem Material der "Neuen Wege" vor.

Er sagte sich, seine Frau und Aglaja für Samstag Nachmittag bei mir an; wir werden in den Garten gehen.

Später Abend zuhaus.


Mittwoch:

Es ist abgekühlt. Ich hatte früh viel zu tun. So konnte ich an meinen

WETTERSCHAEDEN IN OESTERREICH
Geschichten nicht weiterschreiben.

Um zehn Uhr verliess uns Machwitz.

Für den Restder Woche bleiben wir allein. Ich machte mich über meine umfassende Arbeit, die Kollegen hatten weniger zu tun. Punkt fünf Uhr schickte uns Witzmann heim.

Freundlicher Abend. Den Küchenofen ins Kabinett versetzt.


Donnerstag:

Nachts schweres Gewitter. Schlief unruhig, träumte wirr /aber wieder farbig; daran erinnerte ich mich morgens genau/.


Donnerstag 30 7 53 früh Einer der Träume:

Ein Gang mit cremefarbenen Seitentüren. Teils Fabrik, teils Wohnräume eines Ingenieurs und dreier Mädchen. Am Ende des Ganges standen die Namen der Zimmerbewohner angeschrieben. Ich merkte mir die Reihenfolge mit Hilfe der Anfangsbuchstaben, die ich zu mnemotechnischen Gruppen zusammenfügte; eine dieser Gruppen hiess "FETT". Die drei Mädchen hatten Namen mit E., F. und F.

Es gab auch ein Fenster, aus dem eines der drei Mädchen,: ein besonders hübsches, hinaussah. Ich ging mehrere Male vorüber und fing ihren heissen Blick. Sogleich aber wurde mir ihre Geschichte erzählt:

Sie hatte, als sie noch wenig erfahren war, einen Mann geliebt, der mit ihr nur gespielt und der sie bald verlassen hatte.
/Es erschien die Zahl "12"./
/In einer grünen Netztasche lagen Aepfel./
Als sich ihr nach leeren Jahren eine neue Gelegenheit bot, habe sie zugegriffen, diesmal alles leicht nehmend und mit raffinierten Mitteln ausgerüstet.
/Die Zahl "24"./
/Wenige Pfirsiche wurden auf die Aepfel gelegt./
Mir tat leid, dass ich das Mädchen in ihrem Luder-Stadium kennenlernte, und ich löste den Traum auf.

Do 30 7 53:

Unregelmässige Arbeit im Büro.

Abends kam ich in das Gewitter. Auf dem Stephansplatz wurden wir bis auf die Haut nass. Stromstörung auf der 46-er Strecke.

Traf den Magnetophonmann.

Trotz dem Wetter um Bier für Mama und Sodawasser für mich zu Westermeier gegangen.

Fiel dann gleich ins Bett.

Nachts hörten wir Radio; eine sehr schwache Austauschsendung mit Paris und das unheimliche Hörspiel "Der Autostopper", das mir Polakovics vor langer Zeit erzählt hatte.


Fr 31 7 53:

Wieder unregelmässige Arbeit.

Abends erzählte mir Christl, aufgeweckter als sonst, dass sie geheiratet hat. Ich freute mich für sie und zeigte ihr diese Freude auch.

Letzter Julitag.



Sa 1 8 53:

Trübes, kühles Wetter. Früh nur Eintragungen. Im Büro wenig Arbeit.

Nachmittags schrieb ich, was bisher von der längeren Erzählung vorliegt, ins Reine. Polakovics kam mit Maja und Aglaja.

Ihnen gefiel mein Garten. Wegen des Wetters blieben wir nicht lang dort. Ueber die "Stimmen der Gegenwart 1953" gesprochen.

Im Kabinett stillte Maja ihr Kind.

/Hätte ich diese Idylle 1951 vorausdenken können?/

Leider habe ich Polakovics nichts zu bieten, seit er sich Hakel angeschlossen hat.

Hakel hat Polakovics' Charakter , wie ich ihn in der Zeit unserer gemeinsamen Arbeit bei den "Neuen Wegen" kennengelernt hatte, gelöscht.

Abends noch alles für die morgige Fahrt vorbereitet.


So 2 8 53:

Um halb acht nach Mönichkirchen abgefahren. Angenehme Plätze im Autobus. Schon bis halb neun /Wiener Neustadt/ kam ich ganz auf meine Rechnung; sah alles, was eine Ebenenfahrt bieten kann.

Auch die Orte südlich von Wien reizvoll: modern und alt, gepflegt und verwahrlost, städtisch und ländlich. Die Gärten am Wege. Gegen halb neun bedeckte sich der Himmel mit langsam ziehenden kleinen grauen Wolken. In Wiener Neustadt hielt der Autobus für eine Minute, und ich konnte einen Satz aufschreiben, den ich unterwegs erarbeitet hatte.

So 2 8 53 Fortsetzung

Nach Wiener Neustadt begann Föhrenwald.

Kleine Orte, schon in hügeliger Gegend.

Viele Häuser werden gebaut, die Wiesen sind dort voll von frischen Ziegeln.

Aspang. Dort hielten wir länger. Hauptplatz einer Provinzstadt. Die Kirchenbesucher standen beieinander und sprachen. Bürschchen, schon städtisch gekleidet und frisiert, schlenderten umher.

Letzte halbe Stunde vor Mönichkirchen. Der Weg wird steil und schlecht. /Die Strasse wird ausgebaut; heute am Sonntag stehen Motoren und Bagger still am Strassenrand oder auf einer Hälfte der Strasse./ Serpentinen. Als wir weiter oben sind, wird die Strasse wieder gut, aber wir fahren in Kälte und Nebel hinein. Wir bereiten die Regenmäntel vor.

Von der Einfahrt nach Mönichkirchen sehen wir nichts. Nur ein paar Nadelbäume, bevor sich der Nebel schliesst. x) Der Autobus hält auf dem Postplatz. Wir steigen aus und gehen die Strasse entlang, biegen dann zu einem Kirchlein, das gerade ausläutet. Dann gehen wir hinauf auf die Schwaig, wo es klar sein soll. Unterwegs finden wir Schwämme nahe im Wald. Feuchte Wiese. Die Nebel bleiben hinter uns zurück. Wieder im Wald. Dann liegt vor uns die Alm.

Mittag-gegessen auf einem Gasthof. Eine langweilige Gesellschaft in der Nähe plauderte, ein Mädchen schnitt Pilze. Vom Sessellift kamen Sportschlurfs und Hosenmädchen. Manche kamen in Autos oder auf Motorrädern herauf. Immer wieder hörte man das Sonntagsjodeln der Städter oder das Schlurf-Geschrei /darunter immer noch: "he babariba!"/.

Wir spazierten nach Mittag auf der Alm und gingen um halb drei den Weg zurück; suchten Schwämme und Beeren. In der Nähe fuhr der Sessellift. Wir sahen ihm zu, wie er die Menschen auf die Alm und hinunter in die Stadt beförderte. Ueber den Wäldern sassen die Menschen hoch, die gelben reifen Felder streiften sie fast. Reizvoll sah ein Mädchen aus, schwarz bekleidet, blond, sehr jung, wie sie langsam über die Landschaften schwebte, zuvorletzt über das gelbe Feld nahe der Stadt, aus dem sie dann hochstieg und knapp danach hinter die Sichtgrenze sank. Weiter in dieser Richtung lag die Steiermark, und etwas östlicher glänzte ein Fenster aus dem Burgenland.

Kaffeehaus auf der Hauptstrasse; moderner als das durchschnittliche Café in Wien; besitzt die Apparate und die leichte Aufgefrischtheit des Espressos. Herinnen sass, wenn man von uns absieht, "gepflegtes" Publikum. /Eine alte Dame, die Patience legte ein untersetzter gutgekleideter Herr, der in würdiger Weise bemalte Gattinnen und ein glattes Bürschchen, das von den Kellnerinnen umschwänzelt wurde und auf seine kurzen Fragen lange Antworten erhielt./ Von hier aus dachte ich an Cysarz und grüsste ihn.

So 2 8 53 Fortsetzung 2

Wir sahen uns den Ort Mönichkirchen an. Ueber die nahe Demarkationslinie, Steiermark, gingen wir nicht. Die Kontrolle soll aufgehoben sein, aber die Posten stehen noch umher, und die Schranken sind noch nicht niedergerissen worden.

Ein schmaler Weg, seitlich Himbeersträucher. Kletterten den Hang hinauf, kamen in eine abgemähte Wiese, schlichen an ihrem Rand weiter. Ueberquerten die Wiese, schlüpften durch Stacheldraht und erreichten so eine höhergelegene Strasse. Kühe weideten, ein Bub hütete sie. Eine Kuh verlief sich über die Strasse. Nahe lag ein Bauernhof.

Ein kleinerer Bub mit Schulbüchern unter dem Arm rannte aus der schweren Tür des Hauses. Paul, der ihm begegnete, fragte, ob es bei ihnen Most gibt. Der Bub sagte in reinem Deutsch: "Nein." Paul fragte ihn: "Weisst du, wo's einen Most gibt?" Der Bub sagte noch einmal: "Nein." und rannte dann weiter.

Die Villenstrasse. Schwarzbraunes Holz auf weissen Steinen.

Noch eine Stunde Zeit bis zur Abfahrt des Autobus. Belebung auf der Hauptstrasse von Mönichkirchen. Spaziergang der Krankenkassenurlauber. Verkümmerte Frauen und verstaubte Männer; Arbeiterinnen und Stenotypistinnen, die heute lachen und Freunde haben, und sehr bald verblühen und allein bleiben. Manche suchen sich hier an einen Mann anzuschliessen /eine Frau mit grüner Bluse und kurzer weisser Leinenhose, aus der prall die Schenkel treten, findet mehrere, umgibt sich mit ihnen/. Manche spazieren allein.

Im Gasthausgarten, wo wir die letzte Zeit verbringen, laufen jenseits des Zauns Hühner. Wir füttern sie zuerst, dann fällt uns eine Katze auf, ganz jung, die mitten unter den Hühnern sitzt. Ich stecke ihr durch den Zaun ein Stückchen Salami zu. Ein Huhn entreisst es ihr und hackt sie mit dem Schnabel ins Gesicht. Das wiederholt sich. Die Katze wagt sich nicht mehr an den Zaun, wo die Hühner versammelt gackern und flattern. Sie liegt blinzelnd und zusammengekrümmt auf dem Boden, weit hinter den Hühnern. Ich versuche es mit einem Fernwurf.

Aber die Hühner stellen sich sofort um und hacken ihr auch diesen Bissen aus dem Mund. Ein Hahn geht über sie hinweg. Ich, wenn ich Katze wäre, würde mir zunächst Respekt verschaffen; ich habe doch nagelscharfe Krallen, gute Zähne und einen heimtückischen Sprung. Das ganze Hühnervolk spränge auseinander.

Die Katze liess sich nicht überreden. Ich führte noch einen Brennesselstab in den Kampf ein /mit einem geknickten Stab fing ich ein Brennesselblatt; damit ätzte ich die Hühner, während ich die Katze zu füttern versuchte/. Auch diese Wunderwaffe half im grossen ganzen nicht. Die Kämme zuckten manchmal, aber ich konnte gegen die Ueberzahl der Gegner nicht siegreich bleiben. Wir stiegen in den Autobus, ohne der Katze viel genützt zu haben.

So 2 8 53 Forts. 3

18 Uhr Abfahrt. Es ergriff mich, die Landschaften von heute früh abends wiederzusehen. Liess kaum für ein paar Sekunden die Strassenränder aus den Augen und die Gärten und Feldstreifen, die an der Strasse lagen. Millionen Gräser, Wiesenblumen, Feldblumen. Die einzelnen Fleckchen, jedes schon in tieferer Dunkelheit.

Wiener Neustadt, abendliche Strassen; eine Strasse lang Grosstadt. Grellbeleuchteter Gasthausgarten.

Dann die Ebenefahrt nach Wien. Wilder Abschied von dem Land. Der Blick hin und her gerissen zwischen dem Gras, schon ganz dunkel über der Strasse, und der Weite, in der man schon die Stadt spürt.

Stärker und stärker drängen die schonunglos leidenschaftlichen und die schonunglos genauen Gedanken, noch während sie beide ihre Ergebnisse suchen, nach der Vereinigung ihrer Ergebnisse.

Immer rascher die Fragen, denn die Zeit läuft ab: Ausdruck. Wie hat man gelebt? Und das Mädchen. Die Reize der Stadt? Was ist das Wesen des Dorfes? Wenn wir die Stadt verschmähen, ist das: Untreue? Könnte man die Stadt wohnlich machen? Einen Abend in der Stadt zu sein; Sehnsucht des Landkindes; Einfahrt in die beleuchteten Strassen; dann ein Haus in der Stadt, für eine Nacht; sucht man das immer Neue? Oder sucht man das Beziehungsreiche? Wäre, wenn man gemeinschaftlich lebte, jeder Ort gleich erfüllt? Ist man allein, ist man nie allein? Kontakt auch ohne physische Nähe. Warum dann die Unerfülltheit? Das Mädchen. Wo sie zu finden?

Das Mädchen: der Reiz und die Liebe. Die Gedanken streiken Das Verfliessen der unkörperlichen Begriffe, wenn nicht gerade die Wirklichkeit wirkt, die hinter ihnen steht.

Auch wenn man Liebe erlebt hat, kann es später unmöglich werden, sie anders als abstrakt ins Gedächtnis zu rufen, oder mit der Hilfe von Dingen, die an sie geknüpft waren, die sie aber enthalten; ungerufen kommt das Erlebnis freilich öfters zurück; nicht nur im Traum; Gedichte sind da Katalysatoren.

Was, wenn nicht das Gedicht, kann das Erlebnis als solches vermitteln, also punktförmig und ohne es aus den Voraussetzungen auszubrüten? Freilich: wie spezifisch? Aber die subjektiven Erlebnisse dürften den Menschen gemeinsam sein, so sehr die Koppelung mit den realen Grundlagen auch die Unwiederholbarkeit der Erlebnisse vermuten lässt.

Die Gesamtheit von Beziehungen zu einem Mädchen ist noch nicht die Liebe; die Liebe ist jene unzusammengesetzte psychische Qualität, die allen Zeiten und Menschen gemeinsam sein dürfte, die aber unlösbar assoziiert ist der "Welt" /also der spezifischen Gesamtheit/ des einzelnen Liebesfalles. Bis ins Innerste erregender Widerspruch: ihre Ewigkeit und ihre Einmaligkeit.

/Fortführung, am 8 8 53/

Verrät man die Liebe an die Erotik? Oder verrät man den Augenblick an die Idee?

Einfahrt in die Stadt ... Benzingeruch, Bahnen. Beleuchtete Auslagescheiben; schon Mädchen, glänzend angezogen, und Männer der Stadt: Liebespaare der Stadt.

Ich hasse sie, weil sie ihre Schalheit als Stärke empfinden. Was haben sie aus der Schönheit gemacht.

Es ist warm in Wien. Mit "Liebe" locken sie einander ins Leere.

Wieder auf den gewohnten Strassenbahnen gefahren. Aber wie in einer anderen Stadt. Heimgekommen wie weit vom Morgen entfernt!


Artmann war nachmittags "bei mir" gewesen, hat eine halbe Stunde mit Mama geplaudert. War in Deutschland, Paris und so fort. Prahlte für sich und auch für mich. /Ich wäre in Paris bekannt ...../ Esther ist in die Schweiz zurückgefahren und wird vielleicht nach Wien kommen. Artmann aber scheint es lieb zu sein, wenn diese Beziehung bricht. Esther ist schizophren.


Montag, 3. August:

Erzählte Briggi von meiner gestrigen Fahrt; Briggi aber geht es schlecht. Sie sagte mir nicht, warum.

Bin stadtmüde. Es ist auch in Wien jetzt kühl. Büro: fast nichts zu tun. Man spricht von der Auflassung der Firma.


Dienstag, 4. August:

Abends bekam ich das Heft "Freude an Büchern". Einen alten Besen repariert. Polakovics kam und brachte mir eine Kinokarte für morgen.


Mittwoch, 5. August:

"Fahrraddiebe” ein ausgezeichneter Film.

Vor dem Künstlerhaus-Kino traf ich ausser den zwei auch die zwei Hakel und deren Liebkind, die Haushofer. War von ihr entzückt; hatte mir " Marili " nach ihrem Photo anders vorgestellt. Sie ist die junge Frau eines Arztes in Steyr.

Mit vom Kino gefahren. Begleitete die beiden bis vors Wasserwerk. Seit sie Hakels Jünger geworden sind, während ich ohne Meister geblieben bin, sehen sie mich als einen an, der nicht weiss, wohin er gehört. Mich stimmt traurig, dass ich sie dadurch verloren habe.

Mittwoch Abend: Zwei Hefte des "Karlsruher Boten" wurden mir gesandt. Donnerstag Früh gelesen: nichts wert.


Donnerstag, 6. August:

Regen.

Früh Briggi getroffen. Gelockerter als am Montag mit ihr gesprochen.

Sie führt kein Tagebuch mehr, denn sie will zu ihrer Vergangenheit keine Beziehung haben.

Neue Funktion: Ich bin "des zufriedenen Mädchens Gedächtnis"; denn sie hat vieles aus dem Jahr 51 schon vergessen.

Einige monumentale Gedichtzeilen:

Einsamen Menschen halfst du nur zeitweilig.
Andere haben sie später ergänzt."
Es fehlt noch der Schluss. Vielleicht:
"... Könnte man heilsam sein, wenn nicht heilig"

Eine Arbeit für Csokor.

Heute abgemacht: an meinem ersten Urlaubstag fahren wir nach Forchtenstein und ust.

Karten hat Tante schon gesichert.

Viel Arbeit im Büro.

Abends: Die Photos sind gekommen. 8 davon behalten. Länger aufgeblieben.


Freitag, 7. August:

Kühlere Tage.

Generalstreik in Frankreich. Lebensmittelaktion der Amerikaner für Ostberlin, Reaktion der ostdeutschen Regierung.

Sehr viel Arbeit im Büro.


Samstag, 8. August:

Blauer Himmel. Nun wieder sehr warm.

Früh auf, Eintragungen.

Viel Arbeit im Büro.

Nachmittag brachte ich den Photoapparat in Ordnung. Kam erst spät zum Schreiben.


Sonntag, 9. August:

Im Bett lange geschrieben. Trüber Himmel. Das Meinl-Plakat ans Gesellschaftsgebäude geklebt und dort photographiert. Will "drei gute Plakate dieses Jahres" aufnehmen und die Negative der "Schau" schicken.

Spaziergang mit Mama um die Steinhofer Mauer. Trafen unterwegs Maja uud Aglaja und begleiteten sie ein Stückchen auf ihrem Auslauf; wir zeigten ihnen die Savoyenstrasse, die für sie praktisch ist; ich photographierte Aglaja in ihrem Wagen.

Während des Spaziergangs mit Mama machten Mama und ich noch je eine Aufnahme. /Der Tag war sehr geeignet./

Nachmittag: Trickaufnahme im Kabinett, fortgesetzt im Garten, weiteres Bild aus dem Garten; dann lief ich, bis über die Jausenzeit, auf die Linzerstrasse und die Hütteldorferstrasse und jagte dort die übrigen zwei von den drei guten Plakaten dieses Jahres.

Müde heim. Westermeier. Geschrieben. /Nur die laufenden Eintragungen./

Ich sehe schon mehrere Sonntage lang eine kleine unentwegte Radfahrerin;

sie ist offenbar die Tochter der Buffet-Frau, die vor dem Eingang von Steinhof verkauft:

sie und ihre Mutter sind zu uns sehr freundlich. Das Mädchen scheint erst diesen Sommer hierher mitgenommen worden zu sein, oder sie ist erst diesen Sommer beachtlich geworden.


Montag, 10. August:

Letzte Arbeitwoche. /Am 15. beginnt mein Urlaub./ Genug zu tun.

Die beiden Chefs fuhren fort, wir wurden nachmittags zeitiger als sonst heimgeschickt.

Solange die Sonne hochstand, strahlte sie heiss; aber schon am Nachmittag war es in der Wohnung kühl. Am Abend dann um die Steinhofer Mauer; auf dem Rückweg war es auch draussen schon recht frisch.


Dienstag, 11. August:

Viel Arbeit. Trotzdem wieder früher nach Hause. Gestern Abend und heute früh hatte ich den Brief an Rüdiger, den Herausgeber des "Karlsruher Boten", und dann abgesandt.

M

Abend: Eintragungen. Kam erst heute dazu, die "Freude an Büchern" zu lesen.

Streik in Frankreich hält an.


Mittwoch, 12. August:

Die Zensur wurde von den Russen aufgehoben. Unregelmässige Arbeit im Büro.

Die Photos vom vergangenen Wochenende sind fertig: die Plakate sind ganz gut gelungen, von den übrigen kann ich nur drei behalten.


Donnerstag, 13. August:

Vorletzter Bürotag. Begann das ahen meines Urlaubs zu spüren.

Abends ging ich wieder den Gründen für mein Verstummen nach. Zu einer Heilung reichen die einzelnen Erkenntnisse nicht aus. Ich hätte es dringend nötig, mich zu sammeln.


Freitag, 14. August:

Noch viel Arbeit. Uebergab meine Funktionen für die nächsten sechzehn Tage den Zurückbleibenden. Nachmittag schickte uns der Doktor schon zeitig nach Hause.

Ich begann meinen Urlaub mit einem Besuch bei Hakel. Wollte ihm eigentlich nur die Plakatphotos hinbringen; er nahm sie nicht an, weil sie von mir als das reine Lob gedacht waren und er keine Reklame für Reklamefirmen oder be-reklamte Firmen machen will. Aber er hielt mich auf und predigte mir gegen die assoziative, dann auch gegen die objektivistisch-impressionistische Art zu dichten. Er stellte "Stimme" gegen "Stimmung" und liess für den Bereich der Lyrik nur die "Stimme" gelten. Gegen seine Intelligenz und seine so tiefverwurzelte wie dickichtige Weltanschauung konnte ich nicht aufkommen; ich blieb, ihn und mich in Frage stellend, zurück; quälte mich, als ich allein war, um die Entscheidung; die Messer umso wilder gebrauchend, je stumpfer sie wurden.


Samstag, 15. August:

Früh auf. Vor dem Reisebüro in der Stadt stehen die Autobusse für Frankreich- und Spanien-Nordafrika-Fahrten. Menschen in Khaki-Hemden und kurzen Leinenhosen. Schwere Koffer werden verstaut. Verwandte stehen um die Autobusse umher. Manche in den Wagen, darunter sehr verbrauchte Städterinnen, beginnen es sich schon bequem zu machen. Ihre Fahrt dauert drei Wochen. Während dieser Zeit wird der Autobus ihre Wohnung sein.

Um halb acht unser Autobus für die bescheidenere Fahrt ins Burgenland. Sein Ziel war nicht angeschrieben; wir erfragten ihn zwei Minuten vor seiner Abfahrt. Er war klein. Die Durchgänge zu den Sitzplätzen waren eng. Er war aber rauchblau durchsichtig eingedeckt und er roch noch nach all den frischen Materialien. Vor allem die Bespannung der sehr bequemen Sitze roch stark.

Ausfahrt aus Wien durch andere Strassen als neulich. Die Strecke nach Wiener Neustadt dann dieselbe wie damals. Zuerst sehr dunstig, nach Wiener Neustadt dann blendend klarer Himmel. Abgebogen zur Leitha und zum Rosaliengebirge. Klein Wolkersdorf, dann durch die Berge nach Schleinz. Blühende Gärten. Wälder, darunter wieder Wälder. Staubige Strassenränder: die Büsche und die Kräuter wie mit Kalk bespritzt. Nach Neustift. Rosalienkapelle. Dort erstmals gehalten /30 Minuten/. Zwei Aufnahmen gemacht. Sehr kleine Kinder spielten vor einem Hof. Sie wollten uns ihr Spiel erklären, wir verstanden sie aber nicht. Weitergefahren nach Forchtenstein. Aus den Schiess-Scharten Ausblick über die Hügel und in das Tal. Nach der Besichtigung der Burg / für mich sind diese Zeugnisse aus der Vergangenheit weniger eindruckvoll als die Zeugnisse des gegenwärtigen Lebens: die Häuser und Gärten unten / weitergefahren. Forchtenau, Mattersburg; ein eingebauter Radio-Apparat störte uns drinnen und die Vorbeigehenden draussen mit Wiener Liedern. Die Musik hörte während der ganzen Autobusfahrt dann nicht mehr auf. Wir fuhren, die Wiener Pest mitschleppend, zwischen den weiss und gelb gemalten Häusern, zwischen den Baumreihen und den Feldern, die zwischen Dorf und Dorf wuchsen, hindurch; die Menschen standen am Weg und schauten uns nach. Man gewöhnte sich auch rasch an die Musik. Walbersdorf, Pöttelsdorf, Zemendorf, Stöttera, Antau. Dann das erwartete Vulka-Prodersdorf. Abgezweigt nach Siegendorf, plötzlich Eisenstadt zu, aber wieder umgelenkt nach Trauersdorf und St. Margarethen, das ja als Durchfahrtsort nach Rust vorgesehen war. Sandsteinbrüche, eine Hügelstrasse, dann vor uns der Neusiedlersee: schmaler Streifen, über ihm war es wieder etwas dunstig knapp am Horizont zogen weisse Segel.

Sa, 15.8.53 Fortsetzg.

In Rust hielten wir um 13 Uhr für lang.

Wir assen Mittag. Viele Wiener und Grazer waren mit Autos gekommen, Kaufleute, Familien und hauptsächlich Schlurfs.

Motorboote brachten die Besucher durch den Ruster Kanal an den Neusiedler See. Wir gingen etwa zwanzig Minuten entlang dem Kanal zu Fuss an den See und setzten uns aufs Dach der Badehütte. Badezeug hatten wir nicht mitgenommen; wir sonnten uns und schauten auf die Ruderboote und die Segelboote, die oft von Kindern /meist einem Knaben und einem Mädchen/ geschickt gelenkt wurden.

Auch hier photographierte ich.

Nach längerer Zeit, die wir hier verbracht hatten, gingen wir wieder nach Rust hinein. Kurzer Aufenthalt in dem Ruster Gasthaus-Vorgarten; Ruster Rotwein, sehr gut; aber ich trank nur einen Schluck, sonst durchwegs Sodawasser. Mein Durst war sehr gross. Eine Zigeunerkapelle spielte dort, in gelben an den Aermeln geschlossenen Hemden und roten bestickten Jacken; die Gesichter dunkelgelb und originell; mich erfreute ihr Anblick ebenso wenig wie der anderer lebender Sehenswürdigkeiten.

Rust: die Strassen und Plätze durchstreift.

Stadt der Störche. Von ihnen machte ich drei photographische Aufnahmen. Alle Häuser freundlich, gelb gefärbt oder weiss gekalkt. Vor den Häusern sitzen auf Bänken die Einwohner, reden und schweigen. Weil unser Paul Weinkenner und Weingeniesser ist, suchten wir für ihn einen Hof aus, in dem Wein ausgeschenkt wurde. Dort unterhielten uns zwei Korneuburger Werft-Arbeiter; einer von ihnen sang, mit künstlerischer Unverschämtheit, Lieder und Parodien zur Gitarre; der andere warf ab und zu Dummheiten und Frechheiten ein; die beiden, die nur die Exponenten einer ganzen Gruppe von jungen Ausflüglern waren, machten das so gut, dass man auch als Gegner der Wiener Weinseligkeit und mancher einzelner Lieder nichts Schlechtes an der Vorstellung finden konnte, die sie sich zu ihrem eigenen Vergnügen und zum Vergnügen aller machten; das Vergnügen kostete übrigens nichts. Einen Pfarrer, der sehr freundlich an der Gesellschaft teilnahm, ekelten sie ungerechterweise hinaus; zu recht scharfen Liedern lächelte er noch oder applaudierte sogar /diesen Pfarrerapplaus unter dem Lampion und hinter den Radaubrüdern photographierte ich/; dann aber wurden die Lieder immer gröber, sodass er seiner Berufs-Ehre zuliebe das Lokal verlassen musste; ihn selbst hätten auch diese Lieder sicher nicht verletzt.

Nahm Gänse auf, die in der Mitte der Strasse auf mich zuwatschelten; ich bedauerte, dass alle Bilder des Films schon verschossen waren, denn es gab - gerade am spätern Nachmittag - viele schöne Einzelheiten der Landschaft: rote Blumen beleuchtet, gegen den schattigen Garten; im Hintergrund der weiss besegelte See. Die Gräserstreifen, erst durch das schräge Licht jetzt abgehoben. Die Ebene wurde erst jetzt photographierbar.

Wir stiegen um halb sechs in den Autobus und fuhren gegen Eisenstadt.

Oggau, eine Rosalia-Kapelle, Gschiess, nahe St. Jörgen, Eisenstadt. Dort drei . Kalvarienbergkirche, herber Eisenstädter Wein; der Wirt erzählte uns, wie die anderen Wirte den Wein nach dem Publikumsgeschmack aufzuckern, chemisch zurichten und ausserdem pantschen. Er stimmte mit Paul darin überein, dass ein echter "Weinbeisser" immer naturbelassenen Wein trinken wird.

Spazierten die letzten Minuten, bevor der Autobus abfuhr, in ein paar Strassen von Wiener Neustadt.

Ich hatte den Wunsch, Kornelia Kollwentz aufzusuchen oder ihr durch jemand mehrere liebe Worte sagen zu lassen als Zeugnis meines Besuchs in dieser Stadt. Aber kein Wunder ereignete sich, und wir fuhren, nun schon ohne Unterbrechung, die letzte Strecke nach Wien.

Klein-Höflein, Müllendorf, Hornstein.

Wimpassing und Wampersdorf an der Leitha. Ich mag die Städte, die an den Ufern eines Flusses liegen. Kleine Brücken von einem Stadtteil zum andern. Parks sind dort, und Stufen in den Fluss, in dem Kinder baden können; mit einem Mädchen dort am Abend zu sein.

Schon spät. Weigelsdorf, Ebreichsdorf erinnerten mich an drei Literaten. In Ebreichsdorf aber war es für kurze Zeit wie in einer schönen Stadt. Ein Mädchen spazierte hübsch auf der Strasse; ich freute mich an der konkreten Welt; /ich will nicht und kann nicht von ihr absehen: ich würde die Pflicht nicht ertragen, alles Erleben auf die zeitlosen Gefühle einzuengen und nur die mitzuteilen./

Kamen plötzlich in das Gebiet von Wien. Fuhren diesmal auf einer Nebenstrasse ein. Es dauerte noch länger als eine halbe Stunde, bis wir in der Stadt waren. Die Nebenstrasse war sehr schön. Dunkle Ortschaften unterbrachen immer wieder das freie Land. Später schon die beleuchteten Vorortstrassen. Letzte Strecke wie damals auf der Heimfahrt von Mönichkirchen.

Auf dem Karlsplatz stiegen wir aus. Mit der Strassenbahn /es war warm/ heimgefahren.

Mama erzählte, dass Polakovics dagewesen war; er hat sehr herzlich mit ihr über mich gesprochen. Ich hatte darüber grosse Freude.


Sonntag, 16. August:

Früh Eintragungen.

Zu Polakovics gegangen, den ich vormittags für den Garten abholen sollte. Er war aber von einem Weg noch nicht heimgekommen. Ich unterhielt mich mit seiner Frau. Sie war heute wieder frisch und interessiert. Las drei Stücke , die sie geschrieben hatten, und die mir gefielen. Ich erwartete Polakovics nicht, sondern ging vorzeitig heim, da ich Kein zuhause vermutete. Er war aber auch nicht gekommen. Vormittags und am frühen Nachmittag die Eintragungen beendet.

So 16 8 53 Fortsetzung

Um vier Uhr kam Polakovics mit seiner Frau und seinem Kind. Er lud mich ein, "meine Einsamkeit aufzugeben" und in Hakels Kreis einzutreten. Anstrengende Diskussion, teils im Garten, teils in Polakovics' Wohnung.

Seit heute Abend sprechen wir alle (außer Aglaja) einander mit "du" an.


Montag, 17. August:

Früh Arbeiten fürs Haus.

Ich versuchte, Mayröcker einen Brief zu schreiben. Die gestrigen Probleme belasteten mich aber zu sehr.

Nachmittag mit Mama um die Steinhofer Mauer.

Am Abend Wermutwein. Ich trank auch ein bißchen.

Notiz: Mehr und mehr danach arbeiten:

Deutlichkeit ist wichtiger als Schönheit.


Dienstag, 18. August:

Früh nur wenig für zuhause gearbeitet. Heute kam viel Post. Krolow bat mich um Sachen für den Südwestfunk. Mich freut, daß ich ihm sympathisch bin. Auch, daß Geld kommt. Schickte Krolow gleich ein paar Gedichte. Kein schrieb mir, warum er Sonntag nicht kommen konnte, und sagte sich für Samstag an.

Belegexemplare der "Schau".

Ich schrieb, heute wieder mit viel mehr Beziehung, Mayröcker ein Brieferl und schickte es ab.

Nachmittag in den Garten zum Kampf gegen meine Unklarheit gezogen. Von eins bis sieben saß ich an der Maschine und analysierte. Abends sehr aufgelockert.


Mittwoch, 19. August:

Vormittags bei Polakovics'. Aglajas Bad. Befaßten uns mit dem Material der "Neuen Wege". Sprachen über die Erlebensfähigkeit des Durchschnittsmenschen. Polakovics bezweifelt, daß die Menschen gleich erlebensfähig sind. Ich hingegen glaube, daß nur die Fähigkeit, die Ursache des Erlebnisses zu erkennen, und die Ausdrucksfähigkeit, nicht aber die Erlebensfähigkeit, bei den einzelnen Menschen verschieden stark sind.

Vergleichen Übersetzungen aus den Werkstätten guter und schlechter Übersetzer.


Mittwoch und Donnerstag:

Nurmehr Eintragungen.

Mossadeq gestürzt, Rußland erprobte eine Wasserstoff-Bombe, Unruhen in Marokko, Hilfe für die Opfer des Erdbebens in Griechenland.

Abends lockerte ich mich wieder sehr.

Wir schauten aus dem Fenster.


Freitag, 21. August, Vormittag:

Ein Tag, in der Stimmung ähnlich den freien Samstagen, die ich während meines Arbeitjahres einmal in vier Wochen genieße. Die Sonne strahlte heiß, es war schön, wenig Menschen gingen auf der Straße. Ich hatte eine Besorgung vor mir und schrieb Notizen.


Freitag, 21. August:

Jandl ist von seiner fruchtlosen Reise zurückgekommen. Nächste Woche werde ich ihn zu mir einladen. Kaufte auf der Linzerstrasse Dauerwurst dafür, und der Paprikaschnaps steht bei mir zuhaus auch schon bereit. Ich freue mich darauf, dass ich ihn wieder sehe.

Nachmittag und Samstag Vormittag: Kleinigkeiten geschrieben.


Samstag, 22. August:

Von Früh an Regen. Nachmittag mit Kein zu Polakovics. Kein war zwei Wochen in Italien gewesen. Er erzählte mir kurz aber interessant von den Italienern, die er kennen gelernt hatte.

Bei Polakovics: spürbare, wenn auch sachte, Annäherung der Standpunkte. Ein interessanter Artikel von Sapper über die ERZÄHLUNG.

Darüber und über andere fast-wesentliche Fragen gesprochen. Vor allem aber freute mich, wie freundlich Kein und Polakovics waren. Den Humor, der dazu nötig ist, besitzen siebeide.

Nach der Zusammenkunft verbrachte ich zuhause einen zufriedenen Abend.


Sonntag, 23. August:

9 Uhr wieder bei Polakovics. Aglaja muss jetzt Spreizwindeln tragen. Sie trägt sie mit Geduld. Sie ist überhaupt sehr diszipliniert. Ihr Gesicht schaut jetzt nicht verweint aus wie am Anfang. Fritz und Maja machen sich schon Gedanken darüber, ob sie ein schönes Mädchen werden wird, und was sie für einen Charakter kriegen wird.

Photographierte ein paarmal. Weil Maja mit Nylonschürze und Tüchlein sehr anziehend wirkte, und Polaksen gut beisammen war, arrangierte ich die beiden um den Korb mit Aglaja und photographierte das ganze System. Sie schauten auf das Kind und nicht in den Apparat; es ist möglich, dass solche Aufnahmen den Photographen vergessen lassen und dadurch echter wirken.

Lasen hauptsächlich Gedichte aus Anthologien. Mich packten besonders die russischen /Jessenin/. Hofmannsthal und George ergreifen auch: durch ihre Deutlichkeit, aber ihre Welt ist unbetretbar; nur durch ein Guckloch deutlich zu beschauen. Mit Jessenin /wie mit Villon und mit dem frühen Eliot/ kann man durchs Land gehn.

Gutes leider unfertiges Gedicht von Maja: Dorf-Friedhof.

Pol. zwei Hefte Tagebuch (1.5.53-21.8.53 vm.)

Nachmittag: zu Haus, angenehm. Las in alten Tagebüchern /Sommer 1949/ und fand, dass ich mehr Worte als Inhalte aufgegeben habe.


Montag, 24. August:

Wenn die Sonne nicht scheint, ist es schon kühl.

Am Tag ist es noch sommerlich.

Früh: Einkauf auf der Linzerstrasse.

Brief von Friederike Mayröcker. Ich beantwortete ihn gleich. Hätte ihr gern nützlicher geschrieben.

Die Fotos vom Neusiedler See sind verpatzt.

Die Strafe für meinen Dünkel mit der "deutschen Optik" und dem 21/10°-Film. Alles trotz Momentbelichtung über-exponiert.

Nachmittag: Spaziergang /M./ Wientalstrasse.

Sonne scheinte stark. Der Tag war schön.

Abends wünschte ich besonders heftig ein Mädchen herbei.

Morgens:

Sommer-Ende
Die letzten Blumen im Garten, farbig und wild,
besucht jetzt der kältere Wind.
- - -
- - -

Dienstag, 25. August:

Weissenborn hat seine ältere Freundin geheiratet. Eintragungen. Tante ist von ihrem Dienst in der ÖPEX vollkommen erschöpft; sie wird krankgeschrieben werden. Letzte Arbeit der Handwerker in unserer Wohnung /Fenster-Aktion der Anstalt Steinhof/.

Nachmittags kam Jandl. Er erzählte von Fried, von einem selbstherrlichen Emigranten: Adler und von anderen englischen Erscheinungen. Das Wetter war trüb. Wir spazierten nicht sondern blieben zu Hause sitzen.

Ueber die wahre Ursprünglichkeit und die falsche /eklektische!/ Originalität gesprochen. Ueber die Schwerverständlichkeit von Gedichten als Folge ihrer Unexaktheit. Ueber die Auseinandersetzung des Künstlers mit der Zeit /einerseits/ und mit der Kunst /anderseits/. Spaltung des heutigen Künstlers in einen Produzenten und einen Kunstpädagogen. Was dem einen wohltut, schadet dem anderen:

Der gute Autor muss vom Kunstbetrieb unberührt sein. Der Kunstpädagoge muss im Kunstbetrieb orientiert sein. Der gute Autor soll nicht lesen, soll nicht diskutieren, soll nicht mit Literaten verkehren.

Der Kunstpädagoge soll viel lesen, von früh bis abends diskutieren, soll keine Berührung und keine Auseinandersetzung versäumen.

Ich bin seit längerer Zeit in die Theorie abgetrieben.

Ueber die Auseinandersetzung mit der Kunst als sekundäre Erscheinung im Leben des Künstlers.

Das Bedürfnis, in einer bestimmten Weise zu schaffen, als primäre Bestimmende für einen neuen Stil; die Kollision mit dem vorangegangenen Stil ist erst eine Folge aus der primären künstlerischen Haltung.


Mittwoch, 26. August:

Vormittag Einkauf Linzerstrasse.

Nachmittags bei Polakovics:

Ueber Orffs "carmina burana" gestritten, über die Beschreibbarkeit des musikalischen Eindrucks, zwei Prosastücke von Kassner, über das aus-sich-Heraustreten und sich-selbst-Beobachten im Gedicht gesprochen.

Ueber die Erlaubtheit der unvorbereiteten Formulierung im Gedicht gestritten;

Altmann; das ; der künstlerische Wortsalat als unvollständige Psycho-Selbstanalyse; über den Schwindel mit dem unkontrollierbaren Gedankengang; über die Entstehung einer literarischen Mode mit Hilfe der Schmocks. Die surrealistische Mode, die "abendländische" Mode. Ueber den konventionellen Dreck, der dem Beurteiler das Urteilen jedoch leichter macht als der modernistische Dreck. Ueber Altmanns Anfänge gesprochen. Vergleich mit Rilkes Anfängen. Rilkes Entwicklung und Hofmannsthals Vollkommenheit. Rilkes Krankheit. Ueber die Ursache der faszinierenden Wirkung von Rilkes Gedichten. Substanz und Form bei Rilke. Nachfolge grösstenteils von der Form her. Wirkung Rilkes auf den pubertativen Menschen.

/Das Gespräch wurde sehr interessant, und wir nahmen uns vor, es samstags fortzusetzen. Streiften in einem Nebengespräch noch Hakels Deutung des "Prozesses" als tuberkulöse Infektion, mein Verhältnis zu Hakel und einige Reaktionstypen meines Gemüts./


Donnerstag, 27. August:

Nur noch vier Urlaubstage. Der Urlaub brachte mir viel Gutes. Ich hätte ihn freilich besser nützen können. Lang noch nicht genug habe ich mich gesammelt und meine Kontakte verwesentlicht.

Nachrichten aus der "Furche" über die Wirkungen der Wasserstoffatombombe und über den Rachedurst unter den vertriebenen Schlesiern liessen mich meine privaten Probleme viel kleiner sehen. Meine Gedanken mündeten in den grossen Gedanken der Menschen: Was kann man für den Frieden tun?

Kleinere Arbeiten, fürs Haus und für mich. Trüb, sehr kühl. Nachmittag P-Mappen weiter gesichtet.

Abends sahen wir gut gestimmt aus dem Fenster. Drei ganz junge Radfahrerinnen strichen draussen herum. Zwölfjährige bis vierzehnjährige Mädchen /wenn ich Gelegenheit habe, ein Stückchen aus ihrem Leben zu beobachten,/ regen mich auf: ich finde mich plötzlich in ihrem Alter, in ihrem Zustand, mit ihrer Erwartung und ahne ihre Zukünfte.

Idee für eine Kurzgeschichte.


Freitag, 28. August:

Jandl, Spaziergang Wientalstrasse, durch das Dörferl gegangen, dort gesessen bei Apfelsaft und unsere Eliot-Uebersetzungen /Waste Land/ verglichen und revidiert. Vorher mehrere Stationen: Kinder, die im Wienfluss fischen. Lastautos: zwischen dem Fahrer und seinem Begleiter sitzt eine Frau; wie wird sich ihr Vormittag in Wien gestalten?

Das Erleben eines Motorradfahrers, nehmen wir an: von Linz nach Wien. Die Kinder, die nur einen Grasfleck vor sich haben und die der Eisenbahn nachdenken. Man muss jedes Pflänzchen und jede Minute von Lastautofahrern in ihrem vollen Wert als "Leben" und "Natur" erfühlen und lieben können.

Zwei Mädchen: eine ziegelrot, eine rauchblau gekleidet, in der Fensterhöhle eines Ziegelbaus. Ueber den "Zweck" der Kunst disputiert. Nicht aus der Gemeinschaft gelöst sondern verwesentlicht soll der Kunstempfänger durch das Kunstwerk werden. - Ueber den epischen Charakter der "konkreten Lyrik". - Ueber die Konsolidierung der in Jugend unruhigen Dichter. Ueber die Ordnung und die Ethik als Mitbestimmende des Gedichts.

Nachmittag in den Garten ein paar Aepfel ernten gegangen, dann /halb drei Uhr/ ins Bett gelegt, um an der Kurzgeschichte zu schreiben.

Ueber die Konventionalisierung und Kommerzialisierung der Erotik nachgedacht.


Samstag, 29. August:

Lang im Bett geblieben. Kurzgeschichte weitergeschrieben. Dann auf die Linzerstrasse um die Wäsche gegangen. Bis halb vier Uhr an der Kurzgeschichte gearbeitet. Provisorisch abgeschlossen nahm ich sie zu Polakovics mit.

Aglajas Spreizhemmung ist schon beseitigt. Polakovics' Arbeit für das Gedicht-Preisausschreiben der RAVAG ist weiter gediehen.

Die erste kritische Arbeit Polakovics', in der trotz aller Schärfe mehr gesagt als geschimpft wird. Die Stellungnahme zu den einzelnen Gedichten ist überzeugend.

Maja war sehr müde.

In der ersten Hälfte des Nachmittags schauten wir Gedichte an: wir verglichen Gedichte von Zeitgenossen verschiedener Epochen.

In der zweiten Hälfte des Nachmittags sprachen wir über meine Kurzgeschichte. Ich erkannte, dass ich ihr Problem deutlicher anzeigen muss; sonst leite ich die Leser unfreiwillig fehl. Ausserdem gefällt mir die Form noch nicht.

Abends dachte ich an das nahe Urlaubsende; ich war aber nicht betrübt.


Sonntag, 30. August:

Unregelmässiges Wetter. Eintragungen, ziemlich früh auf, Garten. Kleine Schreibarbeiten für mich.

Tante fährt Dienstag für vierzehn Tage nach Mönichkirchen zu ihrer Erholung. Sie lud uns für kommenden Sonntag zu einem Besuch dorthin ein. Ich war davon begeistert; Mama fährt zum ersten Mal seit vielen Jahren aus Wien.

Nachmittags, besonders als ich allein war, versuchte ich mich wieder an der Kurzgeschichte. Ob ich mit dem, was ich erreicht habe, einen guten Anfang gefunden habe, überseh ich noch nicht.

Geldordnung.


Montag, 31. August:

Traum: Die blauen Fahrzeuge der Russen sind versunken. Aber die drei blauen Autos der Ukraine waren neutral und bestehen noch. Papa fährt nachts mit einem und nimmt mich mit. Wir halten in der Stadt. Dort habe ich zwei Aufträge: beim Bäcker und beim Schneider. - Ich bitte die Schneiderin, mir die Halsweite zu messen. Ob ich ein Hemd bestellen soll, habe ich plötzlich vergessen. Solange sie kein Geschäft mit mir macht, wird die Schneiderin zu mir unfreundlich bleiben. Ich suche einen Telephonautomaten. Vor einer Fabrik finde ich einen; dort stehen aber viele Leute und warten. Ich schliesse mich einigen an, die zu einem anderen Automaten laufen. Auch dort dauert es mir noch zu lange, und ich laufe zu einem dritten. Ich rufe an; auf derselben Leitung aber wird ein anderes Gespräch geführt; dieses Gespräch, erst unübersichtlich und versponnen, klärt sich zu einem Gespräch mit Polakovics; der hat Fünfhundert-Schilling-Scheine zu entwerfen.

Ihn reizt ein verzerrtes Gesicht aus der Mythologie: eine Hälfte des Mundes läuft parallel der Wangen-Kontur, die andere Hälfte steht waagrecht, starr. Die Scheine sind violett gefärbt. Ich kritisiere die Verzerrung, Polakovics aber grinst und sagt: Diese Linie kann man mit dem Zirkel ziehen! Das ist schön!

Das Gespräch hat gedrängten Charakter, weil ich noch das Telephongespräch wegen meines Hemdes zu führen habe, zur Schneiderin zurückkehren muss, den zweiten Auftrag beim Bäcker auszuführen habe, dann erst in das blaue Auto wieder einsteigen kann, wo Papa schon sehr lange wartet. Gleichzeitig das Gefühl grosser Freiheit, die mir bevorsteht, wenn ich wieder im Auto sitzen werde, und von viel Zeit in der grossen Stadt.

Früh im Bett noch Eintragungen.

Die Sonne scheint.

Erster Bürotag nach dem Urlaub.

Abend: Zsolnay-Anfrage um gute Romanmanuskripte aus meinem Autorenkreis.

Garten,

Fenster, Lust an Beobachtungen.


Dienstag, 1. September:

Früh angenehm; versuchte wieder, an der Kurzgeschichte weiterzuarbeiten.

Auch heute auf der Strassenbahn Freude an achtungen /junge Frau, irritiert, Ernstseinwollen obwohl im Grunde lustig; hell ......./.

Im Büro durchschnittliche Arbeit. Steger ist noch bis 15.9. fort /Witzmann ist statt ihm Bürochef/, Dr. L. fährt morgen für eine Woche ins Ausland, ist aber auch heute schon nicht mehr in unser Büro gekommen. Machwitz und Witzmann schickten uns um 16 Uhr nach Hause.

Korrespondenz wegen der Zsolnay-Anfrage.

Garten. Mit Mama zu Westermeier um Bier.

Polakovics und Bisinger kamen abends Polakovics suchte Gedichte für Hakel, Bisinger kam, um mir zu sagen, dass er von Italien zurück ist.


Mittwoch, 2. September:

Früh Eintragungen. Heisse Tage. Beob. geschr.

Im Büro viel Arbeit, besonders Nachmittag, als ich . /Die anderen wurden nachhause geschickt; ich hatte Dienst./ Nachher noch /zum erstenmal nach langer Zeit/ zur Post. Daheim lebhafter Abend.


Donnerstag, 3. September:

Schon mittags nach Hause geschickt worden. Die Beobachtung fertiggeschrieben. Garten.

Mama hat ein Zahngeschwür. Sie wird wahrscheinlich nicht nach Mönichkirchen mitfahren können.

Einer der heissesten Tage dieses Jahres.


Freitag, 4. September:

Schlechtes Wetter wurde vorhergesagt. Aber der Himmel ist nur schwach bewölkt, und es ist wieder ein heisser Tag.

Früh die zweite Beobachtung aufzuschreiben begonnen.

Nachmittags wieder zeitig heim. Grosse Ernte im Garten.

Abends alte Bestände gesichtet. CN4 weggeschmissen.


Samstag, 5. September:

Bürofrei.

Einkauf Linzerstrasse. Früh bewölkt, dann war aber das Schlechtwetter wieder vorüber. Strahlend und heiss. Bei Westermeier gerastet.

Die Beobachtung heute reingeschrieben. Jetzt habe ich acht "Begegnungen" fertig". Bis 50 sind es immer noch viel.

Ebnerkarte kam. Korrespondenzen.

Bevor ich zu Polakovics ging, las ich noch ein paar Hemingway-Geschichten.

Polakovics: Ueber Hemingway, die Ichbezogenheit von Kunstwerken, über George gesprochen. Verglichen George und Rilke. Ueber die Einheitlichkeit Trakls. Suchten die sexuellen Bezogenheiten bei Trakl. Ueber Baudelaire und Wildgans.

Vor meinem Weggehen sprachen wir über die "Neuen Wege". Ueber die "erbauliche" Formulierung, die der guten Tendenz schadet, als Kennzeichen der heutigen Linie in den "Neuen Wegen".


Sonntag, 6. September:

Mit Mama nach Mönichkirchen. Schönes Wetter, schöne Fahrt. Besuchten Tante im Hotel. Gingen nachmittags hinüber "in die Steiermark" /die Demarkationslinie ist seit dem letzten Mal aufgegeben worden/. Waldspaziergänge. Tante erzählte, sie hat eine Frau kennengelernt, mit der sie auch öfters zusammen ist; diese Frau spricht viel über die "Neuen Wege", über Weigel, Artmann, die jungen Leute; sie ist die Mutter der Liselotte Matiasek!

Café, aber draussen. Kuhweide. Am späteren Nachmittag kalt. Möchte gern in Mönichkirchen bleiben. Mit der fixen Idee, den Ort nicht zum letzten Mal gesehen zu haben, verabschiedeten wir uns. Auch Mama wäre von einem Leben hier begeistert.

Freundliche Rückfahrt, nicht mit dem schmerzlichen Gefühl der Einmaligkeit wie vor fünf Wochen.

Zwei ganz junge Katzen im Autobus. Ziegelhäuser im Abend-Rot. Längerer Halt in Wiener Neustadt. Dort schissen sich die Katzen an und verstanken den Autobus. Die Kinder, die sich eineinhalb Stunden mit ihnen befasst hatten, gaben sie auch jetzt nicht ganz auf, nur drückten sie sie nicht mehr an ihre Wangen. Die blühende Frau mit dem Kuhgesicht, die auf der Hinfahrt vor mir gesessen war und jetzt weiter vorne und drüben sass, reichte ihrer Familie, die ein Viertel des Autobusses einnahm, ein Taschentuch mit Eau de Cologne herum.

In Wien, wo die Herbstmesse begonnen hatte, gab es viel Leute auf den Strassen und auf den Strassenbahnen Nicht so besinnliche Rückfahrt wie das letzte Mal.


Montag, 7. September:

Stadtfaul. Normale Bürozeit. Auch in Wien jetzt kühl. Garten. Alte Geschichten durchgeplaudert.


Dienstag, 8. September:

Früh geschrieben.

Adenauer hat bei den deutschen Wahlen gesiegt. Abends viel Post.


Mittwoch, 9. September:

Abends auf der Uni Cysarz-Vortrag.

Unheimliche Dynamik verbunden mit höchster Präzision.


Donnerstag, 10. September:

Es bleibt kalt. Heute auch Regen.

Früh Korrespondenz.

Krank, nur auf einen Sprung im Büro.

Jirgal war so freundlich, mir die Destillationen zu schicken. Diese und ein alter Jahrgang der Zeitschrift "HEUTE", der von Huber neulich kam, beschäftigten mich abwechselnd an diesem Tag, an dem ich mich grösstenteils ausruhte.

Dachte viel an ein Mädchen.

Wermutwein, gemütlicher Vormittag, Nachmittag und Abend.


Freitag, 11. September:

Wieder ins Büro. Irrsinnige Arbeit.


Samstag, 12. September:

Auch heute Vormittag scheusslich viel Arbeit, noch dazu Aerger. Nachmittag kamen Tante /von Mönichkirchen zurück/ und Kein. Mit Kein über die Destillationen gesprochen, er zeigte mir eine wieder gute Kurzgeschichte, dann redeten wir über meine jüngste und meine früheren Kurzgeschichten, über die Hakelsche Handwerks-Theorie von der Kunst. Angeregter und anregender Nachmittag.

Abends gemütlich.


Sonntag, 13. September:

Früh ein bisschen Hemingway. Wollten zuerst, weil ein prachtvoller Morgen war, ins Wiental ausfliegen, es wurde aber zu spät und es wurde auch sehr windig. So nur Garten, den Ofen wieder umgesetzt /weil bald das Heizen beginnt/, und dann wegen der Rückkehr zu den "Neuen Wegen" zu Polakovics gegangen.

Nachmittag begann ich einen Artikel für - eigentlich gegen - die "Neuen Wege" zu schreiben.


Montag, 14. September:

Vorherbstlich.

Immer noch viel, aber geordnetere Arbeit.

Abends eine Judenzeitung, die ich abonnieren soll, und die letzten Photos: alle schlecht.


Dienstag, 15. September:

Wieder schwerere, unübersichtliche Arbeit.

Abends zu Tante. Mama von dort nur abgeholt. Müde mit ihr heim.


Mittwoch, 16. September:

Früh Traum von Marjorie. In kleinen Gassen entschwunden. Zwei kleine Hunde fingen mich, als ich sie auf einem entlegenen Platz suchte. Die Hunde hängten sich an meine Schenkel und zwickten mich mit ihren Zähnen. Einer der beiden Hunde war gemütvoll und heulte jedesmal mit, wenn ich "Marjorie" heulte, aber der andere war streng, liess nie ab zu zwicken und befahl auch dem anderen Hund, wieder bissig zu sein. Endlich kamen Menschen. Einer von ihnen übergab mir "ein zeitgemässes Wörterbuch", für den Fall, dass ich mit ihnen zu reden wünsche. Ich blätterte darin und las: "Folter", "Schrepfen", "Feuerschwerhörigkeit". Im Zusammenha ng mit dem letzten Titel fand ich ein heisses Instrument, sehr schwer, aber von der Spitzigkeit einer Nadel; über das Instrument wurde gesagt: "auch wer vorher alles aushält, hupft bei dieser Behandlung aus der Pieke ..." Ich erwachte aber bald, weil es draussen schon sehr hell war.

Früh Lust auf den Artikel. Klarer Vorherbstmorgen. Zermürbend langweiliges Büro.

Abends Jirgals Etüden.


Donnerstag, 17. September:

Viel Arbeit. Mayröckerbrief.


Freitag, 18. September:

Wieder viel Arbeit. Warm. Abends kleinere Schreiberei.


Samstag, 19. September:

Die drei Frauen unseres Büros haben sich von einem Arzt untersuchen lassen; alle drei sind mit ihrer Nervenkraft am Ende.

"Kontinente", eine neue Zeitschrift mit Weigel, kam.

Nachmittags über Neurasthenie gelesen: einmal in einem nicht-analytischen Buch; Artikel für die "Neuen Wege" weitergeschrieben. Schöner Abend.


Sonntag, 20. September:

Vormittag Artikel weiter.

Nachmittag zu Polakovics. Laaber war dort mit einem Italienbericht. Anregend und angeregt über ihn gesprochen.


Montag, 21. September:

Früh Artikel. Trüb. Tante wieder kranker. Hitchman in Wien.

Post kam. Abends Korrespondenz.


Dienstag, 22. September:

Früh Schreiberei.


22.-27.9.1953
Dienstag:

Im Bett der Friederike Mayröcker geschrieben.

Auf der Morgenfahrt Briggi getroffen. Sie hat jetzt eine innerlich gesunde Zeit.

Tante auf einen Sprung ins Büro: Bleibt diese Woche noch fort. Bessere Stimmung. Alle zu ihr sehr freundlich.

Hitchman kam wieder. Heute machte ich statt Huber Spätdienst.

Abends Schreiberei.


Mittwoch:

Machwitz fährt morgen auf Urlaub. Langer Abenddienst.


Donnerstag:

Trübes Wetter.


Do:

Erster Tag im Büro ohne Dr. Machwitz.

Ziemlich viel zu tun. Trotzdem in der Mittagpause meine Reinschrift begonnen und abends Schlag Fünf nach Hause gegangen.

Angenehmer Abend, Spaziergang um die Steinhofer Mauer. Ein Heft der "Neuen Wege" kam.


Fr :

Viel mehr Arbeit als gestern. Bis halb sechs dringeblieben Zu Mittag zwei Seiten Reinschrift meines Essays, und Klärung des bisher Geschriebenen in meinen Gedanken.

Wieder ein schöner Abend.


Sa:

Nachsommertage.

Früh Sonja getroffen.


Sa

nm. Kein


So

vm. Jandl. Nm. Artikel weitergeschrieben.

Abends bei leichtem Nebel Spaziergang Steinhofer Mauer. stumpfes Schwarz, traumhaft unterbrochen durch Rast gegenüber beleuchtetem Gasthaus (fast unbesetzt, jede Bewegung der wenigen sichtbar;) Danach weiter. Alles fremdartig, alle Geräusche scharf wie aus dem Laboratorium, sonst liegt die Luft taub. Beleuchtete Fenster und Gitter im Vordergrund sehen "sehr genau" aus

("Fen-ster", "Git-ter"). Panorama mit Hundegebell. Fühlte mich hingezogen zum Phantasieren, das ich sehr lange schon zu gunsten des strengen Arbeitens aufgegeben hatte.


Mo 28 9 53

Viel Arbeit. Rückstände häufen sich.


Di 29 9 53

Wild gearbeitet. Rückstände nehmen nicht ab.

Abends mit Briggi gegangen. (Die Straßenbahn entlang.) Zuhause Most.


Mi 30 9 53

Konnte die Rückstände aufarbeiten.

Angenehmer Abend.


Do 1 10 53 Fr 2 10 53

Viel Arbeit. Treffe morgens immer Briggi.


Sa 3 10 53

Morgen, zu meiner Überraschung, Wachaufahrt mit Tante und Paul.

Sa nm.

am Artikel weiterzuschreiben versucht, nichts zusammengebracht.


So 4 10 53

Wachaufahrt.

Bis auf ein hübsches kleines und ein bebrilltes junges Mädchen nur ältere Leute im Autobus. Vor uns ein Paar: der Mann mit einem Zettel voll historischer Notizen (Gründung von Melk ) in sorgfältiger Schrift; die Frau mit rötlich aufgefärbtem Haar schmiegt sich in seine Jahreszahlen. Sie ist so geborgen; bald packt sie ihr Restaurant aus der Tasche. Vier schnarrende Kröten rechts: mit gewalttätigem Humor und Steireranzügen. Am fürchterlichsten ihre Führerin. Offenbar eine Geschäftsfrau. Alle vier haben graue Köpfe voll Kämme.

Fortsetzung So 4 10 53

Nebel bis St. Pölten.

Während der Nebelfahrt über den Riederberg dachte ich an Friederike Mayröcker. Der Autobus ist in sich gekehrt, weil er durch dicken Nebel fährt.

Vertrieben der Nebel mit einer Besichtigung von Melk und seinem Stift. Gute helle Farben der Deckengemälde (im Gegensatz zu den scheußlichen Ahnenbildern) und reizvolle Perspektive.

Anziehende Bibliothek. Viel schöner natürlich Melk von oben (der Nebel hatte sich zerstreut): das Donauarmerl: Sandbänke, Kähne, das Städtchen, Mann mit Hund durch Fluß, Espresso mit vielen kleinen Sonnenschirmen, Autobusse. Auch unten dann schön mit Blumen gelb, orange und violett.

Fortsetzung 2 / So 4 10 53

Langes Warten auf Rollfähre. Zigeuner. Einschiffung. Treiben mit der Donauströmung. Drüben gegessen. Weiterfahrt nach Spitz. Freundlichstes Stück. Donau, hohe Hügel, Weinterrassen, kleine schmalgassige Städtchen, Strecken neben der Bahn.

Weißenkirchen, Dürnstein, Loiben. Der dortige Trachtenzug hatte, als wir ankamen, schon stattgefunden. Wir sahen nur einen Loibner Sandhaufen und eine Wachauerin in Tracht aber ohne Goldhaube. Stift Göttweig. Im Stiftkeller. Mehrere Weine gekostet. Nebenan eine Dulliöhgesellschaft, viel weniger originell als die von Ruszt.

Heimfahrt nach Wien. Noch fast zwei Stunden. Da wir heute vorn im Wagen saßen und freie Vordersicht hatten, und abends das Land seitlich den Scheinwerfern sehr im Dunkel lag, sahen wir auf der Rückfahrt hauptsächlich Straßen.

In Hietzing wurde ich abgesetzt. Ein junges hübsches Wesen, aber Mutter eines Kindes, im Zehnerwagen auf der Plattform neben mir. Als sie ausstieg, war ich erst richtig im kalten, montagvorbereitenden Wien.


Mo 5 10 53

Dr. Machwitz wieder im Büro. Leichtere Arbeit.

Früh am Artikel wieder zu schreiben begonnen.


Di 6 10 53

Früh Artikel. Herbstlich.

Erstmals im Mantel gegangen. Guter Laune. Briggi getroffen.

Nachmittag frei!

Mayröcker geschrieben, ins Bett gegangen.


Mi 7 10 53

früh am Artikel gearbeitet: kondensiert. Arbeit im Büro nimmt ab.

Abends bei Wiesflecker. Ordentliches Gespräch über den Kommunismus.


Do 8 10 53

früh mit Briggi gesprochen.

Arbeit im Büro nimmt weiter ab. Trostloses Wetter.

Abends nach Hause geflüchtet.


9 10 53 Fr:

Schöner Herbstmorgen. Kalt.

Versuchte, mit dem Artikel weiterzukommen.

Früh mit Briggi, Schik und dem anderen Chemiker gefahren. Die Experimente, die Broda mit radioaktiven Isotopen zur Erforschung der Photosynthese macht, hätten mich, wenn ich Chemiker geblieben wäre, interessiert.

Gegen Mittag wurde es wieder trüb. Im Büro war wenig zu tun. Hätte gern freigehabt und am Artikel gearbeitet; ich wäre dafür in der richtigen Stimmung gewesen.

Freundlicher Abend.


Sa 10 10 53:

Früh endlich mit dem Artikel weitergekommen.

Mit Schik-Karli und dem Chemiker gefahren, geplaudert. Im Büro lebhaft. Mittags einen Gutschein für zwei Freikarten in der Scala eingelöst /Rumänischer Volkstanzabend, durch Wiesflecker/.

Angenehmer Nachmittag. Briefmarkensendung von Doppler bearbeitet, dann ein eigenes Doublettenheft zusammenzustellen begonnen; möchte gern eine grössere Menge davon verkaufen.

Guter Abend.

Tante war gestern bei Primar Bruha: Nervenuntersuchung. Bruha war sehr freundlich zu ihr, fand ihren Zustand ernst.


So 11 10 53

prachtvoller Herbsttag.

Mit Kein um die Steinhofer Mauer spaziert, ihn ziemlich schlecht unterhalten.

Nachmittag quälte ich mich weiter mit dem Artikel.


Mo 12 10 53

früh mit dem Artikel weitergekommen. Schöner Tagbeginn. Mittags riefen mich Rocek und Jandl an. Rocek wird ab Ende Februar acht Abende im Volksheim Margareten für Lesungen je eines jungen Autors zur Verfügung gestellt erhalten. Eine bot er mir an. Ich nahm diesmal an, um ihn, mit Rücksicht auf seine Freundlichkeit, nicht vor den Kopf zu stossen.

Jandl lud mich für anschliessend an den Sonntagbesuch zu Lorcas "Doa Rosita" ein, die ich zufällig so gern hatte sehen wollen.

Für Abend hatte ich durch Wiesflecker Karten für eine Vorführung des rumänischen Volkskunstensembles bekommen. Mit Tante dorthin gegangen. /Scala./

Vorher Ausstellungen über "gesundes Leben" und "die neue Form" im Künstlerhaus angeschaut, weil zwischen Büroschluss und Scala-Beginn noch viel Zeit verblieb. Die neuen Formen in der Innenarchitektur machten auf mich einen starken Eindruck.

Nicht mehr die kubistische und mechanistische Tendenz sondern Neigung zu funktionell optimalen und anmutigen Kurven.

Dann Auslagen betrachtet, geschmacklose auf der Favoritenstrasse.

Die Vorführung in der Scala dauerte über drei Stunden. Viele sehr reizvolle Stücke wurden gesungen und getanzt. Am besten gefielen mir die meisten der Tänze und das Hirtenlied, das jeden Menschen ansprach, obwohl es in fremder Sprache gesungen wurde.

Am Schluss zehn Minuten fortdauernder Applaus, der dann rhythmisch wurde und in den dann "pace"-Rufe einfielen. Die Mädchen und die Burschen auf der Bühne applaudierten ihrerseits dem Publikum. Sie lösten Blumensträusse, die ihnen auf die Bühne gebracht wurden, auf und warfen Blumen unter die Zuhörer.

Mitternachts nach Hause gekommen.


Di 13 10 53

Wenig Arbeit im Büro. Angenehmer Abend.


Mi 14 10 53

Wieder recht wenig Arbeit im Büro. Erledigte endlich die Gedichtsendung nach Stuttgart.

Heute Abend kommen die Heimkehrer in Oesterreich an. In den letzten Tagen grosser Wirbel um Triest.

Abends Spaziergang um die Steinhofer Mauer.


Do 15 10 53:

Nach dem Büro bei Roček die kommende Lesung besprochen. Nahm fünf von den acht Abenden für meine Freunde in Anspruch.

Roček trauert stark um Hertha Kräftner; seine Trauer mischt sich mit Verbissenheit, wenn er zu sehen glaubt, dass andere mit dem toten Mädchen Geschäfte machen.


Fr 16 10 53:

Viel Arbeit im Büro.


Sa 17 10 53:

Nachmittag am Artikel erfolgreich weiter. Frühlinghaft.


So 18 10 53:

Artikel.

Nachmittag bei Jandl, dann Lorca. Dieses Stück wird mir jetzt für lange Zeit ein Zentrum sein.


Mo 19 10 53:

Früh am Artikel weitergeschrieben. Mit Arbeit ausgefüllter Bürotag.

Paul wird operiert werden müssen.

Abends viel Post, angenehmer Spaziergang um die Steinhofer Mauer.


Di 20 10 53:

Sehr warme Tage. Früh Artikel. In die Stadt gefahren, mit Mama auf der einen Seite und mit Briggi auf der anderen Seite.

Büro: lebhaft. Abends Brieferl von der Friederike Mayröcker. Schickte mir eine sehr gute "Nausikaa". "Sturm". In letzter Zeit ihn öfter gesoffen.


Mi 21 10 53:

Abends zu Polakovics. Wir dachten über Titel für die Lesungen im Volksheim nach. Er sagte mir die Mitwirkung von Kiessling und den drei Jungen zu. Maja wusch und bügelte inzwischen Wäsche.

Die nächsten Tage hetzte ich mich sehr. Donnerstag die Gruppen für die Lesung und die Titel für die Gruppen zusammengestellt, die Aufstellung Roček ins Kastl geworfen. Bis Montag Abend muss ich den Artikel für die Novembernummer der "Neuen Wege" fertig haben. Freitag fuhr Mama allein auf den Grinzinger Friedhof zu meinen Grosseltern, um mir den Samstag Nachmittag frei zu halten. Samstag legte ich mich ins Bett und schrieb lang am Artikel, schrieb nicht viel aber klärte viel. Sonntag kam Vormittag Kein. Er riet mir manches für den Artikel, und mir half die Uebereinstimmung zwischen ihm und mir viel. Nachmittags machte ich mich mit gutem Mut über den Schluss des Artikels her. Als ich die Reinschrift fertig hatte, ging ich mit Mama um die Steinhofer Mauer spazieren und zweigte dann ab: zu Polakovics. Den Artikel lasen wir nicht mitsammen. Wir besprachen /schimpften hauptsächlich/ neu erschienene Bücher: etwa die "Glaskugel" vom Zand, die im Radio und im "Kleinen Volksblatt" besonders gute Kritiken erfahren hatte. Aus den "Versen aus Aquafredda" von Fink gefielen mir /zum ersten Mal, dass mir etwas von Fink gefiel/ die starken wahnsinnigen Schilflieder. Ihre Sprache ist gelöst und präzis.


Dienstag, am 27., besuchte ich Roček. Wir besprachen die Lesung im Volksheim, dann spielte er mir auf dem schlechten Plattenspieler gute Stücke vor. Moldau, Tschaikowskyj, auch zwei Wagner-Lieder /die kannte ich nicht/. Am 15.11. wird er mit mir zu Kräftners Grab gehen. Kahr hat ihm übrigens erzählt, dass Kudrnofski Kräftner x vor ihrem Tod mit einem Hochfrequenzapparat besucht habe und ihr suggeriert habe, sie werde sich bald umbringen.


Mittwoch, am 28. Oktober, nach dem Büro fand in Mariahilf die Besprechung der Lehrerlesung statt, an der Polakovics, Jandl und als Aussenseiter ich mitwirken werden. Wir trafen uns dort in der grossen Wohnung einer Musikerin.

Es wurde gemütlich. Wir trafen zunächst die Auswahl aus dem Manuskripte-Bestand. Polakovics und ich lasen probeweise. Jandl fiel plötzlich die Bescheidenheit an, ihm kamen meine Sachen besser als seine vor. Polakovics wird von sich nur wenig lesen. Angeregtes Gespräch über die kommende Lesung auf dem Heimweg. Sonntag treffen wir uns, um das Programm zusammenzustellen, bei Polakovics.

Der Artikel wurde ohne Aenderungen angenommen.

Im Büro mussten wir in diesen Tagen wieder viel arbeiten. Dr. Lindner kaufte für sein Zimmer im Büro einen Perserteppich um S 21.000.-- Sparmassnahmen, breite Diskussionen um die Verbilligung unserer Postspesen; zur Handelskammer dürfen die Angestellten unse rer Firma nicht mehr mit dem Autobus fahren.


Freitag, 30. Oktober:

morgen überraschenderweise bürofrei. Allerseelenwetter. Abends zu Baumrucks Verwandten in Breitensee, um über Papa vielleicht etwas zu erfahren. Nur die Frau des Schuldirektors Schenner war zu Haus. Sie wusste wenig, Baumruck hat seit seiner Heimkehr noch wenig erzählt; aber er wird uns bald besuchen.

Angenehmer Abend.


Samstag, 31. Oktober:

Frei. Herrlicher Tag. Vormittags machte ich notwendig gewordene Ordnung. Nachmittags legte ich mich ins Bett, arbeitete ein wenig an den alten P-Mappen und ruhte vor allem aus. Abends Lust zu theoretischer Arbeit.


Sonntag, 1. November, :

Geschäftiger Morgen und lebhafter Vormittag. Mit Jandl bei Polakovics. Aglaja sieht schon recht stabil aus. Wir machten das Programm fürdie Lehrerlesung, ich las die Korrekturfahnen meines Artikels.

Nachmittags ausgeruht, den Baumgartner Friedhof, unserer Tradition gemäss, aufgesucht und den Bericht über die letzten dreizehn Tage ins Tagebuch eingetragen. Es ist schon kalt draussen. Den Mantel gewechselt.


Notizen aus der Uebersiedlung-Zeit
Mo 2 11 53:

Mönichkirchen ist weit fort von hier, und jetzt ist es dort auch kalt. Ich möchte gern mit jemandem sprechen. Nicht den ganzen Tag /der eben erst begonnen hat/ im Büro bleiben.

Unfreundliches Wetter. Herbst. Alle Eile hilft nicht, die Stundenzahl ist mir vorgeschrieben.

Das Konkrete wird gern abstrakt ausgelegt. Die Unzufriedenheit oder Erregung als existentielles Gejammer. Wenn ich den "Rauch" lobe, so lobe ich den wirklichen Rauch, damit ihn der andere Mensch ebenso voll erkennen und lieben soll.


Mi 4 11 53:

Nach dem schweren Bürotag erwartete mich in der Singerstrasse Mama, um mir zu sagen, dass man uns eine Wohnung im 19. Bezirk angeboten habe. Mama ist begeistert und will, wenn die Wohnung nur halbwegs gut ist, annehmen. Wir fuhren zu Tante, die morgen mit ihr zusammen die Wohnung anschauen soll. /Ich kann nicht, ich habe im Büro eine eng befristete Arbeit zu leisten./


Do 5 11 53:

Die Wohnung liegt in Sievering. Es ist eine Wohnung in einem Neubau der Gemeinde Wien. Wir als erste Bewohner. Nur Zimmer und Küche, aber Klosett mit Waschbecken in der Wohnung, Abwasch und Gasherd. Freundlicher Eindruck.

Am Abend Besprechung der Lehrerlesung in Mariahilf. Die Musikerin, in deren Wohnung wir uns wieder trafen, hat viel von einem Schweinchen an sich.

Erste Novemberwoche: sehr viel Arbeit im Büro.

Daheim denken wir jetzt nur an die Uebersiedlung. Alle Zusammenkünfte in der nächsten Zeit schon abgesagt.


Sa 7 11 53:

Nach dem Dienst die neue Wohnung zum ersten Mal angeschaut. Nachmittag geplant.


So 8 11 53:

für die Uebersiedlung gearbeitet und geplant.


Mo 9 11 53:

abends in sehr angeregter Stimmung. Wir richten uns die Wohnung auf dem Papier schon ein.

Wieder sehr viel Arbeit.


Di 10 11 53:

Von Polakovics Abschied genommen. Kaum dass sie bis vor Steinhof gezogen sind, rennen wir ihnen nach Sievering davon. Gute alte deutsche Gedichte gelesen.


Mi 11 11 53:

Keine Zeit, um die von der Arbeit zerstreute Innenwelt wieder zu sammeln; keine Zeit für Gefühle.

Sobald Dr. Lindner kommt, werden Tante und Frl. Huber eine ausserordentliche Zuwendung für alle Angestellten fordern, als Entschädigung für die besonders harte Arbeit in den letzten Wochen.

Abends Ladung ins Wohnungsamt bekommen. Martini.


Do 12 11 53:

Früh Wohnungsamt, Mietvertrag unterschrieben.

Anstatt der ausserordentlichen Zuwendung: im Büro musste Tante überraschend Kündigungsbriefe für Frau Marchsteiner und Frau Hegyi schreiben, die wegen des "schlechten Geschäftsganges" entlassen werden. Sie wissen noch nichts davon. Alle, die davon wissen, besonders Tante, sind empört über diese Gemeinheit des Dr. Lindner.

Abends für die Uebersiedlung gearbeitet.


Fr 13 11 53:

Früh fuhr Mama mit Tante in die neue Wohnung. Ich traf Briggi und erzählte ihr von unserer Uebersiedlung. Seit gestern kalt.

Abends freundliche Lesung. /Mit Jandl und Polakovics./ Bemerkte die Hypertrophie des "Mädchens" in meinen Gedichten.


Sa 14 11 53:

Trotz den Protesten aller: Marchsteiner wurde mittags entlassen. Frau Hegyi bleibt. Photomontage für die Kommunisten: Rechnung des Teppichhändlers, Kündigungsbrief "wegen schlechten Geschäftsganges".

Nachmittag: Tante kam und erzählte, dass Paul in der Fabrik nur noch Kurzarbeit habe und mindestens um den halben Lohn gekürzt werde. 150 Arbeiter wurden von der ELIN überhaupt entlassen.

Tante hätte Gelegenheit gehabt, eine Wohnung im Gemeindebau, zwei Stiegen von uns entfernt, zu beziehen. Jetzt ist es natürlich nichts damit. Auch mit ihrer vorzeitigen Pensionierung ist's jetzt nichts, und ihr Zustand ist elend.

Für die Arbeitnehmer gibt es nur zwei Modifikationen des Seins: die Sklaverei und den Tod.

Für die Uebersiedlung gearbeitet. Bücherordnung begonnen.


So 15 11 53:

Bücherordnung.

Pfeiffer gestorben. Schwindsucht. Hat sich, sein Leben lang, nur abgejagt. /Angestellter der Anstalt./


Mo 16 11 53:

Vormittag Transport zu Tante und zu Frau Neubauer, die unser Speisezimmer abnimmt. /In der neuen Wohnung haben wir für die altdeutschen Möbel keinen Platz. Wir haben sie Frau Neubauer geschenkt. Ich bin froh darüber./ Dieser Möbelstil stirbt aus. Kaum jemand will solche Stücke auch nur geschenkt.


Di 17 11 53:

Die Lampen abmontiert. Es ist Mama gelungen, die Kohle um S 720.-- zu verkaufen. /In der neuen Wohnung werden wir nämlich keinen Holz- und Kohlenofen heizen, nur einen Petroleum- und einen elektrischen Ofen./


Mi 18 11 53:

Mama meldete den Gasanschluss an, ich fuhr mit Tante abends nach Sievering:

Seit gestern friert es.


Do 19 11 53:

abends Post von Friederike Mayröcker und dem Kaleidoskop.


Fr 20 11 53:

Vierzehn Jahre, die wir in Penzing verbracht haben. Wie wird nun unser Leben in Sievering werden?

Ich weiss nicht, ob man wie Friederike Mayröcker den Wunsch: Gedichte schreiben zu können, vor alle anderen Wünsche setzen darf. /Aber wahrscheinlich soll diese Reihung der Wünsche nur die wahre Reihung verhüllen./

Mama fuhr zeitig am Morgen in die Wohnung; dort wird heute der Gasmesser eröffnet.

Abends "hulat". Besuchten ein letztes Mal Tante Fini und schrieben einige Briefe an Steinhofer Bekannte aus den ersten Jahren.


Sa 21 11 53:

Nach dem Büro wuschen Tante und ich die Wohnung auf. Von der Arbeit schon ein bisschen müde.

Jetzt meldet sich Mathes: schickte Geld für drei Hefte der "publikationen" und ein Heft des "ophir" /!/, und jetzt meldet sich Steinwendner wegen der Verfilmung der Strafkolonie von Kafka.


So 22 11 53:

Letzter Tag in der alten Wohnung.

Verbrachten ihn mit den verbliebenen Arbeiten, auch schrieb ich Tagebuch nach.

Mein Brief an Friederike Mayröcker /die mir ein trauriges Lied geschickt hat/ ging, als letzte Post aus der alten Wohnung, ab.


Mo 23 November 53:

Am Vorabend unserer Uebersiedlung bin ich noch über die Stiegen einiger Gebäude von Steinhof gehuscht und habe unsere Abschiedbriefe an fünf Familien in deren Kästchen geworfen.

Heute hat Tante bürofrei. Morgens, als es draussen noch grau war, die letzten Sachen für die Uebersiedlung vorbereitet /die Betten zusammengelegt, das Bettzeug gepackt und die Küchenmöbel verschnürt .../.

Zum letzten Mal /auch die Vorhänge sind schon herunter/ die Morgenstrassenbahn halten und vorbeifahren gesehen, mit den Büroleuten von Steinhof und mit ersten Schulkindern.

Letztes Mal die Krenekmädchen gesehen.

Tante, dann die Uebersiedlungsmänner gekommen. Angst, weil die Pferdewagen klein waren. Ich musste um zehn nach acht mit dem Dabeisein aufhören, musste ins Büro fahren. Versuchte, den letzten Weg von Steinhof fort bewusst zu gehen und zu fahren. Aber der Kopf war mit Aktuellem zu voll. /Nie mehr Steinhof, nie mehr Spiegelgrund - //Postgebäude, Briggis Wohnhaus ...//, nie mehr Flötzersteig //Brücke, Sender von Steinhof, Probieranstalt ///Heimwege um Mitternacht von Lesungen und Zusammenkünften, als keine Strassenbahn mehr fuhr///, der übersichtliche Abhang zum Wilhelminenspital ///jetzt sind auch die Spaziergänge mit Kein aus/// das Wilhelminenspital, der Joachimsthaler Platz. Dort zum letzten Mal die Morgenleute angeschaut. Im 46-er von einem Schaffner Abschied genommen, den ich vor kurzer Zeit kennengelernt habe. Wie mädchenlos die letzten Penzinger Jahre waren. Diese Gedanken hirnte ich aber nur, fühlte sie nicht aus./

Ich kam am Abend schon in die neue Wohnung. Dort hatten es Mama und Tante relativ wohnlich eingerichtet. Für die ersten Ordnungen hatte ich den morgigen Tag vom Büro frei bekommen. Die Uebersiedlung wurde von den Steinhofer Arbeitern sehr gut durchgeführt. Kein Schaden. Mit den S 200.-- waren sie sehr zufrieden.


Di 24 November 53:

Freier Tag. Früh in der Gegend herumgefahren, mit Mama, meldeten uns beim Hausinspektor und bei der Polizei an. Wurden dumm herumgeschickt, lernten aber dabei ein bisschen Döbling kennen.

Daheim erste Post auf dem Boden: eine Karte von Weigel, mit Glückwunsch zur neuen Adresse, mitunterschrieben von Doderer und v. Winter. Freute mich sehr.

Auch ein Heft des "Atoll".

Nachmittags Holzkiste in den Keller geschleppt und dort eingerichtet. Dadurch wurden wir schon überraschend viele Pakete aus der Wohnung los.


Mi 25 11 53:

Früh, in aller Eile und Dürftigkeit, Weigel geschrieben.

Büro.

Abends Mama nicht zu Haus /Spaziergang/. Dann sehr gemütlich.


Do 26 11 53:

Unangenehmer Tag im Büro.

Unter anderem: Mein Karteisystem muß geändert werden.

Heute ist die Zimmerbeleuchtung montiert worden.

Schöner Abend zu Hause.


Fr 27 11 53:

Strenger Frost. Die Wohnung ist (nur vom Elektroofen geheizt) sehr kalt.

Früh begleitete mich Mama zur Straßenbahn und ging dann einkaufen. Das Leben hat sich, gegenüber jenem "am Steinhof ", geändert.

In einer hübschen Wohnung, von der Einrichtungsarbeit und dem Bürodienst müde, aus meinem Kreis nun ganz entfernt, bin ich an den Abenden, die mir zu leben verbleiben, gleichsam "lebenshungrig". Ich klammere mich sogar schonan ein Fetzchen Radiomusik.

Ich kann nicht sagen, daß ich unglücklich bin. Den Schatten, der über meinem Leben liegt, wirft das Gefühl der schlecht genützten Zeit. Keine Arbeit und keine Liebe.


Fr 27 11 53:

Aerger: Der Tischler erstellte den Voranschlag für die Stellagen: er rechnet für sie S 2700.-- Natürlich nichts damit. Wucher.

Das erwartete Linoleum wurde nicht geliefert.


Sa 28 11 53:

Immer noch kein Ofen für die Wohnung, ausser dem Elektroofen, der schwach wärmt. Nach dem Büro Petroleum gekauft, aber die "Ida" funktioniert nicht.

Linoleum kam.

Viel in den Keller getragen.


So 29 11 53:

Letzte Koffer ausgepackt. Zimmerkredenz in die endgültige Lage geschoben und eingeräumt. Leider ist am Sonntag keine Kellerarbeit erlaubt. Vorzimmerstellage provisorisch aufgerichtet.


Mo 30 11 53:

Warm. Abendspaziergang durch Gässchen. Bekam, weil ich heute Namenstag hatte, ein rororoBändchen Sartre. Abends im Bett erstmals wieder gelesen. Die Stimmung am Abend ist bei uns immer sehr gut. Ich freue mich am Tag auf den Abend. Schade, dass ich nicht nur halbtägig arbeiten muss.


Di 1 Dez 53:

Früh im Bett Sartre. Tante kam, brachte überraschend den neuen Petroleumofen. Beim Anzünden flammte das Oel einen Meter hoch auf und konnte nicht mehr gebändigt werden. Unten im Ofen stieg das Oel höher; diese Oelreserve brannte noch nicht. Der Ofen selbst stand auf Packpapier in der Küche. Wir waren kreideblass und löschten den Brand mit Wasser. Es zischte sehr, aber es gelang; obwohl ich im Luftschutz gelernt hatte, dass man Petroleumfeuer mit Wasser nicht löschen kann.

Bestimmt war nur ein ungeschickter Handgriff von Tante an der "Katastrophe" schuld, aber wir versuchten, schon wegen der Möglichkeit einer solchen Katastrophe, den Flammenwerfer gegen einen altmodischen Petroleumofen im Geschäft einzutauschen.

Auch draussen warm.

Hitchman wieder in Wien.


Mi 2 Dez 53:

Machwitz-Aerger im Büro.

Abends eine Stunde vergeblich versucht, einen Docht in den alten Petroleumofen einzuziehen.


Do 3 Dez 53:

Früh Weg um die I-Karte.

Abends schrieb ich mich in die Städtische Bibliothek ein. Entlieh einen Dos Passos und einen Faulkner. Der Bibliothekar kennt Gerhard Fritsch.


Wenn ich mich erinnere: an die Zeit, in der ich auch während der Büroarbeit viele innere Bilder gesehen habe. Da bin ich vor einer Faktura gesessen, müde an einem langen Nachmittag im Buchhaltungszimmer, und habe plötzlich eine Mühle vor mir gesehen: das Innere einer Mühle; nahe dem Eingang. Unsinnig weite Räume und ein niederer Verkaufstisch aus rohem Holz. Dieses Bild ist (annähernd) gleich geblieben, durch alle Wiederholungen hindurch ... Solche Bilder freuen und quälen, in gleichem Maß.

Nach meiner Mönichkirchner Fahrt habe ich öfters Mönichkirchen im inneren Bild gesehen, oder Szenen von der Fahrt dorthin oder von der Rückfahrt am Abend.

Stadtflucht.

Mi 2 12 53

Die Zimmerleitung montiert.


Fr 4 Dez 53:

Der alte Petroleumbrenner ist heute repariert worden. Er brennt. Mama besorgte mehrere Sachen für die Wohnung. Versuchten eine Wandbespannung aus Nylon über den Herd und die Abwasch, sie gefiel uns aber nicht, und wir beschlossen, die Wände unbespannt zu lassen und hinter den Herd nur beim Kochen eine feuerfeste Platte zu stellen.


Sa 5 Dez 53:

Bürofrei. Wäsche geholt. 2 bestellte Dostojewski- Romane, um nur 36 Schilling zusammen, kamen. Friseur. Den Keller fertig eingerichtet. Den grossen Spiegel zum Zerschneiden getragen. Nachmittag das Zimmer wieder ein wenig wohnlicher gestellt. Tante kam. Tagebuch der letzten zwei Wochen nachzutragen begonnen. Abends heisser Wein /erster Wein in unserer neuen Wohnung/. Neblig und nässlich.


So 6 Dez 53:

Linoleum in Küche und Waschraum gelegt.

Nachmittag, ohne ein bisschen wegzudenken, den halben Dos Passos-Roman gelesen, zum grössten Teil Mama laut vorgelesen.

Abends Tagebuch zu Ende nachgetragen.


So 6 Dez 53:

Abends nach längerer Zeit wieder Gewissenserforschung.


Mo 7 Dez 53:

Früh Dos Passos weitergelesen. Ich habe nun wieder einigen Abstand zu meinem gegenwärtigen Vegetieren gewonnen.

Stellagen bestellt. (Der Tischler war beim Mittagessen. Wir schrien die Bestellung in ein Fenster in den dritten Stock hinauf.) (Innere Stadt.)

Abends im Vorstadtkino: "Hokuspokus". Ein geistreicher, witziger, spannender, meisterhaft gut gebauter Film von Curt Goetz. Auch die Schauspieler arbeiteten gut.


Di 8 Dez 53:

Besprechung mit Witzmann. (Ein wenig gegen Machwitz.) Jeden Abend und jeden Morgen fahre ich mit anderen Menschen in der Straßenbahn.

Stellagen endgültig bestellt. Roček schrieb, (gestern Abend erhielt ich den Brief) wegen der Lesungen im Volksbildungsheim.

An diesen Dezembertagen: nichts Nennenswertes.


Mi 9 Dez 53: Überraschung:

Ich scheide aus der ÖPEX aus und werde in die Welser Papierfabrik als Betriebsbuchhalter übernommen. Anfang Jänner muß ich für kurze Zeit nach Wels, damit ich die Fabrik und das Material kennenlerne. Ich muß dort bei der Inventur helfen.

Man gratuliert mir und sagt, das ist endlich die "Chance" für mich.

Meine Kartei in der ÖPEX wird aufgelöst.

Im Büro einen verwirrten Tag verbracht.

Der Aufsatz für den Petroleumofen ist endlich da. Die Frage unserer Heizung ist jetzt gelöst.

Abends zeigte mir Artmann sein Katakombentheater, die "Kleine Schaubühne", die schrecklich makaber wirkt.

So müssen die Vergnügungs- lokale der Toten, im Zwischenleben bis zum Jüngsten Gericht, aussehen.

Daheim mit Mama über Wels gesprochen. Sie ist natürlich sehr traurig über die vorübergehende Trennung.

Post: ein Brief von Wittmann, ein trauriger Brief von Friederike Mayröcker. Erledigte für einstweilen die Sache mit Roček: er soll selbst mit den "Neuen Wegen" verhandeln.

Polakovics sagt mir, daß bis jetzt zwei Antworten auf meinen provokatorischen Artikel in den NW eingelangt sind: einer von Wiesflecker, der andere von Traude.


Donnerstag, 10.12.:

Besprechung mit Dr. Lindner.


Freitag, 11.12.:

Im Büro mehr geplaudert als gearbeitet. Jetzt, bevor ich weggehe, mag mich anscheinend auch Huber leiden.

Abends Post: die "Neuen Wege". Zwei Artikel; der von Traude ziemlich plump, beide Artikel an der Sache vorbeiredend. Amüsant ist, daß der eine Artikel wirklich "die verdächtige Unordnung" hieß, wie ich es mir auf der Heimfahrt prophezeit hatte.


Samstag, 12.12.:

Las auch den Artikel der Danneberg über die Generation 1945 in den "NW" und hatte einen angenehmen Morgen ohne Ärger. Ich hätte die Polakovicse ganz unbe- schränkt gern, wenn sie nicht ihre Posen hätten: er seine grimmige "Männlichkeit", sie ihre Routine und ihre Glycerin-Tränen. Beide, wie die ganze Hakelschule, machen in Edelmut und Gemeinschaftlichkeit. In der Unaufgeschlossenheit sind sie beide beispielhaft. (Übrigens ist die nicht konstant sondern hängt von irgendwelchen Launen ab.)

Einstweilen werde ich nicht antworten sondern die Antworten der Leute abwarten, die für mich sind. Immerhin mehrere Gedankengänge aufbewahrt. Wenig Arbeit im Büro.

Keller-Ordnung. Tante kam. Alte Notizen nach längerer Zeit wieder einmal aufgearbeitet. Mama trank Wein. Tagebuch.

Gestern Abend war ich niedergeschlagen deswegen, weil anscheinend niemand die Stimmungs-Änderung in den "Neuen Wegen" merkt. Die Unmittelbarkeit ist dahin. Einige frischere Stückchen wiegen die Ladung Geschichte nicht auf, die auf den übrigen Stücken lastet. Vor allem: keine Hoffnung auf einen Durchbruch mehr. Verösterreichert! Die Basis, auf der ich stehe, ist so klein. Daneben die Abgründe des modernen Formalismus und des Traditionalismus.


Sonntag, 13.12.53:

Bis halb elf im Bett gelegen. Die "Wendemarke" gelesen. Faulkners unübersichtlicher Stil ist mir weniger angenehm zu lesen als Hemingway's oder auch Dos Passos' klare Stile.

Aber der Roman (den ich im Laufe des Sonntags und des Montagmorgens fertiggelesen habe) bleibt einem im Gedächtnis. Das ist den unwiederholbaren Gestalten und Charakteren zu danken, die diesen Roman gelebt haben.


Montag, 14.12.53:

Abends Kino "Auf den Straßen von Paris". Die Rahmenhandlung ist originell. Leider hat man die Möglichkeiten, die sie bietet, fast nicht ausgenützt. Die Spielhandlung selbst ist uneinheitlich und dünn. Der Hildegard Knef hat man fast keine Gelegenheit zu spielen gegeben.


Dienstag, 15.12.53:

"Fahrraddiebe" ein zweites Mal angeschaut, diesmal mit Mama.

Der Film hat auch auf sie stark eingewirkt.


Mi 16 12 53:

Abends die vier Spiegel abgeholt. 150.-


Do 17 12 53:

Nachmittags in der Welser (Schönborngasse). Herr Nepp (der Buchhalter) und Frau Viciany (die Buchhaltung-Angestellte führten mich in den Betrieb und in die Buchhaltung ein.

Ganz andere Stimmung als in der ÖPEX, kameradschaftlich, Nepp nicht zu vergleichen mit Machwitz und Witzmann, Viciany nicht zu vergleichen mit Huber. Die Buchungsmaschine in ihrer Moderne freut mich, besonders freut mich, daß sie für mich noch zwei Zählwerke eingebaut kriegt. Auch eine Wand wird für mich versetzt. Ich werde im Zimmer mit Frau Viciany arbeiten. Im Nebenzimmer wird Herr Nepp sein. Nach der allgemeinen Mittagspause gibt es im Buchhaltungszimmer noch Kaffee. Nach meiner Rückkehr aus Wels muß ich zunächst Buchhaltung lernen. Wenn ich so weit vorgeschritten sein werde, daß ich die Arbeiten der Frau Viciany leisten kann, (zur Vorbildung und damit ich ihre Arbeit in ihrem Urlaub mitmachen könne), werde ich von der Finanzbuchhaltung weggeführt, und mit mir zusammen wird eine Betriebsbuchhaltung für die Welser Papierfabrik heran- wachsen. (Bisher hat es eine solche in diesem Betrieb nicht gegeben.

Also arbeite ich ohne einen Vorgänger in diesem Fach in dieser Fabrik.) Bis dahin, und bis ich dann Betriebskontrolle, Rationalisierung und Kalkulation werde ausüben können, wird aber noch viel Zeit vergehen.

Ein eigentümliches Gefühl: Nach mehreren Jahren wieder neu beginnen, wieder lernen und neue Perspektiven um sich sehen; wo man doch befürchtet hatte, bis zu seiner Pensionierung im Trott des allgemeinen Handelsangestellten dahinschreiten zu müssen.

Hurra, ich arbeite nicht mehr in der Inneren Stadt sondern in einem richtigen Vorortbezirk ohne Stephansdom, Porzellan- und Pelzgeschäfte und wohlgenährte Damen Mein Leben wird wieder anders werden Ein Bezirk, wieder mit lebenden Häusern und Menschen mit einem richtigen Nikolaus winter und einem richtigen Frühling und zuwehen wird wieder die Erinnerung an die

Autos mit Chauffeuren, die Lokaleingänge, die bissigen geschminkten Gesichter der Kaufmannsfrauen, die gepflegten Kinne der Männer mit ihrer Intelligenz des Geldes, die Drogerien, wo man seinen Hund vergolden lassen kann, die Leuchtröhrenkälte dieses ganzen Weltteils mit allem Verkehr, allen Figuren und Gesichtern,

endlich wieder ein bißchen Wärme spüren und deklarierte Saukälte, Einsamkeit und kleine Gruppen auf den Straßen, nicht mehr diese unablässige Schaustellung,

wieder mit dem Kopf und nicht mit der Stadtgrimasse arbeiten müssen

ich Provinzler ich, ohne Provinzlerin, schon in der Vorstadt recht glücklich.


Fr 18 12 53:

Die Stellagen wurden geliefert, 775.- (Küche, Vorzimmer.)


Sa 19 12 53:

Spiegel und Toilettebrett wurden montiert.

Tante kam. Vorzimmerstellage einzuräumen begonnen.


So 20 12 53:

Zimmervorhang. Vorzimmerstellage fertig. Vorzimmer Wandbespannung.


Mo 21 12 53:

Weltsch besuchte Mama. Kleiderablage wurde montiert.


Di 22 12 53:

Amtsweg (eigentlich umsonst). Abends erstmals Geschenk von Dr. Lindner. (Wurde für mich


in unserer Wohnung abgegeben. War sehr überrascht.)

Abends versuchte ich für Mayröcker und mich eine Niederschrift.


Mi 23 12 53:

Abschied vom Büro.

Besinnlicher Abend zu Haus.


Vormittags Wege.

Baudelaire kam, gelesen.

Wenn man Kinder mit solchem Lesestoff erzöge -?

Heiliger Abend. Mama war erfreut über das Eau de Cologne. Ich über zwei Bücher: Daumier und Warsinsky, die ich von Paul bekommen hatte.


Notiert 22 12 53 abends also ein halbes Jahr später, auf meinen drängenden Wunsch.
Autobus Rückfahrt aus Burgenland abends

"Mein Mädel hat einen Rosenmund und wer ihn küßt, der wird gesund o du, o du, o du -

o du schwarzbraunes Mädchen mein tralálalàlalátraa - lálalalalá ....." du läßt mir keine Ruh (Volksliedbearbeitung von Brahms) aus dem Radio (nach mancher anderer - schaler - Musik und nach eifrigem städtischem Geplapper).

Dazu die Fahrt im Autobus. Wechselnde Richtungen und Geschwindigkeiten, in die Abenddämmerung hinein. Der Motor mit seinem unentwegten Geräusch, das mit der Musik manchmal zusammenstimmt, manchmal sie stört. Das gibt einem ein Gefühl: Fröstelnd, unaussprechbar. Anklänge, Gedanken:

Jetzt wieder Heimkehr in die Stadt. Nur das Lied mit mir verbunden, gegen das übrige im Autobus, das der Stadt und mindestens ihrem Treiben, ihrem Lebensgefühl, zustrebt.

Sich Klammern an das, was Zeugnis von der tieferen Welt ablegt. Bald sind die Kontakte mit dem Tieferen wieder gestört; Aber die Augenblicke oder Zeitspannen der Tiefe haben einen Zusammenhang untereinander, als lebte man ein kontinuierliches Untere-Leben unter dem Alltäglichen, und wisse es nur nicht immer. Glückgefühl und Geborgenheit Aber Angst vor der Verschwendung der Jahre. Auflehnung gegen die Anpreisung des äußerlich genützten Lebens. Unzufriedenheit mit: der eigenen Erkenntnisunschärfe, Flüchtigkeit des Gefühls und Ausdrucksschwäche.

Gedanke: Der Komponist dieses Lieds. Gestorben. Alle gestorben, die in dieses Lied bezogen sein konnten. Der Augenblick, da dieses Lied wesentlich gegolten hat, ist dahin und kommt nie zurück und wird nie von jemand in Gedanken nachgeschaffen werden können. Aber das Lied bleibt. Wie grausam sozial die Wirklichkeit auch mit dem Tiefsten des Individuums umspringt. Welcher Trost, welches Niederschmettern.


Machte mich über Daumier, blieb den ganzen Abend bei ihm.


Fr 25 12 53:

Weihnachtstag. Früh Kirche und Sieveringer Spaziergang. (Jeder für sich allein.)

Bis zwei Uhr die Kimmerische Fahrt gelesen. Ein starkes, zugleich unbefriedigendes Buch. Die "Untrüglichen" klangen, im Vergleich dazu, so deutlich aus.

Viel geplaudert.


Ich träumte /noch in der alten Wohnung/ von einer wahnsinnigen Tat: Ein Mann und eine Frau hatten sich an den Beinen einander anschmieden lassen. Es verband sie eine breite und starke glänzendgelbe Metallklammer. Eine illustrierte Zeitschrift bildete das Paar, mit einem bösen Kommentar, ab.

26 12 53

Sa 26 12 53:

Vormittag: Arbeiten im Haus. Mittag: Ein paar Notizen auszuarbeiten versucht.

Nachmittag: Tante und Paul kamen. Nachher: Koffer gepackt und "hulat" (Wein, lustige Gespräche. Ich kritzelte dumme Zeichnungen. Lang wachgeblieben.

Elf Uhr nachts: Carmina burana.


So 27 12 53:

Früh Idiot gelesen.

Vormittag fertig gepackt. Der Himmel verhängte sich tief. Weicher Schnee fiel. Noch gar kein "Reise-Fieber".


Nachmittag aus der Wohnung gegangen. Verbrachten den Nachmittag noch bei Tante. Ich übernachtete dort. Am Montagmorgen dann von dort aus zur Bahn gefahren.

6,25 D-Zug nach Wels. Fahrt, in das Morgengrauen hinein, bei tristem Wetter. 9,08 in Wels angekommen. Wurde von Herrn Nepp abgeholt und gleich in die Fabrik gebracht, wo mich Herr Hummer aus der Materialabteilung dann herumführte.


Tagebuch

1953

AOk

260

Tagebuch

von ... Di, 16 6 53

bis ... So, 27Mo, 28 12 53

Di 16 Juni 53:

Früh wieder Briggi getroffen,
aber mit Fritz, was meine
Unterhaltung mit beiden
verhinderte.

Früh war der Himmel
mit Wolken bedeckt,
aber später scheinte warm
die Sonne.

Gegen Mittag wurde es wieder
trüb.

Letzte Tage vor der Hinrichtung
der Rosenbergs. Es besteht
noch die Möglichkeit ihrer Begnadigung.

Abends kleine Korrespondenz
erledigt.


Mittwoch 17 Juni:

Offener Aufruhr in Ost-Berlin.
Früh mit Schik-Karli gefahren,
die Lage diskutiert.

Heißer Tag.

Abends Eisenreich-Brief.

Bier. Garten.


Donnerstag 18 Juni:

Früh: Aufstand in Ost-Berlin niedergeschlagen. Belagerungs-
zustand. Alle Macht in den
Händen der russischen
Militär-Regierung.

Kleine Korrespondenzen.

Fast unerträglich viel Arbeit
im Büro.

Abends bezogen wir das
Kabinett, das nunmehr
uns zur Verfügung gestellt
wurde, zunächst als
Rumpelkammer. Begannen
mit der Bücherordnung
für die Übersiedlung.

Hinrichtung der Rosenbergs wurde
aufgeschoben.


Freitag 19 Juni:

Vergeltung in Ost-Berlin.
Erstes Todesurteil nach dem
Standrecht.

Briggi und einen bisher
mir unbekannten Musiker
vom Spiegelgrund getroffen.
Über die carmina burana
gesprochen.

Werner Bažata in der
Stadt getroffen.

Für den zweiten Versuch,
den Rommel-Film in Wien
aufzuführen, ist eine
Menge Polizei - zum Schutz
der Aufführung - vorbereitet.

Im Büro wieder viel gearbeitet.

(Langwieriges Fakturieren, weil ich

                    Bauer vertreten muß, neben
meinen gewohnten Arbeiten;
die Hitze vormittags
                   lindert sich mir, wenn
ich eine Banane esse;
hastig, unter dem Tisch
versteckt, aber mit kon-
zentriertem Genuß.)

Abends einige Koffer in das
Rumpelkabinett getragen
und Schlösser repariert.

Erinnerte mich, der Begegnung
mit Bažata zur Folge, an