Graz 14. II 97

Lieber freund, Ich freue mich sehr Ihres aufklärenden briefes, danke Ihnen für Ihr vertrauen und danke Ihnen für die zusendung des neuesten heftes. Ich habe nicht den eindruck, dass der Euphorion der unmittelbar geschädigte ist. Geschädigt ist Minor. Denn seine darlegungen sammt denen seiner beistände erweisen, kommt mir vor, höchstens, dass es mit ziffernstatistik allein nicht geht, was kein vernünftiger mensch, auch Hermann nicht, behauptet hat. Ich stehe noch heute auf dem öffentlich bekannten standpunkt, dass Hermann H. Sachs zu viel bewusste kunstüberlegung zumutet. Aber wer in der beurteilung der einzelfälle recht hat, dünkt mich nicht erwiesen. Komisch ist, dass Minor gegen eine philologische richtung kämpft, die nirgends einseitiger gepflegt wird als in – Wien, allerdings mehr in der Heinzelgruppe. Seine erklärung, dass er für längere zeit schweigen werde, werden die einen nach seinen letzten expectorationen mit einem gott sei dank aufnehmen, die andern wie ich mit unglauben. Denn wer hat noch so sehr wie er das bedürfnis jedes fündchen und einfällchen sofort zu verlautbaren? Gerade weil er ein vieles wissender, gescheuter u. leistungsfähiger mensch ist, nehme ich ihm das übel. Was soll die blütenlese über die innere form anders, als jeden kommenden zu zwingen, Minors namen zu citieren? war es ihm um die sache ernstlich zu tun, so musste er die festlegung des begriffes versuchen, die er anderen zuschiebt. Für andere aufgaben stellen, ist leicht. Auch sein grosser programmaufsatz im Euph. hat nichts anderes getan. Ich sage das alles nicht aus unfreundlichkeit; gerade weil ich seine fähigkeiten hochhalte, bedaure ich, dass er sie nicht bis zum ende ausnutzt, und so oft den eindruck erweckt, er wolle mehr seine person mit einer sache verquicken, als die sache erledigen. Ich kann mich täuschen und täusche mich hierin gerne. Ich darf ja mich darauf verlassen, dass Sie dies subjective urteil bei sich allein bewahren. Es steht hier, weil ich Ihre besorgnis zerstreuen möchte, ein etwaiges fernbleiben Minors möchte den Euph. empfindlich schädigen. U. ich glaube gar nicht, dass er fern bleibt: sich selbst zu verstümmeln, ist er viel zu ehrgeizig. Jetzt redet er sichs ein, weil er dunkel empfindet, dass er nicht die beste figur gemacht hat, oder sag ich genauer: nicht so grossartig sich benahm, als ihm als einem bedeutenden u. anerkannten forscher geziemte.
Sievers – wer kennt ihn? Mein persönlicher eindruck von ihm vor 16 jahren war glänzend; nur war er damals komisch verbissen gegen alles was Berlinertum hiess. Ich kenne nahe freunde von ihm, die auf seine lauterkeit schwören; ich kenne aber auch welche, die ihn für den grössten intriganten halten. Wer hat recht? Ob sich jetzt sein herold in Berlin, Brandl, ins spiel mischte und ihm zum rückzug veranlasste, weiss ich nicht. Stell ich mich einmal aber auf die seite seiner freunde, so könnte ich begreifen, dass ihn die chronologische willkür Minors zum rücktritt bewegte. Der Euphorion hat dabei nach meiner meinung gewonnen; denn so ist der streit doch beim objekt haften geblieben. Kam Sievers dazu, so wurde das ganze ein feldzug gegen eine person. Denn sachlich ist es gewiss nicht beweiskräftig, dass Herrm. gegen Minor unrecht haben müsse, weil Herrm. gegen Sievers unrecht haben soll. Sie entschuldigen, dass ich hierin Ihre meinung nicht unterstützen kann.
An dem neuen heft gefällt mir wieder Niejahr und mehreres andere recht gut. Wukadinović ist sehr zufrieden mit der anzeige und muss es sein. Nur einen punkt bedauern ich und er: dass Sie anmerken, er habe Minors aufsatz in Zachers Zs. nicht gekannt. Er hat ihn ja S. 54 Anm. 1 citiert. Dass er nicht mehr über ihn sagt, ist meine schuld; er hatte im mscpt. eine zutreffende polemik gegen Minor stehen, ich habe ihn veranlasst, sie zu streichen; ich wollte keinen waffengang provociert wissen, und je sicherer ich war, dass W. nicht nur die quellen wesentlich vermehrt, sondern auch die früher bezeichneten genauer angesehen und richtiger beurteilt hat, desto mehr wünschte ich zarte schonung. Durch Ihre anmerkung wird das nun ins gerade gegenteil verkehrt.

Leider hat Loserth noch einen Frischlinbrief gefunden; er ist es der erste litterarisch wertvolle insofern er eine unbekannte antijesuitische schrift Frischlins erwähnt. Finden kann ich sie nicht. Loserth sagt mir neuestens, im gegensatz zum früheren, dass es zwar unwahrscheinlich aber nicht unmöglich sei, dass er noch mehr finde. Was nun?

Hätten Sie nicht so viele Wielandiana von mir, so würde ich Ihnen noch etwas schicken: die quelle des Hymnus an die sonne. Aber ich mute Ihnen das nicht zu. Mich befriedigt der fund, weil er das mir bisher unverständliche erklärt, warum Wieland zwischen 2 hymnen auf gott einen auf die sonne druckt. Es ist das einzige, was ich neben der decanantsschreiberei gefunden habe und noch nicht ganz fertig.
Möge jetzt wieder ruhige zeit für Sie kommen; dann wird wieder freude an der arbeit einkehren. Es ist immer ein unglück, wenn die personen sich über die sache stellen; gewiss wir können und sollen uns unseres subjects nicht entäussern; aber eitle empfindlichkeit u. rechthaberei können wir unterdrücken; das ist hüben u. drüben nicht geschehen u. daher kam die stickluft. Ein wirklich nur im dienste der sache geführter streit macht niemals stickluft. Sie haben ja wol recht, in Wien den haupterreger der dünste zu suchen. Sie aber sind ja aus dem dunstkreis heraus und so atmen Sie in freier luft und werden auf die vielen unannehmlichkeiten schon als überwundene putschversuche zurücksehen. Denn ich schätze die productive elasticität Ihres wesens höher als die meinige, und selbst ich pflege mehr mit lächeln als mit dauerndem ärger auf etwas zurückzusehen, worein ich mich reissen liess.
Treulich grüsst
Ihr
sehr ergebener
BSeuffert.

Graz 14. II 97

Lieber freund, Ich freue mich sehr Ihres aufklärenden briefes, danke Ihnen für Ihr vertrauen und danke Ihnen für die zusendung des neuesten heftes. Ich habe nicht den eindruck, dass der Euphorion der unmittelbar geschädigte ist. Geschädigt ist Minor. Denn seine darlegungen sammt denen seiner beistände erweisen, kommt mir vor, höchstens, dass es mit ziffernstatistik allein nicht geht, was kein vernünftiger mensch, auch Hermann nicht, behauptet hat. Ich stehe noch heute auf dem öffentlich bekannten standpunkt, dass Hermann H. Sachs zu viel bewusste kunstüberlegung zumutet. Aber wer in der beurteilung der einzelfälle recht hat, dünkt mich nicht erwiesen. Komisch ist, dass Minor gegen eine philologische richtung kämpft, die nirgends einseitiger gepflegt wird als in – Wien, allerdings mehr in der Heinzelgruppe. Seine erklärung, dass er für längere zeit schweigen werde, werden die einen nach seinen letzten expectorationen mit einem gott sei dank aufnehmen, die andern wie ich mit unglauben. Denn wer hat noch so sehr wie er das bedürfnis jedes fündchen und einfällchen sofort zu verlautbaren? Gerade weil er ein vieles wissender, gescheuter u. leistungsfähiger mensch ist, nehme ich ihm das übel. Was soll die blütenlese über die innere form anders, als jeden kommenden zu zwingen, Minors namen zu citieren? war es ihm um die sache ernstlich zu tun, so musste er die festlegung des begriffes versuchen, die er anderen zuschiebt. Für andere aufgaben stellen, ist leicht. Auch sein grosser programmaufsatz im Euph. hat nichts anderes getan. Ich sage das alles nicht aus unfreundlichkeit; gerade weil ich seine fähigkeiten hochhalte, bedaure ich, dass er sie nicht bis zum ende ausnutzt, und so oft den eindruck erweckt, er wolle mehr seine person mit einer sache verquicken, als die sache erledigen. Ich kann mich täuschen und täusche mich hierin gerne. Ich darf ja mich darauf verlassen, dass Sie dies subjective urteil bei sich allein bewahren. Es steht hier, weil ich Ihre besorgnis zerstreuen möchte, ein etwaiges fernbleiben Minors möchte den Euph. empfindlich schädigen. U. ich glaube gar nicht, dass er fern bleibt: sich selbst zu verstümmeln, ist er viel zu ehrgeizig. Jetzt redet er sichs ein, weil er dunkel empfindet, dass er nicht die beste figur gemacht hat, oder sag ich genauer: nicht so grossartig sich benahm, als ihm als einem bedeutenden u. anerkannten forscher geziemte.
Sievers – wer kennt ihn? Mein persönlicher eindruck von ihm vor 16 jahren war glänzend; nur war er damals komisch verbissen gegen alles was Berlinertum hiess. Ich kenne nahe freunde von ihm, die auf seine lauterkeit schwören; ich kenne aber auch welche, die ihn für den grössten intriganten halten. Wer hat recht? Ob sich jetzt sein herold in Berlin, Brandl, ins spiel mischte und ihm zum rückzug veranlasste, weiss ich nicht. Stell ich mich einmal aber auf die seite seiner freunde, so könnte ich begreifen, dass ihn die chronologische willkür Minors zum rücktritt bewegte. Der Euphorion hat dabei nach meiner meinung gewonnen; denn so ist der streit doch beim objekt haften geblieben. Kam Sievers dazu, so wurde das ganze ein feldzug gegen eine person. Denn sachlich ist es gewiss nicht beweiskräftig, dass Herrm. gegen Minor unrecht haben müsse, weil Herrm. gegen Sievers unrecht haben soll. Sie entschuldigen, dass ich hierin Ihre meinung nicht unterstützen kann.
An dem neuen heft gefällt mir wieder Niejahr und mehreres andere recht gut. Wukadinović ist sehr zufrieden mit der anzeige und muss es sein. Nur einen punkt bedauern ich und er: dass Sie anmerken, er habe Minors aufsatz in Zachers Zs. nicht gekannt. Er hat ihn ja S. 54 Anm. 1 citiert. Dass er nicht mehr über ihn sagt, ist meine schuld; er hatte im mscpt. eine zutreffende polemik gegen Minor stehen, ich habe ihn veranlasst, sie zu streichen; ich wollte keinen waffengang provociert wissen, und je sicherer ich war, dass W. nicht nur die quellen wesentlich vermehrt, sondern auch die früher bezeichneten genauer angesehen und richtiger beurteilt hat, desto mehr wünschte ich zarte schonung. Durch Ihre anmerkung wird das nun ins gerade gegenteil verkehrt.

Leider hat Loserth noch einen Frischlinbrief gefunden; er ist es der erste litterarisch wertvolle insofern er eine unbekannte antijesuitische schrift Frischlins erwähnt. Finden kann ich sie nicht. Loserth sagt mir neuestens, im gegensatz zum früheren, dass es zwar unwahrscheinlich aber nicht unmöglich sei, dass er noch mehr finde. Was nun?

Hätten Sie nicht so viele Wielandiana von mir, so würde ich Ihnen noch etwas schicken: die quelle des Hymnus an die sonne. Aber ich mute Ihnen das nicht zu. Mich befriedigt der fund, weil er das mir bisher unverständliche erklärt, warum Wieland zwischen 2 hymnen auf gott einen auf die sonne druckt. Es ist das einzige, was ich neben der decanantsschreiberei gefunden habe und noch nicht ganz fertig.
Möge jetzt wieder ruhige zeit für Sie kommen; dann wird wieder freude an der arbeit einkehren. Es ist immer ein unglück, wenn die personen sich über die sache stellen; gewiss wir können und sollen uns unseres subjects nicht entäussern; aber eitle empfindlichkeit u. rechthaberei können wir unterdrücken; das ist hüben u. drüben nicht geschehen u. daher kam die stickluft. Ein wirklich nur im dienste der sache geführter streit macht niemals stickluft. Sie haben ja wol recht, in Wien den haupterreger der dünste zu suchen. Sie aber sind ja aus dem dunstkreis heraus und so atmen Sie in freier luft und werden auf die vielen unannehmlichkeiten schon als überwundene putschversuche zurücksehen. Denn ich schätze die productive elasticität Ihres wesens höher als die meinige, und selbst ich pflege mehr mit lächeln als mit dauerndem ärger auf etwas zurückzusehen, worein ich mich reissen liess.
Treulich grüsst
Ihr
sehr ergebener
BSeuffert.

Hätten Sie nicht so viele Wielandiana von mir, so würde ich Ihnen noch etwas schicken: die quelle des Hymnus an die sonne. Aber ich mute Ihnen das nicht zu.

Seuffert veröffentlichte zahlreiche Artikel über Wieland in literaturgeschichtlichen Zeitschriften. Der Beitrag Wielands Hymne auf die Sonne erschien im fünften Heft von Sauers Zeitschrift Euphorion.

Briefdaten

Schreibort: Graz
Empfangsort: Prag
Archiv: Staatsarchiv Würzburg
Zustand: archivarisch einwandfreier Zustand
Umfang: 4 Seite(n)

Status

Transkription mehrfach geprüft, Text teilweise getaggt

Zitiervorschlag

Brief ID-8831 [Druckausgabe Nr. 162]. In: Der Briefwechsel zwischen August Sauer und Bernhard Seuffert 1880 bis 1926. Digitale Edition. Hrsg. von Bernhard Fetz, Hans-Harald Müller, Marcel Illetschko, Mirko Nottscheid und Desiree Hebenstreit. Wien: Österreichische Nationalbibliothek, Version 2.0, 2.7.2020. URL: https://edition.onb.ac.at/sauer-seuffert/o:bss.8831/methods/sdef:TEI/get

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Die Transkriptionen der Tagebücher sind unter CC BY-SA 4.0 verfügbar. Weitere Informationen entnehmen Sie den Lizenzangaben.

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