Die alt gewordene Lehrerin, steif
umhergehend, sprengte gegen Abend
die Blumen im Garten vor "ihrer"
Schule: diese so einfache Beobach-
tung, und doch das Gefühl, es
stecke ein Geheimnis in diesem
Anblick, aber eins, das zu ENT-
DECKEN
sei, durch Zurück-Denken
und Voraus-Denken (sie wird in
zwei Monaten für immer von der
Schule weggehen), durch Nachfühlen
und Nachforschen (sie sagt nie ein
deutsches Wort zu mir, obwohl ich
von A. Handke, Amina
weiß, daß sie es sprechen
kann; vielleicht ist sie deutsche Jüdin?ist)

F. Hodlers Hodler, Ferdinand
Bild einer Sterbenden:❬1❭
nicht identifiziert

müde geschlossene Augen, und
der offene Mund, offen über die oberen
und unteren Zähne, aber doch nicht
aufgerissen, sondern irgendwie züchtig,
ja zickig (als ich es nachmachte,
empfand ich nicht eine Leidende,
sondern eine Wehleidige: als ob die
Sterbende übertreibe und gleichzeitig zeige,
wie sie sich doch beherrsche); das
macht vor allem die heruntergezogene
22
Die alt gewordene Lehrerin, steif umhergehend, sprengte gegen Abend die Blumen im Garten vor "ihrer" Schule: diese so einfache Beobachtung, und doch das Gefühl, es stecke ein Geheimnis in diesem Anblick, aber eins, das zu ENTDECKEN sei, durch Zurück-Denken und Voraus-Denken (sie wird in zwei Monaten für immer von der Schule weggehen), durch Nachfühlen und Nachforschen (sie sagt nie ein deutsches Wort zu mir, obwohl ich von A. Handke, Amina
weiß, daß sie es sprechen kann; vielleicht ist sie deutsche Jüdin?)​
F. Hodlers Hodler, Ferdinand
Bild einer Sterbenden:❬1❭ nicht identifiziert
müde geschlossene Augen, und der offene Mund, offen über die oberen und unteren Zähne, aber doch nicht aufgerissen, sondern irgendwie züchtig, ja zickig (als ich es nachmachte, empfand ich nicht eine Leidende, sondern eine Wehleidige: als ob die Sterbende übertreibe und gleichzeitig zeige, wie sie sich doch beherrsche); das macht vor allem die heruntergezogene ​
❬1❭Auf welches Gemälde sich Handke hier bezieht, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Ferdinand Hodler porträtierte die sterbenskranke Valentine Godé-Darel Godé-Darel, Valentine
, seine Geliebte und Mutter seiner Tochter, zahlreiche Male. Von 9.4.1976-23.5.1976 und somit in der Entstehungszeit dieser Notiz, gastierte die Ausstellung Ein Maler vor Liebe und Tod, die die Werkreihe von Valentine Godé-Darel zeigte, im Kunsthaus Zürich. Anschließend wurde sie von 5.6.1976-11.7.1976 im Kunstverein St. Gallen, von 23.7.1976-10.10.1976 im Museum Villa Stuck in München München
und von 23.10.1976-2.1.1977 im Kunstmuseum Bern gezeigt (Vgl. Brüschweiler: Ein Maler vor Liebe und Tod. 1976 LV)


Die alt gewordene Lehrerin, steif
umhergehend, sprengte gegen Abend
die Blumen im Garten vor "ihrer"
Schule: diese so einfache Beobach-
tung, und doch das Gefühl, es
stecke ein Geheimnis in diesem
Anblick, aber eins, das zu ENT-
DECKEN
sei, durch Zurück-Denken
und Voraus-Denken (sie wird in
zwei Monaten für immer von der
Schule weggehen), durch Nachfühlen
und Nachforschen (sie sagt nie ein
deutsches Wort zu mir, obwohl ich
von A. Handke, Amina
weiß, daß sie es sprechen
kann; vielleicht ist sie deutsche Jüdin?ist)

F. Hodlers Hodler, Ferdinand
Bild einer Sterbenden:❬1❭
nicht identifiziert

müde geschlossene Augen, und
der offene Mund, offen über die oberen
und unteren Zähne, aber doch nicht
aufgerissen, sondern irgendwie züchtig,
ja zickig (als ich es nachmachte,
empfand ich nicht eine Leidende,
sondern eine Wehleidige: als ob die
Sterbende übertreibe und gleichzeitig zeige,
wie sie sich doch beherrsche); das
macht vor allem die heruntergezogene
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Die alt gewordene Lehrerin, steif umhergehend, sprengte gegen Abend die Blumen im Garten vor "ihrer" Schule: diese so einfache Beobachtung, und doch das Gefühl, es stecke ein Geheimnis in diesem Anblick, aber eins, das zu ENTDECKEN sei, durch Zurück-Denken und Voraus-Denken (sie wird in zwei Monaten für immer von der Schule weggehen), durch Nachfühlen und Nachforschen (sie sagt nie ein deutsches Wort zu mir, obwohl ich von A. Handke, Amina
weiß, daß sie es sprechen kann; vielleicht ist sie deutsche Jüdin?)​
F. Hodlers Hodler, Ferdinand
Bild einer Sterbenden:❬1❭ nicht identifiziert
müde geschlossene Augen, und der offene Mund, offen über die oberen und unteren Zähne, aber doch nicht aufgerissen, sondern irgendwie züchtig, ja zickig (als ich es nachmachte, empfand ich nicht eine Leidende, sondern eine Wehleidige: als ob die Sterbende übertreibe und gleichzeitig zeige, wie sie sich doch beherrsche); das macht vor allem die heruntergezogene ​
❬1❭Auf welches Gemälde sich Handke hier bezieht, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Ferdinand Hodler porträtierte die sterbenskranke Valentine Godé-Darel Godé-Darel, Valentine
, seine Geliebte und Mutter seiner Tochter, zahlreiche Male. Von 9.4.1976-23.5.1976 und somit in der Entstehungszeit dieser Notiz, gastierte die Ausstellung Ein Maler vor Liebe und Tod, die die Werkreihe von Valentine Godé-Darel zeigte, im Kunsthaus Zürich. Anschließend wurde sie von 5.6.1976-11.7.1976 im Kunstverein St. Gallen, von 23.7.1976-10.10.1976 im Museum Villa Stuck in München München
und von 23.10.1976-2.1.1977 im Kunstmuseum Bern gezeigt (Vgl. Brüschweiler: Ein Maler vor Liebe und Tod. 1976 LV)
Zitiervorschlag

Handke, Peter: Notizbuch 16.04.1976-08.05.1976 (NB 004). Hg. von Johanna Eigner und Katharina Pektor. In: Ders.: Notizbücher. Digitale Edition. Hg. von Ulrich von Bülow, Bernhard Fetz und Katharina Pektor. Deutsches Literaturarchiv Marbach und Österreichische Nationalbibliothek, Wien: Release 30.04.2024. Seite 24. URL: https://edition.onb.ac.at/fedora/objects/o:hnb.nb.197604-197605/methods/sdef:TEI/get?mode=p_24. Online abgerufen: 19.05.2024.

Lizenzhinweis

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